Freitag, 28. Januar 2005
Internationaler Fußball
Fergusons Verhältnis zu Mourinho
Immer lesenswert, die Berichte Christian Eichlers (FAZ 28.1.) aus England – heute über das Verhältnis Fergusons zu Mourinho und das 2:1 Chelseas in Manchester: „Diesmal war der Wein besser. Nach dem 0:0 im Hinspiel hatte Gastgeber José Mourinho nach eigenem Bekunden nur einen ziemlichen Fusel für den geschätzten Connaisseur aus Manchester im Schrank des Trainerbüros gefunden. Im Rückspiel ließ sich Mourinho nicht lumpen. Er brachte Sir Alex Ferguson einen mehr als 300 Euro teuren 1964er Barca Velha mit, der als bester Wein seiner portugiesischen Heimat gilt. Zugleich tat Mourinho, wie es seine Berufsgewohnheit ist, alles dafür, daß dem Gegner nicht schmeckt, was er ihm auftischt; sei es noch so ein feiner Tropfen. Denn nach Heimniederlagen sieht Sir Alex immer so aus, als hätte er Essig getrunken. (…) Ligapokal in England ist normalerweise eine Bühne für die zweiten Mannschaften der Großklubs. Diesmal war es anders, es ging auch um Fragen der Rangordnung. Ferguson, heißt es, finde in Mourinho manches von sich selbst als jungem Trainer vor über zwanzig Jahren wieder. Spürbar ist eine etwas ruppige Sympathie, wie er sie für den französischen Rivalen Arsène Wenger nie aufbrachte: „Ich mag José, er hat so einen diabolischen Witz“, so Ferguson. „Er sieht sich als der junge Revolverheld, der in die Stadt kommt, um den alten Sheriff herauszufordern.“ Und der neue Lucky Luke des europäischen Fußballs Mourinho zieht verdammt schnell. Fünfmal binnen zwölf Monaten ist Mourinho auf Ferguson getroffen. Keines der fünf Spiele hat Manchester gewonnen.“
Ball und Buchstabe
Manipulation: Doch nicht in Deutschland!
Lange haben DFB und DFL von der dreckigen Seite ihres Geschäfts nichts wissen wollen. Sauberes Fußball-Deutschland?! Pustekuchen (mehr …)
WM 2006
Innovationstempel der Welt
Die WM 2006, ein Politikum schon im Vorfeld – Markus Feldenkirchen (Spiegel 23.1.) schildert einen vielleicht entscheidenden Wechsel in der Entourage: „Die beiden Slogans „FC Deutschland 06″ und „Deutschland, da geht was“ flimmerten noch ein letztes Mal über die Leinwand. Mehr ging nicht. Schon während der Präsentation im Saal der Berliner Kreditanstalt für Wiederaufbau ahnten die Chefs der Werbeagentur „Zum goldenen Hirschen“, dass ihre Kampagne zur WM 2006 nie realisiert werden würde. Mit verschränkten Armen verfolgte die Jury aus Wirtschaftsbossen, Otto Schily sowie Gesandten von Bundespresseamt und Präsidialamt die halbstündige Show. Schily zog die Stirn in immer tiefere Falten. Er hatte die Präsentation schon mehrfach gesehen – und immer stärker gelästert. Die Hausagentur der Bundesregierung, die zuletzt den Zuschlag für die Agenda-2010-Kampagne erhalten hatte, musste sich geschlagen geben. Stattdessen wird die Imagewerbung, die die WM flankieren soll, nun „Deutschland – Land der Ideen“ heißen, entwickelt von der Agentur Scholz & Friends. Das Jury-Votum war eindeutig. Angela Merkel kann mit dem Ergebnis auf den ersten Blick zufrieden sein. Sie hatte stets davor gewarnt, die Kampagne – finanziert von der deutschen Wirtschaft und der Bundesregierung – könne eine getarnte Wahlkampfhilfe für Gerhard Schröder werden. Für sie ist es ein Fortschritt, dass eine Agentur den Zuschlag erhalten hat, deren kaufmännischer Kopf und Mitinhaber ein Mann ihres Vertrauens ist. Thomas Heilmann, 40, ist schon lange CDU-Mitglied und zählt seit ihrem Aufstieg an die Parteispitze zu den wenigen Männern, deren Rat sie schätzt. Doch Merkels Freude über Heilmanns Coup ist getrübt. Denn auch die Kampagne von Scholz & Friends versucht, Deutschland im schönsten Glanz erstrahlen zu lassen: als Innovationstempel der Welt.“
