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Bundesliga

Anthony Modeste – Das XXL-Toremonster

Kai Butterweck | Montag, 20. März 2017 2 Kommentare

Trotz fast schon in den Kniekehlen hängender XXL-Hose schenkt Anthony Modeste der Berliner Hertha drei Buden ein. Außerdem: Ruhige Töne aus Frankfurt und Gelsenkirchen, Jubel in München und eine halbe Liga im Abstiegskampf

Anthony Modeste trifft, trifft und trifft. Stefan Hermanns (Tagesspiegel) macht große Augen: „Der Franzose ist der Meister des ersten Kontaktes. Seinen ersten Treffer erzielte er per Direktabnahme mit seinem schwächeren linken Fuß. Beim zweiten nahm er den Ball im Lauf perfekt mit der Hacke mit und schoss ins lange Eck, beim dritten schließlich wählte er nach langem Sprint die kurze Ecke. Timo Horn kennt Modeste nur aus dem Training, aber das reicht ihm, um Mitleid mit seinen Torhüterkollegen zu empfinden: „Du kannst nur schwer spekulieren, wo er hinschießt, weil er so variabel ist.“ Das Ergebnis ist eine beängstigende Effizienz vor dem Tor.“

„Das ist ja nur eine Quote von 60 Prozent“

Daniel Theweleit (Spiegel Online) amüsiert sich im Pressebereich des 1. FC Köln: „Es gehört einiger Mut dazu, dem Kölner Manager Jörg Schmadtke eine Frage zu seinem Stürmer Anthony Modeste zu stellen. Als das nach dem 4:2-Sieg des FC gegen Hertha BSC in kleiner Runde im Presseraum jemand wagte, wich schlagartig jede Freude aus Schmadtkes Gesicht. Hier standen nur noch Reporter, die den 1. FC Köln permanent begleiten, Experten, die genau wissen, wie allergisch die Verantwortlichen reagieren, wenn der Personenkult um einen einzelnen Spieler alles andere zu überstrahlen droht. Also sagte der Kölner Manager im Tonfall eines vernichtenden Urteils: „Tony hat heute fünfmal aufs Tor geschossen, aber nur drei Tore gemacht, das ist ja nur eine Quote von 60 Prozent.““

In Berlin winkt man nach der sechsten Auswärtsschlappe in Serie nur noch frustriert ab. Paul Linke (Berliner Zeitung) steht grübelnd neben der BSC-Trainerbank: „Dardai versteht diese miese Auswärtsbilanz mit jeder Niederlage ein bisschen weniger. Liegt es an der Rasentiefe? Der Platzbreite? Der Luft? An unbequemen Hotelbetten? Sollen sie anders spielen? Die eigene Idee des gepflegten Kurzpassspiels verraten? Einfach nur tief stehen und warten, was der Gegner macht? Die schier verzweifelte Sehnsucht nach einem schlechten Spiel, dass sie trotzdem irgendwie nicht verlieren, wird immer größer.“

Nach der Nullnummer gegen den HSV herrscht in Frankfurt miese Stimmung. Ingo Durstewitz (FR) verabschiedet sich von Europacup-Träumereien: „Es wird überdeutlich, dass die Frankfurter, wie fast traditionell in einer Bundesligarückserie, jedes einzelne Pünktchen mühsam werden einsammeln, sehr viel malochen und zerren müssen, bis sie diese Saison beendet haben. Wo die Hessen am 20. Mai einlaufen werden, lässt sich natürlich nicht vorhersagen, zurzeit spricht einiges dafür, dass es eher nicht Platz fünf, sechs oder sieben, sondern eher Rang neun, zehn oder elf sein wird.“

Abwarten und Punkte holen ist besser

Auch in Gelsenkirchen backt man kleinere Brötchen. Manfred Hendriock (derwesten.de) freut sich über jeden gewonnen Zähler: „Wichtig waren diesmal wirklich allein die Punkte. Und weil die Bundesliga in diesem Jahr ausgeglichener denn je ist, ist der sechste Tabellenplatz (vier Punkte Rückstand) jetzt wieder näher als die Relegation (sechs Punkte Vorsprung). Mit anderen Worten: Die verrückte Bundesliga bietet Schalke für den Endspurt noch alle Chancen. Aber man tut gut daran, davon erst einmal gar nicht groß zu reden. Abwarten und Punkte holen ist besser.“

