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Völler-Interview – Barcelona, ein holländischer Klub aus Katalonien

Oliver Fritsch | Donnerstag, 25. März 2004 Kommentare deaktiviert für Völler-Interview – Barcelona, ein holländischer Klub aus Katalonien

SZ-Interview mit Rudi Völler über seine Stürmer – Willi Reimann bestraft – geht der Trend nun zum Zweitklub? Roman Abramowitsch sponsert nun auch ZSKA Moskau – Italiens Regierung belohnt verschuldete Klubs – Barcelona, ein holländischer Klubs aus Katalonien (BLZ) – Israels Nationalspieler, „immer standen sie kurz vor der Qualifikation, immer wieder wurden sie enttäuscht“ (NZZ) – Dekadenz in Liverpools Stadien, „die neuen Fans sind ein unter New Labour zu Wohlstand gekommener Mittelstand“ (Zeit)

SZ-Interview mit Rudi Völler über seine Stürmer

SZ: Herr Völler, Ihre Nationalstürmer treffen in der Bundesliga seit Wochen nicht, ob Miroslav Klose, Kevin Kuranyi oder Benjamin Lauth. Oder sie sitzen, wie Fredi Bobic und Oliver Neuville, bei ihren Klubs nur auf der Bank. Sehen Sie das als eine momentane Krise oder als eine grundsätzliche?
RV: Wir müssen schon sehen, dass wir einen absoluten Weltklassestürmer herausbringen, wie ihn die Italiener mit Vieri und Totti, Spanien mit Raúl und Frankreich mit Henry und Trezeguet haben. Zuletzt sind wir in etlichen Spielen nämlich weniger an mangelnden spielerischen Mitteln gescheitert, sondern an unserer Abschlussschwäche. Das Spiel gegen die Färöer in Hannover war ein klassisches Beispiel. Eigentlich hätte es nach einer Stunde schon 5:0 für uns stehen müssen, wir aber haben uns zu einem 2:1-Sieg gezittert. Die Holländer haben uns im November 2002 in Gelsenkirchen mit van Nistelrooy abgestraft und später die Italiener in Stuttgart mit Vieri – in beiden Spielen hätten wir zumindest ein Unentschieden verdient gehabt.
SZ: Beim Blick in die Vergangenheit könnte man die These vertreten: Die Nationalmannschaft ist nur so gut wie es ihre Stürmer sind. Beim WM-Sieg 1974 war Gerd Müller stark, Sie selbst beim Titelgewinn 1990 oder Klinsmann und Bierhoff 1996 bei der EM in England. Sehen Sie den Zusammenhang auch so?
RV: Auf jeden Fall, das hat doch die letzte WM gezeigt. Zunächst war Klose überragend. Als er nicht mehr getroffen hat, hat Michael Ballack übernommen. Als der im Endspiel gesperrt war, hatten wir niemanden mehr.
SZ: Michael Ballack wird oft als torgefährlichster Mittelfeldspieler der Welt bezeichnet, zuletzt aber wurde in München darüber debattiert, ob er im offensiven oder defensiven Mittelfeld spielen soll. Verstehen Sie die Diskussion?
RV: Ja, bei ihm ist man als Trainer mitunter im Zwiespalt, weil er auf allen Positionen spielen kann. Aber was ihn stark macht, kann man am besten anhand seines Tors im WM-Halbfinale gegen Südkorea beschreiben. Da gibt es eine Kameraeinstellung, die Bilder werde ich nie vergessen, in der man gut sieht, wie Oliver Neuville außen am Flügel von drei Koreanern bedrängt wird. Im Grunde war die Situation tot, trotzdem startete Ballack vom Mittelkreis, kommt an den Ball und schießt das entscheidende Tor. Das sind Situationen, wie sie der FC Bayern und wir brauchen, denn Ballack hat im Grunde echte Stürmerqualitäten. Aber dazu muss er topfit sein, um diese weiten Wege zu gehen.
SZ: Zu weit dürfen sie aber nicht sein.
RV: Genau darin liegt der Zwiespalt, wo man ihn aufbietet. Ihm muss es gelingen, drei- bis viermal pro Halbzeit gefährlich vors Tor zu kommen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir vor dem EM eine gute Vorbereitung haben. Das müssen wir in Ruhe erarbeiten, wie auch das Zusammenspiel im Angriff. Das Wichtigste dort ist, dass der eine Stürmer dem anderen das Tor gönnt. Das hört sich harmlos an, ist aber entscheidend. Jürgen Klinsmann und ich haben nie gemeinsam in einem Klub gespielt, uns auf dem Platz aber prima verstanden. Da konnte einer dreimal hintereinander getroffen haben, man hat im vierten Spiel trotzdem den Ball wieder aufgelegt bekommen.
SZ: Ist das bei Ihrer Mannschaft so?
RV: Ja, ganz deutlich konnte man es sehen, als Kuranyi beim 3:0 in Hamburg gegen Island uneigennützig für Klose auflegte. Und so etwas gefällt mir.