Der Guardian befasst sich mit der Ticketvergabe: „Forget „abracadabra“ and even „duty free“, everyone knows the most magical words for true football fans are „the World Cup“. Brazil v Argentina? Burundi against Belize? Bring it on! Wales versus … OK, maybe not – but you get the point and, more importantly, you could soon get the tickets. Yes, Fifa announced today that in just one week it will start accepting online applications for 812,000 match tickets for the 2006 edition of the planet’s greatest sporting showpiece. What’s more, football’s governing body has actually learned from previous fiascos and rather than provoke an electronic stampede by insisting on a ‚first-come, first-served‘ system, they‘ll leave a „sales window“ open for two months to allow as many fans as possible to make provisional purchases before a lottery draw is held.“
Donnerstag, 27. Januar 2005
Allgemein
Gottgleichheit und Brutalität lagen bei ihm dicht beieinander
1966 was a great year for English football – Eric was born (Aufschrift eines viel verkauften Fan-Shirts von Manchester United). René Martens (FTD 26.1.) erinnert an den Kung-Fu-Tritt Eric Cantonas gegen Matthew Simmons, einen Zuschauer: „Die Szene tauchte auf T-Shirts in Streetwear-Boutiquen auf, und die Punkpop-Band Ash nutzte das Motiv für das Cover ihrer Single „Kung Fu“: Vor zehn Jahren, beim Spiel zwischen Crystal Palace und Manchester United, gab es den berühmtesten Tritt in der Geschichte des Fußballs zu sehen – eine Aktion, deren ikonografische Substanz vergleichbar ist mit der des Wembley-Tors oder jenes Treffers, den Maradona mit der „Hand Gottes“ erzielte. (…) Der Mittelfeldspieler fügte seinem widersprüchlichen Image so eine weitere Facette hinzu. Zwar hatte Michael Brown in einem Ölgemälde Cantona als Jesus Christus dargestellt – der Hauptdarsteller, leidenschaftlicher Maler, erwarb das Werk für 80 000 £ –, doch Gottgleichheit und Brutalität lagen bei dem Franzosen dicht beieinander. (…) Viele Engländer befürchteten, dass der Blackout die Karriere des Franzosen – der, nachdem er 1992 zunächst nach Leeds gewechselt war, wesentlich zur Modernisierung der Spielkultur im Kick-and-Rush-Reich beitrug – schwer beeinträchtigen würde. Doch nachdem er nach einer neunmonatigen Sperre zurückgekehrt war, führte Cantona United zum Double. Seine Erfolge mit ManU sind höher einzuschätzen als die späteren des Klubs, denn damals war die Premier League noch ausgeglichen. Nachdem der Skandal überstanden war, gab Cantona auf dem Feld fortan den weisen Schlichter, wenn sich Rudel bildeten und Raufereien drohten. (…) 2002 gab er mit dem Kurzfilm „Apporte moi ton amour“, der auf einer Story Charles Bukowskis basiert, sein Regiedebüt.“
Eric Cantona, the assailant (der Angreifer) – ein lesenswerter Text aus dem Observer
Ball und Buchstabe
Der WM-Standort Deutschland ist angeknockt
