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Bundesliga

Den Oscar des Abends haben sich die Fans beider Mannschaften verdient

Oliver Fritsch | Sonntag, 8. August 2004 Kommentare deaktiviert für Den Oscar des Abends haben sich die Fans beider Mannschaften verdient

Werder Bremen-Schalke 04 1:0

Roland Zorn (FAS 8.8.): „Was im Weserstadion zunächst nicht zu sehen war, wird die Geschichtsbücher der höchsten deutschen Fußballklasse anreichern, da sich 42000 Zuschauer über eine Stunde wie auf dem Bahnhof oder dem Airport vorkamen. Warten auf den Zug, Warten auf den Abflug, Warten aufs Spiel: Blackout in Bremen. Fünf Minuten vor dem geplanten Spielbeginn um 20.30 Uhr fiel der Strom in der Arena und den umliegenden Straßen und Häusern aus – nur die Flutlichtanlage, von einem Notstromaggregat gespeist, verbreitete taghelles, trügerisches Kunstlicht. Dagegen tappten die Fernsehtechniker von ARD und Premiere im Dunkeln. Auf den Bildschirmen des „Ersten“ trällerte Vicky Leandros – Ailton aber, gestern noch ein Star in Bremen, heute die Personifizierung der großen Schalker Saisonhoffnungen, dehnte und streckte sich im endlos langen Vorprogramm zur verspäteten Premiere. Als von 21.36 Uhr an, nach intensiven Krisengesprächen aller Beteiligten und der Versicherung der Bremer Stadtwerke, die düstersten Befürchtungen seien überwunden, der Ball endlich rollte, spielte der königsblaue Brasilianer wie alle Profis nur noch eine Nebenrolle. Der Fußball war, wie so oft nur behauptet wird, zur schönsten Nebensache der Welt geworden. Den „Oscar“ des Abends hatten sich längst die Fans beider Mannschaften verdient, aber auch die Spieler, die ihre Gefolgschaft wie gelernte Animateure bei Laune hielten. (…) Nur gut, daß Werder nach einer energiefreien ersten Halbzeit nicht saft- und kraftlos wirkte und im zweiten Durchgang dann doch noch mit etwas Glück und reichlich verspätet sein erstes Etappenziel der Saison erreichte. Die Nachtschicht hatte sich für die Grün-Weißen, vor allem für den erst nach 73 Minuten eingewechselten Stürmer Valdez, gelohnt. Der Paraguayer dringt auf einen Stammplatz im Bremer Angriff de luxe, in dem er und Ivan Klasnic derzeit die Funken zum Stieben bringen. Ailton und der starke Mladen Krstajic dagegen deuteten Alt-Bremer Qualitäten an, hatten auch ihre Torgelegenheiten und blieben doch letztlich freundliche Besucher am früheren Arbeitsplatz Weserstadion. Daß die Zeiten andere geworden sind, bekam Ailton zu spüren, als er nach Spielschluß lieber im dunklen Bremen bleiben wollte, als in den erleuchteten Schalker Bus einzusteigen. Die Bitte des Brasilianers beantwortete Trainer Jupp Heynckes mit einem eindeutigen Handzeichen. Damit war klar: Nach einem Abend zwischen Licht und Schatten mußte sich Ailton von seinem geliebten Bremen fürs erste wieder verabschieden. Er fuhr mit den Schalkern davon – ins natürliche Dunkel der Nacht.“

1. FC Kaiserslautern-1. FC Nürnberg 1:3

Martin Hägele (NZZaS 8.8.): „Es hätte ein neuer Anfang werden sollen. Nach all dem Theater und den Skandalen, die es in der Legionärstruppe des 1. FC Kaiserslautern in den vergangenen zwei Jahren gegeben hatte. Deutsch wurde offiziell zur Amtssprache, die Gehälter wurden reduziert, und neun Professionals, die zum Profil dieses volkstümlichen Klubs und der Region passen sollten, wurden verpflichtet. Doch um diese Vision des Vorstandsvorsitzenden René C. Jäggi ist es schon nach dem ersten Spieltag schlecht bestellt. Den „roten Teufeln“ wird es auch in dieser Saison nicht viel besser ergehen als in der vergangenen, weil es der Mannschaft an fussballerischer Klasse fehlt. Alt-Internationale wie Nerlinger oder Jancker sind nun mal keine Verstärkungen oder Führungs-Spieler; man hat diese Leute nicht ohne Grund in Glasgow und Udine aussortiert. Viele Anhänger haben den Betzenberg schon lange vorm Schlusspfiff verlassen; in der Gewissheit dass schon vom zweiten Spieltag an Abstiegskampf angesagt ist in der Pfalz. Aufsteiger Nürnberg demonstrierte dabei deutlich, woran es dem Ensemble Jaras fehlt. Diese Mannschaft ist sowohl mit den Beinen als auch in den Köpfen zu langsam.“

Thomas Klemm (FAS 8.8.): „Wenn der Auftakt der 42. Bundesligasaison ein Omen für den deutschen Fußball sein sollte – dann gute Nacht! Schwarzseher mögen sich bestätigt gefühlt haben am Freitag, als im Bremer Weserstadion erst nichts und dann wenig zu sehen war vom großen Kick. Nach dem mehr als einstündigen Stromausfall und dem folgenden neunzigminütigen Schwachstromfußball der Spitzenklubs von Bremen und Schalke scheine sich jene Tristesse fortzusetzen, die in der vorigen Saison herrschte, wenn deutsche Mannschaften in europäischen Wettbewerben antraten, könnten Pessimisten kritteln. Berufsoptimisten wie Wilfried Straub hingegen betrachteten den Blackout von Bremen scherzhaft als gutes Signal, sahen am Ende des Dunkels einen schillernden Auftakt für eine spannende Saison, wie ihn die DFL und ihr Geschäftsführer den Fußballfreunden hierzulande versprochen hatte. In der Düsternis kann man sich eben alles oder nichts vorstellen. (…) Bleibt der glorreichen Bundesliga und dem Nationalteam nur eines zu wünschen: Mehr Licht!“

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