Ein Unschuldslamm ist er nicht

Die FR (25.3.) bejaht die Strafe gegen Willi Reimann: „Reimann hat vom Sportgericht – zu Recht – einen Denkzettel verpasst bekommen. In einer Zeit, da sich die Liga als Marke profilieren will und sich die Bemühungen um einen neuen TV-Vertrag nicht einfach gestalten, kann sich die Bundesliga derartige Entgleisungen ihrer Protagonisten schlicht nicht erlauben. Die Bilder vom wütenden Reimann, der selbstgefällig den vierten Offiziellen schubste, sind in einer Art Endlosschleife über die Mattscheibe geflimmert. Reimann wird künftig damit leben müssen, dass die Menschen diese Bilder vor Augen haben, wenn von ihm die Rede ist. Diesen Rucksack wird er noch eine Weile schleppen müssen. Das Sportgericht hat mit seinem Spruch auch deutlich gemacht, dass sich der 54 Jahre alte Fußball-Lehrer künftig nicht mehr viel zuschulden kommen lassen darf. Es war ein Schuss vor den Bug, Reimann muss sich unter Kontrolle halten – allem Stress und Druck zum Trotz. Trainer haben immer auch Vorbildfunktion. Zu seinen Gunsten konnte ins Feld geführt werden, dass er nie zuvor aktenkundig geworden war. Reimann hat einen guten Leumund, er gilt, zumindest außerhalb Frankfurts, als besonnen und ruhig. Doch er kann auch anders, ein Unschuldslamm ist er nicht.“

Investition in den russischen Fußball?

Roman Abramowitsch sponsert nun einen zweiten Verein: ZSKA Moskau, „mit atemraubender Summe“, Markus Wehner (FAZ 25.3.) ringt nach Atem: „Umstritten ist in Rußland freilich, ob es sich bei den Millionen für ZSKA lediglich um eine generöse Geste des Milliardärs handelt, mit der er sein schlechtes Image zu Hause aufbessern will, oder aber um eine Investition in den russischen Fußball, die sich lohnen soll. Die Zweifel an letzterer Annahme sind groß, denn alle Klubs der russischen ersten Liga schreiben tiefrote Zahlen. Sie lebten fast allein vom Reichtum ihrer Besitzer und seien unfähig, selbst Geld zu verdienen, schreibt die Wirtschaftszeitschrift „Expert“. Von den 167 Millionen Dollar, die die russischen Erstligaklubs im vergangenen Jahr ausgegeben haben, sind mehr als 130 Millionen von den Besitzern zugeschossen worden, hat die Zeitschrift nachgerechnet. Ähnlich wie in Italien oder Spanien steht für die russischen Vereine der sportliche Erfolg an erster Stelle. Um ihn endlich auch im europäischen Fußball zu erreichen, setzt man seit neuestem auf ausländische Trainer. Als erster tat das der Petersburger Klub „Zenit“ – Hauptsponsor ist der halbstaatliche Gigant Gasprom –, der den Tschechen Vlastimil Petrzela holte und dafür prompt mit dem zweiten Platz in der Meisterschaft belohnt wurde. ZSKA ist diesem Beispiel gefolgt und hat den Argentinier Artur Jorge verpflichtet, Spartak holte den Italiener Nevio Scala. Die Gehälter der beiden letztgenannten Trainer sollen eine Million Dollar im Jahr deutlich überschreiten. Auch spielen immer mehr Ausländer in der ersten russischen Liga, nicht zuletzt aus Südamerika. Auch hier lockt das Geld in die russische Kälte. Unverändert schlecht sieht es hingegen mit der Rentabilität und finanziellen Eigenständigkeit der Vereine aus und damit für die langfristige Gesundheit des russischen Fußballs. Marketing wurde in den vergangenen Jahren ebenso sträflich vernachlässigt wie die Bindung zu den Fans. Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten und Fanartikeln machen wenige Prozent des Gesamthaushalts aus. „Bis vor kurzem konnte man sogar vor leeren Stadien spielen, und das hat niemanden aufgeregt“, zitiert „Expert“ den Direktor des Moskauer Klubs „Dynamo“. Dem Rekordmeister Spartak fehlt sogar das eigene Stadion – allein die zuletzt erfolgreiche Mannschaft von „Lokomotive Moskau“ kann auf ein Stadion zählen, das europäischen Ansprüchen genügt. Nicht zuletzt deswegen hat der Verein der Eisenbahner eine stabil hohe Besucherzahl erreicht – im Gegensatz zu den meisten anderen Spitzenklubs. Obgleich diese Probleme erkannt sind, wird der russische Fußball mittelfristig auf das Geld der „Oligarchen“ angewiesen bleiben, die einen Teil ihres Profits aus Sportbegeisterung und zur Imagepflege für den einen oder anderen Klub ausgeben.“

