indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2010

Der Schwächste fliegt

Jens Behler | Freitag, 25. Juni 2010 1 Kommentar

Gruppenletzter: Italien beendet das Kapitel Titelverteidigung bereits in der Vorrunde. Die Presse nimmt mit einer schonungslosen Fehleranalyse Abschied

Nach dem Vorrundenaus übernimmt Italiens Trainer Marcello Lippi die volle Verantwortung für das frühe Scheitern seines Teams. Zu Recht, findet Oliver Birkner (Spiegel Online): „Die Nibelungentreue zu alternden Stars wie Fabio Cannavaro, der nicht umsonst zukünftig seine Karriere in den beschaulichen Emiraten ausklingen lässt, oder Mauro Camoranesi wurde ihm nun zum Verhängnis. Ebenso wie die Wahl von mittelmäßigen Akteuren wie Vincenzo Iaquinta oder Simone Pepe. Und so erspielte sich Lippis Kollektiv in drei Partien gegen durchaus bezwingbare Gegner kaum Torchancen. Es fehlte an Tempo, Esprit und Überzeugung. Vielleicht hätte der Coach doch über die Nominierung von versierten und zuletzt überzeugenden Spielern wie Francesco Totti, Mario Balotelli, Antonio Cassano oder Fabrizio Miccoli nachdenken sollen. Sie passten jedoch nicht in Lippis angestaubtes Konzept, das 2006 in Deutschland noch funktionierte und jetzt die Schwächen des italienischen Fußballs gnadenlos offenlegt.“

Der Calcio ist verkommen

Für Markus Lotter (Berliner Zeitung) steht nach dem viel zu frühen Scheitern des Titelverteidigers das ganze italienische Fußballsystem in Frage, genau wie 1998 in Deutschland: „Welche Parallelen, die einem deutlich vor Augen führen, dass sich der Fußball in eigendynamischen Zyklen bewegt, wenn man gewissen Entwicklungen nicht rechtzeitig und nicht entschieden genug entgegenwirkt! Italiens Fußballmacher haben in den vergangenen 15 Jahren alles verpasst, was man nur verpassen konnte. Aller Calcio ist grau in einem Land, das mit der Finesse seiner Spieler, mit dem taktischen Witz seiner Trainer noch in den Neunzigerjahren den Weltfußball dominierte. Und aller Calcio ist böse und verkommen in einem Land, dessen machthungrige Politiker die Gewalt und die Korruption im Fußball nicht bekämpfen, sondern einfach dulden.“

Ricardo Pratesi (La Gazzetta dello Sport) ist aufgrund der Leistung der Mannschaft tief enttäuscht: „An diesem Abend lief bei der Squadra Azzurra gar nichts zusammen. Die Nationalmannschaft versuchte verzweifelt, ein Tor zu erzielen, leider gelang es zu spät. Italien scheidet wie 1974 in der Gruppenphase einer WM aus. Eine katastrophale erste und eine zu passive zweite Hälfte waren wieder einmal die Merkmale dieser traurigen Mannschaft.“

Letzter der anspruchslosesten Gruppe der Welt

Bei Tuttosport heißt es zum Ausscheiden: „Das Flugzeug der Scham steht bereit. Titelverteidiger Italien mit Trainer Marcello Lippi verlassen Südafrika und kehren voller Scham nach Hause. Aus in der Vorrunde. Letzter der anspruchslosesten Gruppe der Welt. Italien lag nie in Führung und zeigte insgesamt eine traurige Bescheidenheit.“

David Owen findet auf insideworldfootball.biz ebenfalls deutliche Worte: „Nach dem schmachvollen Ausscheiden ist der italienische Fußball am Tiefpunkt angelangt. Nur einen Monat ist es her, da musste Italien bereits eine bittere Pille schlucken: Im Rennen um die Ausrichtung der Euro 2016 wurde es hinter Frankreich und der Türkei nur Dritter. Die heimische Liga ist geprägt von finanziellen Schwierigkeiten der Vereine und schwindenden Zuschauerzahlen. Inter Mailand wurde wohl Championsleague-Sieger, allerdings ohne einen italienischen Spieler in der Startelf. Nicht einer aus dem Kader schaffte es ins Nationaltrikot.“ Auch abseits des Platzes hat das Ausscheiden des Weltmeisters große Auswirkungen: „Das frühe Aus ist besonders für den Sportartikelhersteller Puma ein herber Rückschlag, für den Italien das beste Pferd im Stall ist.“ Der Trainer des Titelverteidigers wirkte ratlos: „Der arme Marcello Lippi stand dort am Rande seiner Coachingzone, Hände in den Hüften, und sah mit seiner typischen Trainingsanzugshose aus wie ein alter Pensionär, dem gerade mitgeteilt wurde, dass sein örtliches Krankenhaus schließt.“

Neuseeland verabschiedet sich mit Stolz

Für Michael Brown (New Zealand Herald) hatte der zweite Auftritt Neuseelands bei einer Fußball-Weltmeisterschaft etwas Historisches: „Der Lauf der All Whites bei dieser WM war einer der Größten in der Sportgeschichte Neuseelands und es ist nach dieser Leistung keine Schande auszuscheiden. Sie kehren ungeschlagen nach Hause zurück. Wer hätte das vor dem Turnier gedacht? Sie haben Neuseeland auf die Fußball-Landkarte gesetzt. Die Leute aus aller Welt wissen jetzt, wo Neuseeland zu finden ist.“

Aus dem Italienischen überetzt von Luciano Lago

Kommentare

1 Kommentar zu “Der Schwächste fliegt”

  1. 1ng0
    Freitag, 25. Juni 2010 um 23:29

    don’t cry for me, italiener
    südafrika ist viel zu kalt
    und das hotel ein container
    zambrotta vermisst seinen wald

    freut euch auf drei freie wochen
    kein training, kein fernsehn, kein spiel
    endlich mal wieder schön kochen
    im radio singt leise seal

    schluss mit dem stress und dem hetzen
    sonnenschein strahlt auf den bauch
    könnt ihr die liege besetzen?
    bis montag, dann kommen wir auch

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