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Bundesliga

Eine Strafe muss her

Oliver Fritsch | Montag, 23. Februar 2009 Kommentare deaktiviert für Eine Strafe muss her

21. Spieltag: Die Branche verharmlost den Doping-Verstoß zweier Hoffenheimer, die Presse fordert Strafen / In München wächst das Misstrauen gegenüber Jürgen Klinsmann / Tabellenführer Hertha stürzt wegen Schiedsrichterfehlern / Alarm in Hannover

Die beiden Hoffenheimer Spieler Andreas Ibertsberger und Christoph Janker traten vor zwei Wochen beim Spiel in Mönchengladbach mit zehn Minuten Verspätung die Doping-Kontrolle an, angeblich um an einer Mannschaftssitzung teilzunehmen. Das ist ein Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln, der mit einem Jahr Sperre sanktioniert werden könnte. Die Aussagen der Branche verraten einen nonchalanten Umgang mit Doping: Rudi Völler bezeichnet das drohende Strafmaß als „absoluten Witz“, Ralf Rangnick erwartet, dass nichts passieren werde, und der zuständige DFB verlautbart in Person des Vize-Präsidenten Rainer Koch, dass man sich eine Manipulation in nur zehn Minuten nicht vorstellen könne.

Die Presse belehrt die Fußballgrößen. „Nicht bloß Pipifax“ korrigiert Evi Simeoni (FAZ) die Verharmlosungsversuche: „Hallo! Aufgewacht, hochwohlgelobtes Fußball-Personal! Es ist keine Bagatelle. Auch nicht im Fußball. Nein, Hoffenheimer Trainer-Professor Rangnick, Mannschaftsbesprechungen sind nicht wichtiger als Doping-Kontrollen. Und nein, die Tatsache, dass die Doping-Tests der beiden Spieler bei der Analyse negative Ergebnisse gebracht haben, ist kein Grund, Entwarnung zu geben. Ein Blick über die Eckfahne hinaus müsste genügen, um zu erkennen, was Sportler in zehn Minuten alles tun können, um ihre Tests zu manipulieren.“

Matti Lieske (Berliner Zeitung) gibt zu bedenken: „Man kann darüber streiten, ob die Sportler, die sich lieber der unmittelbaren Sanktionsgewalt des Trainers beugten als der entfernteren der Antidopingbehörden, die richtige Adresse für die Strafen sind, doch in der Sache gibt es nichts zu deuteln.“

Der beliebten Mär, dass Doping im Fußball nichts bringe, beugt Jan Christian Müller (FR) vor: „Natürlich hat Doping auch im Fußball Sinn, etwa, weil auch Fußballer lieber schnell als langsam laufen, weil sie Interesse haben könnten, sich für ein Spitzenspiel aufzuputschen und/oder ihre Körper für Zweikämpfe und Luftduelle zu stählen. Also sind die Klubs gut beraten, das Thema sehr, sehr ernst zu nehmen. Die weitaus meisten haben das auch kapiert. Eine verzögerte Dopingprobe ist kein Bagatelldelikt. Im Fußball genauso wenig wie anderswo. Also muss, wenn die bislang bekannt gewordenen Fakten stimmen, eine Strafe her. Eine spürbare Strafe für zwei wahrscheinlich unschuldig Schuldige.“

Bestenfalls naiv

„Bestenfalls naiv“ wertet Andreas Burkert (SZ) das Verhalten von Klub und Spieler, „diesen Vorwurf müssen sie sich stellvertretend für eine millionenschwere Profibranche machen lassen.“ Burkert erinnert mahnend an Oliver Kahn. Vor zwei Jahren hatte Kahn einen Kontrolleur mit einem Urinbecher beworfen und war mit einer Sperre für ein Spiel davongekommen. Diese Strafe sei zu milde gewesen.

Burkert ordnet den Fall in den internationalen Rahmen ein: „Inzwischen ist die Fifa – widerwillig und verspätet – dem Wada-Code beigetreten. Es gelten nun auch im Fußball härtere Regeln. Wie nötig er sie ein gutes Jahrzehnt nach dem aktenkundigen Teamdoping bei Juventus Turin hat, belegen neben der mutmaßlichen Kundschaft von Topkickern beim Madrider Dopingarzt Eufemiano Fuentes regelmäßige Dopingfälle; erst im Januar wurde der Bulgare Pawlow wegen Testosteron-Dopings für zwei Jahre gesperrt. Zudem sind Bluttests weiterhin rar, wie lange auch Trainingstests: 2007 waren es in Deutschland, von der A-Jugend über die Regional- bis zur Eliteliga: 87. Doch der DFB hat Besserung gelobt.“

allesaussersport befasst sich mit dem Gedruckse des DFB: „Wie viel Meinung darf der für Rechtsfragen zuständige DFB-Vizepräsident Rainer Koch äußern, der der Anti-Doping-Kommission vorsteht? In einem Interview mit Premiere äußerte er die Ansicht, dass eine einjährige Sperre gegen beide Spieler sehr hart oder zu hart wäre. Im Doppelpass ging er differenzierter zu Werke, auch wenn er vor Mitleid zerfloss. Muss auch nicht sein, dass sich ein derart direkt im Verfahren involvierter Mensch sich derart offen in die Karten blicken lässt und bereits an Hintertüren bastelt. Sowas kennt man von den DFB-Rechtsinstanzen doch sonst nicht, sei es im Fall Jens Weinreich oder sei es im Falle von Platzverweisen.“

Jens Weinreich hat sich nun doch dazu entschieden, zu Spenden für seinen ungleichen Kampf mit dem DFB aufzurufen. Mehr dazu demnächst, hier zunächst der Link.

