indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2012

Frankfurt oder Kiew?

Kai Butterweck | Donnerstag, 28. Juni 2012 1 Kommentar

Fliegt die deutsche Delegation morgen nach Kiew oder geht’s in Richtung Heimat? Deutschlands Halbfinal-Auftritt heute Abend ist das beherrschende Thema in den Gazetten

Zunächst fasst Wolfgang Weisgram (Der Standard) das Ergebnis der spielfreien Tage kongenial zusammen: “Immer dann, wenn nicht berichtet, sondern nur orakelt werden kann, neigen Schreiber, Schreiberinnen und deren Mägde – die Musen – zur Poesie. Das gehört nicht nur bei den Titelisten der ‘Bild’ zur Job-Description. Auch im Sport liest man gern Neugeschöpftes neben dem sonst so ermüdend Alterschöpften wie Torfolgen, Halbzeitständen oder gar Endresultaten.”

Die Presse beschäftigt sich eingehend mit dem bevorstehenden Klassiker Deutschland gegen Italien. Christof Kneer (SZ) rechnet nicht mit einem Offensiv-Feuerwerk der Deutschen: „Löws Mannschaft verfügt über einen prächtigen Vorrat an Spielstilen. Sie kann jetzt wunderbar wählerisch sein. Es wird wohl Richtung Vernunftfußball gehen, Löw hat hohen Respekt vor der Offensive der Italiener.“

Stefan Herrmanns (Tagesspiegel) erklärt das Team von Jogi Löw zum Favoriten: „Dass die Italiener bis ins Halbfinale vorgedrungen sind, gilt als mittlere Überraschung; die Mannschaft steckt im Umbruch, hat sich gerade nach der enttäuschenden WM 2010 mit dem Aus in der Vorrunde radikal verändert. Die Deutschen hingegen sind sich ihrer Stärke mehr als bewusst, ganz anders als vor sechs Jahren, als sie sich noch am Anfang ihres fußballerischen Reformprozesses befanden.“

Matthew Futterman und Jonathan Clegg (Wall Street Journal) sehen den Schlüssel zum Erfolg der deutschen Nationalmannschaft in der akribischen athletischen Ausbildung der Spieler, für die seit 2004 die Trainingsspezialisten von Atheletes’ Performance aus den USA verantwortlich sind: “Die Betonung der Kondition hat Deutschlands Spielweise mitgeprägt. Um die Geschwindigkeit, Kraft und Ausdauer der jungen Spieler zu nutzen, und um mit den Entwicklungen des modernen Spiels mitzuhalten, operieren die Deutschen mit einer Offensive, die auf der Idee beständiger Bewegung beruht.”

Ein Verhältnis voller Ambivalenz

Peter Ahrens (Spiegel Online) spricht von einer Art Hassliebe: „Es ist ein gebrochenes Verhältnis zweier großer Fußballnationen, die im Halbfinale der EM in Warschau wieder aufeinandertreffen. Ein Verhältnis voller Ambivalenz. Auf der einen Seite tragen deutsche Fußballfans Italien-Klischees von Generation zu Generation weiter: die Trickser, die Simulanten, die auf dem Platz jäh umfallen, wenn ein Gegenspieler sich ihnen nur auf Rufweite nähert. Auf der anderen Seite war Italien viele Jahre das Fußballparadies für deutsche Profis.“

Jan Christian Müller (FR) tappt nach der Maulwurf-Affäre nun in punkto Taktik und Aufstellung im Dunkeln: „Was Löw genau gegen Italien ausheckt, soll niemand wissen. Um den Trainingsplatz und das Hotel herum sind inzwischen Webcams installiert worden, die ungebetene Gäste identifizieren, die letzte Übungseinheit in Danzig war selbst für Medienvertreter komplett geschlossen.“

Simon Pausch (Berliner Morgenpost) beobachtet einen Spieler, der im italienischen Star-Kollektiv eher untergeht: „Auf dem Trainingsplatz sind zahlreiche Objektive auf ‚il tedesco‘, den Deutschen, gerichtet. Der grätscht und sprintet, als ginge es im Krakauer Pilsudski-Stadion schon um den Finaleinzug und nicht bloß um die Abschlusseinheit vor seiner wichtigsten Dienstreise.“ Doch große Aufmerksamkeit erhält der Mittelfeldarbeiter dafür nicht: „Während weite Teile der italienischen Journaille im großen Auditorium den Worten von Impresario Andrea Pirlo lauschen, muss sich Montolivo mit dem deutlich kleineren Saal zufriedengeben.“

