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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2010

Holland gewinnt ohne zu überzeugen, Italien nur unentschieden

Jens Behler | Dienstag, 15. Juni 2010 2 Kommentare

Die Holländer schlagen Dänemark zum Auftakt 2:0, lassen aber die erwartete Kreativität in der Offensive vermissen; Titelverteidiger Italien bleibt beim 1:1 gegen Paraguay allerdings noch mehr schuldig

André Görke (Tagesspiegel) findet klare Worte für den öden Auftritt der hochgehandelten Niederländer: „Die Herrschaften in Orange und Weiß schoben sich in der ersten Halbzeit den Ball so lange uninspiriert zu, bis sich irgendeiner finden ließ, der das Arbeitsgerät hinter die Seitenauslinie drosch oder sich in den Beinen des Gegners verhedderte.“ Die zweite Hälfte sei dann ein wenig besser gewesen, allerdings auch unter gütiger Mithilfe der Dänen: „Auch das 1:0 kurz nach der Halbzeit war reines Glück. Gut eine Minute war gespielt, da flog eine Flanke in den dänischen Strafraum und direkt auf den Kopf von Simon Poulsen. Der Mann verlor ein bisschen die Orientierung, torkelte durch den Strafraum, köpfte den Ball immerhin – allerdings unglücklich an den Rücken seines Kollegen Daniel Agger vom FC Liverpool. Und von dort hoppelte er weiter an den Innenpfosten und ins dänische Tor. Kurios das Tor, keine Frage – aber schön?“

Besonders die außerordentlich gut besetzte Offensive der Oranjes bekommt ihr Fett weg. Michael Königs (sueddeutsche.de) Urteil über Sneijder, van der Vaart, Kuyt und van Persie macht dies deutlich: „Die furchteinflößenden Namen auf den Trikots passten nicht recht zu den Fußballern, die darin steckten. Das kam überraschend, denn diejenigen Experten, die Holland zum Favoriten erklärt hatten, waren sich sicher gewesen: An der Offensivreihe würde es nicht scheitern.“

Auch Jeffrey Marcus (The New York Times) zeigt sich enttäuscht: „Die Niederländer gewannen 2:0, doch ihre Fans im Stadion bekamen nicht den erhofften ‘Voetbal total’ zu sehen. Dazu braucht es definitiv mehr, als das was die Holländer gegen Dänemark zeigten.“ Dennoch gab es für die biedere Vorstellung drei Punkte. „Das ist nicht der gewöhnliche Weg der Holländer. Normalerweise sind sie dafür bekannt attraktiven Angriffsfußball zu zeigen, der jedoch allzu oft nicht von Erfolg gekrönt ist. Diesen Vorwurf müssen sie sich diesmal nicht gefallen lassen.“

Italien in Nöten

Titelverteidiger Italien konnte beim mühsamen 1:1 gegen Paraguay seiner Favoritenrolle nicht gerecht werden. Die Art und Weise des Auftritts der Italiener läge für Florian Haupt (Welt Online) den Schluss nahe, „dass das Team womöglich seinen Zenit überschritten hat.“ Auch nach dem Ausgleich durch de Rossi habe dem Titelverteidiger die nötige Klasse gefehlt, um das Spiel noch zu drehen: „Obwohl Italiens Wille zum Sieg deutlich den Paraguays überstieg, verhinderte eine gewisse Ideenlosigkeit gepaart mit einem Haufen Fehlpässen den Sieg.“

Ricardo Pratesi (La Gazetta dello Sport) sah bei der Squadra Azzurra Licht und Schatten: „De Rossi krönte seine gute Leistung mit einem Tor, allerdings nach einem Torwartfehler. Montolivo spielte auch gut und zeigte, dass er Pirlo vertreten kann. Auf der anderen Seite steht die unglückliche Leistung der Angreifer. Bei einem Team das Weltmeister werden will, sollte wenigsten ein Stürmer treffen. Die Verletzung Buffons wiegt ebenfalls schwer.“

Für die paraguayanische Online-Zeitung ultimahora.com sei das Remis zum Auftakt gegen den amtierenden Weltmeister „ein großer Erfolg.“ Dennoch bleibe ein kleiner Wehrmutstropfen, denn die Sensation habe in der Luft gelegen: „Auch wenn die Italiener mit einer anderer Einstellung in die zweite Hälfte gingen, so waren sie doch schlagbar. Paraguay spielte nicht schlecht, doch die ‚Squadra Azzurra’ kam durch einen Fehler von Justo Villar beim Herauslaufen schließlich zum etwas schmeichelhaften Ausgleich durch de Rossi.“

Kamerun enttäuscht auf ganzer Linie

Das Spiel Kamerun gegen Japan war die große Enttäuschung des Spieltages. Besonders die Afrikaner hätten so gut wie alles vermissen lassen, wie Carolin Küter (taz) zu berichten weiß: „Wenigstens die Sonne strahlt bei dem Spiel zwischen Japan und Kamerun. Denn die Fans der Kameruner Löwen haben nicht viel Grund zum Strahlen. Kamerun geht als siegessicherer Favorit in das Spiel, Japan als trotziger Gegner. Bei einem zögerlichen Hin- und Hergekicke, das größtenteils ohne Protagonisten, interessante Zweikämpfe oder mutige Vorstöße auskommt ist jedoch nicht viel vom ‚unbezwingbaren’ Willen der Kameruner zu bemerken.“ Auch Samuel Eto’o sei hinter den Erwartungen zurück geblieben: „Warum der Stürmerstar von Inter Mailand nachdem er großmäulig verkündet hatte, die Weltmeisterschaft für seine Karriere nicht zu benötigen, nun doch mitgefahren ist, bleibt schleierhaft. Dieses Auftaktspiel hätte den 29-jährigen nicht benötigt.“

Auch für Andrea Böhm (Zeit Online) war das schwache Spiel schwer in Worte zu fassen: „Mein Gott, Kamerun! Was war los? Lag’s am südafrikanischen Essen? Am Rasen? An den Nerven? War der Ball zu schnell, die Luft zu dünn? Wisst Ihr, wie schlecht man spielen muss, um der fleischgewordenen Indignation namens Günter Netzer einen noch missmutigeren Gesichtsausdruck abzunötigen, als er ohnehin schon an den Tag legt?“  Die Antwort sei dann doch recht einfach: „So schlecht habt ihr gespielt.“

Aus dem Spanischen übersetzt von Philipp Schmitt, aus dem Italienischen von Luciano Lago.

Kommentare

2 Kommentare zu “Holland gewinnt ohne zu überzeugen, Italien nur unentschieden”

  1. Sven
    Dienstag, 15. Juni 2010 um 15:57

    Also bis jetzt muss ich sagen, dass ich unsere Elf als die Stärkste sehe. Sicher ist es noch viel zu früh, um auf den Italienern und Holländern rumzuhacken. Trotzdem müssen wir uns vor keiner Mannschaft verstecken. Bin gespannt, wie sich Brasilien und Spanien ins Turnier einfinden.

  2. juwie
    Dienstag, 15. Juni 2010 um 23:09

    Ist OT, aber trotzdem:
    Bitte „Wermut“ ohne „h“. Kommt nämlich nicht von „wehren“, sondern vom bitteren Destillat der gleichnamigen Pflanze. (http://www.dwds.de/?kompakt=1&sh=1&qu=wermut)

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