Fall Hoyzer – Thomas Kistner (SZ 27.1.) fürchtet weitere schlechte Nachrichten und sorgt sich um den deutschen Fußball: „Der Verdacht steht massiv im Raum, dass Teile des deutschen Profibetriebs unter die Knute einer Wettmafia geraten sind, die mit einem Repertoire arbeitet, wie es der gewöhnliche Fan nur aus Fernsehkrimis kennt. Wobei dieser Teil, das besitzt eine bittere Logik, in der zweiten und dritten Liga angesiedelt ist, wo sich weitflächig und dauerhaft betrügen ließe. Denn nur in der Bundesliga werden die Referees durch jene Kameras vor wiederholtem Betrug geschützt, die ihnen gern peinliche Fehlpfiffe nachweisen: passiert das öfter, ist er weg vom Fenster. In den unteren Ligen schaut keiner genau hin – nicht mal die Schiedsrichterzunft selbst, wie deren Chef Hellmut Krug einräumt. Höchste Zeit, das Blickfeld zu erweitern. Der WM-Standort Deutschland ist angeknockt. Wer ihn nicht auf die Bretter schicken will, muss ans Ausmisten gehen: Nicht mit Ehrenamtlichen, mit wirklich professionellen Kräften.“
Stefan Hermanns (Tsp 27.1.) blickt in Hoyzers Zeugnisse: „Im internen Leistungsprofil des DFB für die Saison 2003/04 lag Hoyzer im oberen Drittel der Zweitligaschiedsrichter. Dann kam der Absturz. Am Ende der aktuellen Vorrunde fand sich Hoyzer laut Krug in der Rangliste ganz unten wieder. Eine solche Entwicklung muss nicht zwangsläufig auf Manipulationen hindeuten.“
Schwer zu überschauen und unbekanntes Terrain für die Justizbehörden
Gerd Schneider (FAZ 27.1.) spricht mit den Ermittlern im Fall Aue/Oberhausen: „Was die Arbeit der Staatsanwälte so schwierig macht, ist die Wettszene im Sport: schwer zu überschauen und zudem unbekanntes Terrain für die Justizbehörden. Zunächst gehe es erst einmal darum zu verstehen, „wie Wetten ablaufen“, so die Juristin Gisela Gold-Pfuhl. Viel haben die Ermittler offenbar nicht in der Hand, um Licht ins Dunkel zu bringen. Auf der Suche nach Ansätzen und Ideen werte man Zeitungsartikel aus, so die Auskunft. Erst recht erschwert werden die Recherchen durch die Tatsache, daß auch ausländische Wettbüros im Spiel sind. Sogar die Wettszene in Asien soll involviert sein.“
Würden höhere Bezahlung und bessere Ausbildung der Schiedsrichter, wie nun gefordert, helfen, Betrug vorzubeugen, Benedikt Voigt (Tsp 27.1.)? „Verhindern würde es nichts. Die Schiedsrichter sind bereits gut bezahlt. 3000 Euro pro Bundesligaspiel, 1500 Euro pro Zweitligaspiel sind eine angemessene Entlohnung für eine 90-minütige Betätigung, die zugegebenermaßen eine große psychische Belastung darstellt. Wer betrügen will, lässt sich von einigen Euro zusätzlich nicht abhalten. Er will das große Geld. Auch sind die Schiedsrichter bereits gut ausgebildet. Als Halbprofis stehen sie an der Schwelle zum Profitum.“
WM 2006
Weh dir, Ticketing-Management! Diese Schmach vergess ich dir nie
Fritz Tietz (taz 27.1.) fordert einen Wettkampf um Tickets: „Nicht im Ausdauer, Zähigkeit und Stehvermögen voraussetzenden Warteschlangenstehen soll man an die begehrten Karten gelangen. Schnödes Lostrommelglück wird darüber entscheiden. So hat es das OK bekannt gegeben. Damit wird jedwedem Sportsgeist Hohn gesprochen, dem sich aber gerade und erst recht der Ausrichter eines der weltgrößten Sportereignisse verpflichtet fühlen sollte. Nicht mein persönlicher Einsatz, Ehrgeiz und Einfallsreichtum entscheidet darüber, ob ich einer WM-Begegnung live im Stadion beiwohnen darf, sondern bloß ein doofer Zufallsgenerator, der aus der Masse aller bequem übers Internet eingegebenen Kartenwünsche die WM-Zuschauerschaft ermittelt. Was für ein Quatsch ist das, wenn sich so theoretisch jeder Hinz und sogar Kunz einen Tribünenplatz zu sichern imstande ist? Würde man diesen Vergabemodus auf den des WM-Turniers übertragen, müssten sämtliche Begegnungen per Münzwurf entschieden werden. Zahl oder Adler; und Liechtenstein wird Weltmeister. Also habe ich gestern meiner Tochter gegenüber andeuten müssen, dass es leider nicht in meiner Macht stehe, ein WM-Ticket für uns zu bekommen. Was sie kurz und knapp kommentierte: „War klar!