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EM 2012

Manuel Neuer: Zu schade fürs Tor?

Kai Butterweck | Montag, 10. Oktober 2011 Kommentare deaktiviert für Manuel Neuer: Zu schade fürs Tor?

Nach dem ungefährdeten Sieg gegen die Türken heimst die deutsche Nationalelf viel Lob ein. Torwart Manuel Neuer wird dabei besonders gefeiert.

Thomas Seibert (Tagesspiegel) überreicht Manuel Neuer die Trophäe für den Spieler des Abends: „Dass es auch von Nachteil sein kann, wenn man sich gut kennt, musste Hamit Altintop in Istanbul schon früh erkennen. Als der türkische Nationalspieler in der fünften Minute frei im Strafraum der deutschen Nationalmannschaft auftauchte, stand nur noch Manuel Neuer, sein ehemaliger Mannschaftskollege von Schalke 04, zwischen dem Ball und dem türkischen Führungstreffer. Aber was heißt nur? Torhüter Manuel Neuer ragte beim 3:1 der deutschen Nationalmannschaft im EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei aus einem überzeugenden Team besonders heraus. Und das nicht nur, weil er in der fünften Minute Altintops Schuss mit einem Reflex parierte, der auch Lucky Luke neidisch gemacht hätte.“

Christian Kamp (FAZ) berauscht sich an Manuel Neuers Fähigkeiten aktiv am Spiel teilzunehmen: „Natürlich ließe sich nun einwenden, dass bei aller Planmäßigkeit des ersten Treffers, bei dem Neuers schneller, weiter und präziser Abwurf den Weg bereitete, der zweite doch etwas glücklich zustande gekommen war: ein Befreiungsschlag, der eher eine ungefähre als eine präzise Richtung hatte (zudem war Götzes Pass gar nicht für Müller gedacht). Doch das Prinzip war das Gleiche. Dass der Torwart sich neben seinen Aufgaben als Verhinderer, die schon länger um die eines Ersatz-Liberos erweitert sind, zugleich als Beschleuniger und erster Kreativspieler seiner Mannschaft betätigt. Ein Oliver Kahn pflegte zwar mit titanischer Wucht abzuschlagen, meist aber in einer solch steilen Flugkurve, dass sich jede Abwehr bis zum Wiedereintritt des Balles in spielnahe Sphären bequem sortiert hatte. In der Generation Neuer ist das Prinzip des schnellen Umschaltens zur Überrumpelung des Gegners in der letzten Reihe angekommen.“

Es wird Enttäuschte geben

Michael Ashelm (FAZ) warnt vor den Tücken der Zukunft: „Seit langem hat die erste Fußballauswahl des Landes nicht aus solch einem reichen Personalreservoir schöpfen können. Nicht wenige Positionen auf dem Feld sind doppelt auf Top-Niveau besetzt. Doch das hochklassige Überangebot stellt zugleich besondere Anforderungen an die Führung der Mannschaft. Nicht jeder Spieler wird verstehen, wenn ihm ein anderer vorgezogen wird. Schließlich ist die Einladung in den erlauchten Fußballkreis schon ein halbes Versprechen. Es wird Enttäuschte geben, die zu Hause in ihren Vereinen eine wichtige Rolle spielen, aber in der Nationalelf nur bloße Aushilfen bleiben. Dieses menschliche Hochleistungssystem in der Balance zu halten, wird für Joachim Löw nicht einfacher werden. Nicht nur sportlich sind die richtigen Typen fürs Team auszuwählen. Die Voraussetzungen, dass es funktioniert, sind allerdings gut.“

Peter Ahrens (Spiegel Online) adelt Thomas Müller: „Es ist an der Zeit, eine Lobeshymne auf den Münchner anzustimmen. In den vergangenen Wochen waren es andere, die die Aufmerksamkeit in der Nationalmannschaft auf sich zogen: Mario Götze begeisterte gegen Brasilien, Mesut Özil führte das Team zum Sieg über Österreich. Müller war in beiden Spielen schon einer der Besten gewesen. Diesmal stahl ihm niemand in der Offensive mehr die Schau. Beim 3:1-Erfolg der DFB-Elf in der Türkei war der Bayern-Spieler der überragende Mann: Ein Tor machte er selbst, die beiden anderen bereitete er vor. Müller ist im vergangenen Monat 22 Jahre alt geworden, er hat vor anderthalb Jahren sein allererstes Länderspiel absolviert. Dennoch gehört der Münchener schon so sehr zum Stammpersonal der Nationalelf, dass seine guten Leistungen von der Öffentlichkeit als beinahe selbstverständlich hingenommen werden.“

