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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Mut und die Kraft zur Änderung

Oliver Fritsch | Samstag, 21. Juni 2008 Kommentare deaktiviert für Mut und die Kraft zur Änderung

Die Presse macht den System- und Personalwechsel Joachim Löws als Ursache für den Sieg gegen Portugal aus – was natürlich den Vorzug hat, dass sie von ihrer harten Kritik am Bundestrainer nach der Vorrunde nicht abrücken muss / Spekulation über eine Einflussnahme Michael Ballacks (taz) / Mitentscheidend seien die Fehler der portugiesischen Abwehr, des Tormanns und des Schiedsrichters gewesen

Michael Horeni (FAZ) bescheinigt dem Bundestrainer, kritische Bewährungsproben gemeistert zu haben: „Nach Franz Beckenbauer, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann hat nun auch Joachim Löw bei seinem ersten großen Turnier die Erfahrung gemacht, dass er sich unter dem Erwartungsdruck manchmal kaum mehr wiedererkennt. Dieses Erlebnis und diese Erkenntnis sind für Löw, der in der Vorbereitung allzu lange nur aus der Kühle des Taktiklabors kam, allerdings ein unschätzbarer Gewinn. Er hat mit dem spektakulären Sieg gegen Portugal und seinem Mut zur Veränderung nach turbulenten Tagen eine Prägung erfahren, die für den weiteren Turnierverlauf und seine Karriere als Bundestrainer von großer Bedeutung sein dürfte. Löw hat innerhalb von acht Tagen in die Tiefen und die Abgründe geschaut, die das höchste deutsche Fußballamt bereithält, wenn die Erwartungen und Hoffnungen einer Fußballnation enttäuscht zu werden drohen. Er hat all das überstanden und den Sieg gegen Portugal damit auch in einen ganz persönlichen Triumph verwandelt. Er hatte den Mut und die Kraft, sich und seinen Weg an wichtigen Stellen zu ändern, ohne dabei von seiner sportlichen Linie grundsätzlich abzuweichen. Das ist für Löw ein weit größerer Gewinn, als es ein Weg ohne Hindernisse bis ins Halbfinale gewesen wäre.“

Auch Jan Christian Müller (FR) macht einen Lernzuwachs aus: „Seit Joachim Löw mit Urs Siegenthaler für die taktische Ausrichtung der Nationalmannschaft verantwortlich ist, hat Deutschland unbeirrbar mit zwei Stürmern angegriffen. Sämtliche über vier Jahre eingeübten Mechanismen beruhten auf diesem System. Siegenthaler und Löw haben ihre Doktrin über Nacht aufgegeben, um einer zuvor verunsicherten Mannschaft Fußwerkzeug für ihre Defensive zu reichen. Das war eine kühne Entscheidung. Denn wäre die in nur einer einzigen Trainingseinheit eingeübte Taktik nicht aufgegangen, wären den beiden Gesinnungsgenossen der Verrat an den eigenen Idealen vorgeworfen worden. Aber offenbar ist es ihnen gelungen, den Spielern die Neuausrichtung verständlich zu machen. Man darf gespannt sein, was die gegen Kroatien und Österreich noch taktisch tapsigen Löw und Siegenthaler nun fürs anstehende Halbfinale aushecken.“

Spielertrainer?

Markus Völker (taz) spekuliert über eine Einflussnahme des Kapitäns (was einer Machtprobe gleichkäme): „Das neue 4-2-3-1-System war Grundlage des Sieges, aber woher kam die Neuerung; womöglich sogar vom Kapitän und Siegtorschützen höchstselbst? Darüber darf spekuliert werden, tauchte es doch bereits vorm Spiel in Bild auf und auch auf der ZDF-Taktiktafel Toni Schumachers. Steckte Ballack hinter diesen Indiskretionen? Wollte er damit den Druck aufs Trainerteam erhöhen? Sollten sie, Joachim Löw und Hansi Flick, gar nicht mehr anders können, als dem Wunsch des Chelsea-Spielers zu folgen? Fest steht jedenfalls: Im Vergleich zum WM-Turnier, das von einem kontrollsüchtigen und machtbewusstem Jürgen Klinsmann geprägt wurde, ist dieses Trainerteam schwächer. Das kommt Ballack zugute, der in England zum internationalen Star gereift ist. Damals, am Beginn des Sommermärchens, konnte man noch sehen, dass Klinsmann gegenüber Ballack das letzte Wort hatte: Es ging seinerzeit um ‚die Wade der Nation’. Ballack hatte Bild Informationen über den maladen Muskel gesteckt, und das passte Klinsmann gar nicht. Der ‚Capitano’ wurde gerügt. Ballack übte sich fortan in Zurückhaltung im Umgang mit seinen Spezies vom Boulevard. (…) Sollte Ballack wirklich der (Mit-)Initiator sein, dann gebührt ihm das Etikett ‚Spielertrainer’.“