“ Unüberhörbar schlug mir Vaterverachtung aus diesen zwei Worten entgegen. Ihr Alter, gab sie mir damit zu verstehen, ist nicht mal in der Lage, ihr, obwohl versprochen, eine lausige Eintrittskarte zu besorgen. Weh dir, Ticketing-Management! Falls das nicht klappen sollte mit einem WM-Ticket. Diese Schmach vergess ich dir nie.“
Mittwoch, 26. Januar 2005
Allgemein
Sebescen musste lernen, sein Knie wie einen guten Freund zu behandeln
Josef Kelnberger (SZ 21.1.) trifft Zoltan Sebescen und spricht mit ihm über seine Verletzung und seine zwei wichtigsten Spiele: „Er strahlt Zuversicht aus, keine Spur von Verbitterung, und das ist bemerkenswert für einen, der aus dem Champions-League-Finale (1:2 gegen Real Madrid) ins fußballerische Nichts stürzte. Sechs kleine Narben verteilen sich auf seinem linken Knie. Sie künden von einem kaputten Meniskus, aufgeweichtem Knorpel, kaputten Schleimhäuten, sechs Operationen, die erste zwei Tage nach dem Champions-League-Finale. Danach kam er nur mehr auf ein paar verstreute Einsätze für Bayer, verzweifelte Versuche mit dickem Knie. Immer wieder füllte sich das Gelenk mit Flüssigkeit. Nun nimmt er seinen letzten Anlauf zurück in dieses Geschäft, aus dem ihn sein malträtiertes Knie nahm, als protestiere es gegen diese Knochenmühle. Sebescen musste lernen, es wie einen guten Freund zu behandeln. (…) Bundestrainer Ribbeck ließ ihn entgegen den Abmachungen von Beginn an spielen, er musste den rechten Verteidiger geben, was er noch nie gespielt hatte. Lothar Matthäus, der Libero, spielte ab der Mittellinie auf Abseits, ohne vorherige Absprache. Sebescen sah bei beiden Gegentoren zur 1:2-Niederlage schlecht aus und wurde zur Halbzeit ausgewechselt. Drei Tage später schoss er für Wolfsburg drei Tore. Damit war der Fall für ihn erledigt. In der Öffentlichkeit aber hatte er seinen Ruf weg.“
Internationaler Fußball
Dino Nazionale ist wieder da, als wäre er nie fort gewesen
Birgit Schönau (SZ 26.1.) begrüßt die Rückkehr Dino Zoffs auf die (Florentiner) Trainerbank: „Bei der EM 2000 in Frankreich stand er im Finale gegen die Gastgeber, führte lange verdient 1:0, verlor unglücklich 1:2 und wurde am Tag darauf öffentlich abgewatscht. Als „unwürdig“ beschimpfte ihn der damalige Oppositionsführer Berlusconi: Während Italien angesichts des sich anbahnenden, unerhörten Duells zwischen Schwätzer und Schweiger noch den Atem anhielt, war Zoff schon zurückgetreten. „Ich lasse mir von Herrn Berlusconi keine Lektion in Sachen Würde erteilen“, sagte das Monument. Und das war’s dann schon. Später sollte Dino Zoff anmerken, „wenn du aus dem System ausscherst, weil du es kritisierst, ist es sehr schwierig, wieder hereinzukommen.“ Bemerkenswert für einen wie ihn, der nie ein Wort zu viel verliert. Der Verband stellte sich noch nicht einmal halbherzig hinter ihn – man wollte ja selbst noch ein wenig Karriere machen, und tatsächlich wurde Berlusconi bald wieder Regierungschef. Jetzt ist das Monument wieder da, und es ist natürlich reiner Zufall, dass der Patron des AC Florenz, Diego Della Valle, ausgerechnet Zoff berief, nachdem er schon zwei Trainer in der laufenden Saison gefeuert hat. Della Valle ist der erbittertste Gegner des Berlusconi-Statthalters Adriano Galliani in der Fußballliga (…) Dino Nazionale ist wieder da, als wäre er nie fort gewesen. Und jetzt erst bemerkt man, wie sehr er doch gefehlt hat.“
