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Frohsinn einer leeren Kneipe

Frank Baade | Mittwoch, 1. April 2009 4 Kommentare

Vor dem WM-Qualifikationsspiel der deutschen Auswahl in Wales schaut die Presse auf Sorgenkind Mario Gomez und den „jüngsten Ältesten“ (Selbsttitulierung) der Nationalelf, Michael Ballack. Deutsche Spieler und Trainer warnen vor den angeschlagenen Walisern, eine „Schlüsselpartie“ sei dies auf dem Weg zur WM. Kaum bemerkt hat eine altbekannte Rhetorik wieder Einzug ins DFB-Team gehalten. Spanien ist stolz auf seine Mannschaft; Schwalben seien das größte Problem der Schiedsrichter.

In der Financial Times Deutschland erfährt man, wie Mario Gomez sich auf die Partie in Wales vorbereitet: Indem er ein Video des Spiels gegen Liechtenstein schaut. Verzweifelt wirkt er danach nicht. Löw wird mit der Einschätzung zitiert, dass Spieler „nicht immer an Toren gemessen [werden], sondern an dem, was er für die Mannschaft gemacht hat.“ Anders als zu vermuten wäre, legt Löw auch nicht ein Gespräch mit dem Team-Psychologen nahe:  „Den Gang zum Nationalmannschafts-Psychologen Hans-Dieter Hermann mochte er dem DFB-Sorgenkind dennoch nicht empfehlen. Dazu würde er keinem Spieler raten, das müsste jeder Akteur immer für sich selber entscheiden, betonte Löw.“

Christoph Ruf (Spiegel Online) beschreibt Gomez‘ Stärken und sieht keine Konkurrenz: „Gomez ist schnell, beidfüßig und kopfballstark, er ist taktisch gut ausgebildet und vermag den Ball zu sichern, bis die Mitspieler nachgerückt sind. Damit kann er weit mehr als seine Rivalen im Kader für das Wales-Spiel. Beim VfB Stuttgart trifft er zudem am laufenden Band. Gut möglich, dass Markus Babbel schon längst seinen Job als Interimstrainer verloren hätte, könnte er sich nicht auf den Leistungsträger verlassen, der sich für seine 23 Jahre bislang verdammt wenige Hängephasen geleistet hat. Dass die Gomez-Krise noch lange anhalten wird, glaubt kaum einer der Kommentatoren. Wirklich überrascht hat Löws Vertrauensbeweis deshalb niemanden. Zumal Gomez zugute kommt, dass die Konkurrenz auf der Bank alles andere als überzeugend ist: Stefan Kießling (Leverkusen) steckt im Verein in einem Tief, er ist auch von seiner Veranlagung her die Nummer fünf in der Riege der Nationalspieler. Hinter dem verletzten Miroslav Klose (Bayern München), Lukas Podolski (Bayern München), Gomez und seinem Teamkollegen Patrick Helmes. Letzterer hat übrigens im Bundestrikot noch keinen einzigen überzeugenden Auftritt absolviert – auch an ihm lief nach seiner Einwechslung das Spiel gegen Liechtenstein komplett vorbei.“

In der taz geht Stefan Osterhaus den Fragen nach, wie Ballacks Stellung im Team ist und ob Diskussionen um ihn nicht vom eigentlich Verantwortlichen ablenken: „Intern steht es offenbar immer noch nicht zum Besten, wie Ballack zwischen den Zeilen verrät. Die Jungen und die Alten sprechen allen Anschein nach nicht immer die gleiche Sprache. Einmal, vor ein paar Monaten, war Ballack vorgeworfen worden, er wirke nicht positiv genug auf seine zartbesaiteten Mitspieler, wobei es nie jemand gewagt hätte, diesen Vorwurf an seinen Vorgänger, einen gewissen Oliver Kahn, zu richten. Von einem Generationenkonflikt ist die Rede. Eines ist klar: Die deutsche Mannschaft ist nicht gefestigt. Sie spielte manchmal ansehnlich, leistet sich aber schwere Aussetzer. Ob ein einzelner Spieler mit starker Präsenz die Lösung dieses Problems ist, darf bezweifelt werden. Denn die spanische Mannschaft unterschied sich in einem Punkt signifikant von der Deutschen: Sie hatte einen Trainer, der während des gesamten Turniers unumstritten war. So ist die Diskussion um Ballacks Wirken im Subtext auch eine um die Qualitäten des Trainers. Sie lenkt von der Position des Mannes am Spielfeldrand ab und richtet stattdessen alle Kritik auf den vermeintlichen Schlüsselspieler, den einzigen deutschen Mittelfeldspieler von Weltklasseformat.“

