indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ascheplatz | Bundesliga

Sportliche Dynastien sind meist nicht von langer Dauer

Oliver Fritsch | Donnerstag, 18. April 2002 1 Kommentar

Die NZZ (18.4.) über die Probleme von Bundesligavereinen, Sponsoren zu finden: „Ein Unglück kommt selten allein. Nach der Pleite von Kirch öffnet sich in den Geldbeuteln der Klubs der Fußball-Bundesliga ein weiteres Loch. Die Mehrheit der Vereine wird immer uninteressanter für Trikotsponsoren, und ein kleinerer Teil hat bereits jetzt grosse Probleme. Von den derzeitigen 18 Klubs suchen fünf noch einen Werbepartner für die neue Saison (…) Die Schere in der Bundesliga zwischen Reich und Arm geht damit noch weiter auseinander und trifft wiederum jene Klubs am härtesten, die auf einen Hauptsponsor ohnehin stärker angewiesen sind.“

Peter Sartorius (SZ 13.04.02) zum Thema Chancengleichheit, finanzielle Verteilung und Wettbewerb: „Die zu vermarktende Ware ist nicht die Mannschaft, sondern sie besteht, was die Bundesliga betrifft, aus den Spielen von 18 Wettbewerbsteilnehmern, unter denen es immer genauso viele Verlierer wie Gewinner geben wird. Dafür, dass deren gemeinsames Produkt attraktiv bleibt, wären gleiche sportliche Voraussetzungen zwingend notwendig. Indes sieht die Realität so aus, dass sich im Fußballgeschäft mit Geld Erfolg erkaufen und mit Erfolg wiederum Geld erwirtschaften lässt – ein Mechanismus, der dazu führt, dass die Großen größer und die Kleinen kleiner werden, sportlich dürftiger und wirtschaftlich bedürftiger, und dies unabhängig davon, ob nach dem Kirch- Desaster die Preise für Fußballerbeine fallen oder nicht. Daran etwas ändern zu wollen, würde die Bereitschaft voraussetzen, heiligste Sportüberzeugungen über Bord zu werfen, nämlich auf das System des Auf- und Abstiegs zu verzichten, so dass die Liga eine langfristige wirtschaftliche und sportliche Planung vornehmen könnte, wie es, zum Beispiel, in den USA der Fall ist, wo der Profisport Teil des Showbiz ist, bei dem es innerhalb eines Marktsegments – sei es im Football oder Basketball – keinen Verdrängungswettbewerb gibt. Credo ist vielmehr die Konkurrenzfähigkeit der Mannschaften untereinander (…) Ein ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass bei Spielerverpflichtungen schwache Teams bevorzugt sind, und eine strikte Vereinbarung stellt sicher, dass nur bis zu einer Höchstgrenze Geld für ein Team fließen kann. Sportliche Dynastien sind darum meist nicht von langer Dauer.“

Ralf Wiegand (SZ 10.04.02) sorgt sich um die Chancengleichheit in der Bundesliga: „Zum Fußball gehört der Wettbewerbsgedanke, und zu einem fairen Wettbewerb gehört, dass die Kontrahenten wenigstens ähnliche Voraussetzungen haben. Der Spagat zwischen den Großen und Kleinen ist bisher irgendwie gelungen, auch deshalb, weil die Fernsehmillionen nicht nur reich, sondern auch gleich machen: Die Basis war für alle Klubs annähernd dieselbe. Nicht zu wissen, wie viel Geld demnächst zur Verfügung steht, betrifft die Ligazwerge, die ihr Kerngeschäft aus dem TV-Erlös bezahlen, mehr als die Riesen, die an der Börse und in der Champions League notiert sind (…) Schon in dieser Saison ist die Bundesliga in drei Klassen aufgeteilt, was der Langeweile Angriffsfläche bietet. Diese Situation kann sich verschlimmern, und dann wäre die „Werthaltigkeit“ des Produkts Bundesliga, welche die Manager gerne als Faustpfand gegen das Krisengerede anführen, ernsthaft gefährdet.“

