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Bundesliga

Hertha BSC entlässt Markus Babbel – in jedem Kindergarten geht es ehrlicher zu

Kai Butterweck | Montag, 19. Dezember 2011 1 Kommentar

Markus Babbel ist nicht mehr Trainer von Hertha BSC. Nach einer Schlammschlacht sondergleichen trennt sich Der Hauptstadt-Klub mit sofortiger Wirkung von seinem Coach. Die Presse reagiert mit Fassungslosigkeit. Außerdem: Die Wandlung des Huub Stevens

Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Nach der Münchhausen-Posse um Hertha-Coach Markus Babbel und Manager Michael Preetz steht vor allem eins fest: Am Ende gibt es nur Verlierer.

Boris Herrmann (SZ) stellt den Verantwortlichen ein Armutszeugnis aus: „Markus Babbel hat also den Entschluss gefasst, seinen Vertrag  nicht zu verlängern. Er hat das irgendwann zwischen Anfang November und vergangenem Dienstagabend seinem Vorgesetzten Michael Preetz mitgeteilt. Was den genauen Zeitpunkt angeht, steht Aussage gegen Aussage, das ist Gegenstand des Zerwürfnisses. Es gibt nun knapp eine Million Arten, auf solch einen angekündigten Trainerwechsel zu reagieren, ihn – wie man so sagt – öffentlich zu moderieren. Hertha BSC hat sich davon die mit Abstand schlechteste Variante ausgesucht: die abgesprochene, aber irgendwie dann doch nicht so ganz abgesprochene kommunikative Totalverweigerung. Wenn Preetz in dieser Sache überhaupt einen Plan hatte, dann muss er gelautet haben: keine Unruhe aufkommen lassen. So kolossal wäre dann aber schon lange kein Plan mehr gescheitert.“

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Hertha hat ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem

Michael Rosentritt (Tagesspiegel) zeigt mit dem Finger in Richtung Vereinsführung: „Gegenseitig bezichtigen sie sich der Lüge. Viel schwerer können Vorwürfe nicht sein, viel schwerer kann es einen Verein mit dieser Vergangenheit voller Schwierigkeiten nicht treffen. Nach einem sportlich guten Jahr kracht es über Hertha herein. Egal, wer hier die Wahrheit respektive die Unwahrheit sagt, Hertha hat ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem. Selbst wenn Babbel die Unwahrheit sagen sollte, er also Preetz gar nicht oder nur halbherzig Anfang November gesagt hat, dass er seinen Vertrag bei Hertha über den Sommer 2012 nicht verlängert, selbst dann stellt sich die Frage, warum es das Vereinsmanagement nicht geschafft hat, diese Schlüsselpersonalie professionell über die Runden, sprich in die Winterpause, zu bringen. Im Gegenteil: Herthas Führung nahm es billigend in Kauf, dass Babbel in den vergangenen sechs Wochen schlechter dastand in der Öffentlichkeit als sie. Zwar hat Hertha Babbel nie aktiv die Rolle des Zauderes zugeschoben, wohl aber die Mechanismen der Medien für sich wirken lassen.“

Markus Völker (taz)mischt sich unter die Fans: „Nun fragt man sich, wer Schuld hat an dem ganzen Schlamassel. Die Medien, die dem Duo immer impertinenter auf die Pelle rückten? Michael Preetz, der vom Vertragsthema nicht lassen wollte, weil ihm klar war, dass er so Druck auf den Wankelmütigen ausüben kann? Oder Babbel, der sich vor einem klaren Bekenntnis scheute? Gemauschelt, getrickst und Halbwahrheiten verbreitet haben alle Parteien. Das ist im Fußballgeschäft freilich nichts Neues. Die Frage ist nur, wer den Ort der Schlammschlacht mit der dreckigsten Weste verlässt. Auf Hertha-Foren im Internet ist dies übrigens nach Meinung der Mehrheit nicht Markus Babbel, sondern Michael Preetz.“

Dominik Bardow (Tagesspiegel) beschäftigt sich mit Michael Skibbe, dem derzeit heiß gehandelten Babbel-Nachfolger: „Skibbe setzt auf offensives Kurzpass-Spiel, sein Training verglich er einmal mit dem des FC Barcelona. Mit seiner positiven Art feierte er meist schnelle Erfolge, jedoch nutzte sie sich dann oft ab. In Frankfurt galt er hinter vorgehaltener Hand nicht als der Prototyp des akribischen Arbeiters und soll Pünktlichkeitsprobleme gehabt haben. Nach seiner Entlassung im März zeigten sich seine Nachfolger und einige Spieler schockiert vom Fitnesszustand der Mannschaft. Diese Probleme dürfte er in Berlin diese Saison nicht haben – Fitnessfanatiker Markus Babbel hat solide Grundlagen gelegt.“