Ball und Buchstabe
Es gibt in Europa längst eine Mafia, die über Sportwetten Einfluss auf Fußballspiele nimmt
Fall Hoyzer – Armin Lehmann (Tsp 26.1.) wundert sich über die sehr starke Empörung und die Fassungslosigkeit einiger Beobachter: „Grundsätzlich ist es nicht verkehrt, einen gesunden Generalverdacht gegen die modernen Strukturen des Sports zu hegen und sie permanent auf ihre Tauglichkeit zu befragen. Das ist notwendig, weil der Sport sich nach außen immer sehr moralisch gibt und gerne so tut, als verfolge er hehre Ziele. Aber der Sport hat jahrelang eklatant bei der Dopingbekämpfung versagt. Hohe Funktionäre haben die Augen verschlossen und nicht verhindert, dass weltweit ein kriminelles System entstehen konnte. Der Sport und seine Funktionäre sind sehr naiv. Ernst zu nehmende Vorfälle im Fußball zeigen: Es gibt in Europa längst eine Mafia, die über Sportwetten Einfluss auf Fußballspiele nimmt. Aber das will der Fußball einfach nicht wahrhaben.“
Bisher hat nur eine öffentliche Vorverurteilung stattgefunden
So einfach wie der DFB sich ein Urteil vorstellt, so einfach wie der DFB es darstellt, wird die Rechtsfindung nicht – Michael Horeni (FAZ 26.1.): “Weitet sich der Schiedsrichterskandal auf Bundesligaspieler aus? Könnte zumindest sein, sagt die Staatsanwaltschaft in Braunschweig. Das muß sie auch sagen: Ihre Erfahrungen in anderen Wettbetrugsfällen legen es nahe, nicht nur an eine Einzelfalltheorie zu glauben, sondern in alle Richtungen zu ermitteln. Aber die Staatsanwaltschaft sagt noch etwas ganz anderes über eine Affäre, die schon mit dem Bestechungsskandal von 1971 gleichgesetzt wird: daß es äußerst schwierig werden dürfte, die Schuld Hoyzers, falls er manipuliert hat, auch zu beweisen. Das ist eine ziemlich überraschende Wendung in dem jungen Fall angesichts der Haltung des DFB, der schon vom ersten Tag der Affäre an den Eindruck vermittelte, über handfeste Beweise zu verfügen – und überzeugt von „Betrug“ sprach. Bisher hat nur eine öffentliche Vorverurteilung stattgefunden.“
Der DFB hatte seine Kronzeugen verraten
Im Tagesspiegel liest man über die Reaktion der vier Berliner Schiedsrichter Lutz Michael Fröhlich, Manuel Gräfe, Olaf Blumenstein und Felix Zwayer, die dem DFB geheim Aussagen zukommen lassen wollten: „Zum erheblichen Unwohlsein der Berliner hat vor allem das unprofessionelle Vorgehen des DFB beigetragen. Dass sie mit einer Presseerklärung an die Öffentlichkeit gingen, hat einen simplen Grund: DFB-Präsident Theo Zwanziger hatte unter den möglicherweise manipulierten Spielen auch das Zweitligaspiel zwischen Rot-Weiß Essen und dem 1. FC Köln genannt. Dieses Spiel aber leitete Schiedsrichter Manuel Gräfe aus Berlin. Er rief deshalb nach Zwanzigers Erklärung „völlig konsterniert“ beim DFB an, um Auskunft zu verlangen. Am Abend musste der DFB dann eine Ehrenerklärung für das Schiedsrichtergespann abgeben. Da aber niemand vom DFB dementierte, dass der 25 Jahre alte Hoyzer versucht habe, Einfluss auf einen der Assistenten zu nehmen, war klar: Der DFB hatte seine Kronzeugen verraten.“
Dienstag, 25. Januar 2005
Internationaler Fußball
Ich bin das Gute, alles andere ist schlecht – ich oder die andern