Klinsmann-Projekt steht auf der Kippe

Nach der dritten Niederlage im vierten Rückrundenspiel (1:2 gegen Köln) verliert Jürgen Klinsmann in München zunehmend das Vertrauen der Vereinsführung. Die SZ wittert „das Klima des Zerfalls“. Ludger Schulze schreibt: „Allmählich dämmert die Erkenntnis, dass dieses gewagte Zweckbündnis sich als großer Irrtum herausstellen könnte. Nicht nur Klinsmann wäre dann gescheitert.“ Noch ist es mit Klinsmann nicht zur Zerrüttung gekommen, schreibt Ludger Schulze. Doch gebe sich Klinsmann mit seiner sturen Treue zu Landon Donovan, den selbst Kollegen als „indiskutabel“ einstufen, alle Mühe. Schulze hört einem Berg beim Wachsen zu, nämlich dem des Misstrauens des FC Bayern gegenüber dem Trainer. Bekannte Vorbilder: Giovanni Trappatoni, Otto Rehhagel, Ottmar Hitzfeld und Felix Magath, deren Ende Klinsmann bald teilen könnte.

Elisabeth Schlammerl (FAZ) fügt an: „Sein Ziel, jeden Spieler jeden Tag ein Stück besser zu machen, das steht schon jetzt fest, hat Klinsmann klar verfehlt.“ Auch Sebastian Krass (taz) misst Klinsmann an seinen Worten vor der Saison: „Das Klinsmann-Projekt steht auf der Kippe. Damit droht dem gesamten Verein ein Erdbeben ungeahnten Ausmaßes, weil er sich dem großen Reformator komplett unterworfen hat. All die großen Reden vom Aufbau einer europäischen Spitzenmannschaft hallen im Moment nach wie ein schmerzhafter Tinnitus. Wenn der Offensivwirbel einmal abflaut wie gegen Köln, tritt ungeschönt zu Tage, wie ungeordnet Klinsmanns Mannschaft auftritt. An Banalitäten wie taktische Disziplin fühlen sich nur wenige gebunden – und das auch nicht immer. Das wirft entweder ein grelles Licht auf Klinsmanns pädagogische Defizite oder auf seine taktische Unbedarftheit. Oder auf beides.“

Messe der Radikalrestaurateure

Angesichts der Nachrichtenlage in Hoffenheim und München geht fast unter, dass der Tabellenführer 1:2 in Wolfsburg verloren hat. Jakob Kirsch (FR) nimmt die Hertha gegen Fehlentscheidungen in Schutz: „Die Berliner spielten jenen fleißigen Favre-Fußball, der sie nach oben gespült hat: Sehr gut organisiert, streckenweise verteidigend wie eine perfekte Maschine. Letztlich entschied Schiedsrichter Knut Kircher in zwei Szenen gegen die Hertha: Er gab einen Treffer des starken Cicero nicht, bei dem auch TV-Kameras ein Berliner Fehlverhalten nicht nachweisen konnten. Und er gab den Wolfsburger Siegtreffer durch Dzeko, bei dem Gegenspieler Josip Simunic nicht freiwillig in die Knie gegangen, sondern von Dzeko weggedrückt worden war.“

Ronny Blaschke (Financial Times Deutschland) betont den Fortschritt, den beide Klubs unter ihren Trainern in den vergangenen zwei Jahren gegangen sind: „Was für Favre gilt, gilt für Magath: Beide haben ihre Klubs seit Sommer 2007 gehörig aufgemöbelt. Ihr Treffen war eine interessante Messe der Radikalrestaurateure. ‚Pimp My Fußballteam‘ würde es bei MTV heißen. Auch in Wolfsburg wird Erfolg nicht nur durch Helden verdeutlicht. Es ist die Struktur, die den Unterschied macht, die Spielintelligenz, das schnelle Verschieben der Positionen. Dass bei einem Spiel zwischen Wolfsburg und Berlin der Ball mehr gestreichelt als geschlagen werden kann, hätte vor Jahren wohl niemand für möglich gehalten.“ Weiß Ronny Blaschke, was ein Pimp ist?

In der Krise die Chance

Ulrich Hartmann (SZ) wundert sich über die Lagebeschreibung Andreas Müllers: „Eine Riesenchance, jetzt strategisch einiges vorzubereiten“. Tatsächlich ist die Situation für Müller schwer wie nie zuvor, für Trainer Rutten war sie in Schalke nie leicht. „Nun braucht Müller die Rückendeckung, die er nicht bekommt“, schreibt Hartmann. Das sei intern anders, berichtet Müller. Warum das öffentlich nicht ebenfalls deutlich wird, kann Müller nicht plausibel begründen.

Erhöhte Alarmstufe

Daniel Theweleit (SZ) erlebt in Mönchengladbach eine Verwandlung. Aus Angst und Lähmung werden Erleichterung und Hoffnung. Dass man nach einer Führung den Ausgleich bekam, irritierte kaum noch, so war es halt immer bei Borussia in den vergangenen Spielen. Anders war diesmal, dass doch noch ein Sieg erreicht wurde. „Statt sich für entgangene Punkte rechtfertigen zu müssen, können die Borussen nach diesem Sieg plötzlich von einer positiven Serie sprechen.“ Und trotz Tabellenplatz 18 ist nicht mehr alles grau in Mönchengladbach.

Richard Leipold (FAZ) warnt Hannover 96, 2:3-Verlierer in Gladbach: „Der Vergleich zum 1. FC Nürnberg drängt sich auf. Wie Hannover in dieser Saison, so hatte der Club sich in der vergangenen Spielzeit überschätzt und als Kandidaten für einen internationalen Startplatz eingestuft; am Ende stieg Nürnberg ab. Nach der Niederlage in Gladbach ist auch bei Hannover eine erhöhte Alarmstufe erreicht.“

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