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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ball und Buchstabe

Mit Fußball ist es nicht getan

Christoph Asche | Donnerstag, 15. Juli 2010 3 Kommentare

Südafrika kann mit der Organisation des Turniers zufrieden sein, der deutsche WM-Patriotismus täuscht über das wahre Zusammengehörigkeitsgefühl hinweg und Halil Altintop freut sich über Multi-Kulti im deutschen Fußball

Südafrika hat versucht, sich in den vier WM-Wochen von seiner besten Seite zu zeigen. Thomas Scheen (FAS) kann daher auch ein positives Resümee ziehen. Zwar sei es ein anstrengendes Turnier gewesen, zum einen „für die Spieler und die unzähligen Mitarbeiter des lokalen Organisationskomitees, aber auch für die Fans und nicht zuletzt für die Journalisten. Die Wege zwischen den Stadien waren weit und der Winter am Kap alles andere als freundlich. Trotzdem kann die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf dem schwarzen Kontinent als voller Erfolg verbucht werden.“ Es habe dennoch auch nicht alles reibungslos funktioniert, aber überraschend sei vielmehr, „wie wenig bei diesem logistischen und organisatorischen Kraftakt schiefgegangen ist und wie unaufgeregt die Südafrikaner selbst so massive Probleme wie den Streik des Sicherheitspersonals in den Stadien von Kapstadt, Port Elizabeth und Durban lösten.“ Die Südafrikaner hätten den gewünschten Effekt erzielt, nämlich „für sich zu werben, auf dass die Gäste wiederkommen und den Tourismus ankurbeln. In dieser Hinsicht ist die Rechnung nach heutiger Sicht jedenfalls aufgegangen.“ Kritikpunkte gebe es trotzdem, die Probleme bei der Ticketvergabe und die Kurzfristigkeit der meisten neu geschaffenen Arbeitsplätze seien dafür nur zwei Beispiele. Dennoch sei es unstrittig, „dass diese Weltmeisterschaft eine neue Wahrnehmung nicht nur Südafrikas, sondern des ganzen Kontinents befördert hat.“

Integrationshilfe Fußball

Im Interview mit Michael Eder (FAS) spricht Halil Altintop vom Bundesligisten Eintracht Frankfurt über die multikulturelle deutsche Nationalmannschaft. Der Fußball habe die Kraft, integrationsfördernd zu wirken: „Man hat schon vor ein paar Jahren absehen können, dass der Zeitpunkt kommen würde, von dem an nicht nur ‚wirklich Deutsche‘ für Deutschland spielen, sondern auch Deutsche mit anderen Wurzeln. Wir sind international, multikulturell geworden, und das ist die Entwicklung, von der Deutschland bei diesem Turnier profitiert.“ Den Aufstieg von Mesut Özil zu einem der Leistungsträger des DFB-Teams sieht Altintop positiv: „Das ist ein Superzeichen. Mittlerweile identifizieren sich sehr viele ‚Ausländer‘ viel mehr als früher mit der deutschen Mannschaft. Es ist sehr wichtig, dass sie das tun, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der es nicht mehr danach gehen soll, ob jemand Türke ist oder Deutscher oder Tunesier oder Italiener. In diesem Bereich ist der Fußball, ist die Nationalmannschaft vorbildlich.“ Seine Entscheidung, für die Türkei zu spielen und nicht für die deutsche Auswahl, sei eine aus dem Bauch heraus gewesen: „Ich habe nach meinem Gefühl entschieden. Das war der Moment, als ich gesagt habe, ich werde für das Land spielen, aus dem meine Eltern kommen.“ Der zukünftigen Integration sehe er mit einem guten Gefühl entgegen: „Ich glaube, dass sich in den nächsten Jahren in Deutschland viel mehr Deutsche mit ausländischen Wurzeln in allen gesellschaftlichen Bereichen emporarbeiten werden. Es werden noch viele neue Gesichter nach oben kommen und erfolgreich für Deutschland sein, nicht nur im Fußball.“