Peter Hartmann (NZZ 25.1.) beschreibt den Manichäismus Berlusconis und den Konflikt mit Livorno: „Er musste die Kröte schlucken die Kröte schlucken, der Besitzer des preisgekrönten Artistenzirkus der AC Milan, auch wenn er selber, wegen seiner Pflichten als Ministerpräsident, der ein italienisches Kriegsopfer im Irak zu betrauern hatte, nicht zugegen war im einzigen Fussballstadion des Stiefels, das sich in der Hand seiner Feinde, der „Kommunisten“, befindet. Letzte Woche hatte Berlusconi als vorauseilender Wahlkämpfer (gewählt wird erst 2006) vor dem Elend gewarnt, das die Linken überall säen. Ich bin das Gute, sagte der Messias B., alles andere ist schlecht. Ich oder die andern. In Livorno siegten, sein Pech, die andern. Livorno ist diese Saison nach einem halben Jahrhundert Marginalisierung in die Serie A zurückgekehrt, mit einem feurigen Ultra-Stamm, der linke Parolen schwingt und im Hinspiel in Mailand im heissen September Wollmützen trug, um Berlusconi zu ärgern, der nach einer Haartransplantation den Kopf mit einer „Bandana“ verhüllte. Fast alle Tifosi-Kurven werden vom Lärm der Rechts-Sympathisanten und rechts- extremistischer Klüngel (wie etwa Lazio und die AS Roma) beherrscht und terrorisiert. Mit Ausnahme, welche Ironie, von Berlusconis Spielzeug: Der Anhang der AC Milan wurzelt traditionell in der Arbeiterschaft. Livorno ist aber auch Heimat und Klub des linksliberalen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi, der mit Berlusconi dauernd im Clinch liegt um die Verfassungsmässigkeit der Gesetze, die der Regierungschef zu seinem eigenen Nutzen schneidern lässt.“
Erfüllung des ewig jungen niederländischen Traums
Bertram Job (NZZ 25.1.) protokolliert das Lob für Hollands Tabellenführer AZ Alkmaar: “Der AZ hat sich so nachhaltig in der Spitzengruppe der heimischen Liga präsentiert, dass ihn inzwischen kaum noch jemand für eine Überraschungsmannschaft hält. Stattdessen regnet es jetzt Blumen. Nationaltrainer Marco van Basten hält den Fussball der Alkmaarder-Art zusammen mit dem des FC Barcelona für den zurzeit attraktivsten auf dem Kontinent. Ähnlich äussern sich holländische Kolumnisten, die in der Spielweise des AZ den ewig jungen niederländischen Traum wiederfinden – attraktiv nach vorn zu spielen und dabei auch noch erfolgreich zu sein. (…) Niemand mehr überraschen zu können, weil man sowieso schon arriviert ist – das ist die gar nicht mehr heimliche Vision, die in Alkmaar in Auftrag ist.“
Ball und Buchstabe
Schön und gut war die Welt noch nie, schon gar nicht im Spitzensport
Seite 1 – Roland Zorn (FAZ 25.1.) kommentiert den Fall Hoyzer: „Mag der Berliner Parteiische „nur“ ein Einzelfall sein: Der Mann hat mit seiner Geschichte die letzte, scheinbar unerschütterliche Bastion der Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit schwer ramponiert. Nur: Schön und gut war die Welt noch nie. Schon gar nicht im Spitzensport. So einmalig der Fall Hoyzer anmutet, ist auch diese Geschichte nur ein weiteres Kapitel eines unendlich langen Romans zum Thema „Der böse Bube im Sport“. Fortsetzung folgt, garantiert.“
Ein Verdienst der Wachsamkeit des DFB ist es nicht
Matti Lieske (taz 25.1.) bemängelt die Scheuklappen des DFB: “Geradezu krampfhaft versuchten der DFB und sein Schiedsrichterausschuss, das Bild von der heilen deutschen Fußballwelt aufrechtzuerhalten, eine Oase der Reinheit in der Wüste der Korruption zu behaupten. Entsprechend naiv klingen die Reaktionen der Funktionäre, nachdem sich herausgestellt hat, dass der große Bogen, den Wettbetrug und Bestechung angeblich um deutsche Stadien machen, nur eine Schimäre war. Ein Verdienst der Wachsamkeit des DFB ist es nicht, dass die Machenschaften des Robert Hoyzer aufflogen. Wären nicht Hinweise von Kollegen eingegangen, hätte der 25-Jährige am Sonntag nicht nur sein Bundesliga-Debüt gegeben (als vierter Mann), sondern in aller Ruhe weiter Spiele verpfeifen können, auf die er selbst oder andere Personen gewettet hatten. Obwohl fast jede Partie, die Hoyzer leitete, von fragwürdigen Entscheidungen geprägt war, wurde er unbeirrt als größtes Schiedsrichtertalent präsentiert.“
