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Champions League

Sie mixen unterschiedlichste Talente zum erfolgreichsten Cocktail

Oliver Fritsch | Freitag, 13. März 2009 Kommentare deaktiviert für Sie mixen unterschiedlichste Talente zum erfolgreichsten Cocktail

Vier Engländer im Viertelfinale, kein Italiener, immerhin ein Deutscher, Real ist wieder raus – Zeit für die Fußballchronisten, diesen Trend aus sportlicher, ökonomischer, sozialer oder politischer Perspektive zu deuten

Geld wird verschwendet, Geld versickert – Klaus Hoeltzenbein (SZ) befasst sich mit dem Handeln der Klubführung Real Madrids, das zum fünften Mal nacheinander das Viertelfinale verpasst hat: „Geld = Macht? Langweilig wär’s, wenn’s so einfach wäre, denn der umsatzstärkste Klub der Welt war auch 2008 noch immer nicht Manchester United, sondern weiterhin Real Madrid. An dem Duell mit Liverpool lässt sich exemplarisch zeigen, warum es nicht genügt, nur über Geld zu verfügen, man muss es auch kunstvoll verschwenden können. Und Real hat es verlernt, Real kauft vermeintliche Stars, komponiert aber schon lange keine große Mannschaft mehr. Was auch in der Struktur des Vereins begründet liegt: Bei Real wird der Präsident gewählt, Wahlkampf ist permanent, weshalb die Kandidaten stets neue Stars versprechen, um das Volk zu beruhigen. Liverpool hingegen gehört zwei fußballfernen, autoritären US-Investoren – mit Real hat ausnahmsweise einmal die Demokratie verloren.“

Markus Lotter (Berliner Zeitung) empfiehlt der Konkurrenz aus Südeuropa die Anpassungsfähigkeit der Engländer als Vorbild: „Während die Italiener aus der Angst vorm Scheitern immer noch lieber auf Erfahrung denn auf Elan setzen, und die Spanier sich noch allzu oft im Drang zum schönen Spiel verlieren – während also Italiener immer noch wie Italiener und Spanier wie Spanier Fußball denken und leben, gewinnen die Engländer seit geraumer Zeit aus allen anerkannten Schulen dieser Welt das Beste für sich. Sie denken global, mixen unterschiedlichste Talente und Temperamente zum erfolgreichsten Cocktail. Deshalb gilt bis auf Weiteres: Adiós Primera Division und Ciao Serie A!“

Tom Mustroph (taz) meint, dass Verkrustungen den italienischen Fußball schwächen: „Den spielerisch hochwertigeren Fußball praktizieren schon jetzt Mittelklassevereine wie Genoa oder Cagliari, Palermo oder Atalanta. Dass sie nicht bis ganz oben durchkommen, liegt an individuellen Mängeln, physiologischen Abwärtskurven und auch an der berühmten Sudditanza, der Ergebenheit der Schiedsrichter gegenüber den großen Mannschaften. Im Zweifel wird denen doch ein Elfmeter zugesprochen oder der farbige Strafkarton in der Tasche gelassen. In Italien können sich Juve und Inter, Milan und Roma darauf verlassen, dass das Beet bestellt ist. Wettbewerb und Fehleranalyse sind die Schönlinge der Serie A nicht gewohnt. Daher erleiden sie Schiffbruch, sobald sie außerhalb der Landesgrenzen antreten müssen.“

Birgit Schönau (SZ) hingegen wirft ein: „Ist das wirklich der Tiefpunkt einer langen Abwärtsspirale? Oder doch vielleicht eher nur ein Durchhänger, wenn nicht gar der Preis der Abkehr vom Ergebnisfußball?“ Sie verweist darauf, dass in Turin und Rom hauptsächlich Italiener spielen, meist junge. Darin liege eine Chance für die Zukunft.

Die Skistiefel sind besser

La Stampa kommentiert das Ausscheiden Juves mit ungewohnter Sportivität, augenscheinlich sind auch italienische Sportjournalisten mittlerweile zur Einsicht gelangt, die Millionen Tifosi schon seit längerem haben: Die Wachablösung ist vollzogen und der englische Fußball ist uneinholbar davon: „Man muss den Engländern recht geben, die sich als Herren des Klubfußballs sehen und dies auf vielen Ebenen auch sind“, schreibt Marco Ansaldo. Von „erhobenem Kopf“ ist gar die Rede. Aufrechte Niederlagen galten in Fußballitalien bislang nicht als hochgeschätzter Wert.

Wenig Zwischentöne erlaubt sich die Repubblica, die unter der Überschrift „Italien, auch der Fußball steckt in der Krise“ deutlich macht, dass Italien aus dem Ländervergleich „erniedrigt“ hervorgehe. Corrado Sannucci stellt zwar fest, dass Juventus gegen Chelsea ein couragiertes Spiel abgeliefert, Inter sich im Old Trafford mindestens auf Augenhöhe mit dem Gegner befunden und die Roma Arsenal durchaus besiegt habe. In deutlichen Worten jedoch stellt er die Frage, ob der italienische Klubfußball nicht ein aufgeblasenes und überbewertetes Produkt sei, an dem die Entwicklungen des modernen europäischen Fußballs in taktischer und athletischer Hinsicht vorübergegangen sind, während sich die Presse weiterhin an sechs von sieben Wochentagen strittigen Schiedsrichterentscheidungen oder Josés Mourinhos Provokationen widmet. „Italien muss sich nicht erniedrigt fühlen von diesem dreifachen Ausscheiden, täte aber besser daran, weil die Wurzeln dieser Niederlagen klar und indiskutabel sind. Aber ab heute wird man zurückkehren zu Zeitlupenpolemiken und Schiedsrichterschelte in einem festgefahrenen System ohne Ideen.“

Weiter heißt es: „Ein intelligentes Fußballsystem würde sich nach diesem 0:3 viele Fragen stellen. Es würde nicht sofort Alibis oder Entschuldigungen suchen: dass Juve im Grunde ein hervorragendes Spiel bestritten hat, dass Inter einen Kampf geliefert hat, dass die Roma Arsenal geschlagen hat. Es würde sich fragen, ob die Zusammensetzung der Mannschaften nicht auf Werten wie der Gruppe oder dem Kampfgeist beruht, während die Engländer (jene, die einstmals als Skistiefel bezeichnet wurden) uns zeigen, dass es vor allem eine außerordentliche individuelle technische Qualität als Basis braucht, um eine Mannschaft auf hohem Niveau zu gestalten.“

Dank an Kai Tippmann und Heinz Kamke für die Übersetzung.

Zweifel im Hinterkopf

Ronald Reng (Berliner Zeitung) vergleicht Barca 2009 mit seiner Ex-Freundin Barca 2006: „Anders als das einzigartige Barça Ronaldinhos und Decos, das vor drei Jahren wie eine unumstößliche Siegerelf auftrat, hinterlässt dieses Nachfolge-Team im Hinterkopf Zweifel, etwa wegen ihrer schreienden Schwäche bei Eckbällen. Doch Barça hat den unvermeidbaren saisonalen Moment des Wankens besser bewältigt als selbst das mächtige Liverpool, das im Januar kurz in den Strudel geriet und mit drei Unentschieden den Großteil seiner Chancen auf die englische Meisterschaft verspielte.“

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