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Unterhaus

Raus aus den Schulden, rein in die Bundesliga

Jens Peters | Dienstag, 4. Mai 2010 6 Kommentare

Die Presse feiert den FC St. Pauli und dessen etwas anderen Trainer Holger Stanislawski, sieht aber auch kleinere Scharmützel in den Tiefen der Vereinsstruktur.

Für Christian Götzen (Welt Online) ist Holger Stanislawski der Vater des Aufstiegs: „Dass der FC St. Pauli zeitlich exzellent passend zum 100-jährigen Jubiläum des Klubs am 15. Mai die Rückkehr in die Bundesliga geschafft hat, ist zu einem erheblichen Anteil das Werk des Trainers. Stanislawski ist es trotz des Verlustes einiger namhafter Spieler nach der vergangenen Saison (Filip Trojan, Alexander Ludwig) gelungen, aus der neu formierten Mannschaft innerhalb kurzer Zeit eine erstaunlich harmonierende Einheit zu formen. Alle Zugänge erwiesen sich als Verstärkungen, in Fürth standen fünf von ihnen in der ersten Elf.“

Routine ist Gift für Holger Stanislwaski

Rainer Schäfer (BLZ) weist auf die Zufälligkeit des Glücksgriffs Holger Stanislawski hin: „Dass Stanislawskis Eignung für den Job entdeckt wurde, ist dem Zufall geschuldet. Er arbeitete als Manager, als im November 2006 St. Paulis Trainer Andreas Bergmann entlassen wurde. Stanislawski übernahm den Job aushilfsweise. Er schaffte es sofort, das Potenzial des gut bestückten Kaders zur Entfaltung zu bringen. Der FC St. Pauli stieg 2007 in die Zweite Liga auf.“

Auch das Geheimnis seines Erfolgs kennt Schäfer: „Was ihn von den meisten Trainern unterscheidet: Er ist nicht berechenbar. Wie ein Schauspieler ändert er seine Rollen, Routine ist ein Gift für ihn, das besondere Leistungen verhindert. Es kommt vor, dass er seine Profis direkt vor dem Anpfiff in einen dunklen Raum holt, in dem Kerzen brennen und aus dem Ghettoblaster Techno hämmert: Es ist sein Soundtrack zum Aufstieg.“

Der Verein ist mittlerweile schuldenfrei

Markus Schäflein (SZ) erinnert im Trubel der Feierlichkeiten daran, dass St. Pauli die Zeiten der großen Schulden hinter sich gelassen hat: „Die Feier geriet besonders euphorisch, weil es nicht lange her ist, dass man sich große Sorgen um den FC St. Pauli machen musste. Vor gerade einmal vier Jahren ist der Hamburger Stadtteilklub noch ein überschuldeter Regionalligist gewesen, nun stehen am Millerntor eine neue Südtribüne, ein Großteil der neuen Haupttribüne und 39 lukrative VIP-Logen. Der Verein hat seit dem vergangenen Jahr keine Schulden mehr.“

Frank Heike (Tagesspiegel) sieht aber auch Schwierigkeiten auf die Kiezkicker zukommen: „Für St. Pauli hat eine neue Zukunft begonnen. Der Klub wird professioneller werden und sich weiter von seinen Wurzeln entfernen. Das beschauliche Trainingsgelände an der Kollaustraße im Hamburger Nordwesten soll bis 2012 bundesligatauglich werden, mit Kunstrasenplätzen, neuen Kabinen und Rasenheizung. Eigentlich kann niemand etwas gegen die schmucke neue Heimat im Stadtteil Lokstedt haben. Wäre da nicht der geplante Abriss der alten Baracke. […] ,Fußball ist keine Sozialutopie‘, sagt Stanislawski. Mit dem Getue der Fans um ihren ach-so-anderen Totenkopfklub, dem Gerede um die Freibeuter der Liga, den Kiezklub mit der besonderen Mission, mit all diesen St. Pauli zugeschriebenen Attributen kann der Trainer wenig anfangen.“

Konflikte hinter der Fassade

Und auch René Martens (taz) weiß um die kleinen Probleme des Vereins: „Hinter der Fassade der kreativen Fanfreude verbergen sich aber auch zahlreiche Konflikte – zwischen Teilen der organisierten Fans und dem Präsidium, dem die Supporter vorwerfen, Fanrechte zu missachten, zum anderen zwischen Ultras und Old-School-St.-Paulianern und Fans, die bloß die Stimmung im Stadion genießen wollen, womit die Lager aber nur grob umrissen sind. Corny Littmann sagt, er empfinde die Gemengelage ,zumindest teilweise‘ als amüsant, ,denn die Diktion und die Rigidität, mit der in der Szene diskutiert wird, erinnert mich an meine Studienzeit, so zwischen 1973 und 1975, als es an der Uni SSB, SSG, KB, KBW, KPD/A0 und MSB Spartakus gab, die sich befehdet haben bis aufs Blut, als stünde die Weltrevolution unmittelbar bevor‘“.

