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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Am Grünen Tisch

Sicherheitskonzept – Operation gelungen, Patient tot?

Kai Butterweck | Freitag, 14. Dezember 2012 3 Kommentare

Die DFL hat das umstrittene Sicherheitskonzept verabschiedet. Die Presse ist gespalten

Jasper von Altenbockum (FAZ) stärkt der Politik den Rücken: „Die Profi-Fußballvereine sind kommerzielle Großveranstalter, die Woche für Woche in einem Maße die Kräfte der Polizei in Anspruch nehmen, dass man meinen könnte, Gorleben sei überall. Sind die Innenminister der Länder dazu da, einfach zu liefern und ansonsten brave Fans zu sein? Innenminister Jäger (SPD) aus Nordrhein-Westfalen gab bekannt, dass die Bereitschaftspolizeien der Länder mittlerweile bis zu einem Drittel ihrer Arbeitszeit vor den Stadien der Republik verbringen. Die Empörung der Fanclubs, es werde maßlos übertrieben, wo es doch eigentlich gar kein Sicherheitsproblem gebe, ist angesichts dieses Aufwands scheinheilig.“

Frank Hellmann (taz) bibbert vor Ort: „Draußen standen die, die in dem Sicherheitspapier das Ende der Fankultur, wie sie auf den Stehplätzen der deutschen Stadien gelebt wird, sehen. Stundenlang warteten fast 1.000 Fans, die aus ganz Deutschland angereist waren, bei eisiger Kälte vor jener Luxusherberge im Frankfurter Büroviertel Niederrad, in der die Deutsche Fußball-Liga ihre Beratung über das neue Sicherheitskonzept abhielt. Die Demonstration war ein weiteres Zeichen der Fanbasis, die sich auch von den weiträumigen Polizeiabsperrungen nicht abhalten lässt, ihren Protest zu äußern.“

Ein Vorschlag zur Güte

Christoph Ruf (Spiegel Online)hat die zündende Idee: „Es wurde ein Beschluss gefasst. Am Alltag wird er wohl nicht viel ändern. Denn die Verbände und Fans haben sich in ihren Schützengräben gemütlich eingerichtet. Ein Vorschlag zur Güte: Warum beauftragen die Verbände eigentlich nicht eine neutrale Instanz mit der Bewertung eines beliebigen – wie sie es nennen – „Risikospiels“: Wie verhält sich der Ordnungsdienst, wie die Polizei, wie verhalten sich die Fans? Der Fußball ist ja nicht der einzige gesellschaftliche Bereich, in dem sich alle Parteien einig sind, dass es Probleme gibt, an denen der jeweils andere schuld ist. Der Fußball ist aber der einzige, der meint, er komme aus dem Dilemma allein wieder heraus.“

Stefan Osterhaus (NZZ Online) schlägt sich auf die Seite der Fans: „Die Anhänger fürchten Willkür. Sie bangen um den Einfluss ihrer Position im Profifussball – und das zu Recht. Die Bedenken der Fans fanden keine Berücksichtigung. Auch der Hinweis, dass der deutsche Profifussball weit von Verhältnissen wie in Italien entfernt ist, Ausschreitungen selten sind und eine verstärkte Überwachung nicht gegen Krawalle in den Innenstädten hilft, schlug nicht nieder.“

Die Anhänger wollen ernst genommen werden

Tobias Schall (Stuttgarter Zeitung) fordert ein intensiveres Miteinander: „Es wird sich nie in allen Fragen Konsens herstellen lassen, aber ein ständiger Dialog kann helfen, Fronten nicht entstehen zu lassen und Verständnis für die andere Seite zu bekommen. Die Anhänger wollen ernst genommen – und nicht nur als Claqueure in der Kurve gesehen werden, sondern als mündige Gesprächspartner. Es ist der Geburtsfehler des jetzigen Konzeptes, dass genau das am Anfang mal wieder versäumt worden ist.“

Lars Spannagel (Tagesspiegel) blickt hoffnungsvoll in die Zukunft: „Wichtiger als die Beschlüsse war der Weg, auf dem sie entstanden sind. Die Liga hat dem Reiz widerstanden, die Freiheiten der Fans und ihrer Kultur dem Druck der Politik zu opfern. Und die Fans sollten gelernt haben, dass sie mit friedlichen aber klar formulierten Protesten mehr erreichen als mit einer weiteren Eskalation.Wenn beide Seiten jetzt weiter auf den begonnenen Dialog setzen, war die DFL-Versammlung tatsächlich ein Erfolg für den Fußball.“

Na und?

