indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Louis van Klinsmann

Frank Baade | Dienstag, 25. August 2009 4 Kommentare

Van Gaal überrascht die Bayern mit seinen erfolglosen Experimenten, Hertha fehlt die Qualität und der HSV spielt wie ein Meisterkandidat

Michael Neudecker (FR) empfiehlt den Bayern eine simple Art, ihre Probleme zu lösen: „Bei der Ursachenforschung hat der Trainer vermutlich all jene Punkte gefunden, die dieser Tage ausführlich an den Fußballstammtischen des Landes diskutiert werden: falsche Einkaufspolitik, falsches Spielsystem, ein bockiger Franck Ribéry, der gestern unter lautstarker Anweisung des Trainers allerdings mit Verve trainierte, eine kaum zu bewältigende Neuausrichtung. Die spannende Frage ist nun, wie sie an der Säbener Straße mit all diesen offensichtlichen Ursachen umgehen, und die Antwort ist wohl, dass sie selbst keine Antwort haben. Eine Lösung wäre so einfach wie kostspielig: Spieler verpflichten. Dass der Kader international kaum konkurrenzfähig ist, ist eine Tatsache, der sich Trainer wie Vorstandsriege kaum noch verschließen können. Ein bisschen ist jetzt alles wieder so wie vergangene Saison: Die Bayern reden von einer neuen Ära, tragen ihr Selbstbewusstsein demonstrativ vor sich her, sprechen von neuer Dominanz – und gewinnen dann kein Spiel.“

Kein Konzept, nur Experimente

Ebenfalls auf die Parallelen zum Vorjahr verweist die Berliner Zeitung in ihrem Beitrag mit dem Titel „Louis van Klinsmann“: „Normalität bedeutet für Uli Hoeneß, für Karl-Heinz Rummenigge und für Franz Beckenbauer bekanntlich nur eins: Alleinherrschaft in der Bundesliga. Aber es ist 2009, und alles deutet in diesem August darauf hin, dass Felix Magath Recht hat.“ Dieser hatte den Bayern die jahrelange Ausnahmestellung zuletzt abgesprochen. Dass die Niederlage in Mainz verdient war, lasse folgende Aussage zu: „Der FC Bayern und Louis van Gaal, der Niederländer, sind (noch) keine Gewinn bringende Arbeitsgemeinschaft. Die Bayern sind gewöhnlicher denn je. Was den Bayern-Vorstand allerdings am meisten verstören dürfte, ist die Tatsache, dass Louis van Gaal offensichtlich doch nicht ein Trainer mit Konzept, sondern wie Jürgen Klinsmann ein Trainer der Experimente ist. Dahin ist die Souveränität vergangener Tage. Was Jürgen Klinsmann ins Wanken gebracht hat, kann Louis van Gaal offensichtlich nicht stabilisieren. Es ist 2009, das Jahr, in dem der FC Bayern so verletzlich wirkt wie schon lange nicht mehr.“

Ausgeglichene Liga wie nie zuvor

Christian Gödecke (Spiegel Online) sorgt sich um die Zukunft — um seine eigene: „So miserabel ist dieser Saisonstart, dass selbst die Superlative aus der Klinsmann-Ära nicht mehr auszureichen scheinen, das vermeintliche Elend in Worte zu fassen. Was soll man eigentlich nach einer Niederlage gegen Wolfsburg noch schreiben? Natürlich müsste man die Zurechnungsfähigkeit jedes Analysten in Frage stellen, der nicht auch die Arbeit des neuen Trainers hinterfragte. Aber selten lagen die Gründe für einen Fehlstart so deutlich auf der Hand, und noch seltener war die Verantwortlichkeit derer klarer, die jetzt Interviews geben.“ Gödecke zählt mit der Torwartposition, der Abwehr, dem defensiven Mittelfeld und dem offensiven Mittelfeld (sofern ohne Ribéry im Einsatz) sowie die Frage nach der richtigen Einstellung gegen Mainz mit Ausnahme des Sturms alle Teile eines Teams auf, deren mangelnde Klasse den Verantwortlichen schon länger hätte auffallen müssen. Gleichzeitig gibt er eine andere Antwort für die fehlende Dominanz der Bayern. Hamburg, Stuttgart, Dortmund, Wolfsburg nennt Gödecke und fährt fort: „Sie alle stehen für eine Liga, die in der Spitze so ausgeglichen ist wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesliga. Für Mannschaften, die gewachsen sind über mehr als eine Saison und sich nun anschicken, die Meisterschaft unter sich auszuspielen. Sie stehen für Systemfußball, der von Automatismen lebt und für den man keine Weltklassespieler braucht, sondern vor allem Zeit und Vertrauen der Vorstände. Doch während die Konkurrenz langfristig arbeitete, leisteten sich die Bayern das Experiment mit einem Trainer ohne Erfahrung und sie leisteten sich Fehler in der Kaderplanung. Vielleicht dachten sie, es würde schon gut gehen. Es war ja ein Gesetz, dass die Bayern immer Erfolg hatten. Bis jetzt.“

