indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ball und Buchstabe

Liebeserklärung eines Taktikbesessenen

Matthias Nedoklan | Freitag, 6. Mai 2011 4 Kommentare

Ralf Rangnick wurde für seinen Auftritt im Sportstudio noch als „Fußballprofessor“ belächelt. Dabei war seine ballorientierte Raumdeckung im europäischen Fußball längst ein alter Hut, die Experten lachten eher über Deutschlands Rückständigkeit. Damit diese Zeiten nicht zurückkehren, ist Jonathan Wilsons Buch „Revolutionen auf dem Rasen“ praktisch eine Pflichtlektüre.

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2000 blieb die Revolution im deutschen Fußball aus. Und so konnte Erich Ribbeck mit Lothar Matthäus als Libero zur Europameisterschaft nach Holland und Belgien fahren und die wohl blamabelste Turnierleistung aller Zeiten abliefern – ohne, dass die Bevölkerung versuchte ihn zu stoppen.

Heute wäre das nicht mehr möglich. Spätestens seit Jürgen Klopps famosen Auftritten als ZDF-Experte bei der Weltmeisterschaft 2006, seit Jogi Löws Rolle im Sommermärchen („Wir verschieben kompakt“) ist auch ballorientierte Raumdeckung kein Fremdwort mehr für die Couchbundestrainer der Republik. Nur ein Jahrzehnt nach der absoluten Bankrotterklärung des deutschen Fußballs erfreuen sich Webseiten wie das herausragende ZonalMarking.net riesiger Beliebtheit. Spielbeobachter und Kommentatoren bemühen sich zusehends auch taktische Beobachtungen zu vermitteln, auch wenn an deren Qualität noch etwas gezweifelt werden darf.

Neuster Stand: WM 2010

Jonathan Wilson lebt und atmet Fußball. Der Journalist schrieb seine ausführlichen Recherchen zur Entstehung der verschiedenen Fußballsysteme, -philosophien und –taktiken bereits 2008 in dem Buch „Inverting the pyramid“ auf. Der Verlag „Die Werkstatt“ bringt das Buch jetzt unter dem Titel „Revolutionen auf dem Rasen – Eine Geschichte der Fußballtaktik“ auch in deutscher Übersetzung auf den Markt. Erfreulicherweise auf dem aktuellsten Stand, so dass sogar der spanische Triumph bei der WM 2010 und der damit verbundene Flächendeckende Siegeszug des 4-2-3-1 seinen Platz in dem 450 Seiten starken Schmöker erhält.

Wobei Schmöker vielleicht das falsche Wort für dieses Buch ist, „Revolutionen auf dem Rasen“ ist viel mehr das Buch der Bücher für alle, für die Fußball ein kleines bisschen mehr als nur 22 Mann und 1 Ball ist. Wilson durchleuchtet alle taktischen Entwicklungen des Fußballs. Die großen Mannschaften, wie Helenio Herreras Inter Mailand, Rinus Michels holländische Nationalmannschaft,  Walerij Lobanowskyjs Dynamo Kiew und Arrigo Sacchis AC Milan dienen als Orientierung im raschen Gang durch die Fußballgeschichte.

Das Netz hinter dem Netz

Ganz Journalist belässt es Wilson nicht bei taktischen Philosophien, er krönt die Entstehungsgeschichten der Systeme mit schönen Anekdoten, zieht vom großen Weltfußball vergessene Spieler und Trainer wie Gipo Viani wieder ans Tageslicht. Gipo Viani, so die wohl romantischste Anekdote des Buches, war Trainer bei Salernita Calcio und schlenderte, so geht die Legende, eines frühen Morgens den heimischen Hafen entlang. Der Trainer konnte nicht schlafen, die löchrige Defensive seiner Mannschaft bereitete ihm großen Kummer. Und wie Viani so grübelnd die Fischer beobachtete, fiel ihm etwas auf. Die klugen Männer hatten ein Reservenetz gespannt, direkt hinter das Hauptnetz. Fische, die dem ersten entkamen, wurden vom zweiten eingefangen. Der Catenaccio war geboren.