NZZ: Niederlage an der Taktik-Tafel – Portugal wollte spielen wie immer, Deutschland reagierte richtig

Aus dem Nichts

Philipp Selldorf (SZ) spürt die traditionelle deutsche Konzentration wirken: „Die Ängste des schlauen Trainers Scolari bewahrheiteten sich: Löws Spieler siegten mit zeitgemäßen, aber eben auch mit typisch deutschen Mitteln, sie gewannen die Partie im Kopf. Neben all den Würdigungen für Löws Spielsystem, den berechtigten Hymnen auf Schweinsteiger, Podolski, Ballack oder Lahm muss daher auch der intakt überlieferten deutschen Fußball-Mentalität ein Kompliment gemacht werden. Gewisse Dinge ändern sich nicht: Der Kölner Dom steht in Köln, durch Hamburg fließt die Elbe – und Deutschland ist eine Turniermannschaft, die zur rechten Zeit weiß, wie man die entscheidenden Spiele gewinnt. Das ist auch im Jahr 2008, wo jeder über den wissenschaftlichen Fußball debattiert, eine Tatsache von Belang.“

Christof Kneer (SZ) rückt zurecht: „Praktisch aus dem Nichts hat die DFB-Elf das beste Turnierspiel hingelegt seit – ja, seit wann eigentlich? Die bis heute überhöhte WM 2006 scheidet als Vergleichsmaßstab aus, sie brachte eine überragende Halbzeit (gegen Schweden, nicht gegen Portugal), einen geordneten Auftritt gegen spielerisch bessere Argentinier und eine Niederlage gegen taktisch reifere Italiener. Womöglich muss man bis zur WM 1990 zurückblättern, um DFB-Turnierspiele von vergleichbarer Dichte, Struktur und Qualität zu finden. Zu solchen Partien gehören immer auch die Unzulänglichkeiten, etwa die des portugiesischen, nun ja, Torwarts oder die womöglich spielentscheidenden Fehler des Assistenten, der den Portugiesen ein eher korrektes Tor (wegen Abseits) wegwinkte, oder des Schiedsrichters, der Ballacks Schubser vor dem 3:1 übersah.“

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Wie ein Schuljunge

Christian Eichler (FAZ) befasst sicht mit den Portugiesen und den Ursachen ihrer Niederlage: „Luiz Felipe Scolari beklagte zu Recht, dass Ballacks Foul übersehen worden war. Doch anders als im Halbfinale der EM 2000, als sich die Portugiesen von einem Handelfmeter für Frankreich um den Lohn gebracht sahen, als mehrere Spieler ausrasteten und lange Sperren erhielten, überwog nun etwas, das ihnen besser stand: eine Mischung aus Melancholie und Sachlichkeit. Es war also wieder ein echter portugiesischer Fußball-Fado. Immer feiner Fußball, immer der Favorit sportlicher Romantiker – und dann, wenn es plötzlich vorbei ist, wirken sie ein bisschen überrumpelt und traurig, aber dann auch wieder so, als hätten sie heimlich gar nichts anderes erwartet. Die Wucht der Deutschen und deren Fähigkeit, wie ein Chirurg das Messer an die Schwachstelle des Gegners zu setzen, ließ die Portugiesen ohnmächtig zurück. Die Schwächen bei hohen Bällen in den Strafraum, speziell durch Standards, waren schon gegen Tschechien deutlich geworden – speziell bei Ricardo, dem einzigen Nationaltorwart in Europa, der es schafft, beim Herauslaufen im Sprung mit den Fäusten niedriger zu sein als der gegnerische Angreifer mit der Stirn. Schon das EM-Finale 2004 gegen den Griechen Charisteas hatte er so verloren, jetzt war er erst gegen Klose indisponiert und dann auch noch gegen Ballack. Die Deutschen waren einfach eine Nummer zu groß für die Portugiesen, im Durchschnitt sieben Zentimeter, und man sah es.“