Berliner Qualität von außen erhöhen

Laut Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) bleibt den Berlinern nur, auf Verstärkungen von außen zu hoffen, so schwach sei ihr Auftritt in Bochum gewesen: „Die enormen personellen Probleme der Berliner waren an diesem Nachmittag schon vor dem Anpfiff an der Aufstellung ablesbar. Artur Wichniarek musste wegen einer Rückenverletzung in Berlin bleiben, was Lucien Favre dazu veranlasste, Waleri Domowtschiski in den Sturm zu stellen und Gojko Kacar als hängende Spitze dahinter zu postieren. Der gewünschte Effekt blieb aber aus. Die Berliner hatten sich ja vorgenommen, effektiver zu agieren als zuletzt in Mönchengladbach und Kopenhagen, doch sie waren von Beginn an die schlechtere Mannschaft. (…) Überhaupt war Yahia immer wieder beteiligt, wenn Torgefahr entstand. So hatte der Algerier auch die beste Berliner Möglichkeit der ersten Hälfte. Einen Einwurf köpfte er aufs eigene Tor, Philipp Heerwagen kratzte den Ball mit Mühe von der Linie, bevor der Bochumer Kapitän direkt nach der Pause das Tor des Tages erzielte. Irgendwann schwand auch bei den fleißigen Bochumern die Kraft, Favre wechselte Raffael für Maximilian Nicu ein, doch die Bochumer blieben die leidenschaftlichere Mannschaft. In der kommenden Woche wartet eine Menge Arbeit auf die [Berliner] Verantwortlichen. Bis zum 31. August ist das Transferfenster geöffnet, um die Qualität noch mit einem Transfer zu erhöhen. Es könnte eine richtungsweisende Herausforderung für den jungen Manager werden.“

Michael Rosentritt (Tagesspiegel) stimmt indirekt zu: „Der Absturz aus dem zwischenzeitlichen Gefühl der Zufriedenheit und des Stolzes in die Jetztzeit hätte schlimmer kaum ausfallen können. Hertha fehlen spielerische Dominanz und – anders als in der Vorsaison – die Ergebnisse. Die Gründe für die derzeit missliche Lage liegen auf der Hand.“ Schließlich sagte selbst Mannschaftskapitän Arne Friedrich nach dem Bochum-Spiel, dass einfach die Qualität fehle. „Vielleicht ist es ja auch so, dass der vierte Platz ein wenig des Guten zu viel war, zumindest aber zu früh, wie einst das Erreichen der Champions League im Jahr zwei nach dem Aufstieg. Damals wurde das Geld verschleudert, welches Hertha damals gar nicht hatte und bis heute fehlt. Der vierte Platz der Vorsaison hat einigen den Blick verstellt. Vielleicht waren Mannschaft und Trainer nicht so gut, wie es die Tabelle ausdrückte.“

