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Der Fall Kevin Pezzoni – geht`s noch?

Kai Butterweck | Montag, 3. September 2012 7 Kommentare

Nach rüden Fan-Anfeindungen löst der Kölner Spieler Kevin Pezzoni seinen Vertrag auf. Die Presse erzürnt sich über die Entwicklung in der Domstadt

Klaus Hoeltzenbein (SZ) schäumt vor Wut: „Köln darf nicht Schule machen. Es darf nicht zur Normalität werden, dass eine kleine, brutale Minderheit die Mehrheit terrorisiert. Dass sich Halbstarke anmaßen, mittels krimineller Aktionen in die Aufstellung hineinkrawallen zu können. Manchmal, wenn die Situation verfahren ist, ist es besser, sich zu trennen. Aber den Zeitpunkt darf sich kein Verein von außen diktieren lassen. Auch auf die Gefahr hin, die Unbelehrbaren nicht zu erreichen: Wo bleibt eine neue, pfiffige, bundesweite Kampagne gegen Gewalt? Gegen Rassismus? Gegen Unterwanderung von rechts? Das ist nur ein Spiel! Immer noch.“

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Versager-Rhetorik trägt Mitschuld

Wolfgang Hettfleisch (FR) macht einen Teil der Presse mitverantwortlich: „Sicher hat Kölns Präsident Spinner recht, wenn er vom Werk weniger spricht. Doch das – interessanterweise durch und durch materialistische – Weltbild, das sich da in seiner extremsten Ausformung zeigt, ist durchaus verbreitet: Spieler, die nicht die erwartete Leistung liefern, sind Zielscheiben, Persönlichkeitsrechte ein Relikt aus dem digitalen Altertum vor Facebook. Wenn sich nun viele Boulevardzeitungen wegen Pezzonis Peinigern empören, steckt darin Heuchelei. Denn es sind die Blätter mit den großen Buchstaben, die mit ihrer gnadenlosen Versager-Rhetorik die Blaupause liefern.“

Rigorose Strafverfolgung

Peter Hess (FAZ) fordert Taten: „Durch die Solidaritätsbekundungen mit Pezzoni und die Ächtung der Tat wird der Trend, dass sich Gewalt gegen Fußballprofis richtet, nicht gestoppt werden. Da helfen nur rigorose Strafverfolgung und ein offener Umgang mit dem Phänomen. Kein Fan hat das Recht auf Siege seiner Mannschaft – und schon gar nicht das Recht, Spieler für ausbleibende Siege zu bedrohen oder zu bestrafen. Jede Bemäntelung dieser Tatsache durch Wegsehen oder gar Tolerieren macht das Leben der Fußballprofis gefährlicher.“

Michael Dörfler (Badische Zeitung) wundert sich nicht: „Die Empörung ist groß. Ligapräsident Reinhard Rauball spricht von einem Skandal und dass es jetzt keinerlei Toleranz mehr geben könne. Dasselbe sagen die Verantwortlichen beim 1. FC Köln, die Mitspieler dazu. Kurzum: Fußball-Deutschland ist mal wieder geschockt – und die Politik wird nach Dienstantritt am Montag ins selbe Horn stoßen. Dabei war das, was jetzt mit Kevin Pezzoni passiert ist, erwartbar. Es war die Folge von zu viel Entgegenkommen, von zu viel Freiheit.“

Tim Röhn (Welt) resümiert resigniert die Botschaft der Causa Pezzoni: „Der Verein hat vor seinen eigenen Fans kapituliert, was nicht nur skandalös ist, sondern auch eine fatale Signalwirkung für andere Chaoten hat, von denen es im Umfeld des FC – das hat die vergangene Saison gezeigt – sehr viele gibt. Wer mit Gewalt versucht, seine Ziele zu erreichen, wird belohnt.“ (Update: 10.30 Uhr)

Kommentare

7 Kommentare zu “Der Fall Kevin Pezzoni – geht`s noch?”

  1. Pumukel
    Montag, 3. September 2012 um 12:07

    Ich wäre kurzfristig für einen in der Eintrittskarte eingebauten Intelligenz-Schnell-Test für Fans.

    Langfristig bleibt es ein gesellschaftliches Problem, angefangen bei Erziehung und Bildung.
    Die Dummen sterben leider nicht aus.

  2. moritz
    Montag, 3. September 2012 um 12:51

    Mich würde ja mal interessieren, wie diejenigen anstelle Spinners gehandelt hätten, die jetzt von „Einknicken“ gegenüber diesen Dummen sprechen. Den Jungen zwingen bis mindestens Januar in Köln zu bleiben, wo er sich nicht mehr wohl fühlt? Ihn in die U23 abschieben wo er sich fit halten kann und jeden Tag seinen Marktwert halbiert?

  3. Admin
    Montag, 3. September 2012 um 13:56

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  4. Ole
    Montag, 3. September 2012 um 17:01

    Ich finde es schon sehr befremdend, dass in diesem Zusammenhang immer von Fans gesprochen wird.

    Um es mal deutlich als Fan und Mitglied des 1.FC Köln zu sagen:

    Leute, die so etwas tun sind KEINE FANS, sondern Kriminelle !

  5. mustard
    Montag, 3. September 2012 um 22:10

    Wenn Menschen massiv bedroht werden ist das eigentlich eine Angelegenheit für die Polizei. Aber die hat wohl gerade was besseres zu tun. Akten vernichten oder so.

  6. Manfred
    Dienstag, 4. September 2012 um 10:43

    Ich denke, das paßt hier sehr gut. Nicht, dass ich Lienen durchweg zustimme, aber interessant allemal, was er zu sagen hat:
    http://www.11freunde.de/interview/ewald-lienen-ueber-ultras-und-unnoetige-strafen

    Etwas Konsens statt des ganzen Nonsens. Nette Abwechslung.

    Was Kind über ’seine‘ H96-Hetzmeute sagte, gilt wohl auch hier.

  7. Lennart
    Dienstag, 4. September 2012 um 19:17

    Der Kommentar in der Badischen Zeitung befindet sich leider ungefähr auf dem Niveau, dass ein ehemaliger badensischer Zweitliga-Aufsteiger-Spieler auf dem Kallsruher Rathausbalkon an den Tag legte.

    Die Drohungen gegen Pezzoni in einen Topf zu schmeißen mit Pyrotechnik, Gewalt und Rassismus (wie in den von 35 Erst- und Zweitliga-Kapitänen vorgelesenen DFL-Erklärung) wird dem Problem nicht gerecht und schmeißt einfach alle in einen großen Topf.

    „Zu viel Freiheit“? „Zu viel Entgegenkommen?“

    Ich lach mich tot.

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