Weiter oben in der Tabelle ziehen die Bayern unbeirrt ihre Kreise. Oliver Fritsch (Zeit Online) ist beeindruckt: „Die Bayern haben zwar nicht mehr das Tempo der vergangenen Jahre, aber sie erlangten ein Übergewicht. Es ist bewundernswert, wie souverän und strukturiert die Mannschaft Woche für Woche Fußball spielt. Immer auf Sieg, mit weniger ist sie nicht zufrieden. Und haben wir das richtig gesehen, dass Thomas Müller, wer sonst, beim Tor des Tages zwischen Ballannahme und Schuss die Zeit fand, mit einer Art oberbayerischem Duckwalk Chuck Berry zu gedenken?“

Warum soll man Scheißfußball schauen?

Und ganz unten im Keller? Da bekommt Peter Unfried (taz) vom Gemurkse auf dem Rasen fast schon Ausschlag: „Warum soll man Scheißfußball schauen, damit man im nächsten Jahr wieder Scheißfußball schauen muss? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn und schon gar keinen Spaß. Die Antwort ist offensichtlich: Es geht nicht um Fußball. Es geht um Teilhabe an „Erstklassigkeit“. Für den Klub, die Stadt, den Fernsehfan und auch den Stadionzuschauer. Wenn sich diese Teilhabe in Scheißfußball materialisiert, sei’s drum. Hauptsache, erstklassiger Scheißfußball. Diese Abstiegs­angst entspricht der einer Gesellschaft, die nicht in der Lage ist zu fragen, worum es eigentlich geht, weil sie komplett darauf fixiert ist, den Status zu erhalten, der sie kirre und starr macht.“

Peter Penders (FAZ) verschickt massenhaft blaue Briefe: „Diesmal werden vermutlich so viele Punkte wie schon lange nicht mehr nötig sein, um die Extraschicht am Saisonende zu verhindern. Wer nach der Hinrunde oder selbst gerade eben noch auf die Europa League schielte, kann ganz schnell mittendrin im Kampf um den Klassenverbleib sein. Bayer Leverkusen etwa ist nur fünf Punkte von Platz sieben entfernt, der in dieser Spielzeit für eine Teilnahme am internationalen Fußball nach dem Sommer ausreichen könnte – aber auch nur vier Zähler von jenem Relegationsplatz, der am Ende eine ganz große Krise auslösen könnte.“

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Kommentare

2 Kommentare zu “Anthony Modeste – Das XXL-Toremonster”

  1. Charly
    Dienstag, 21. März 2017 um 23:24

    Spannender Moment, als sich Modeste mit Rutschhose dem Ziel näherte.
    Wird er einnetzen, bevor ihn das Beinkleid zu einer unfreiwilligen Schwalbe zwingt? Wird das SocialNet andererseits gelb fordern?
    Alles gut gegangen. Puh.

  2. Charly
    Montag, 27. März 2017 um 22:28

    > Hauptsache, erstklassiger Scheißfußball.<

    Peter Unfried (TAZ) sagt wie`s ist.
    Und als Wolfsburg-Kommentator hat er allen Grund für jedwede Reflexion. Unvergessen bleiben Grafite, Dzeko und Felix.

    Doch welche und wie viele Spiele guckt ein nicht eingeborener Fan, wenn er guten Fußball genießen möchte, ohne mit heimischen Nebensächlichkeitem zugedröhnt zu werden?

    Man munkelt: BVB gegen BAY gegen GLA gegen …? Vielleicht FBG, HOF und LEV wegen ihrer angriffslustigen Spielweise? Who knows?

    Wenn man nicht bedingunglos einem Verein hörig ist, beträgt die signifikante Spielanzahl weit weniger als 34, ich schätze sie auf 9 bis 12.

    Bin gespannt, wie lange DFL, SKY u.a. ihr Maden-Dasein leben können.
    Als Sportjournalist würde ich eine kommende Deadline im Auge haben, bevor die Post abgeht.

    Der Speck sind übrigens die Konsumenten.

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