Georg Gulde (Badische Zeitung) klatscht Beifall: „Für die Stadionbesucher wird das neue Konzept im Zweifelsfall zu Beeinträchtigungen wie zeitaufwändigere Einlass- und Ganzkörperkontrollen mit sich bringen. Na und? Das ist allemal besser als wenn der Besuch in einem Stadion zu einem großen Sicherheitsrisiko wird. Es mag ja stimmen, dass die DFL erst spät den Dialog mit organisierten Fan-Vertretern gesucht hat. Diese sollten sich aber auch einmal eines vor Augen führen: Sie repräsentieren nicht den gemeinen Stadionbesucher, der Fußball um des Fußball willens schauen möchte. Es kann nicht so sein, dass eine Gruppe von Zuschauern, die nur einen Bruchteil der Stadionbesucher ausmacht, den Vereinen diktiert, was sie zu tun und zu lassen haben.“

Florian Hagemann (HNA) winkt hingegen ernüchtert ab: „Es bleibt der Eindruck, dass die Fans aus den Kurven immer mehr aus den Arenen gedrängt werden sollen, um aus Fußballspielen sterile Events zu machen. Möglichkeiten dafür bietet das in weiten Teilen schwammige Papier. Damit ginge aber ein starkes Stück Fankultur verloren. Mit der Verabschiedung des Sicherheitskonzepts ist es daher nicht getan. Ein ordentlicher Dialog mit den vernünftigen Fans steht noch aus, um das eigentliche Ziel zu erreichen: maximale Sicherheit in den Stadien bei prächtiger und damit friedlicher Stimmung.“

freistoss des tages

Kommentare

3 Kommentare zu “Sicherheitskonzept – Operation gelungen, Patient tot?”

  1. Marvin
    Freitag, 14. Dezember 2012 um 12:37

    Wieviele Wochen wird das Thema eigentlich schon durchexerziert? Und doch hat nicht jeder alles so ganz durchblickt.

    Jasper von Altenbockum: Auch mal eine Argumentation: Wo viele Polizisten, da auch viele Probleme. Stimmt teilweise, aber anders, als er denken mag. Ebenso sichert die Polizei nun einmal öffentliche Großveranstaltungen, hier findet jedoch nur ein Bruchteil dieser Arbeit im Stadion statt. Diese Binsenweisheit sollte sich auch bis zur FAZ durchgesprochen haben.

    Christoph Ruf: Frage zur Güte: Wer wird denn diese „neutrale Instanz“ bezahlen? Eben. Natürlich sind „neutrale Instanzen“ bzw. Gutachter im Allgemeinen in der Beurteilung niemals ihrem Auftraggeber gewogen, aber…

    Georg Gulde: Fazialpalmierung: Entweder Ganzkörperkontrollen, oder der Stadionbesuch wird zum „großen“ Sicherheitsrisiko – ohne Worte.

  2. Geert H
    Freitag, 14. Dezember 2012 um 12:51

    Über die Finanzierung von Großveranstaltungen wird durchaus diskutiert. Wie ich finde, zurecht. Und dabei bedenken: Fußball findet jede Woche statt, und zwar nicht nur 1 Spiel.

  3. HUKL
    Freitag, 14. Dezember 2012 um 20:11

    Udo Muras (Welt Online) hat es im letzten „indirekten Freistoß“ richtig geschrieben! So ist tatsächlich der Unterschied zu den alten Zeiten zu erklären.

    Was nützen die vielen teuren Kameras in den Stadien, wenn die Ausbeute zur Feststellung der Chaoten trotzdem so gering ist? Wenn die entsprechenden Nachbarn kneifen, den Spaß der „Pyrotechniker“ zu verhindern, sollten sie auch etwas nass von oben her werden.

    Mein Vorschlag, damit endlich das monatelang andauernde Thema bei dem Spiel mit dem Feuer unter den Zuschauern beendet werden kann, heißt : Einbau von gut funktionierenden Sprinkleranlagen!

    Wenn in der Praxis nach dem ersten Starten einer Rakete der „Täter“ nicht erwischt und überführt werden kann, wird in diesem Raum von oben spätestens nach dem zweiten Versuch
    „Wasser marsch“ gestartet!

    Es ist gut vorstellbar, dass danach endlich Ruhe herrscht!

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