Thomas Kistner (SZ 25.3.) kritisiert das Geschenk der italienischen Regierung an verschuldete Klubs: „Italiens Regierung unter dem Fußballklubchef Berlusconi will den Profivereinen für die nächsten fünf Jahre ermöglichen, Steuerschulden in Raten abzuzahlen. Die Klubs der Serie A und B schulden dem Staat insgesamt 510 Millionen Euro. Achgottchen, die Armen! Höchste Zeit, dass Vater Staat eingreift – mittelbar beträfe eine (sonst fällige) Reduzierung der Kickergagen ja zentrale Teile der Mittelstandswirtschaft; Hersteller von Luxuscabrios und Edelpretiosen oder die Betreiber von Beautyshops hätten böse Einbrüche zu beklagen. Nur: Belächelt werden darf Berlusconis jüngstes Bubenstück auch hierzulande nicht. Erst zwei Jahre ist es her, als die Bundesliga durch den Crash des Kirch-Imperiums ins Trudeln geriet und die Landesregierung Nordrhein-Westfalens zusammen mit anderen Ländern und dem Bund ernsthaft eine Ausfallbürgschaft für die fehlenden Fernsehgelder von 200 Millionen Euro erörterte. Als der öffentliche Protest auf Orkanstärke angeschwollen war, wandte sich die PR-süchtige Politikerschar flugs wieder ihren viereinhalb Millionen Arbeitslosen zu und den maroden Renten- und Gesundheitssystemen. In Berlusconi-Land verhallen solche Proteste ungehört, das vor allem ist der Unterschied.“