Christian Eichler weist in der FAZ daraufhin, dass Wales in der Qualifikationsgruppe als Gegner zu haben immer ein gutes Omen war: Sechs Mal seit 1979 startete Deutschland in der selben Gruppe wie Wales, und jedes Mal erreichte es danach das Finale des späteren Turniers. Wales hingegen qualifizierte sich nur ein einziges Mal für ein großes Turnier, um dann 1958 an Brasilien mit Pelé zu scheitern. Sicher auch ein Grund, warum das Millennium Stadium in Cardiff seit vier Jahren nicht mehr ausverkauft war und auch für die heutige Partie erst 20.000 Tickets verkauft sind.

Eine Zahl, die Philipp Selldorf in der SZ dazu veranlasst, vom „Frohsinn einer leeren Kneipe“ zu sprechen, den das nur spärlich gefüllte Stadion verbreite. Auch er hört genau hin, wenn Thomas Hitzlsperger davon spricht, dass die im Spiel zuvor ausgebuhten Waliser nun die für das deutsche Team gefährliche Gelegenheit hätten, etwas gut zu machen. Hitzlspergers Trainer Löw weise immer wieder auf die „Bedeutung und die Gefährlichkeit“ dieser Partie hin. Den „Tag der Vorentscheidung“ sieht Selldorf genauso wie Löw angesichts der tabellarischen Situation gekommen.

Jan Christian Müller (FR) erkennt viel von Rudi Völler in der aktuellen Rhetorik Löws: „Den Gegner aus diplomatischer Voraussicht ein bisschen größer zu machen, als er ist, gehört inzwischen wieder zum akzeptierten DFB-Vokabular. Wie dereinst unter Rudi ‚Es-gibt-keine-Kleinen-mehr‘ Völler. Beißen, kratzen, Zähne zeigen – das ist die eine Botschaft, die der Bundestrainer aussendete. Es gibt aber auch noch eine andere. ‚Wenn wir nur ein Unentschieden erreichen, ist das nicht das Ende der Welt.‘ Es gäbe ‚Situationen, in denen man auch mit einem Punkt zufrieden sein muss.‘ Rudi Völler hätte das in seiner Amtszeit als Teamchef nicht präziser formulieren können. Die Qualifikation sei gleichwohl ein ‚Marathon, wo man sich durchbeißen muss‘. Durchbeißen, wohlgemerkt, nicht durchspielen. Da war er wieder, der alte Rudi im neuen Jogi.“

Nationalstolz entdeckt

Georg Bucher erkennt in der NZZ vor dem Duell Spaniens mit der Türkei ein Phänomen, welches in Spanien lange Zeit unbekannt war und verweist auf eine beeindruckende Serie: „Was die zuweilen mit brasilianischen Spitzengewächsen verglichene Landesauswahl am Samstag zeigte, rief Darbietungen Real Madrids in Erinnerung. Läuft es den Königlichen nicht wunschgemäss, werden Tugenden mobilisiert, die als sekundär gelten. Die Glücksgöttin oder ‚San Casillas‘ besorgen den Rest. Weil der Goalie Iker Casillas auch im Nationalteam die Nummer 1 ist und seinen Status überzeugend bestätigte, hat der Europameister zum zehnten Mal in Folge gewonnen. 30 Spiele ist er nunmehr unbesiegt. Sollte die Revanche in Istanbul keinen Schaden anrichten, wäre der legendäre Rekord unter Selektionär Javier Clemente (31) eingestellt – und der Weg zur WM frei. Dem Siegtor lag keine stupende Stafette oder Triangulation zugrunde, sondern ein glückhafter Irrtum. Dass Spanien auch in Bedrängnis Erfolg haben kann und Geduld aufbringt, sobald man spürt, mit spielerischen Mitteln nicht weiterzukommen, ist eine neue Erfahrung. Sie wirft kein helleres Licht auf die ‚Roja‘, erteilt ihr punkto Flexibilität und Realitätssinn allerdings ein gutes Zeugnis. Auswahlen im mediterranen Raum pflegen ohnehin einen ähnlichen Stil und lassen sich kaum auf die Hörner nehmen. Wird Spitzfindigkeit mit taktischer Disziplin und patriotisch aufgeladenem Kampfgeist vermischt, ist ein enger Ausgang programmiert. Zumal Iberer und Ottomanen auf der Fussball-Schiene näher aneinandergerückt sind. Den traditionellen Nationalstolz der einen haben die anderen während der EM entdeckt. Über regionale Rivalitäten und politische Kalamitäten hinweg verbindet die Selección heute Spanien.“

