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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Internationaler Fußball

Weicheier in Kickstiefeln

Frank Baade | Freitag, 9. Oktober 2009 Kommentare deaktiviert für Weicheier in Kickstiefeln

Die Schweiz ist vergleichbar mit Schweden eine dauerhaft erfolgreiche Nation, ohne dass es dafür Garantien gebe, in Luxemburg habe sich etwas bewegt, Neuseeland auf dem Sprung zur WM

Mehrere tausend Kinder

Peter B. Birrer (NZZ) hat die Sorgen und Strategien der mittleren Fußballnationen im Blick und vergleicht die aktuelle Schweizer Lage mit jener Schwedens: „Schweden ist ein Dauerbrenner. Seine Fussballauswahl hat seit 1990 jede WM- und EM-Endrunde erreicht – mit Ausnahme von 1996 und 1998. Jetzt kämpft sie gegen Dänemark und Portugal um einen Platz an der WM 2010. Dass die WM-Türe vor der Nase zugeschlagen wird, ist wahrscheinlicher als auch schon. Der Aufschrei wäre grell. Die Kleinen gewöhnen sich schnell ans Aussergewöhnliche.“ Wie klein die Dimensionen sind, die Erfolge in Ländern wie Schweden oder der Schweiz hervorrufen, berichtet Birrer auch: „Steht das Nationalteam im Schaufenster eines grossen Turniers, hat der Schweizer Fußballverband Zulauf von mehreren tausend Kindern.“ Weil diese wenigen aber sonst spürbar fehlten und aufgrund der verbundenen finanziellen Zugewinne sei eine Qualifikation für ein Turnier für Länder dieser Größe so wichtig. „Länder mit bescheidenem Reservoir sind Zyklen unterworfen.“ Als Beispiele führt er die Iren vom Beginn der 1990er Jahre und danach Tschechien an, welche beide nicht an alte Erfolge anknüpften. Das erfolgreichste Beispiel aus dieser Riege aber sei Schweden: „Kontinuität im Verband und auf den Trainerposten kann für grosse Sprünge hilfreich sein. Dazu gehört eine tragfähige Spielergeneration, die von Ausnahmekönnern geführt wird, eine Nachwuchsarbeit, die Löcher stopft, und das Los- und Spielglück darf nicht fehlen. Die Schweden stützen sich nicht nur auf ihre Trainer und ihren Stil, sondern immer wieder auf überdurchschnittliche ‚Key-Player‘– auf dem Rasen und daneben. Sie hiessen früher Larsson und Ljungberg, heute sind das Mellberg und Ibrahimovic. Zudem hat Schweden seit Jahren gute Torhüter – Ravelli, Hedman, heute Isaksson. Die Schweden waren bisweilen so gut, dass sie sich bei Auslosungen in Topf 1 wiederfanden. Man ist sich bewusst, dass nicht ewig währt, was seit 1990 ist.“

Nur dem Radsport zu verdanken

Allzu selten liest man überhaupt etwas über den Fußball eines direkten Nachbarlandes. Für Kim Hermes (NZZ) hat sich in dieser WM-Qualifikation etwas geändert in Luxemburg: „Sensationen sind für uns selten in Mannschaftssportarten. Dass wir auf der sportlichen Weltkarte erscheinen, haben wir dem Radsport zu verdanken. Gerne moniert der in dieser Hinsicht erfolgsverwöhnte Luxemburger das Missverhältnis, das im Fussball zwischen Aufwand und Erfolg besteht. Luxemburg hatte in den letzten Jahren dank konsequenter Jugendarbeit Fortschritte gemacht. Das Team spielte öfters gut, aber kassierte meist das eine oder andere Tor. Wer immer schreiben muss ‚gut gespielt, aber trotzdem verloren‘, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Der leidgeprüfte Luxemburger Fussballfan tendiert daher eher zur kurzfristigen Euphorie. Langjährige Erfahrungswerte lassen sich nicht von heute auf morgen ausknipsen. Aber spätestens seit jenem 2:1-Sieg in der Schweiz besteht die Gewissheit, dass an guten Tagen auch für uns einiges möglich ist.“

Brutal geprägtes Männerbild

Ebenso selten ist Neuseeland Gast in der hiesigen Presse. Sissi Stein-Abel (Berliner Zeitung) hofft auf eine Renaissance der nur kurz währenden Fußballbegeisterung um das für die WM 1982 qualifizierte Team, in dem Wynton Rufer als 19-Jähriger mitkickte: „Und tatsächlich: Obwohl jedes Kind die Schuhgröße eines jeden Rugbynationalspielers kennt, findet im Land der Kiwis, wo es rund 120 000 Fußballspieler gibt, längst unbemerkt eine kleine Revolution statt. Im Bereich der Fünf- bis Siebzehnjährigen spielen mehr sportbegeisterte Kinder Fußball als Rugby, weil sich die weißen Neuseeländer, die Pakeha, sowie die Nachkommen europäischer und asiatischer Einwanderer im körperbetonteren Rugby gegen die größeren und schwereren Maori und Polynesier nicht durchsetzen können. Vor allem auf der Südinsel Neuseelands hat Fußball eine breite Basis. Vielversprechende Talente finden in der Fußballakademie Wynton Rufers ein exzellentes Sprungbrett für Profiverträge in Europa und Japan. In punkto Popularität liegen allerdings noch Welten zwischen Fußball und Rugby. Das liegt einerseits an der Tradition, andrerseits an dem durch das brutale Rugbyspiel geprägte Männerbild der Neuseeländer. Viele finden es schlichtweg abstoßend, dass sich Fußballer umarmen, herzen und theatralisch fallen lassen. Fußballer gelten als Weicheier in Kickstiefeln. Rugby beginnt, wo Fußball endet.“

Ausverkauftes Rugbystadion Croke Park

Ein alter Bekannter aus der Bundesliga kennt beim Fußball keine Freunde. Reinhard Sogl (FR) zitiert Trapattoni vor dem Duell gegen sein Heimatland Italien wie folgt: „‚Wenn ich mit Freunden Karten spiele, will ich gewinnen – so ist das Leben.‘ Es gebe keine Rachegelüste, betonte Trapattoni, der mit Italien bei der WM 2002 im Achtelfinale und bei der EM 2004 schon in den Gruppenspielen gescheitert und danach von Marcello Lippi abgelöst worden war. Von jenem Mann also, der Italien 2006 zum WM-Titel führte und nun als Trainer des Spitzenreiters der WM-Qualifikationsgruppe 8 in das mit 72.000 Zuschauern ausverkaufte Rugbystadion Croke Park kommt. Doch es ist natürlich nicht Trapattonis persönliche Geschichte, die die Iren in Scharen anlockt. Die Kleeblatt-Kicker haben vor den letzten beiden Spielen zwar vier Punkte Rückstand auf Italien, liegen aber vor Bulgarien auf Rang zwei mit allerbesten Aussichten auf die Relegationsduelle. Dem Weltmeister würde ein Unentschieden reichen, um in Südafrika sicher dabei zu sein, Trapattoni will das verhindern. Im Hinspiel in Bari wurde der gastgebende Favorit beim 1:1 schon fast besiegt. Doch den achtmal ungeschlagenen Iren fehlt Damien Duff verletzungsbedingt.“

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