Claudio Catuogno (SZ) befasst sich im Detail mit Portugals Defensivschwäche: „Cristiano Ronaldo ist einfach kein Abwehrspieler. Wie er versuchte, das 2:0 zu verhindern, das hatte fast etwas von Slapstick. Miroslav Klose hatte den Ball schon – halb mit dem Kopf, halb mit der Schulter – Richtung Tor gelenkt, da sprang auch Ronaldo in die Luft. Er stand zwar weit weg vom deutschen Stürmer und noch weiter weg vom Ball, trotzdem machte er einen großen, nutzlosen Satz, als gelte es allen zu zeigen: Seht her, ich kann auch ganz schön hoch springen! Ronaldo, der auf der anderen Seite des Spielfelds das Fußball-Repertoire beherrscht wie kein Zweiter, wirkte nun hilflos wie ein Schuljunge, der noch schnell eine willkürliche Zahl hinter das Gleichheitszeichen kritzelt, während ihm der Mathelehrer schon das Aufgabenblatt wegzieht. Fataler wirkte sich jedoch aus, dass auch jene Portugiesen nicht konsequent verteidigten, deren wichtigste Aufgabe es gewesen wäre. Allen voran Torwart Ricardo.“

Drei Stufen auf und ab

Ronald Reng (taz) ärgert sich am Beispiel Cristiano Ronaldo über „Hosianna“ und „Kreuzigt ihn!“: „Stars wie er, die von Medien schon vor dem Turnier ausgerufen werden, ereilt meistens dasselbe Schicksal in drei Stufen. Erste Stufe: Sie werden, bevor ein Ball gespielt ist, in den Himmel geschrieben. Zweite Stufe: Die Medien werden ihrer eigenen Worte müde und bemerken, heuchlerisch erstaunt, dass da ja noch andere in seiner Elf spielen. So erschienen in der Vorrunde all diese Texte mit dem Inhalt ‚Deco ist Portugals wahrer Star’. Dritte Stufe: Seine Elf scheidet aus, und plötzlich war alles schlecht, der Star eine Riesenenttäuschung. So wird es natürlich auch mit Ronaldo geschehen. Aber: Ronaldo hat eine ordentliche EM gespielt. Er schenkte dem Turnier genügend Momente, in denen seine Einzigartigkeit für jeden zu erkennen war. Wie er etwa den Ball mit der Hacke an Arne Friedrich vorbeilegte, sich drehte und auf und davon war – welcher andere Fußballer kann das schon? Es gelang Ronaldo nicht, Portugal zu ähnlicher Einmaligkeit zu führen – aber wie konnte man das auch erwarten? Es war schon vor der EM wahrscheinlicher, dass etwa Spaniens medial missachteter Spielmacher Xavi ein Star des Turniers werden könnte, als dass es Ronaldo würde – weil Xavi in einer Elf spielt, die einen Tick besser organisiert, mit weniger Wundstellen versehen ist als Portugal.“

Mangel an individueller Klasse

Matti Lieske (Berliner Zeitung) ordnet das 3:2 über Portugal in die Löw-Ära ein: „Es war ein merkwürdiger und gewundener Weg, der das deutsche Team vom ersten Spiel unter der Ägide der Trainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw, einem 3:1 in Wien am 18. August 2004 gegen Österreich, bis ins Halbfinale der EM 2008 geführt hat. Es gibt ein Grundmuster, das sich wie ein roter Faden durch alle 60 absolvierten Spiele seit dem August 2004 zieht: Die Mannschaft hatte kaum Probleme mit schwächer besetzten Teams, den so genannten Kleinen, die der Teamchef Rudi Völler einst so fürchtete. Sie lieferte ihre besten Partien gegen starke selbstbewusste Mannschaften, die in ihrer Taktik wenig Rücksicht auf den Gegner nahmen, sondern auf ihr eigenes Offensivspiel vertrauten. Und sie hatte massive Schwierigkeiten mit gut organisierten Teams, die kompakt standen und vordringlich daran interessiert waren, das deutsche Spiel zu zerstören. Wenn der Mannschaftsverbund nicht funktionierte, zeigte sich, dass es an absoluter individueller Klasse fehlte. (…) Die Kroaten legten alle Schwächen des deutschen Teams bloß. Mannschaften wie Kroatien können es sich nicht leisten, nur ihren Stärken zu vertrauen und jene der Gegner einfach zu ignorieren. Sie wissen, dass die Deutschen gut genug sind zu glänzen, wenn man sie spielen lässt, aber selten gut genug waren um zu bestehen, wenn man ihnen den Raum nimmt und sie permanent unter Druck setzt. Nach dem Coup gegen Portugal ist dem Team von Löw aber zuzutrauen, dass es sogar das bis Mittwoch noch lernt.“

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