Birgit Schönau (SZ) diagnostiziert hinsichtlich der italienischen Offensive den Kollateralschaden eines tiefgreifenden Wandels und bemüht zur Beschreibung das Wetter: „Mit den Toren ist es wie mit dem Regen, sie fallen oder sie fallen nicht. Italiens führende Regenmacher heißen Mario Balotelli und Antonio Cassano. Sie tanzen und tanzen, sie drehen und wenden sich, aber es kommt kein Tropfen.“

Spanien hat sein Ballbesitz-Dogma perfektioniert

Johannes Aumüller (SZ) weiß warum ie Halbfinalisten den anderen Teams einen Schritt voraus sind: „Spanien hat sein Ballbesitz-Dogma so weit perfektioniert, dass es bisweilen in Psychoterror für den Gegner ausartet. Deutschland hat seinen Hurra-Stil des vergangenen WM-Turniers um den nötigen Pragmatismus bereichert. Portugal hat eine Abwehrmaschinerie entwickelt, die Cristiano Ronaldo vorne endlose Freiheiten ermöglicht. Italien hat Andrea Pirlo – und seine taktische Disziplin mit einer gerade richtigen Anarcho-Prise gewürzt.“

Auch Christian Eichler (FAZ) zeigt sich wenig überrascht vom bisherigen Auftreten besagter Mannschaftenund überlegt, was sich daraus lernen lässt: „Erstens, dass die besten Teams gelernt haben, mit ihren Kräften besser hauszuhalten als bei vielen Turnieren zuvor – auch durch Rotation von Spielern und Spielsystemen. Zweitens, dass ihr taktisch-technischer Vorsprung gewachsen ist und es ihnen erlaubt, anders als etwa noch bei der EM schwächere Teams spielerisch auszuhebeln. In dieser Hinsicht ist das Turnier ein Spiegel der Champions League.“

So wenig Spektakel war selten

Kurz vor dem Finale wird schon fleißig resümiert. Bei Christian Spiller (Zeit Online) macht sich Ernüchterung breit: „So wenig Spektakel war selten. Schuld daran ist vor allem der FC Chelsea. Die Londoner vernagelten in der Champions League ihr Tor mit allem, was sie hatten, um den Sturmläufen des FC Barcelona und des FC Bayern standzuhalten. Am Ende nahmen sie den Pokal mit nach Hause und wurden zum Vorbild für viele Mannschaften, die sich nicht zutrauen, spielerisch mitzuhalten.“

Der Malocher, der im Garten Kartoffeln hacken muss

Konrad Schuller (FAZ) macht sich ein Bild von Donezk, der heimlichen Hauptstadt der Ukraine: „Unter dem ostukrainischen Himmel zieht das Donez-Becken vorbei, diese eigentümlich archaische Industrielandschaft, in der Schornsteine und Fördertürme unmittelbar auf wacklige Bauernhütten treffen, weil der Malocher hier immer noch im Garten Kartoffeln hacken muss, wenn er durchkommen will. Das ‚Donbass‘ mit seinen Kohlegruben und Stahlwerken ist das industrielle Herz der Ukraine, und weil man im Revier zusammenhält, ist es zugleich die Hochburg Präsident Wiktor Janukowitschs, der selbst hier unter den Abraumhalden aufwuchs. Bei der Präsidentenwahl 2010 hat er in Donezk mehr als 90 Prozent der Stimmen erhalten.“

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Kommentare

1 Kommentar zu “Frankfurt oder Kiew?”

  1. Knülle
    Mittwoch, 4. Juli 2012 um 17:45

    Donezk ist in der Tat ein trostloser Flecken Erde. Vielleicht hat das die Mannschaft an jenem fatalen Donnerstag runtergezogen, man weiss es nicht. Denn andererseits soll es ja auch nur um das gehen, was auf dem Rasen geschieht, das drumherum ist nur für Publikum und Presse interessant.

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