indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2012

Drückt der Helm aufs Hirn?

Erik Meyer | Montag, 11. Juni 2012 9 Kommentare

Turnier und TV-Berichterstattung bringen erste Überraschungen, während der Rassismus wie erwartet eine Rolle spielt.

Richard Williams (Guardian) ärgert sich: “Die Uefa hat es trotz zwingender Notwendigkeit wieder einmal verpasst, eine der dringensten Angelegenheiten abseits des Rasens anzugehen. Aber nur wenige wird das überraschen. Der Versuch des Fußballverbands, Berichte zu bestreiten, nach denen Mitglieder des niederländischen Kaders in Krakau rassistisch beschimpft wurden, ist symptomatisch für die Passivität im Kampf gegen diese Krankheit, die in England mit einigem Erfolg behandelt wird.”

Nach der Randale russischer Fußballanhänger und dem Vorwurf rassistischen Verhaltens sind diese vor einem brisanten Duell in den Fokus geraten, berichtet Thomas Kistner (SZ): “Vor der Dienstag-Partie Russlands gegen Polen dürfen russische Fans einen Marsch zum Nationalstadion veranstalten. Dies erscheint schon deshalb als heikel, weil viele Polen die unter russischen Fans sehr beliebten Sowjet-Symbole als beleidigend empfinden. Zwar beteuern die Organisatoren ihre unpolitischen Motive, doch wie das ankommt im Veranstalterland, umschrieb ein Sprecher der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit von Jaroslaw Kaczynski laut dapd bereits so: ‚Das ist, als ob Deutsche durch Tel Aviv unter einem Hakenkreuz marschieren würden.‘”

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Matthew Futterman und Jonathan Clegg (WSJ) versuchen in den USA die Begeisterung für die spanische Mannschaft zu vermitteln: “So unverwechselbar ist La Rojas Stil, dass er oft mit Poesie und Ballett verglichen wird. Es ist schwierig für ergebnisorientierte amerikanische Sportfans zu begreifen, aber für viele Fußball-Fans ist das Ziel des Spiels nicht einfach zu gewinnen, sondern schön zu gewinnen sowie eine Rolle bei der Entwicklung des Spiels hin zu einem organischen Kunstwerk zu spielen.”

Stefan Osterhaus (NZZ) versucht sich hingegen an einer “kleinen Ode” an Italiens Mannschaft: “Der Calcio, so war vor diesem Endrundenturnier an jeder Strassenecke zu hören, werde hier an der Euro in Polen und der Ukraine keine Rolle spielen.” Doch trotz Wettskandal spielt die Squadra Azzurra fulminat auf: “Das ist wohl die Chance, die in der Krise des Calcio steckt: Den eigenen Ruf zu verändern – diese Möglichkeit bietet sich diesen Italienern, und unmöglich ist es nicht, auch die Deutschen haben Ähnliches ja geschafft.”

Tony Karon vom Blog “Keeping Score” (Time) versucht sich an einer Vorschau auf die Begegnung “England gegen Frankreich”: “Es kann sein, dass in der Ära der Champions League nationale Unterschiede durch die kosmopolitische Fußball-Migration und die Homogenisierung von Stilen und Taktik nivelliert wurden. Auf dem Fußballplatz wie auf dem Gebiet der politischen Ökonomie sind sich die Europäer mehr denn je bewusst, dass die Gemeinsamkeiten, die sie verbinden, wichtiger sind als die Unterschiede, die sie trennen. Am Ende hängt aber alles von den verfügbaren Resourcen ab, weshalb Frankreich in der Lage sein wird, den fließenden Offensiv-Fußball des deutschen Teams zu spielen, während Englands Plan sein wird, den Team-Bus vor dem eigenen Tor zu parken und auf ein Überraschungstor zu hoffen.”

Stahlhelmfraktion oder Realpolitiker?

Philip Eppelsheim und Alard von Kittlitz (FAS) kommentieren Hansi Flicks Antwort auf die Frage nach der DFB-Taktik bei torgefährlichen Freistößen der Portugiesen (“Stahlhelme aufsetzen und großmachen”): “Es ist jetzt Fußball-EM. Das ist wie Stahlhelm aufsetzen für die ganze Nation. Die Fähigkeit über Dinge zu schweigen, von denen man nicht sprechen und wahrscheinlich auch nicht schreiben sollte, ist stark eingeschränkt. Der Helm drückt aufs Hirn.”

Peter Unfrieds (taz) Blick auf die deutsche Mannschaft verheißt etwas anderes: Dank “des neuen Staatsbürgerrechts stehen viele gutausgebildete Spieler unterschiedlicher Herkunft zur Verfügung. Was sie eint, ist nicht das Blut und die Blutgrätsche, sondern die Qualifikation für Löws modernen Tempofußball mit maximalem läuferischen Aufwand und minimalen Ballbesitzzeiten.” Doch: “Die große Frage ist nur, wie wir Deutsche reagieren werden, wenn ausgerechnet dieses Team den Titel verpasst. Dann wird man sehen, ob das deutsche Publikum auf der Höhe des deutschen Fußballs ist oder in alte Muster zurückfällt.”

