indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Artifiziell

Oliver Fritsch | Dienstag, 6. Juni 2006 Kommentare deaktiviert für Artifiziell

Powered by Coca Cola – Christoph Biermann (SZ) widerspricht der Behauptung von der großen, guten Unterstützung der Mannschaft durch die deutschen Fans: „Auf die überbordende Herzlichkeit in Freiburg folgte in Leverkusen reserviertes Gegrummel. Nach dem 0:2-Rückstand gegen Japan waren sogar die grausigen ‚Wir-wollen-euch-kämpfen-sehn‘-Sprechchöre nicht zu überhören. Zum Abschluss der Vorbereitungs-Trilogie gab es in Mönchengladbach dann so etwas wie eine hoffnungsfrohe Mittellage. Die Mannschaft wurde gefeiert, aber es wäre deutlich übertrieben, von ekstatischer Begeisterung zu sprechen. Die Atmosphäre bei den Spielen des Nationalteams ist selten wie beim Vereinsfußball, weil eine große Zahl von Fans ins Stadion kommt, die sonst Fußball nur am Fernseher sieht. Auch die Bemühungen des Fanklubs der Nationalmannschaft, der von einem amerikanischen Getränkehersteller gesponsert wird, wirken seltsam artifiziell. In Leverkusen wie in Mönchengladbach versuchte er sich in Kurvenchoreographien im Stile von Ultras. ‚Noch 7 Tage – auf geht’s, der 4. Stern zum Greifen nah‘, war auf einem riesigen Transparent am Fuße der Kurve zu lesen, dazu wurden die üblichen Pappen in Nationalfarben hochgehalten, doch irgendwie machte die Inszenierung den Eindruck, als würden sich die gefürchteten Entertainment-Teams des Europapark Rust nun auch um die Stimmung in der Kurve kümmern. So verging in Mönchengladbach die Chance ungenutzt, die Parole der nächsten Wochen zu etablieren. Als einige Fans den klassischen Pokalschlachtruf ‚Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin‘ anstimmten, setzte er sich auf den Rängen nicht durch. Dabei hätte das eine so schöne Headline für den Traum vom Finale im Berliner Olympiastadion sein können. Der wurde dann nach Abpfiff noch einmal per Schriftband beschworen, das die Balljungen auf den Rasen trugen: ‚Gemeinsam mit euch ein Traum: 9. Juli 2006.‘ Brav wurde das von den Rängen akklamiert. So hinterließ auch keine der drei Partien den größten Eindruck bei den Spielern, sondern das öffentliche Training in Düsseldorf. Das war zwar eine Jahrmarktsveranstaltung und man darf es als neue Marotte abtun, dass sich die Gastgeber der Nationalmannschaft neuerdings mit Rekordbesuchszahlen beim Training überbieten wollen, aber die 42.200 Besucher hatten die Spieler auch einige Tage später nicht vergessen.

Ich habe kein Problem mit sachlicher Kritik

Oliver Bierhoff im Interview mit der FAS
FAS: Ärgern Sie die jüngsten Nörgeleien von Franz Beckenbauer an der Mannschaftsleistung, wo er doch als deutscher WM-Chef jetzt so kurz vor dem Turnier bessere Stimmung verbreiten könnte?
Bierhoff: Solange die Kritik sachlich ist und gesagt wird, gegen Japan hätten wir zu viele Torchancen zugelassen, habe ich kein Problem damit. Das hat doch jeder gesehen. Und solange es keine Unruhe in die Mannschaft bringt und den Trainer unter Druck setzt, ist das auch kein Problem. Natürlich sollte der OK-Chef und das Präsidiumsmitglied des DFB eine positive Grundstimmung herüberbringen und die Nationalelf unterstützen. Aber wir können von ihm nicht verlangen, daß er sich hinstellt und sagt, alles ist super.
FAS: Wie beurteilen Sie die Nachfolgediskussionen um Jürgen Klinsmann, sollte man sie sich nicht verkneifen so kurz vor dem Turnierstart?
Bierhoff: Auf jeden Fall. Wer heute als Verantwortlicher des DFB oder in der Mannschaft die Trainerfrage diskutiert, hat die Ernsthaftigkeit dieser WM nicht verstanden. Das sollte unterlassen werden.
FAS: Hat Sie überrascht, daß Jürgen Klinsmann noch einmal betont hat, daß er den Bundestrainerposten aufgeben wolle, wenn die WM nicht zufriedenstellend verliefe?
Bierhoff: Wenn man viel bewegen will und Verantwortliche des deutschen Fußballs einem dabei die Unterstützung zusagen, aber diese nicht öffentlich äußern, hat man irgendwann kein Problem mehr zu gehen. Jürgens Aussagen sind aber nicht so zu verstehen, daß ihm diese Aufgabe jetzt egal ist. Sonst hätte er den Job erst gar nicht übernommen.