In ihrer Bewunderung für Cruyff vereinten sich Barcelona und Holland

Ronald Ren g (BLZ 25.3.) klärt die Identität des FC Barcelona: “Doktor Culé hat eigentlich nur montagmorgens Sprechstunde. Dann verwandelt sich der 44-jährige Sergi Pàmies, einer der angesehensten Schriftsteller Barcelonas, jede Woche in den Nervenarzt Culé und diagnostiziert unter diesem Pseudonym in der Tageszeitung El Pais den Gemütszustand des FC Barcelona. An diesem Dienstag aber gewährt Doktor Culé an seinem Küchentisch eine Privatsprechstunde, um deutschen Lesern eines der kuriosesten Phänomene des Profifußballs zu erklären: Wie Barça die beste niederländische Elf wurde. In 13 der vergangenen 16 Jahre hatte Barça einen niederländischen Trainer. Allein aus dem Team von Ajax Amsterdam, das 1995 die Champions League gewann, wechselten neun Spieler zum 16-maligen spanischen Meister. Wenn an diesem Donnerstag Barça, das nach vier mageren Jahren gerade neun Ligaspiele in Serie gewonnen hat und Tabellendritter ist, vor 100 000 Zuschauern zum Uefa-Cup-Achtelfinale gegen den vorjährigen Finalisten Celtic Glasgow antritt, wird die Elf des niederländischen Trainers Frank Rijkaard wieder zu fast der Hälfte mit Niederländern bestückt sein. Fünf Nationalspieler, Edgar Davids, Patrick Kluivert, Marc Overmars, Michael Reiziger und Philip Cocu, sowie Giovanni van Bronckhorst gehören zum Kader. Solch ein Einfluss einer ausländischen Nation ist im modernen Fußball einmalig. Doktor Culé weiß, wie es dazu kam: „Armand Carabén, der damalige Barça-Geschäftsführer, nahm Anfang der siebziger Jahre ein holländisches Mädchen beim Autostopp mit“, sagt er. Carabén heiratete die Tramperin, fuhr oft zu den Schwiegereltern nach Holland und schaffte es dort 1973, Johan Cruyff für Barça zu gewinnen. Cruyff war eine Erscheinung für Katalonien. Pàmies reduziert die Stimme auf ein Flüstern: „Damit wir uns verstehen: In Spanien herrschte die Franco-Diktatur, und da kam dieser langhaarige Junge, machte Werbung für Unterhosen – und spielte Fußball, wie es noch niemand gesehen hatte.“ Cruyff schenkte Barça die größten Siege seiner Geschichte: als Spieler 1973 ein 5:0 über den ewigen Rivalen Real Madrid, als Trainer 1992 das 1:0 über Sampdoria Genua im Europacupfinale. In ihrer Bewunderung für Cruyff vereinten sich Barcelona und Holland. (…) Was bleiben wird, ist die besondere Verbindung zwischen Barça und den Niederländern. Wobei Doktor Culé natürlich den wahren Grund dafür kennt: „Die gute Flugverbindung Amsterdam – Barcelona mit acht Direktflügen täglich.““

