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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2016

EM 2016 – Inselbeben

Kai Butterweck | Donnerstag, 23. Juni 2016 Kommentare deaktiviert für EM 2016 – Inselbeben

Während etablierte Teams und vermeintliche Geheimfavoriten bereits die Koffer packen müssen, lassen die urigen Kämpfer aus Irland und Island weiter die Korken knallen

Nach dem überraschenden Einzug ins EM-Achtelfinale machen tausende isländische Fans die Nacht zum Tag. Christoph Ruf (Spiegel Online) stößt mit an: „In den ersten Turnierwochen haben die Fans in Frankreich durch konsequent sympathisches Auftreten Werbung in eigener Sache gemacht, Gastronomen, Polizisten und Passanten gleichermaßen für sich eingenommen. Die einen freuten sich über den hohen Umsatz an alkoholischen Getränken. Die anderen blieben entspannt, weil auch betrunkene Isländer friedlich bleiben.“

Mit erhobenem Daumen im Krankenhausbett

Judith Köneke (FR) beschäftigt sich mit Islands Tor-Titan Hannes Halldorsson: „Tausende Fans sind nach Frankreich gereist, um ihre Mannschaft zu unterstützen (angeblich saßen drei Prozent der Bevölkerung im Stadion). Sie konnten zusehen, wie Halldorsson gegen Portugal nur einen Ball durchließ, und das gegen Cristiano Ronaldo. Doch noch Anfang des Jahres war nicht klar, ob Halldorsson überhaupt nach Frankreich reisen würde. Er kurierte eine Schulterverletzung aus, die alten Probleme verschonen ihn auch als Profi nicht. Eine Fotocollage auf seinem Facebook-Profil zeigt seinen Weg zurück auf den Platz: Mit erhobenem Daumen im Krankenhausbett, den Arm in der Schlinge, beim Trainieren mit Gewichten oder wie er einen Reifen hinter sich herzieht. Und dann wieder im Tor, jubelnd auf dem Platz. Fünf Monate nach der OP. Nun postet Hannes Halldorsson Fotos von der EM und zieht mit Island ins Achtelfinale ein.“

Auch in Irland wird gefeiert. Christof Siemes (Zeit Online) sitzt beim letzten Gruppenspiel gegen Italien erwartungsfroh vor der irischen Fankurve: „Gott sei Dank kommen die Italiener, die im Kalenderjahr 2016 noch kein einziges Pflichtspiel-Gegentor kassiert haben, den Iren bei dieser Herkulesaufgabe ein Stück entgegen. Die größten Monumente ihrer Abwehr bleiben draußen, allen voran Torwart Buffon. Da wird es doch im italienischen Strafraum gleich etwas heller für die Stürmer von der grünen Insel! Furchtlos stürzen sie sich vom Anpfiff weg ins Getümmel; nach Art ihrer Vorväter halten sie sich nicht lange auf mit filigraner Maßarbeit, sondern wuchten sich und die Kugel in Position, als würden sie in einem Steinbruch Schwerstarbeit verrichten.“

Buffon jubelnd mit dem Kinn über dem Tor

Monika Pilath (Zeit Online) adelt Italiens Torwart-Legende Gianluigi Buffon: „Mit seinem Torlattenjubel aus den ersten Spielen hat Buffon seine Spielphilosophie, seine Stärken in einer Szene konzentriert. Es ist das, was die Gegner Italiens im Kopf haben werden, wenn sie gegen die Squadra Azzurra antreten – Spanien im Achtelfinale, vielleicht Deutschland im Viertelfinale. Buffon jubelnd mit dem Kinn über dem Tor – es könnte das Symbol dieser EM werden.“

In Schweden herrscht Tristesse. Für König Zlatan und seine Untergebenen ist die EM bereits vorbei. Christian Gödecke (Spiegel Online) verteilt Taschentücher: „Die Belgier gewinnen spektakulär gegen Irland und ohne Glanz gegen Schweden. Solche Teams kommen in Turnieren gern mal weit. Und Zlatan? „Ich kam als Legende und ging als König“, twitterte er gewohnt bescheiden nach seinem Abschied von Paris St. Germain. Nach seinem Abschied aus Nizza steht eine persönliche Verabschiedung noch aus. Sie dürfte wohl eher traurig ausfallen.“

Es sind doch nur Namen, deren Klang sich auch aus der Geschichte speist

In Deutschland packt Fußball-Fans das Entsetzen. Auf dem Weg ins Finale warten Gegner wie Italien, Frankreich, Spanien und England. Würde eine Mannschaft wie Kroatien weniger Probleme machen? Christian Kamp (FAZ) erinnert sich: „Es sind doch nur Namen, deren Klang sich auch aus der Geschichte speist. Im Hier und Jetzt lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob die Kroaten – alles weiter im Konditional, erst muss ja das Achtelfinale gewonnen werden – tatsächlich ein angenehmerer Gegner gewesen wären. Das Team um Luka Modric und einige auch aus der Bundesliga vertraute Namen hat bislang Eindruck gemacht, und es wäre keine große Überraschung mehr, würde dieses Kraft-und-Kunst-Kollektiv es ähnlich weit schaffen wie bei der WM 1998, als die Kroaten die deutsche Elf wie eine Altherrentruppe stehenließen und bis ins Halbfinale vorstießen.“

Jörn Meyn und Kai Schiller (derwesten.de) setzen den Bundestrainer unter Druck: „Löw ließ stets im klassischen 4-2-3-1-System agieren. Die seit Rio mehrfach einstudierte Dreier-Abwehrkette wird aber im Verlauf des Turniers noch gebraucht, wenn stärkere Gegner mit einer Doppelspitze wie Italien warten. Erst dann wird man vielleicht erkennen, was Löw meinte, als er sagte, er brauche bei der EM zwei verschiedene Mannschaften: eine für die Vorrunde und eine für die K.-o.-Phase. Ob er die Mannschaft tatsächlich weiterentwickelt und nicht nur verwaltet hat, wird sich erst dann zeigen.“

Claudio Catuogno (SZ) macht aus einer EM zwei: „Wer sich bisher echauffiert hat über diese aufgeblähte 24er-EM, weil all die kleinen Neulinge zwar singende Fans mitbringen, aber leider nicht so viel Niveau, der kann jetzt einfach so tun, als würden in Frankreich gerade zwei Turniere ausgetragen. Eins auf der rechten (oder je nach Standort: linken) Seite des Tableaus, wo sich wie einst zu 16er-EM-Zeiten das alte Fußballeuropa in mutmaßlich kraftzehrenden Traditions- Duellen aufreibt. Und das zweite auf der anderen Seite, eine B-EM, bei der ein paar Alpen- (Schweiz) und Zwerg- (Wales) Staaten sowie ewig unerfüllte Versprechen (Kroatien) unter sich bleiben.“

Daniel Raecke (Spiegel Online) verteilt noch einmal Modus-Ohrfeigen: „Mannschaften, die einen Vorteil dadurch haben, dass sie ihr letztes Spiel anstoßen, nachdem Konkurrenten bereits gespielt haben, das sollte es jetzt nicht mehr geben. Genau das bringt aber der neue Modus der Europameisterschaft mit sich. Zwar werden die letzten Spiele einer jeden Gruppe weiterhin zeitgleich ausgetragen. Aber da auch die vier besten Gruppendritten der Vorrunde ins Achtelfinale einziehen, kommt es zu einem Quervergleich über sechs Gruppen und vier Tage hinweg. Bei dieser Wertung sind die Gruppen, die zuerst beendet worden sind, im Nachteil gegenüber den späteren Gruppen.“

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