Labbadias Lustfußball

Frank Hellmann (FR) legt Hamburger Vergleichswerte aus den Vorjahren vor: „Labbadias Fußball wirkt wie das Kontrastprogramm zur Ära Huub Stevens und Martin Jol, als defensive Disziplin als höchstes Gut galt und Erfolge vorzugsweise erkämpft statt erspielt wurden. Im letzten Stevens-Jahr begnügte sich der HSV als Tabellenvierter mit 47 Saisontoren, vergangene Spielzeit genügten 49 für Platz fünf, überhaupt gewann das Team 14-mal mit nur einem Tor Vorsprung. Nun folgte dem formidablen 4:1 gegen Dortmund das famose 4:2 in Wolfsburg, wo Labbadias Elf allein 27-mal auf Gegners Tor schoss. Der Paradigmenwechsel zu Labbadias Lustfußball sei in Absprache mit dem wirtschaftlich nicht minder risikoreichen Vorstandsboss Bernd Hoffmann erfolgt, verriet der neue Hamburger Cheftrainer.“

Sprühende Kreativität beim neuen Meisterkandidaten

Philipp Köster (Spiegel Online) zeigt sich angetan, warnt den HSV aber auch: „Es war eine nahezu perfekte Mischung aus taktischer Diziplin und sprühender Kreativität. Auf den ersten Blick erscheint der Siegeszug des Hamburger SV als logische Weiterentwicklung einer schon im vergangenen Jahr starken Mannschaft, der nur am Ende ein wenig die Luft ausging. Und in der Tat ist es gelungen, sich mit den neuverpflichteten David Rozehnal, vor allem aber mit dem durchsetzungsfähigen Holländer Eljero Elia und Routinier Zé Roberto spielerisch zu verbessern. (…) Der schöne Schein der ersten Spiele sollte die Hamburger allerdings nicht dazu verleiten, die augenfälligsten Fehler der letzten Saison zu wiederholen. Dazu gehört zum Beispiel, das Abschneiden in der neu benannten Europa League überzubewerten. Der Hamburger SV muss sich in diesem Jahr einzig darauf konzentrieren, sich für die Champions League zu qualifizieren, die allein die Geldmittel zum Verbleib in der Bundesliga-Spitze sichert. Soll der Erfolg aber nicht nur auf die ersten Saisonspiele beschränkt bleiben, darf sich noch etwas anderes nicht wiederholen. Nämlich jene unschönen Ränkespiele und Intrigen hinter den Kulissen, die im ersten Halbjahr 2009 im Wochentakt Schlagzeilen produzierten und den sportlichen Akteuren perfekte Alibis lieferten. Völlig unklar ist zum Beispiel, warum noch immer kein Nachfolger für Beiersdorfer gefunden wurde. Dabei braucht kaum ein Club so dringend wie der HSV eine selbstbewusste sportliche Führung, die eine klare Vorstellung davon hat, wie der Verein international konkurrenzfähig werden kann, die sich aber auch einmal gegen den wirkungsmächtigen Vorstand durchsetzt.“ Nur wenn diese vorhanden sei, schließt Köster, könne man sich beim HSV auf die laufende Saison freuen.

Stefan Hermanns rügt das Wolfsburger Auftreten (Tagesspiegel): „Der Meister spielte wie eine Mannschaft, der zuletzt alles viel zu leicht gefallen ist. Selbst beim Stand von 0:2 versuchten die Wolfsburger es noch mit Hacke und Spitze; die Hamburger hingegen kombinierten schneidig und direkt, hatten immer das Ziel im Blick. Mit ihrem aggressiven Pressing kam der VfL überhaupt nicht zurecht. (…) Der Elan der Wolfsburger war mit dem Ausgleich erschöpft. Die Hamburger schlugen nun ihrerseits zurück. ‚Und ihr wollt Deutscher Meister sein‘, sangen die Hamburger Fans zum Abschied. An der Rechtmäßigkeit des Wolfsburger Titelgewinns war schon lange nicht mehr gezweifelt worden. Dass sie Meister sind, kann ohnehin niemand bestreiten; ob sie es wieder werden, wird sich nicht am dritten Spieltag entschieden haben. Trotzdem sagte Armin Veh, dass die die Favoriten jetzt erst mal andere seien. — Der HSV zum Beispiel.“