Immer standen sie kurz vor der Qualifikation, immer wieder wurden sie enttäusch

Die Uefa verweigert israelischen Teams aus (Un-)Sicherheitsgründen das Heimrecht; Stefan Mayr (NZZ 25.3.) blättert in der Fußball-Chronik Israels: „Es geschah am 7. Juni 1970 im Estadio Luis Dosal in Toluca in Mexiko. „Es waren 25 Meter, es herrschte starker Rückenwind und das Tor muss Richtung Jerusalem gestanden haben“, sagt Mordechai Spiegler schmunzelnd. Der damalige Captain der israelischen Nationalauswahl hatte aus der Distanz sein Glück mit dem linken Fuss versucht. Der Ball fand den Weg ins Netz, sein Name in die Geschichtsbücher des Landes. Es war das 1:1 gegen Schweden in der Vorrunde der Weltmeisterschaft 1970, das erste und bis heute einzige Tor Israels an einer WM. Spiegler und seine Mitspieler schieden zwar nach einem 0:2 gegen den späteren Viertplacierten Uruguay und einem respektablen 0:0 gegen den nachmaligen WM-Zweiten Italien vorzeitig aus, wurden bei der Landung in Tel Aviv aber von 30 000 Menschen empfangen wie die Weltmeister. Ein Tor und zwei Punkte – das hatte alle Erwartungen übertroffen in dem 22 Jahre jungen Land. Hatte es 1954 in Deutschland nach dem Wunder von Bern geheissen: „Wir sind wieder wer“, so dachten 1970 die Israeli nach dem Tor von Toluca: „Wir sind jetzt da.“ Erst drei Jahre zuvor hatten die Spieler im Sechstagekrieg noch um die Existenz ihres Staates gekämpft, jetzt hatten sie der Welt erstmals gezeigt, dass sie auch Fussball spielen können. Nach Toluca verschwand Israel allerdings wieder in der Zweitklassigkeit. Seit 33 Jahren warten die Fans zwischen Mittelmeer und Jordan vergeblich auf den nächsten grossen Auftritt ihrer „Nivchéret“ (hebräisch für Auswahl). Immer standen sie kurz vor der Qualifikation, immer wieder wurden sie enttäuscht durch vermeidbare Niederlagen oder gar Skandale wie 1999. Damals war Israel der Europameisterschaft so nahe wie nie zuvor. Mit dem spektakulären 5:0 in Österreich hatten die Israeli den zweiten Platz in ihrer Gruppe erreicht. Dieser berechtigte zu Entscheidungsspielen gegen Dänemark. Das Nationalstadion in Ramat Gan war ausverkauft, ganz Israel träumte von einem zweiten Toluca – und sah eine blamable 0:5-Niederlage. Wenig später wurde eine Ursache des Debakels bekannt: In der Nacht vor dem wichtigsten Match seit Jahren hatten sich vier Spieler mit Callgirls amüsiert. (…) Einen Trost nach den Enttäuschungen der „Nivchéret“ boten in jüngster Zeit die Vereinsmannschaften. Seit 1991 spielen die Israeli in den europäischen Wettbewerben mit, nachdem sie zuvor eine Odyssee über die gesamte Weltkugel absolviert hatten. 1956 schloss sich die IFA der Asiatischen Fussballkonföderation (AFC) an, wurde aber in den siebziger Jahren nach Boykotten von muslimischen Ländern wieder ausgeschlossen. Fortan wurden die Israeli bis nach Amerika und Ozeanien herumgereicht – dadurch hat die IFA als einziger Verband auf allen Kontinenten WM-Qualifikationsspiele absolviert. Seit 1993 ist die Israel Football Association Vollmitglied der Uefa, und spätestens seit 2002 sind die Vereine Maccabi Haifa oder Hapoel Tel Aviv in Mitteleuropa ein Begriff. Die Tel Aviver stiessen 2002 bis in den Viertelfinal des Uefa-Cups vor, in dem sie der AC Milan nur knapp unterlagen. Haifa zog 2003 sogar in die Champions League ein und erregte dort Aufsehen mit zwei 3:0-Siegen gegen Olympiakos Piräus und Manchester United. Mit diesen Erfolgen bescherten die Mannschaften ihrem Land für die Saison 2004/05 erstmals zwei Plätze in der Champions-League-Qualifikation und zwei weitere im Uefa-Cup. Aber in der jetzigen Saison konnte dieser Trend nicht bestätigt werden. Der Meister Maccabi Tel Aviv scheiterte in der Champions-League-Qualifikation an Zilina aus Slowenien. Auch alle anderen israelischen Teams schieden früh aus. Ein Grund hierfür ist sicherlich das Heimspielverbot der Uefa. „Das ist ein unüberwindbares Hindernis“, klagt der Internationale Tal Banin. Die IFA-Verantwortlichen stehen in ständigem Kontakt mit den Uefa-Funktionären, um das Verbot aufzuheben. Sie bieten Sicherheitsgarantien und verweisen auf die Basketballer, die alle Länder- und Europacup-Spiele in heimischen Hallen austragen dürfen. Sogar zwei freundschaftliche Fussball-Länderspiele fanden bereits ohne Zwischenfälle in Ramat Gan statt, die Fifa hatte diese erlaubt. Doch die Uefa hielt bisher an ihrem Verbot fest.“