Wilson behält glücklicherweise immer eine kritische Distanz zu den Legenden und Anekdoten, die dennoch der Unterhaltung dienen. Sein Blick ist immer global,  Uruguay findet ebenso seinen Platz in der Fußballgeschichte wie England, Österreichs Wunderteam oder Argentinien unter Cesar Luis Menotti und Carlos Bilardo. Deutsche Teams finden sich im Buch selten wieder (der FC Schalke 04 in den 30er Jahren und die Fohlen-Elf von Hennes Weisweiler in den 70ern als Ausnahme), was aber mit dem allgemeinen Eindruck, dass Deutschland nur selten durch taktische Innovationen geglänzt hat, leider übereinstimmt.

Der Fußball hat sich zu sehr verändert

„Revolutionen auf dem Rasen“ ist die private Liebeserklärung eines Besessenen, die  Handschrift des britischen Fußball-Globetrotters schimmert durch jede Zeile. Der Autor, der auch das exzellente Fußball-Magazin The Blizzard herausgibt, kehrt immer wieder zum englischen Fußball zurück. Auch ist die erste Hälfte des Buches, in denen es um die Anfänge des Fußballs in Großbritannien, den Siegeszug auf dem ganzen Globus und erste wage Formationen geht, etwas langatmig. Zu sehr hat sich der Fußball in den letzten 50 Jahren seiner Geschichte verändert, als dass die Anfänge im 19. Jahrhundert noch irgendetwas mit dem globalen Phänomen des Jetzt zu tun haben.

Aber: Es kann nur ein Lob für einen Autor sein, wenn man nach dem Genuss des Buches darauf hofft, dass schon bald ein Nachfolger erscheint. Schon allein die große Lücke auf dem Markt der Taktik-Literatur (bis auf Christoph Biermanns „Fußball-Matrix“ und „Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann“) und der gewaltige Ansturm auf ZonalMarking.net zeigt, dass Bedarf da ist. Herr Wilson, übernehmen Sie!

Jonathan Wilson: Revolutionen auf dem Rasen – Eine Geschichte der Fußballtaktik, Verlag Die Werkstatt, 464 Seiten.

Kommentare

4 Kommentare zu “Liebeserklärung eines Taktikbesessenen”

  1. Heinz Gründel lebt!
    Freitag, 6. Mai 2011 um 13:09

    Kleine Anmerkung zu „der Siegeszug von Spanien und des 4-2-3-1-Systems“.
    Sehr wohl hat das 4-2-3-1 den totalen Siegeszug angetreten – aber eben nicht bei Spanien, der großen Ausnahme. Bei der EM 2008 spielten sie ein 4-1-4-1 (mit Senna auf der Sechs und Villa bzw. Torres als einzigem Stürmer), bei der WM 2010 varierten sie das System, meistens und am erfolgreichsten spielten sie aber ein 4-3-3.
    Ansonsten eine tolle Besprechung eines Buches, das ich mir nun gerne kaufen möchte.

  2. juwie
    Samstag, 7. Mai 2011 um 14:01

    Bitte nicht die wunderbare Site http://www.ballverliebt.eu vergessen – obwohl es für uns Deutsche natürlich unerträglich ist, dass Österreicher uns so etwas vormachen! 😉

  3. Christoph
    Montag, 9. Mai 2011 um 16:21

    Das Buch ist ein Meisterwerk und muss mit Recht als Standardwerk der Geschichte der Fußballtaktik bezeichnet werden. Im deutschsprachigen Raum fällt einem da nur Christoph Biermann ein, der ähnliches geschrieben hat, allerdings nicht auf diesem Niveau und in der Breite wie Wilson.

  4. Scribito » Post Topic » Einführung ins Rasenschach …
    Montag, 9. Mai 2011 um 21:50

    […] hat Matthias Nedoklan beim Indirekten Freistoß dieses Buch ebenfalls vor wenigen Tagen besprochen. “Suppa!” Doch […]

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