Entspannt und konzentriert

Thomas Winkler (taz) applaudiert der deutschen Nationalelf: „Tatsächlich war es erstaunlich, wie die  Mannschaft von Jogi Löw auftrat. Nämlich einerseits so entspannt, wie es einem Spiel zustand, das für sie keine große Bedeutung mehr hatte, weil die Europameisterschafts-Qualifikation längst geschafft ist. Andererseits aber auch konzentriert in den entscheidenden Momenten und sich der eigenen Stärken bewusst.“

Philipp Selldorf (SZ) beschäftigt sich mit dem Fundament der deutschen Mannschaft: „Die Frage ist, ob die Erfolge der Bayern und der Nationalelf einen inneren Zusammenhang haben – außer der Tatsache, dass man sich das Personal teilt. Am Spielstil lässt sich eine Wechselwirkung kaum ablesen. Löws Mannschaft hat ein eigenes Profil, aber der Bundestrainer dürfte trotzdem oft dankbar an seinen Münchner Kollegen denken. Jupp Heynckes hat einen florierenden Betrieb installiert, in dem Schweinsteiger, Badstuber und Müller bei Laune bleiben; er hat Kroos zu alter, neuer Blüte verholfen, er hat durch Lahms Seitenwechsel das Linksverteidigerproblem der Nationalelf gelöst; und nicht zuletzt lässt er Boateng als Rechtsverteidiger für den Einsatz im DFB-Team üben. Das alles sieht fast nach Zusammenarbeit aus.“

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Nur wenige Akteure können sich mittlerweile ein schlechtes Spiel erlauben

Christian Spiller (Zeit Online) kennt das Erfolgsgeheimnis der Mannen von Jogi Löw: „Ein Grund für die hohe Arbeitsmoral aller deutschen Nationalspieler ist die derzeitige Konkurrenzsituation. Früher, in Zeiten des deutschen Rumpelfußballs, galt der Trip zur Nationalelf als Erholungsreise. In Ermangelung guter Spieler konnten sich viele eines Stammplatzes sicher sein und lieferten ohne Furcht das ein oder andere Gurkenspiel ab. Ein knappes Jahr vor der EM 2012 ist das Angebot an talentierten, deutschen Spielern so groß, dass sich nur wenige Akteure auch mal ein schlechtes Spiel erlauben können. Der neunte Sieg im neunten Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2012 war kein Fest, wie die Partie gegen Brasilien im August, von der man sich noch eine Weile erzählen wird. Dafür fehlte es an Präzision in der Offensive, aber auch an Klasse des Gegners. Der Sieg zeigt vielmehr, dass sich in der Nationalmannschaft junge Männer zusammen gefunden haben, die genau wissen, was sie zu tun haben und ihre Aufgabe mit der Seriosität eines Sparkassendirektors erledigen.“

Der türkische Fußball leidet unter einem Mangel an qualifizierter Jugendarbeit

Thomas Hummel (SZ) sorgt sich um den türkischen Fußball: „Es ist selbst vom größten türkisch-nationalen Fanatiker nicht mehr von der Hand zu weisen, dass der Fußball in der Türkei eine Krise durchläuft. Da ist einerseits der Manipulationsskandal um Meister Fenerbahce. Noch immer sitzt Präsident Aziz Yildirim in Haft, im Zuge des Verfahrens wurden 30 Spieler und Offizielle vorrübergehend verhaftet, der Verband musste schließlich Fenerbahce auf Druck der Uefa aus der Champions League nehmen. Die Turbulenzen in der Liga sind aber nur der sichtbarste Teil der Misere. Der türkische Fußball leidet unter einem Mangel an qualifizierter Jugendarbeit. Vor allem die enorm einflussreichen Großklubs in Istanbul vernachlässigen seit vielen Jahren den Nachwuchs.“

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