indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Interview

Anthony Annan – oder eine Meldung und ihre Geschichte

Matthias Nedoklan | Samstag, 19. Februar 2011 7 Kommentare

Ein übersetztes Interview, eine unauffindbare Quelle und merkwürdige Aussagen, das alles hält Sportjournalisten nicht vom Ab- und Weiterschreiben einer Meldung ab. Ein Lehrstück über Sportjournalismus im Jahre 2011

Es passte nur zu gut in Lage beim FC Schalke 04. Fanaufstand und Fußballsöldner, totales Chaos bei allen Transfers. Und dann gab der Neu-Schalker Anthony Annan einer Seite ein Interview. Er verdiene bei seinem neuen Klub zu wenig und überhaupt wäre er lieber zu Sevilla gewechselt und nicht nach Deutschland. So lautete die Kernaussage der Meldungen.

Die „wilde Geschichte“ (Spox.com) verbreitete sich rasch auf fast allen Sportseiten – die dubiosen Quellen störten niemanden, außer ein paar Schalke-Fans. Uwe Englert von den Isar-Schalkern und Torsten Wieland vom Koenigsblog kam die Geschichte, gelinde gesagt, etwas spanisch vor. Und so kam es zu einem Lehrstück in Sachen Sorgfaltspflicht im Umgang mit Meldungen.

Eine kurze Internetrecherche später war Uwe Englert als Übersetzer beim Original-Interview in Norwegisch angelangt. Schnell zeigte sich der Sachverhalt ganz anders. Nichts von Enttäuschung, eher positive Überraschung des ghanaischen Nationalspielers. Und schon waren alle über die Fußball-Söldner (Der Westen) empört.

Der Fall im Koenigsblog

Der indirekte freistoss sprach mit Torsten Wieland, Autor des Koenigsblog, über erste Zweifel und den Zustand des Sportjournalismus im Jahr 2011.

indirekter freistoss: Wann kam Dir die Geschichte mit Anthony Annan zum ersten Mal merkwürdig vor?

Torsten Wieland: Direkt beim ersten Lesen. Ich suche bei solchen kuriosen Quellen wie Fussballtransfers.com oft nach der Originalquelle. Als ich die zitierte Seite futbol nicht finden konnte, wurde ich skeptisch und habe genauer gesucht. Uwe Englert ging es genauso. Da er norwegisch kann, war es leicht, der Sache auf den Grund zu gehen.

if: Warum machen die Redaktionen in Deutschland nicht dasselbe?

Wieland: Ich habe den Eindruck, wenn die Geschichte so gut zu anderen Stories passt, wie Annan bei dem ganzen Schalke-Trubel um Karimi, Farfan und Charisteas, dann schaut man sich das Ganze gar nicht weiter an. Die Meldung passt ganz gut zur Stimmung und wird dann einfach weiter verbreitet.

if: Was läuft im Sportjournalismus falsch, dass solche Fehler passieren?

Wieland: Die Redaktionen springen auf Züge auf, die fahren. Wenn die Volksseele kocht und bedient werden kann, dann ist das praktisch. Andere Gründe fallen mir nicht ein. Eine einfache Suche nach ‚futbol‘ hätte gezeigt, dass die Seite nicht existiert. Da muss ein Journalist skeptisch werden.

if: Hast du schon Feedback von den Redaktionen bekommen?

Wieland: Im Internet werden viele Links auf die Geschichte gesetzt, da kommen jetzt plötzlich Besucher auf die Seite, die sich für Schalke überhaupt nicht interessieren. Aber von den Redaktionen, die diese Ente verbreitet haben, hat sich noch keine gemeldet.

Kommentare

7 Kommentare zu “Anthony Annan – oder eine Meldung und ihre Geschichte”

  1. Manfred
    Samstag, 19. Februar 2011 um 10:28

    ‚Und schon waren alle über die Fußball-Söldner empört.‘ Schon? Vorher. Die Reihenfolge ist sonst falsch.
    Erst wird Unfug geschrieben, dann die korrekte Übersetzung anderswo (!) nachgeliefert. Typisch halt.
    Wäre die Recherche vor den hirnverbrannten verlinkten Veröffentlichungen erfolgt, hätte man diesen Herren, die da grade ihren Beruf so nachhaltig schwänzen, ja ihren Unsinn sofort virtuell um die Ohren hauen können.

  2. Sebastian
    Samstag, 19. Februar 2011 um 18:01

    Mich würde ja tatsächlich die Meinung der Redaktionen interessieren. Kommt da noch etwas nach oder ist damit die Netz-Seele beruhigt?

  3. PeterG
    Samstag, 19. Februar 2011 um 20:17

    Wollt ich auch grad fragen. Der Text hier ist ja schön und gut, aber bitte auch mal bei den Redaktionen anrufen, die die Fehler gemacht haben.

  4. TorstenW
    Montag, 21. Februar 2011 um 11:34

    Es sind doch immer die gleichen halbseidenen Online-Services, die ihre Mitarbeiter weniger nach fachlicher Kompetenz sondern eher nach finanziellen Aspekten auswählen. Dass diesem Dutzend Praktikanten aus der Generation „Irgendwas-mit-Medien“ saubere journalistische Arbeit schwerer fällt, als sich im Internet neue Turnschuhe zu bestellen hätte man allerdings etwas früher erwarten können.

  5. Christoph
    Montag, 21. Februar 2011 um 13:25

    Es scheint so, als sei die Verifizierung einer Quelle eine verlorene Tugend im deutschen Sportjournalismus.

    Andererseits kann man sich auch fragen, ob nicht eine Absicht dahintersteckt, die Quelle absichtlich falsch zu interpretieren, aus welchen Gründen auch immer.

  6. OF
    Dienstag, 22. Februar 2011 um 10:34

    Die Frage ist auch, ob man hier verallgemeinernd vom „deutschen Sportjournalismus“ reden sollte.

  7. Christoph
    Dienstag, 22. Februar 2011 um 11:43

    Stimmt, ist wohl etwas zu allgemein.

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