Sinnloser Zwist

Michael Jahn (FR) setzt Michael Preetz unter Druck: „Hertha BSC verliert nach dem Schweizer Lucien Favre im September 2009 schon den zweiten charismatischen Fußballlehrer in kurzer Zeit. Nach dem sinnlosen Zwist zwischen Preetz und Babbel besteht die Gefahr, dass die so positive Entwicklung einen Knick bekommt. Warum Preetz nicht in der Lage war, die Querelen um die Vertragsverlängerung um Babbel in den Griff zu bekommen, bleibt erst einmal sein Geheimnis. Auf jeden Fall war die Art und Weise, wie mit dem Problem umgegangen wurde, mehr als ungeschickt. Preetz muss jetzt beweisen, wenn er einen Nachfolger für den einst so beliebten Babbel sucht, dass er das richtige Gespür besitzt. Denn die Mannschaft, so ordentlich sie sich bislang geschlagen hat, steht noch immer im Abstiegskampf.“

Beim FC Schalke 04 ist man weit entfernt von einem Trainer-Problem. Ganz im Gegenteil: Dem Holländer Huub Stevens liegen derzeit alle zu Füßen.

Philipp Kreutzer (SZ) erfreut sich am „veränderten“ Stevens: „Mit dem Niederländer verbinden die Schalker ausschließlich positive Erinnerungen, vor allem wegen des Triumphs im Uefa-Cup 1997. Und doch beschlichen manche von ihnen Zweifel: Kann man eine Erfolgsgeschichte einfach so fortsetzen? Stevens kann. Auch weil er seinen Stil geändert hat und nicht mehr nur stur auf Defensive setzt. Mittelfeldabräumer Jermaine Jones verkörpert die Spielidee des frühen Stevens, doch einem Freigeist und Feintechniker wie José Manuel Jurado hätte er in seiner ersten Ära auf Schalke wohl kaum vertraut. Der Trainer hat schnell erkannt, dass er über Akteure verfügt, mit denen sich nicht nur erfolgreicher, sondern auch schöner Fußball spielen lässt – und die obendrein dafür sorgen können, dass auch weiterhin die Null steht. Spieler berichten, der Trainer schaffe durch ein stimmiges Verhältnis von Disziplin und Lockerheit ein angenehmes Arbeitsklima, zudem verstehe er es, sämtlichen Mitgliedern des Kaders den Eindruck zu vermitteln, gebraucht zu werden.“

Brillanter Verwalter des Durcheinanders

Daniel Theweleit (FR) klopft dem Holländer ebenfalls auf die Schultern: „Stevens versteht es, die Schalker Patchwork-Mannschaft mit Geschick zu einer homogenen Einheit zu formen. Das war nicht einfach. Dem Team gehören zwar viele hoch veranlagte Spieler an, in diesem Kader stecken aber auch die unterschiedlichen Denkansätze der zurückliegenden Schalker Jahre. Jefferson Farfan repräsentiert die gescheiterte Hoffnung des längst entlassenen Managers Andreas Müller auf Hochgeschwindigkeitsfußball, Joel Matip, Christoph Moritz und Lewis Holtby sind Überbleibsel des Jugendstils aus dem ersten Felix-Magath-Jahr, Klaas-Jan Huntelaar, Raùl und José Manuel Jurado stehen für die Dekadenz der zweiten Saison unter dem heutigen Wolfsburger Trainermanager. Die kurze Ära des Duos Heldt/Rangnick führte dann zu den Verpflichtungen von Christian Fuchs, Marco Höger oder Teemu Pukki, und das Trainerteam ist ein ähnlich zufällig zusammengestückelter Haufen. Konzeptionelle Kontinuität sieht anders aus. Angesichts dieser unsortierten Verhältnisse hatte Heldt vor dieser Saison tiefgestapelt und behauptet, Schalke könne am Ende auch mit Tabellenplatz zehn gut leben. Da ahnte er nicht, dass er bald mit Stevens zusammenarbeiten sollte, diesem brillanten Verwalter des Durcheinanders.“

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Kommentare

1 Kommentar zu “Hertha BSC entlässt Markus Babbel – in jedem Kindergarten geht es ehrlicher zu”

  1. Herr Wieland
    Dienstag, 20. Dezember 2011 um 10:41

    Stevens hat schnell erkannt, dass er über Akteure verfügt, mit denen sich nicht nur erfolgreicher, sondern auch schöner Fußball spielen lässt

    Nach dem Spiel gegen Werder kann man das schreiben, ohne das jemand lacht. Herr Kreutzer hätte das mal eine Woche zuvor, nach dem Spiel gegen Berlin versuchen sollen.

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