Womöglich zu großer Eifer
Meinungsseite – Thomas Kistner (SZ 25.1.) prüft die Ermittlungen des DFB: „Die bisherigen Aufklärungsbemühungen des DFB-Kontrollausschusses sind wenig überzeugend. Chefermittler Horst Hilpert hatte die Oberhausen-Affäre im Blitzverfahren eingestellt, ohne das Schattenreich der Zockerbranche nur am Rande beleuchtet zu haben – nach dem Motto: Skandale sind anderswo. Das alte Verbandsprinzip, Konflikte diskret unterm eigenen Dach auszutragen, haben die DFB-Funktionäre auch im Fall Hoyzer gepflegt, wobei delikat ist, dass erneut wichtige Anhaltspunkte aus der Wettspielszene kamen. Diesmal aber ging es nicht um eine Vereinsaffäre, der Fall Hoyzer betrifft einen DFB-Schiedsrichter. Also ging der Kontrollausschuss mit großem, womöglich zu großem Eifer zu Werke. Jedenfalls war der Anfangsverdacht auf eine Betrugsstraftat wohl früh genug ersichtlich, weshalb hilfreicher gewesen wäre, die Sache nicht selbst – erwartungsgemäß ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn – zu betreiben, sondern die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Bekanntlich verfügt die Justiz über wirkungsvollere Ermittlungsinstrumente als ein Fußballverband. (…) Der von Juristen geführte DFB, der sich nun als erbarmungslose Verfolgungsinstanz geriert, hat den Handlungsspielraum für professionelle Ermittler stark begrenzt.“
Philipp Selldorf (SZ 25.1.) ergänzt fragend: „Warum ist der DFB am Wochenende mit dem Fall an die Öffentlichkeit gegangen? Warum konfrontierte er Hoyzer damit, was ihm vorgeworfen wird? Erhielt dieser so nicht Zeit und Gelegenheit, Beweise seiner Taten zu beseitigen?“
Martin Hägele (NZZ 25.1.) wirft ein: „Wer im DFB-Haus war der grösste Verdränger? Wer hat Hinweise auf ominöse Wetten in den Aktennotizen ruhen lassen? Dem droht nun ein böses Erwachen.“
So ein Ding kann der nicht alleine durchziehen
Ex-Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder im Interview mit Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 25.1.)
FTD: Handelt es sich ihrer Meinung nach um einen Einzelfall?
WDA: Immer vorausgesetzt, die Vorwürfe sollten sich bestätigen: Dann kann mir keiner erzählen, dass Hoyzer isoliert als Einzelperson manipuliert hat. Da müssen andere mitspielen, so ein Ding kann der nicht alleine durchziehen. Ich würde mich nicht wundern, wenn in diese Geschichte nicht auch Linienrichter verstrickt sind. Wenn, wie offenbar geschehen, unschuldige Spieler des Platzes verwiesen oder ungerechtfertigt Abseits oder sogar Elfmeter gepfiffen wurde, dann macht das kein seriöser und kompetenter Linienrichter mit.
FTD: Befürchten Sie eine Ausweitung des Skandals auf andere Personen?
WDA: Ich fürchte, das, was wir bisher wissen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wenn da wirklich sieben, acht Spiele vorsätzlich verpfiffen wurden, muss es Mittäter, mindestens Mitwisser geben. Meiner Meinung nach liegt es auf der Hand, dass da ein ganzer Rattenschwanz nachkommt.
FTD: Was ein Jahr vor der Weltmeisterschaft fatal für den DFB und für den Fußball wäre.