Spezies von Tieffliegern

Regelkunde erhält man in der Financial Times Deutschland, die Schiedrichter-Obmann Volker Roth zitiert. Größtes Problem der Schiedsrichter sei demnach die weiterhin vorhandene Bereitschaft einiger Spieler, sich einen Vorteil zu erschleichen: „‚Spieler arbeiten an immer neuen Varianten, sich fallen zu lassen, um ein Foul des Gegners vorzutäuschen und damit den Unparteiischen zu einer falschen Entscheidung zu zwingen‘, kritisierte der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses. Dieser Spezies von Tieffliegern müsse man ‚mit allen regeltechnischen Mitteln entgegentreten.‘ Roth verwies darauf, dass das Berühren durch den Gegenspieler im Strafraum keineswegs verboten ist. ‚Sehen Sie hier, ein Kontakt am Fuß. Den Elfer muss man geben‘ – so würde im Fernsehen oft argumentiert. In der Regel 12 seien zehn Vergehen aufgeführt, die zu einem direkten Freistoß oder Strafstoß führen – Berühren sei nicht darunter. ‚Aber wenn Spieler nur einen Hauch eines Kontakts durch einen Gegner verspüren, lassen sich manche sofort fallen und wundern sich, wenn der Schiedsrichter nicht die erhoffte Entscheidung trifft. Bei Simulationen sei heutzutage selbst mit der Superzeitlupe ‚alles oder nichts‘ zu beweisen und die Fälle seien äußerst schwierig zu bewerten. Roth empfahl den Schiedsrichtern, nur dann zu pfeifen, wenn die Sache für ihn oder seinen Assistenten ‚glasklar ist‘. Die Einführung des Videobeweises lehnte er weiterhin ab. ‚Und wenn dann wieder und wieder der Videobeweis gefordert wird, so vor allem nicht wegen der Gerechtigkeit, sondern vielmehr, um weitere Werbeblöcke im TV unterbringen zu können.‘“

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Kommentare

4 Kommentare zu “Frohsinn einer leeren Kneipe”

  1. Jan
    Mittwoch, 1. April 2009 um 15:10

    Stammt das Diktum „Es gibt keine Kleinen mehr“ nicht aus den Tagen, als Berti Vogts noch Bundestrainer war? (Ob eigentlich Vogts‘ eigene Körpergröße bei dieser Einschätzung eine Rolle spielte …?) Und wurde von Völler lediglich übernommen?

  2. heinzkamke
    Mittwoch, 1. April 2009 um 15:12

    Musste erst mal die Suche bemühen, und sie scheint mich zu bestätigen: bisher stand da immer Oliver Fritsch drüber, aber nie Frank Baade, oder?

    Dann war die Kommentarfrage von Oliver Fritsch neulich sowas wie viral (oder so, ich kenn mich mit diesem Zeug nicht so aus)?

  3. Stefan K.
    Mittwoch, 1. April 2009 um 16:24

    Dachte ich mir. Glückwunsch, Trainer. 😉

  4. Marktkonsolidierung. « angedacht
    Donnerstag, 2. April 2009 um 16:26

    […] Der Trainer verdient sich allem Anschein nach beim indirekten Freistoß was dazu. […]

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