Das ewige Lächeln und der Nussknacker

Mit einem der vielen Kommentatorenpaare der Weltmeisterschaft beschäftigt sich Benjamin Heinrichs (SZ): „Nein, nicht schon wieder Netzer und Delling! Betrachten wir heute ein anderes, vom Glück offenbar weniger gesegnetes Paar. Wir schalten nun um zum ZDF. Olli, sagt Katrin, was meinst du, Olli? Immer wieder sagt Katrin zum Olli Olli, aber wann sagt Olli zur Katrin Katrin? Sicherlich hundertmal schon bei dieser WM haben wir gehört, wie Katrin Müller-Hohenstein den Namen Olli sagte, flüsterte, hauchte, zirpte, aber es war immer vergebens. Olli will einfach nicht Katrin sagen, der harte Mann ist nicht zu erweichen.“ Das Paar Müller-Hohenstein und Kahn passe einfach nicht zusammen: „Denn alle Liebesmühe der Dame ist vergebens: Sie kann reden, soviel sie will, sie kann lächeln, soviel sie will (und niemand im deutschen Fußballfernsehen kann so lächeln wie KMH, eisern, pausenlos, stundenlang) – Oliver Kahn macht zu allem ein Nussknackergesicht.“ Ein Pärchen der WM sei jedoch noch schlimmer gewesen als KMH und der Titan: „Die Geschichte von Diego Forlán und Fritz von Thurn und Taxis, der blonde Engel aus Uruguay und der altdeutsche Sky-Reporter. ‚Er mit seinen blauen Augen! Wenn er einen ansieht, schmilzt man dahin!‘ Dies sagte, nicht lange vor Mitternacht, Fritz über Diego. Leider ist das auch schon das Ende der Affäre. Diego ist ausgeschieden, Fritz macht weiter. Wenn man ihm zuhört, schmilzt man dahin.“

Die Nachhaltigkeit der WM

Christoph Biermann (SZ) berichtet über fünf südafrikanische Intellektuelle, die „über die Weltmeisterschaft und das sprechen, was sie bedeutet. Und darüber, was bleiben wird, wenn alle Mannschaften und Fans abgereist und alle Kameras abgebaut sind.“ Unter den fünf Gesprächsteilnehmern befinden sich unter anderem der weiße Schriftsteller Mark Gevisser und die farbige Chefredakteurin der südafrikanischen City Press, Ferial Haffajee. Der Schriftsteller zeigt sich von den Geschehnissen in den Stadien positiv überrascht: „Als sogar Buren bei der mehrsprachigen Nationalhymne des Vielsprachenstaats auch die Teile in Xhosa oder Zulu mitsangen, stimmte Gevisser erstmals seit Kindertagen auch beim Teil auf Afrikaans ein. ‚Es fühlte sich für mich nicht nur wie eine persönliche Heilung an, sondern wie eine nationale.‘“ Im Laufe des Gesprächs schildern so alle ihre Erfahrungen rund um die WM. Illusionen geben sie sich dabei jedoch nicht hin, trotzdem behalten sie die Weltmeisterschaft in guter Erinnerung: „Fast fünf Milliarden Euro hat Südafrika in und um eine Weltmeisterschaft investiert, deren Ziel natürlich eine Verbesserung der internationalen Wahrnehmung war, die Wachstumsanreize, Effekte für Tourismus und Investitionen produzieren sollte und was Regierungen ihren Wählern auch immer sonst an realen und symbolischen Folgen solcher Großereignisse versprechen. Südafrikanische Selbsterkenntnisse standen nicht unbedingt im Mittelpunkt, und das macht die Antwort noch verblüffender, die Ferial Haffajee auf die Frage gibt, ob die Weltmeisterschaft diese ungeheure Anstrengung wert war. ‚Rationell und fiskalisch betrachtet absolut nicht und trotzdem möchte ich sie für kein Geld der Welt missen‘, sagt sie, ‚denn nachdem ich schon geglaubt hatte, dass nationale Einheit und Nicht-Rassismus verwelkende Träume wären, kann ich jetzt sehen, dass sie ganz handfest und real gemacht werden können.“

Der WM-Schein trügt

Fahnenmeer hin, Autokorso her – während uns Deutschen während der WM ein Zusammengehörigkeitsgefühl attestiert wurde, sieht Christian Bangel auf Zeit Online einen gegenläufigen Trend: „Das Wir-gehören-wieder-zusammen-Gerede verstellt uns die Sicht darauf, dass das Gegenteil davon der Fall ist, was in der Presse steht: Uns Deutsche verbindet in Wahrheit immer weniger. Meinungsforscher und Wissenschaftler sagen, dass die Deutschen seltener wählen, weil sie den Politikern nichts zutrauen. Zunehmend stellen sie auch die Demokratie oder die rechtliche Gleichheit aller infrage. Leiden müssen Schwächere: Schwule, Migranten, Hartz-IV-Empfänger. Bildungs- und Besitzbürger schotten sich ab, wie ganz früher. Man weiß dort wieder, wie man Austern isst und seine Kinder vom Pöbel fernhält. Studien belegen, dass Ehen außerhalb des eigenen Bildungsmilieus immer seltener werden. In Hamburg wird die Gemeinschaftsschule womöglich am gut organisierten Widerstand der Wohlhabenden scheitern. Diese Prozesse sind beängstigend.“ Es stimme zwar, dass die WM mit all ihrer Begeisterung einen potenziell positiven Umgang mit dem Land zeigt und dass viele Deutsche dazu bereit wären, sich als Teil eines Gemeinwesens  zu sehen, dazu gehöre jedoch auch ein Inhalt: „Etwa das Versprechen, dass das Gemeinwesen zurückgibt, was man einzahlt. Mit Fußball ist es nicht getan. Fußball mag ein großartiger Sport sein und die Weltmeisterschaft ein weltumspannendes Ereignis, sinnstiftend ist beides nicht.“