Über überzogene Spielergehälter und deren zweifelhafte Rechtfertigungen sagt Reinhard Rauball, Sportjurist, in einem Interview (SZ 10.04.02): Es wird schon ab der kommenden Saison erheblich weniger Geld für die Ware Fußball geben. Es wird keine Marktkonstellation mehr geben, in der die bisherigen Summen realisierbar sind. Bisher wurden im Fußball zu viele falsche Parallelen gezogen. Nach dem Motto: Ein Weltstar im Fußball darf so viel verdienen wie ein Pavarotti. Pavarotti singt alleine – der Fußballer braucht mindestens ein Dutzend Mitspieler. Und als die Spieler Millionen verdienten, kamen die Trainer mit demselben Anspruch und dann die Manager. Das muss sich alles neu strukturieren. Vielleicht sollten wir in Zukunft alle Gehälter offenlegen, so wie es in den USA üblich ist.“

Im Feuilleton der FR (09.04.02) liest man: „Wenn es eine Kultur des Kapitalismus gibt, dann ist sie im Fußball ganz bei sich. Was in der politischen und sozialen Welt als Problem verhandelt wird, – Korruption, Menschenhandel, Globalisierung, Leistungsgerechtigkeit etc – wird im Fußball wie in einer Art Laborversuch auf nichts als seine Funktionstüchtigkeit hin betrachtet. Die Hemmungslosigkeit des deregulierten Markttreibens, das ein weltweites Netzwerk des Spielerhandels unterhält, wäre demnach keine in Kauf genommene Begleiterscheinung des Profifußballs, sondern ein Teil von dessen Idee.“

Hans-Jürgen Jakobs und Klaus Ott (SZ 08.04.02) erinnern an mögliche Verlierer der Kirch-Krise außerhalb des Rampenlichts: „Bislang ist viel über die Probleme der Profi-Klubs diskutiert worden, die bei einer Kirch-Pleite vor massiven Schwierigkeiten stehen, da sie in ihren aufgeblähten Etats optimistisch die von Kirch in Aussicht gestellten hohen Lizenzzahlungen zu Grunde gelegt haben. Damit konnten die Vereins-Manager zu sündteuren Konditionen Fußballkünstler aus Brasilien oder solide Handwerker aus Holland kaufen. Wenig die Rede war von all jenen Helfern, die Samstag für Samstag die Bundesliga im Fernsehen überhaupt erst möglich machen – nachmittags live bei Kirchs Abosender Premiere, abends bei ran auf Sat 1 oder im Sportstudio des ZDF (…) Die drohende Insolvenz des Münchner Medienunternehmens Kirch hat schlimme Auswirkungen auf viele sehr leistungsfähige Tochterfirmen, die ebenfalls von dem Sog erfasst werden, sowie auf deren Dienstleister. Beispielsweise die Firma des früheren Profi-Torwarts Manfred Müller, der Anfang der Achtziger Jahre mit dem FC Bayern München zwei Mal Meister und dann auch noch Pokalsieger wurde. Müller, der heute mit seinen Mitarbeitern die Bundesliga-Übertragungen technisch ermöglicht, hat ein eigenes Unternehmen namens Top-Vision sowie eine gemeinsame Firma mit der Plaza Media, die zum wankenden Imperium des Leo Kirch gehört. Sowohl Plaza Media als auch die mit Müller gehaltene Firma PMM warten auf viel Geld aus Leo Kirchs Hauptquartier. Das trifft viele freie Mitarbeiter, etwa Kameraleute, die wie andere Mitarbeiter auch auf ihr Geld warteten.“

Kommentare

1 Kommentar zu “Sportliche Dynastien sind meist nicht von langer Dauer”

  1. Reminiszenz an die Sache mit den sportlichen Dynastien von Oliver Fritsch | sportinsider
    Mittwoch, 14. August 2013 um 10:30

    […] veranlagt bin schaute ich dieser Tage in seine erste Arbeit vom 18. April 2002 unter dem Titel Sportliche Dynastien sind meist nicht von langer Dauer. Es geht um Sponsoren, Bundesligavereine die händeringend Trikotsponsoren suchen, fehlende […]

  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

119 queries. 0,945 seconds.