Fritz Tietz (taz 25.3.) hat seinen Speicher aufgeräumt: „Ein Spiel dauert 90 Minuten. Dieser Lehrsatz gilt nach wie vor als einer der unumstößlichsten im Sport. Seine Wahrhaftigkeit offenbart sich denn auch immer wieder neu, wie die Mannen des niedersächsischen Fußball-Bezirksligisten SV Hesepe bestätigen können. Bis zur 89. Minute lagen sie gegen den bis dahin ungeschlagenen SC Lüstringen mit 2:1 in Front, als der Schiedsrichter einen Elfmeter gegen sie verhängte. Lüstringens letzte Chance. Hesepes Torwart aber hielt das Ding, und als er kurz darauf einen Pfiff hörte, knallte er den Ball siegesgewiss ins eigene Tor. Zu seinem Entsetzen musste er aber feststellen, dass der vermeintliche Abpfiff nicht vom Schiri, sondern von einem Zuschauer stammte. So stand es 2:2, und als der Schiri kurz danach tatsächlich abpfiff, hatte der SC Lüstringen „seine erste Saisonniederlage mit viel Glück verhindern können“. So lakonisch kommentierte jedenfalls ein Augenzeuge diesen Vorfall, der allerdings einige Jahrzehnte zurückliegt; ich entdeckte diesen historischen Spielbericht neulich auf einem vergilbten Zeitungsausriss, als ich mein Ausschnitte-Archiv entrümpelte. Und ihn zum Glück nicht entsorgte – kann uns doch Hesepes Schicksal auch heute noch anschaulich lehren, dass man keinen Tag vor dem Abpfiff loben, die Saison nicht voreilig abhaken und sich Werder Bremen erst nach dem letzten Spieltag als deutscher Fußballmeister wähnen sollte. Kein Wunder, dass Werder-Trainer Thomas Schaaf letzten Sonntag noch griesgrämiger als sowieso schon dreinschaute, als er von vorzeitigen Meisterschaftsgesängen seiner Spieler erfuhr. Vielleicht erzählt er seinen Leuten mal, wie es einst dem SV Hesepe erging. Oder was unlängst Erik Zabel passierte. Der hatte beim Rad-Klassiker Mailand-San Remo am Ende vorne liegend vorzeitig jubelnd die Arme hochgerissen und damit dem heranhechtenden Spanier Oscar Freire noch einen zentimeterknappen Vorsprung im Ziel ermöglicht. Was für ein selten dämlich verschenkter Erfolg!“