Urdeutsche Disziplin plus türkisches Dribbling

Michael Reinsch (FAS) hat in Berlin-Neukölln eine andere Erfahrung gemacht. Für ihn habe die WM eine ganz besondere Wirkung auf Menschen mit Migrationshintergrund gehabt: „Die Mischung aus Flaggenkult und Tralala, aus Fußballbegeisterung und Nationalstolz hat vor allem junge Männer arabischer Herkunft ermutigt, ihr Recht auf eine deutsche Identität einzufordern.“ Auffällig sei die Identifikation mit Mesut Özil: „Wer die Spiele der deutschen Mannschaft im türkischen Fernsehen verfolgte, wie es in vielen Gaststätten Berlins läuft, wird die familiäre Zuneigung zu Mesut Özil, einem der elf deutschen Nationalspieler mit Wurzeln im Ausland, verstehen. Boateng, Khedira, Klose, Schweinsteiger – alle nannte der Kommentator beim Familiennamen. Nur Mesut war einfach Mesut – einer von ihnen.“ Bundespräsident Christian Wulffs habe mit seiner Antrittsrede einen Tag vor dem Argentinien-Spiel (Stichwort: Bunte Republik) auch einen Anteil: „Er beschwor die Verbindung von urdeutscher Disziplin mit türkischem Dribbling. Wulffs Wort und Mesuts Ballführung haben dafür gesorgt, dass in Maturs Sportgeschäft am Rathaus Neukölln Özil-Fußballschuhe praktisch ausverkauft sind. Sieben von zehn deutschen Nationaltrikots, die dort über den Tresen gehen, sind mit dem Namen Özil bedruckt. Auf den anderen steht Khedira oder Boateng. Selten ist Vorbildwirkung so leicht messbar.“

Kommentare

3 Kommentare zu “Mit Fußball ist es nicht getan”

  1. Tobi
    Donnerstag, 15. Juli 2010 um 13:28

    Türkische Spieler werden von türkischen Kommentatoren übrigens immer mit Vornamen beschrieben – und „Deutschtürken“ werden in der Türkei auch in allererster Linie als Türken gesehen. Das ist auch bei Clubspielen nicht anders. Ich habe ein Testspiel von Werder Bremen in der Türkei gegen eine türkische Mannschaft gesehen und der Kommentator hat die ganze Zeit von Murat, Mehmet, Mesut und Mertesacker gesprochen.

    Und dass eine Rede vom Bundeswulff den Umsatz in Neuköllner Sportgeschäften (oder irgendwo sonst) beeinflusst passiert nur in den feuchten Träumen von FAS Redakteuren.

  2. Justus
    Donnerstag, 15. Juli 2010 um 14:48

    Ich muss Tobi vollkommen recht geben. Dass türkische/türkischstämmige Spieler von Kommentatoren in der Türkei beim Vornamen genannt werden hat weniger mit einer besonderen Zuneigung zu tun, sondern ist dort einfach üblich.

    Dies gilt übrigens auch für weite Teile der Arabischen Welt (bei Spielern mit muslimischen/arabischen bzw. arabisch klingenden Namen). In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer wieder an die Champions League oder DFB-Pokal-Übertragungen der Bayern-Spiele im arabischen Fernsehen vor einigen Jahren. Der Kommentator sprach dann immer von „Mohammed“ (Mehmet Scholl) und „Hassan“ oder „Hassan Saleh“ (Hasan Salihamidžić).

  3. juwie
    Freitag, 16. Juli 2010 um 21:32

    @Tobi und Justus:
    Dafür liebe ich den if. Man bekommt (noch) mehr Information als in der Qualitätspresse. Hoffen wir, dass nach der WM dieser Zug des if wieder in den Vordergrund tritt.
    btw: Vielen lieben Dank den if-Machern, die in den letzten Wochen schier Übermenschliches geleistet haben. Ich sage nur ein Wort: „Vielen Dank!“ 😉

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