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Am Grünen Tisch

Imagepolitur – Blatters Flucht nach vorne

Christoph Asche | Freitag, 2. Dezember 2011 Kommentare deaktiviert für Imagepolitur – Blatters Flucht nach vorne

Die Presse über Prestigesorgen und Probleme in der Ukraine, die „letzte beste EM“ und Sepp Blatters Zusammenarbet mit einem Fifa-Kritiker

Auch wenn die Auslosung der EM-Gruppen heute Abend in Kiew stattfindet – merkliche Vorfreude auf die EM im nächsten Jahr ist in der Ukraine bislang noch ein zartes Pflänzchen. Johannes Aumüller macht in der Süddeutschen Zeitung darauf aufmerksam, dass die meisten Teams im nächsten Sommer offensichtlich lieber in Polen ihr Quartier beziehen. So manchen ukrainischen Beobachter beschleiche daher „ein ungutes Gefühl: dass sich nämlich ihr Land bei der 14. Fußball-Europameisterschaft als Anhängsel fühlen muss.“ Anlass zu diesem Eindruck habe es bereits in den vergangenen Jahren gegeben, als der Baufortschritt der ukrainischen Stadien nicht nach Wunsch verlief, schreibt Aumüller. „Eine sogenannte ‚4+2-Lösung‘ war im Gespräch – also ein Modell, wonach die EM in vier polnischen und zwei ukrainischen Städten stattfinden sollte. Die Austragungsorte in Polen, obgleich auch von Problemen geplagt, standen allerdings nie so vehement zur Debatte.“ Parallel macht sich im Land die Sorge breit, „dass im Zuge des Turniers die Preise für Lebensmittel und Unterkünfte heftig ansteigen – und nach dem Ende der Veranstaltung auf dem neuen Niveau verharren. Entsprechend reserviert stehen einige dem Turnier gegenüber.“ Der Staat versucht mit Gute-Laune-Maßnahmen einzulenken: „Die Hauptstadt soll sich zum landesweiten Feier-Zentrum entwickeln. Im Umkreis von 100 Kilometern um Kiew werden vier große Fan-Zonen errichtet, alleine das Areal bei Pidhirzi bietet Platz für 50000 Zuschauer. Zugleich ist rund um die zentrale Chreschtschatyk-Straße und den Platz der Unabhängigkeit eine Fan-Meile für 70000 Menschen geplant.“

Das „letzte beste“ Turnier

Christoph Kneer (Süddeutsche Zeitung) ist sich sicher, dass 2012 die „letzte beste EM“ ausgetragen wird. „Wieder werden sich 16 Länder um einen Titel bewerben, wieder werden es 16 sehr gute Länder sein. Diesmal sind sogar die 15 besten Länder der Uefa-Rangliste vollzählig im Turnier versammelt, nur Polen kommt als Gastgeber von Platz 28 ins Starterfeld. Anders als eine WM ist eine EM immer ein Versprechen.“ Zumindest war es das, denn bei der EM 2016 in Frankreich ändert sich alles: „Erstmals werden dann 24 Länder an den Start gehen, fast die Hälfte der Uefa-Mitgliedsverbände (53). Es wird Vorrundengruppen geben, die so leicht sind, dass man sie für Qualifikationsgruppen halten könnte.“ Diese künstliche Erweiterung des Turniers steht für Kneer in einer sporthistorischen Traditionslinie von machtgierigen Funktionären: „João Havelange gelangte 1974 ins Amt des Fifa-Chefs, nachdem er eine Ausweitung der WM auf 24 Teams versprochen hatte; 1994 sicherte er sich eine letzte Amtszeit, weil er die WM auf 32 Länder vergrößerte. Und Michel Platini erwarb sich vor seiner Wahl zum Uefa-Präsidenten die Dankbarkeit vor allem der osteuropäischen Verbände, indem er die EM auf 24 Teams aufpumpte.“

Infrastructure challenge

Auch Paul Kelso vom Telegraph sieht einen Zusammenhang zwischen Machtansprüchen Platinins und der Vergabe der Euro 2012: „There was an element of risk for Uefa in choosing to head east to countries with a football history more impressive than their pedigree. The decision was partly payback from Michel Platini to the eastern bloc nations that helped him into office just three months before the vote in April 2007.” Gerade im Hinblick auf die Infrastruktur hat Kelso Zweifel am reibungslosen Ablauf des Turniers: “ The European Championship has never been staged this far east, and the event never been shared by countries so large. Austria and Switzerland co-hosted a model tournament in 2008, but the infrastructure challenge alone will make next summer’s party a very different affair. A supporter wanting to watch matches in the most westerly venue of Gdansk and the furthest east, Donetsk, faces a 1,850km (1,150 mile) journey. Roads, rail and air links have all required upgrading, with varying degrees of completion, and hotel rooms in some venues, Donetsk in particular, will be as hard to find as directions using signage in Ukraine that is almost exclusively in Cyrillic.”

Anti Korruption?

Fifa-Chef Sepp Blatter will für vermeintlich mehr Transparenz im eigenen Hause sorgen und installiert zu diesem Zweck eine „Good-Governance“-Kommission. Als Vorsitzender fungiert der renommierte Antikorruptionsexperte Professor Mark Pieth. Transparency International hat die Mitarbeit an dieser Kommission abgelehnt, was Peter Hess (faz.net) als einen „schweren Schlag“ für Blatter interpretiert. Wenn diese moralische Instanz Bedenken äußere, sei der Werbewert des neuen Gremiums erheblich gesunken, schreibt der Autor. Kritik übt Hess auch an der wenig durchschlägigen Macht, die dem Komitee gegeben wird: „Es bekam nicht die Aufgabe, unabhängig vom Verband alle Missstände (vielleicht auch strafrechtlich relevante Vorkommnisse) in der Fifa aufzuarbeiten und an die Öffentlichkeit zu bringen. Es soll nur die Schwächen im System aufzeigen und Verbesserungsvorschläge daraus entwickeln. Aber wie glaubwürdig sind die Bemühungen für eine bessere Zukunft, wenn sich die Vergangenheitsbewältigung gespart wird?“ Die Hoffnung vieler, die Fifa macht endlich klar Schiff, habe ein Leck erhalten. Admiral Pieth sei ein Teil des Fifa-Systems, resümiert Hess.

Markus Völker schreibt dazu im Tagesspiegel: „Dass Fifa-Chef Sepp Blatter ausgerechnet Mark Pieth an die Spitze der Kommission für vorbildliche Verbandsführung beruft, überrascht doch ein wenig, denn der 58-Jährige hat sich in der Vergangenheit als scharfer Kritiker der Fifa hervorgetan. So hat Pieth vorgeschlagen, dass für Mitglieder der Fifa oder des Internationalen Olympischen Komitees die gleichen Strafbestimmungen gelten müssten wie etwa für Angehörige der UNO. Der Sonderstatus von in der Schweiz ansässigen Spitzensportverbänden müsse überdacht werden, forderte er 2010. Die Verbände jonglierten mit Milliardenbeträgen, zahlten aber so gut wie keine Steuern. Außerdem genießen ihre Funktionäre quasi Immunität nach dem Schweizer Antikorruptionsgesetz.“

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