Die neuen Fans sind ein unter New Labour zu Wohlstand gekommener Mittelstand

Sehr lesenswert! Reiner Luyken (Zeit 25.3.) erstellt ein Soziogramm der Liverpooler Fan-Szene: „Hier ist ein Streit ausgebrochen, in dem Verschwörungstheorien blühen, jede Seite die andere des Falschspiels verdächtigt und unverrückbare Standpunkte mit religiösem Eifer verfochten werden. Von der „heiligen Dreieinigkeit der Kerncharakteristika eines Fußballvereins“ ist die Rede, von „verlorenen Seelen“ und dem „Glauben unserer Väter“. Der Streit geht um ein neues Stadion. 80 Millionen Pfund soll die supermoderne Arena kosten, zu der die allmächtige, mit vielen Euro aus dem Regionalentwicklungsfonds der EU ausgestattete North West Development Agency 30 Millionen Pfund beisteuern will. Unter einer Bedingung: Beide Clubs beteiligen sich an dem Projekt. Die Clubs wollen, aber der Anhang zieht nicht mit. „Wir geben doch nicht ein Jahrhundert Tradition für finanzielle Köder auf“, sagt Tony Barrett. Bislang hat in Großbritannien noch jeder Club sein eigenes Stadion, auch wenn er darüber in den Bankrott schlittert, wie gerade in Dundee geschehen, wo die beiden Vereine der Stadt ihre Heimspiele auf gegenüber liegenden Seiten derselben Straße austragen. Für eingeschworene Fans, die den Fußball mit der Muttermilch aufgesogen haben, ist das revolutionäre Vorhaben in Liverpool nicht nur ein Angriff auf Herkömmliches. Sie verabscheuen die Glättungstendenzen des modernen Sports, Bürokraten und Politiker, die der Glättung Vorschub leisten, und eine immer konformere Welt, in der ihnen, wie sie das sehen, ihre Identität geraubt wird. Evertons 40000 Besucher fassendes Stadion ist von außen ein seelenloses Ungetüm aus hoch aufragenden Profilblechwänden. Drinnen leben die Geister der Vergangenheit. Auf dem Spielfeld wurden über die Jahre die eingeäscherten Überreste Hunderter Fans ausgestreut. Auf einer den Rasen einfassenden Bordleiste sind ihre Namen verewigt. Auf Gedenktäfelchen stehen Texte wie dieser: „In liebendem Andenken an William Lyken, 1906–1997, ein wahrer Anhänger des Vereins, von seiner liebenden Frau Maie“. Ein Pressesprecher tut sein Bestes, die Anlage als in vielerlei Hinsicht „führend“ darzustellen – die 1969 errichtete Haupttribüne, die „erste dreistufige Tribüne Großbritanniens“, und die „erste unter einer Tribüne eingebaute Hochdruckzapfanlage“ der Budweiser-Brauerei. Aber zwei noch aus dem Jahr 1904 stammende Holztribünen lassen sich nicht verbergen. Balkendicke Planken, wie auf einer Brigg. In dem Milliardengeschäft Fußball hat so ein museales Gebilde eigentlich nichts mehr zu suchen. Die führenden Vereine Englands – Chelsea, Arsenal, Manchester United – spielen in neuen Stadien oder sind dabei, Arenen zu bauen. Everton krebst in der Abstiegszone herum, trotz seines 18-jährigen Wunderstürmers Wayne Rooney und etlicher Altstars, die für ihre Kickerdienste mit bis zu 38000 Pfund pro Woche belohnt werden – über viermal so viel, wie ein für den gesetzlichen Mindestlohn malochender Arbeiter in einem ganzen Jahr verdient. Die Fans halten dem Verein dennoch die Treue, kaufen im Souvenirshop die Videoaufzeichnung eines der letzten großen Triumphe, eines 3:1-Sieges über Bayern München im Halbfinale des Europacups der Landesmeister 1985. Sie sehen ihren Verein als people’s club, als Club des Volkes. So, wie Diana ihre people’s princess war. Einem wahren Evertonian ist die Vorstellung unerträglich, dass sich an Tagen, an denen seine Mannschaft auswärts spielt, auf seinem Stadionsitz der Hintern eines Liverpool-Anhängers breit macht. Es könnte ja der badge man sein, jener bei jedem Spiel mit Hunderten Blechabzeichen und Buttons übersäte Hanswurst! „Können Sie sich vorstellen, dass ich mit dem einen Platz teile?“ Da schüttelt es den Everton-Fan. Denn der badge man symbolisiert alles, was den FC Liverpool und seine Fans lächerlich macht: „Sie setzen sich komische Hüte auf und verwandeln jedes Spiel in ein Kostümfest. Sie nehmen ihren Fußball nicht ernst. Und sie geben sich der Illusion hin, sie seien immer noch ein großer Verein. (…) Mit dem Anbruch des Zeitalters globaler Fußballvermarktung durch Rupert Murdoch & Co merkten die Vereinsvorstände sehr schnell, dass mit den Hooligans kein Staat mehr zu machen war. Sie entdeckten, dass kommerzielle Events einträglicher sind als renitente Polterburschen. Sie bauten ganze Tribünenfluchten in komfortable Säle für Firmenempfänge um. 40 Säle sind es in Anfield, 120 im Stadion von Manchester United. Der alte Anhang wurde durch immer höhere Ticketpreise aus den Stadien gedrückt. 26 Pfund, umgerechnet 38 Euro, kostet der Eintritt zu einem Erstligaspiel des FC Liverpool jetzt, 465 Pfund die Jahreskarte, völlig außer Reichweite der meisten Bewohner der heruntergekommenen Sozialwohnungsviertel im Umkreis von Anfield und Goodison Park. Wer sich danebenbenimmt, wird hinausgeworfen und polizeilich verfolgt. Überall in Anfield hängen Plakate, auf denen steht, was verboten ist. Nicht nur rassistische Beschimpfungen und das Zünden von Feuerwerkskörpern, sondern auch „Fluchen“ und „von seinem Sitz Aufstehen“. Neulich entfalteten mit den Leistungen der Mannschaft unzufriedene Fans ein lakengroßes Spruchband: „Houllier muss gehen.“ Diese Kritik am Trainer wurde ungern gesehen und sofort entfernt. Früher brodelten hier die Emotionen. Heute bringen nicht einmal die Anhänger im einst berüchtigten „Kop“ einen anständigen Schlachtgesang zustande. Die neuen Fans sind ein unter New Labour zu Wohlstand gekommener Mittelstand. Sie zahlen, ohne mit der Wimper zu zucken, 40 Pfund für Nylon-T-Shirts in den Vereinsfarben, sie schmausen zur Halbzeit Sandwiches mit Krabben und marschieren nach dem Spiel brav zu den Parkplätzen, wo sie ihre BMWs und VW Golfs abgestellt haben. Niemand schreit, niemand pinkelt, niemand ist betrunken. Das neue Publikum hat auch wenig an einem gemeinsamen Stadion auszusetzen. Es sind Zuschauer, wie moderne Vereinsvorstände sie sich wünschen, willfährig und gefügig.“

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