Kommentare

6 Kommentare zu “Raus aus den Schulden, rein in die Bundesliga”

  1. tafelrunde
    Dienstag, 4. Mai 2010 um 20:36

    Köstlich, die Aussage von Littmann zur K-Szene in einem früheren Jahrtausend an deutschen Unis.

    Wer dies selbst erlebt hat, muss unweigerlich schmunzeln, denn es war tatsächlich dermaßen grotesk, dass man schon damals dachte, so etwas kann es doch nicht wirklich geben. Oder nur bei Monty Pyton. Aber es war so in Echt. Für einige war es auf eine undefinierbare Art habituell existentiell und verschwand dann aber auch geräuschlos, dankenswerterweise.

    In unserer heutigen, von Marken- und sonstigen inhaltsleeren Positionierungen geprägten Zeit werden uns diese unauslöschlichen Rituale einer nebulösen Zugehörigkeitsdebatte sicher auch noch eine ganze Weile begleiten. Diesmal basierend auf der Anhängerschaft für den jeweiligen Fußballclub.

    O Tempora, o mores!

  2. Heffer
    Dienstag, 4. Mai 2010 um 21:40

    Ich hab wirklich nichts gegen St.Pauli, aber wenn man heute gegen den Strom schwimmen will – wie es sich viele Fans dem Schein nach auf die Fahnen schreiben – dann müssten sie HSV-Fans werden.

  3. prazzomoto
    Mittwoch, 5. Mai 2010 um 07:34

    St. Pauli ist einer der kommerzialisiertesten Clubs im deutschen Fussball. Warum sich immer noch strikt dieses Bild des »etwas anderen« Vereins in den Medien und beim gemeinen Zuschauer hält, will mir nicht in den Kopf und nervt so langsam gewaltig.

    Ich freue mich nicht, dass sie aufgestiegen sind.

  4. Krakebonik
    Mittwoch, 5. Mai 2010 um 08:28

    Es gibt da eine schöne Headline aus einem Bionade-Motiv:
    So in, dass es wieder out ist, dass es schon wieder in ist.
    Genau so ist es mit Pauli auch. Wir haben die Modefans überlebt und werden auch noch die Pauli-Hasser überleben. „Der etwas andere Verein“, „Freibeuter der Liga“ und der restliche Schmonsens sind ja nicht Selbstzuschreibungen der Fans, sondern Medien-Klischees wie die „Dusel-Bayern“ oder die „symapthischen Freiburger“. Wer seine Brille nicht von diesen Klischees freihalten kann oder möchte soll sich doch einen Verein seiner Wahl suchen – aber bitte nicht unseren magischen FC! Forza!

  5. Arnon
    Mittwoch, 5. Mai 2010 um 10:18

    Aha, Medien-Klischees. Der Klub sonnt sich durchaus in der gefundenen Marktlücke als Alternativ-Verein. Mich nervt hingegen sehr, dass auf jedem Hinterhof-Rockfestival ein St. Pauli-Merchandising-Stand vertreten ist, dass jeder Aushilfs-Punk „St. Pauli-Fan“ ist und ständig dieses besondere Selbstverständnis vor sich hergetragen wird. Im Falle des FC Bayern nennt man sowas allerdings kritisch Kommerzialisierung, Modefans und Mir-San-Mir.

  6. Der Seher
    Mittwoch, 5. Mai 2010 um 14:24

    Zieht Erfolg Neid mit sich? Ja, denn sonst wären die Reaktionen einiger hier nicht so verbiestert. Der FC St. Pauli hat schon seit Jahren die nach den Bayern am besten funktionierende Marketingabteilung. Allerdings stand diese in der Regionalliga nicht so sehr im Fokus wie jetzt. Die Zahlen, die über das Merchandising erwirtschaftet wurden, sind seit Jahren beeindruckend.

    Das St. Pauli eine Nische in diesem Segment besetzt hat, ist nicht verwerflich, denn sie pflegen diese auch mit Inhalten. Ohne die Fans würde es diese Marke nicht geben, denn sie sind das Herz des Produktes FC St. Pauli.

    Wenn sich jetzt hier wie auch woanders darüber beklagt wird, dass der FC St.Pauli kommerzialisiert sei, muss man sich nur das herrschende ökonomische System auf diesem Globus vor Augen führen. Man kann dieses System verurteilen oder es ausnutzen. Um den Profifußball und den Fortbestand des Vereins zu sichern, hat sich der FC St. Pauli für letzteres entschieden. Die Alternative wäre Bezirksligafußball.

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