WDA: Deshalb machen die hohen Herren in Frankfurt ja so einen Eiertanz. Die drucksen nur rum, faseln von Ungereimtheiten. Der Hoyzer soll sieben, acht Spiele verschaukelt haben, das wussten etliche Leute beim DFB, angeblich nur der Herr Zwanziger nicht. Die merken gar nicht, wie die mit ihrer Druckserei auffallen. Man stelle sich vor, der Hoyzer nennt Namen. Namen von Linienrichtern, die ihn bei seiner Manipulation unterstützt hätten. Was meinen Sie, was dann im Lande los wäre?!
FTD: Ist der Ruf ihrer Zunft auf lange Sicht ruiniert?
WDA: DFB und DFL stehen vor einem Scherbenhaufen. Und warum? Weil die Schiedsrichter im Profibetrieb krankhaft die Saubermänner spielen. Das ist doch krank, die sind ja unfehlbarer als der Papst. Wenn ich sehe, wie der DFB-Schiedsrichterlehrwart Striegel den größten Stuss, der am Samstag gepfiffen wurde, einem Millionenpublikum als einwandfrei verkaufen will, dann fehlen mir 99 Pfennig an der Mark. Die messen mit einem Zollstock, ob der Felix Magath eineinhalb Zentimeter außerhalb der Coaching-Zone steht, und dann kommt womöglich heraus, dass da eine ganze Serie von Spielen manipuliert wurde. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, liegen die jetzt komplett in der Ohnmacht.
Die sportliche Naivität, mit der bisher Fehlurteile betrachtet wurden, geht dahin
Wie wird Kritik an Schiedsrichtern künftig ausfallen, Michael Horeni (FAZ 25.1.)? “Wenn ein Spieler im Strafraum ohne Gegners Einwirkungen niedersank, fragwürdige Entscheidungen wie im Schalker Tränenjahr 2001 oder verweigerte Strafstöße wie im Frankfurter Fast-Meisterjahr 1992 eine Begegnung oder gar den Titelkampf entschieden: Immer dann gab es zwar mitunter handgreifliche Wut und böse Worte – „Blinder“, „Tomatenalarm“ und „Heimschiedsrichter“ gehörten stets zum Grundwortschatz der Entrechteten. Aber selbst wenn Tausende im Stadion „Schieber“ riefen, dann wurde der Schiedsrichter letztlich doch in der Gewißheit verflucht, gerade kein Betrüger zu sein, sondern weiterhin ein Unparteiischer. Die Spielszenen, die jetzt aus den von Hoyzer wohl absichtlich fehlgeleiteten Begegnungen noch einmal vorgeführt werden, entfalten eine zerstörerische Wirkung. Denn die sportliche Naivität, mit der bisher scheinbar unerklärliche Fehlurteile betrachtet wurden, geht dahin. (…) Es bedarf wenig Phantasie, um die Nöte von Hoyzers Schiedsrichterkollegen in den kommenden Wochen vorauszusehen. Selbst wenn sie sich bei der Arbeit nur aufrichtig irren: Die Leistungen deutscher Referees werden nicht mehr bloß mit sportlichem, sondern auch mit detektivischem Blick verfolgt.“
SZ: „Der Betrugsverdacht gegen Robert Hoyzer zeigt, dass Sportwetten ein kaum kontrollierbares Milliardengeschäft sind.“
faz.net-Dossier Schiedsrichterskandal
Thema des Tages, FR
Textsammlung, Tsp
Teilen Sie uns Ihre Meinung über den Fall Hoyzer und über die Aussagen und Ermittlungen seitens des DFB in der Südkurve mit!
WM 2006
Auslöser, Gestalter und Opfer des Verteilungskampfs
Tickets – Uwe Marx (FAZ 25.1.) möchte mit dem WM-OK nicht tauschen: „Es ist ein selbstgewähltes Problem. Das OK hatte darauf gedrängt, diese Mammutaufgabe selbst zu schultern. Bei der WM vor vier Jahren war die Fifa noch selbst verantwortlich für diese „schwierigste aller Aufgaben“, so Beckenbauer. Das OK ist Auslöser, Gestalter und Opfer des Verteilungskampfs. Seine Botschaft: Wir tun, was wir können – aber wir werden hundertausendfach enttäuschen.“
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