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Deutsche Elf

Aus der Not geboren – Generationswechsel im Nationalteam

Matthias Nedoklan | Samstag, 29. Mai 2010 Kommentare deaktiviert für Aus der Not geboren – Generationswechsel im Nationalteam

Bei der WM wird Manuel Neuer im Tor stehen und Philipp Lahm die Kapitänsbinde tragen. Beide Entscheidungen, durch Verletzungen bedingt, werden in der Presse als Generationswechsel gesehen

Für Michael Horeni (FAZ) sei die Entscheidung des Bundestrainers, Lahm zum Kapitän und Neuer zur Nummer eins zu machen, „vollkommen vorhersehbar“ gewesen. „Die deutsche Mannschaft wird von einem Kapitän und einem Torwart angeführt, die für diese Rollen eigentlich erst in ein paar Jahren vorgesehen waren, wenn überhaupt. Aber durch die ganz besonderen Umstände der vergangenen Wochen und Monate, die Löws Vorbereitung auf Südafrika zum schwierigsten Unterfangen in der ziemlich langen deutschen WM-Geschichte gemacht haben, ist daraus dennoch eine zwangsläufige Wahl geworden.“ Auch Schweinsteiger traut der Autor das Kapitänsamt zu, „mit Lahm hat Löw aber nun eine bessere Balance im Team gefunden, auch wenn der Verteidiger bei seinen kalkulierteren Auftritten und Aussagen mitunter wirkt, als müsse er auf dem Anführerweg noch ein bisschen vorankommen. Die WM ist dafür eine Chance.“ Torwart Manuel Neuer sei nach dem Selbstmord von Robert Enke und dem Rippenbruch von Rene Adler eine Nummer eins im Schnelldurchgang. „Seinen Konkurrenten Wiese und Butt ist der U-21-Europameister gleichwohl ein ganzes Stück voraus. Neuer verkörpert das moderne Torwartspiel mit seinem erweiterten Anforderungsprofil jenseits von Torlinie und Strafraum deutlich aktiver und überzeugender als die statischeren Interpretationen, die aus Bremen und München geliefert werden“

Jan Christian Müller (FR) sieht einen Generationswechsel in der Nationalmannschaft: „Insgesamt werden die Hierarchien im Team flacher. […] Bei der Europameisterschaft 2008 hatte es nämlich erheblich im Gefüge geknarrt, angeblich auch deshalb, weil die Ansprache der Alphatiere Ballack und des aussortierten Torsten Frings vielen Mitspielern zu direkt und zu negativ erschienen war. Der sowohl auf den Füßen als auch im Kopf auffällig flinke Lahm dürfte seine Rolle integrativer interpretieren als Ballack und dessen Vorgänger Oliver Kahn.“ Dass zukünftig Manuel Neuer zwischen den Pfosten stehen wird, empfindet Müller als „nachvollziehbar“. „Dass der mitunter zum Leichtsinn neigende 24-jährige Schalker sämtliche Fähigkeiten für einen Weltklassetorhüter besitzt, gilt unter Experten als unstrittig. Derweil soll Butt sich hinter Wiese einreihen und mit seiner Ruhe und Gelassenheit positiven Einfluss auf die Konkurrenten nehmen.“

Auf einen Wachwechsel in der Nationalelf und die Früchte der Jugendarbeit verweist auch Andreas Rüttenauer (taz): „Der neue Kapitän der Nationalmannschaft ist 26, der Torhüter des FC Schalke 04 erst 24. Schlüsselspieler sind beide schon länger, Neuer in seinem Klub, Lahm beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Jetzt müssen sie Verantwortung übernehmen in einer Mannschaft, wie sie der DFB noch nie zu einem großen Turnier entsandt hat. Da gibt es keinen vorlauten Haudegen, keinen altklugen Wortführer, einen Weltstar sowieso nicht. Da gibt es eine Menge guter Kicker, aus der der Bundestrainer eine Mannschaft formen darf. Da hat es Löw besser als viele seiner Vorgänger.“ Nach dem Debakel bei der Euro 2000 und dem mittelalterlichen Fußball der Deutschen wurde im Land einiges geändert. „Seit 2002 gibt es bundesweit 366 Leistungszentren, in denen Jugendlichen von DFB-Trainern moderner Fußball beigebracht wird. Die Europäische Fußballunion hat den DFB im vergangenen Jahr mit der Maurice-Burlaz-Trophäe für die beste Jugendarbeit auf dem Kontinent ausgezeichnet. Jetzt kann Bundestrainer Joachim Löw die Früchte dieser Arbeit ernten. Es kommen welche nach im deutschen Fußball.“

Anders als Leitwolf Michael Ballack sei Lahm aber kein bellender Chef, sondern eher ein Erster unter Gleichen, kommentiert Ludger Schulze (SZ). „Zuletzt hatte Michael Ballack dieses ,Amt‘  inne, ein Anhänger des hierarchischen Umgangs. Der Capitano als Chef, sein Kumpel Torsten Frings als Capo, dann all die anderen. Auch Philipp Lahm hat bei der EM 2008 gegen Ballacks Leitbullen-Ordnungspolitik aufbegehrt. Der neue Kapitän sieht sich als primus inter pares, er steht für flache Hierarchien. Ein solcher Kollegialstil ist ein Novum in der deutschen WM-Geschichte. Auch dort darf man ruhig mehr Demokratie wagen.“

Frankreich darf die Euro 2016 ausrichten – das entschied die UEFA in Genf. Die Bewerbung Italiens schied früh aus, Konkurrent Türkei lieferte sich mit den Franzosen ein Kopf-an-Kopf-Rennen

Hans-Hagen Bremer (Tagesspiegel) sieht den Erfolg der französischen Bewerbung als logische Konsequenz der Probleme bei der Vorbereitung für die Euro 2012 in der Ukraine und Polen. „Vieles sprach für ein westeuropäisches Land“. Nachdem Italien schon früh ausschied, standen sich Frankreich und die Türkei gegenüber. „Beide Dossiers galten als gleichwertig, Frankreich ging jedoch mit Vorteilen, darunter der schon bestehenden Infrastruktur, den höheren Sicherheitsgarantien und den lukrativeren finanziellen Aussichten für die UEFA von schätzungsweise 500 Millionen Euro in die Ausscheidung.“ Bei der EURO 2016 werden zum ersten Mal 24 Mannschaften um die Krone der europäischen Nationalteams antreten, „ein Turnier von vier Wochen Dauer traute man wohl eher den Franzosen als den Türken zu.“ Dennoch war die Abstimmung mit sieben zu sechs Stimmen denkbar knapp. „Sein Engagement will sich Frankreich viel kosten lassen. Auf 1,7 Milliarden Euro werden die Investitionen zum Aus- oder Neubau von Stadien veranschlagt, mit denen Frankreich seinen Rückstand gegenüber den großen Sportarenen in Spanien, England oder Deutschland aufzuholen hofft. Davon sollen 60 Prozent durch private Finanzierungen aufgebracht werden. Für die insgesamt 51 Begegnungen zwischen den 24 teilnehmenden Ländern sind Neubauten in Lille, Lyon, Bordeaux und Nizza geplant. Das soll 15 000 Arbeitsplätze in der Bauphase und 4 500 beim späteren Betrieb bringen.“

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