Die Rückendeckung ist dagewesen

Jürgen Klinsmann im Interview mit der FAZ
FAZ: Hätten Sie das Gefühl, wenn Sie nach der WM aufhören müßten, daß Sie Ihren Weg nicht zu Ende gegangen sind?
Klinsmann: Es muß im Prinzip immer weitergehen. Wir haben den Wunsch, daß aus unserer Arbeit, die vor knapp zwei Jahren begonnen hat, eine langfristige Denkweise wird. Die Mannschaft hat sich dazu bekannt. Wir wollen einen temporeichen Fußball spielen. Wir wollen mit den Besten der Welt mithalten. Das geht nur, wenn du gedanklich sehr schnell bist – und auch fit genug, diese Spielweise umzusetzen. Unser Wunsch ist, daß diese Philosophie umfassend umgesetzt wird und man beim DFB wirklich sagt: Das ist bis zur U15 in der Trainingslehre und auch in der Trainerausbildung der Maßstab. Wir wissen, daß diese Richtung, die wir vorangetrieben haben, Glaubwürdigkeit braucht. Die Glaubwürdigkeit müssen wir uns durch Erfolge in diesem Turnier holen. Das ist uns sehr wohl bewußt – wenngleich wir wissen, daß alles, was wir bisher gemacht haben, richtig war.
FAZ: Oliver Bierhoff hat im Interview mit der FAS gesagt, daß er den Eindruck habe, Sie vermißten die öffentliche Unterstützung der führenden Leute im DFB. Fehlt Ihnen Rückendeckung?
Klinsmann: Wir haben eine komplizierte Phase hinter uns. Wir sind der einzige Verband auf der Welt, der seit zwei Jahren mit zwei Präsidenten fungiert. Und mit der WM im eigenen Land ist eine gigantische Arbeit verbunden. Die Leute beim DFB haben ja alle doppelte oder dreifache Funktionen. Für uns ist es phantastisch, wie wir unsere Dinge umsetzen konnten. Der DFB hat gesagt: „Jungs, ihr geht diesen Weg, der ist zwar ein bißchen anders und der fordert uns heraus – aber wir tragen ihn mit.“ Ob das nun Gerhard Mayer-Vorfelder, Theo Zwanziger oder Franz Beckenbauer war: Sie haben uns alle die Grundlagen gegeben, das Ding umzusetzen. Dafür sind wir dankbar. Wir sehen aber auch sehr wohl, daß ein besonderes Auge auf uns gerichtet ist, was den Erfolg bei der WM angeht. Aber die Rückendeckung ist dagewesen. (…)
FAZ: Bei der EM 2004 war die Luft nach 70 Minuten buchstäblich raus. Ist die Mannschaft jetzt fit genug, um ein Spiel in der 85. Minute noch zu drehen?
Klinsmann: Das hoffen wir. Vom Volumen, das wir trainiert haben, müßten wir dazu in der Lage sein. Es kommt aber auch auf das Tempo des jeweiligen Spiels an. Die Spieler werden innerhalb des Turniers immer fitter werden. Für uns war es sehr wichtig, daß das Regenerationsvermögen beschleunigt wird. Je schneller das geht, desto schneller sind die Spieler auch gedanklich da, desto wachsamer sind sie. Je länger einer braucht, von einem 40-Meter-Sprint runterzukommen, desto größer ist die Gefahr, daß er einen Konzentrationsfehler oder Abspielfehler macht.

Tagesspiegel-Interview mit Klinsmann

Ein kritischer Spiegel-Bericht über das schwierige Verhältnis zwischen Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff auf der einen Seite sowie Matthias Sammer auf der anderen

taz: die Widersprüche des Jürgen Klinsmann

SZ: Endlich in Berlin – die Nationalelf ist an dem Ort angekommen, der dem Klinsmann-Projekt als Symbol dient

FAZ: Klinsmann vier Tage vor WM-Beginn wieder in bester Stimmung

FR-Interview mit Jens Lehmann

BLZ: Pressechef Harald Stenger hat während der WM einen der schwierigsten Jobs im DFB-Tross

FR: Harald Stenger vor vier Wochen Wahnsinn

Kommentare

Comments are closed.

  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

115 queries. 0,752 seconds.