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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2010

Ein deutsches Holland gegen trotzige Uruguayer

Daniel Drepper | Dienstag, 6. Juli 2010 1 Kommentar

Holland ist nach all den Enttäuschungen der vergangenen Jahrzehnte diesmal auf einem auf einem guten Weg zum Titel, Uruguay scheint dennoch nicht chancenlos zu sein

Das große Selbstvertrauen der Holländer überzeugt Moritz Kielbassa (SZ). Für ihn ist „Oranje“ vor dem Duell mit Uruguay bereits reif für den Titel. „Die Geschichte der Elftal enthält viele Episoden knappen Scheiterns: 1974 bestaunte die Welt ihren voetbal totaal, im Finale siegten rationale Deutsche. Im Halbfinale 1998 gegen Brasilien blieb eine begnadete Ajax-Generation aus Amsterdam durch ein verlorenes Elfmeterschießen ungekrönt; 2006 im Achtelfinale gegen Portugal (0:1) ließ sich Holland trotz spielerischer Hoheit in eine böse Treterei verwickeln. Auch intern bildeten die vielen feinen Talente, die aus dem Füllhorn der niederländischen Fußballschule immerzu hervorgehen, oft eine streitbare Gruppe. Van Marwijk kann nicht zaubern, doch er versucht, alle Störfaktoren zu kontrollieren. Bisher: mit Erfolg. Vielleicht ist dieser Lambertus van Marwijk aus Deventer, Provinz Overijssel, für die Elftal genau der richtige Trainer. Einer, der in die komplizierte Gemengelage kaum eigene Eitelkeiten einbringt.“

Holland, das neue Deutschland?

Während Deutschland als neues Spanien gefeiert wird, nimmt Holland für Stephan Ramming (Neue Zürcher Zeitung) den Platz der Deutschen ein. „Vielleicht wird es ja zu einer Ironie dieses Turniers, dass sich Holland mit jenen Tugenden in das Finale kämpft, die es stets im großen Rivalen Deutschland erkannt und missbilligt zu haben glaubt – mit Zähigkeit, Wille, Glück und nötigenfalls auch mit der Brechstange. Selbstverständlich jubelt Holland über einen Sieg gegen Brasilien, selbstverständlich feiert Holland eine Qualifikation für ein WM-Halbfinale – aber eigentlich steht Holland für ‚voetbal total‘; für eine Spielauffassung, die Schönheit, Tempo und Dominanz mit Leichtigkeit paart. Nach dem 1:0-Sieg gegen Japan im letzten Spiel der Gruppenphase, die mit 9 Punkten und 5:1 Toren beendet worden war, wurde van Marwijk mit dem Vorwurf des ’saai voetbal‘, des ‚langweiligen Fußballs‘, konfrontiert“, schreibt Ramming. Trainer Bert van Marwijk gebe sich jedoch gelassen, der Erfolg gebe ihm recht.

Mark van Bommel, der Schulsprecher

Bei Bayern München nennen sie ihn den Deutschen – für Ronny Blaschke (FTD) ist Mark van Bommel der Schlüssel zu Hollands Erfolg. „Wenn sich der Verkehr auf dem Rasen staut, wenn die Spieler aus allen Ecken herbeieilen, sie ihren Zorn an Schiedsrichter oder Gegner auslassen, dann sorgt Mark van Bommel für geordnete Verhältnisse. Dann schiebt er seine Kollegen zur Seite, geht auf den Unparteiischen zu und übernimmt das Wort – wie ein Schulsprecher in der Hofpause. In diesen Szenen sieht man, wie wertvoll der 33-Jährige für das holländische Team ist. Es lässt sich erahnen, warum sie ohne ihn wohl weiterhin beharrlich einem fatalen Prinzip folgen würden: schön kombinieren, schön treffen, schön scheitern.“

Ein spezieller Erfolg für Uruguay

Trotzige Uruguayer hat Florian Haupt (Berliner Zeitung) erlebt. Trainer Tabárez habe sich sehr geärgert „über den steil erhobenen Zeigefinger mancher Europäer, die ihn fragen, ob es den Uruguayern nicht peinlich sein sollte, dass sie im Halbfinale stehen. Wegen dem Handspiel von Suarez.“ Aber: „Uruguays Trainer spreche lieber über Themen wie die Veränderungen des Weltfußballs im Zuge der Globalisierung, ‚die organisierte wirtschaftliche Macht‘ der Europäer, deren massenhafte Rekrutierung von immer jüngeren Spielern aus Südamerika. All das mache den Erfolg seines kleinen Landes bei diesem Turnier noch spezieller.“

Javier Cáceres (SZ) schreibt, dass Uruguays Trainer Oscar Washington Tabárez seit der WM 1990, als er schon einmal WM-Trainer Uruguays war, einiges dazugelernt habe. „Diesmal ließ er die Spielermanager nicht ins Hotel, er unterließ es, vor der WM auf Welttournee zu gehen, um für den Verband Kasse zu machen. Und er coachte pragmatischer. Er hat nicht von ungefähr bei dieser WM alle Feldspieler eingesetzt, die im Kader stehen. Außer Martin Cáceres von Juventus Turin, der wegen der zahlreichen Ausfälle aber wohl gegen Holland spielen wird. Egal ob Uruguay erstmals seit 1950 wieder ein WM-Finale erreicht, schon jetzt ist der Respekt vor Tabárez ins Unermessliche gewachsen.“

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    Dienstag, 6. Juli 2010 um 14:56
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