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Kommentare

4 Kommentare zu “Louis van Klinsmann”

  1. Klaus-Peter
    Dienstag, 25. August 2009 um 13:34

    „Der Paradigmenwechsel zu Labbadias Lustfußball sei in Absprache mit dem wirtschaftlich nicht minder risikoreichen Vorstandsboss Bernd Hoffmann erfolgt, verriet der neue Hamburger Cheftrainer.“

    War nicht einer der Gründe, wieso Jol Hamburg unbedingt verlassen wollte, dass die Verantwortlichen kein Geld in die Hand nehmen wollten?

  2. HoratioTroche
    Dienstag, 25. August 2009 um 19:16

    Vielleicht nur kein Geld für den Jolschen Fußball.

  3. tafelrunde
    Dienstag, 25. August 2009 um 22:42

    Eine Anmerkung zum – ob berechtigten oder nicht, zumindest unterhaltsamen – Mediengedöns um die Bayern.
    Nicht erst nach dem Mainz-Debakel kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bayern-Verantwortlichen bisher auf-Teufel-komm-raus nicht dem Plebs, sprich, der allgemeinen Meinung bzw. den Fans, nach Verstärkungen im Defensivbereich und im offensiven Mittelfeld nachgeben wollten. So ganz nach dem Motto: Ihr habt doch eh keine Ahnung. Die einzigen Durchblicker sind wir. Zitat Höneß: „Wer glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid!“ OK. Aus dem Zusammenhang gerissen, aber die Meinung der Club-Oberen gegenüber dem Fan als solchem präzise auf den Punkt gebracht.
    Das grenzt nicht nur an Sturheit, das ist Sturheit und Selbstüberschätzung in Potenz.
    Nun sind sie in ihrem selbst gezimmerten Dilemma gefangen. Sie sehen, dass es so, ohne Erfolge, nicht weiter gehen kann. Werden sie auf dem Transfermarkt tätig, glauben sie, dem Plebs bzw. Medien bzw. Fans nachgegeben zu haben. Wenn sie aber nichts machen, droht der Super-Gau, in der BL und v.a. in der CL.
    Das wollten sie, nach dem selbst so empfundenen Debakel mit Klinsmann, aber doch um alles in der Welt nicht wiederholen. Was sie auch machen, sie stehen einfach nur als blöd und inkompetent da.
    Blöd gelaufen, liebe Bayern-Führung. Aber selbst schuld. Hätten sie bei Klinsmann auf einem wirklich versierten Taktiklehrer als Co an seiner Seite bestanden und grundsätzlich mehr Stehvermögen gezeigt, wäre diese Abwärtsspirale nie in Gang gekommen.
    Man sollte mal nicht die Intelligenz der Masse unterschätzen. Nicht des Einzelnen in der Masse, sondern die sog. Schwarm-Intelligenz.
    Ob Herr Höneß und Herr Rummenigge schon mal was davon gehört haben? Aber das wäre ja so was wie Basis-Demokratie. Und das im Fußball. Schrecklich.

  4. Tomy Y.
    Mittwoch, 26. August 2009 um 09:18

    tafelrunde: „Hätten sie bei Klinsmann auf einem wirklich versierten Taktiklehrer als Co an seiner Seite bestanden und grundsätzlich mehr Stehvermögen gezeigt, wäre diese Abwärtsspirale nie in Gang gekommen.“

    Kann man nur unterstreichen. Aber bitte noch nicht ganz abschreiben.
    Wobei Hoeness verbraucht wirkt wie Muentefering. Ist immer irgendwie die gleiche Leier, nur dass es nimmer so zieht. Langsam entschwebt er hinueber ins Lattek Lager…

    Und die Hamburger werden auch nicht ewig so tanzen. Die Gegner gucken sich die Spiele an und werden entsprechend agieren. Stark starten und dann stark nachlassen, passte schon oefter sowohl zur Mannschaft wie dem Trainer. Aber bis es soweit ist, geniesse ich das Spiel des neuen HSV.

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