Dass solche Beobachtungen schon nach dem Spiel gegen Portugal angestellt werden können, vermutet Philipp Selldorf (SZ): “Es gab so einige Erkenntnisse, mit denen das auf höchste ästhetische Ansprüche getrimmte Publikum eher nicht gerechnet hatte. (…) Dass der Bundestrainer Realpolitik verordnet hatte, war nicht so überraschend – wie realpolitisch es dann ausgesehen hat, allerdings schon.”

Und unter dem Titel “Effizienz vor Zauber” resümiert Michael Horeni (FAZ): “Das alte deutsche Effizienzdenken hat seinen Platz auch in einer Mannschaft gefunden, die spielerisch so viel verspricht“ und bringt das Ergebnis auf die Formel “Ergebnisfußball statt Erlebnisfußball”.

Mediensport

“Mehr Mehmet” fordert Sarah Mühlberger (FR) und begrüßt die Arbeit von Mehmet Scholl als TV-Experte der ARD nach dem Spiel der deutschen Mannschaft. Die polarisierende Kritik an Mario Gomez (“„Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wund liegt und mal gewendet werden muss.”) ziehe selbst die Aufmerksamkeit derer auf sich, die sich in Sachen Kommentierung des Spielgeschehens primär am second screen der sozialen Netzwerke orientieren. “Und weil es dem Fernsehen nur noch selten gelingt, seine Zuschauer zu bannen und weil selbst der Fußball seine schwachen Momente hat, gebührt Mehmet Scholl im Kampf gegen die Multischauerei die entscheidende Rolle: Mehmet statt Multi!”

Während die Kommentatoren über die Kritik Scholls am Auftritt des Torschützen streiten, sieht Wigbert Löer (FTD) eine mögliche Motivation in der Kaderpolitik von Bayern München. In seinem “Gedankenspiel” sieht er dort die Verpflichtung eines weiteren Mittelstürmers kommen – Konsequenz: “Ein Stürmer müsste also weg, und so ein Verkauf will vorbereitet, will anmoderiert werden. Mit nichts ist zu belegen, dass der Hoeneß-Vertraute und ab Juli wieder Bayern-Angestellte Mehmet Scholl das im Hinterkopf hatte, als er anregte, ausgerechnet den Matchwinner Mario Gomez aus der ersten Elf zu nehmen. Es ist nicht mehr als ein Gedanke, wie sie einem manchmal kommen im Profifußball, der meistens hintergründiger ist, als man annimmt.”

Joachim Huber (Tagesspiegel) macht schließlich auf die TV-Dokumentation “Liga der Millardäre” (heute im ZDF, 23.15 Uhr) aufmerksam, die sich mit den führenden Fußballvereinen des Landes und ihren Besitzern beschäftigt: “Oligarchen sind nicht sonderlich beliebt, sie werden toleriert. Weil sie Arbeitsplätze schaffen und in den Volkssport Fußball investieren. Welche Quellen die Milliarden speisen, das ist tabu.”

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Kommentare

9 Kommentare zu “Drückt der Helm aufs Hirn?”

  1. Pumukel
    Montag, 11. Juni 2012 um 12:25

    „Der Helm drückt aufs Hirn“ – entweder klar ausdrücken oder lassen! Sonst entsteht bei mir der Eindruck, dass auch bei den Schreibern etwas aufs Hirn drückt, dass sie nicht mutig genug sind, sich klar zu positionieren.

    Ich finde, dass der Ausdruck von Flick unglücklich war. Aber die Leute (und das sind mittlerweile zum Großteil die feigen Deutschen selbst) die uns (mutigen) Deutschen den Mund persé verbieten wollen und unsere Geschichte genauso auf diese Weise leugnen, finde ich einfach nur daneben. Man kann sich nicht mit der Geschichte aussöhnen, wenn man nicht mehr offen, ohne ständig Angst haben zu müssen, darüber sprechen und sich nicht mehr kritisch ein eigenes Urteil zu Dingen, die im Krieg passiert sind, bilden darf.

  2. Endreas Müller
    Montag, 11. Juni 2012 um 12:38

    Die Presseschau hier lese ich immer gern. Im Vorfeld der EM wurde aber auch jede Menge Quatsch berichtet, der so gar nichts mit Fußball zu tun hat. Ich habe die abseitigsten Themen mal in der etwas anderen Presseschau zusammengestellt: http://endreasmueller.blogspot.de/2012/06/die-abseitige-presseschau-zur-em.html
    …Ende der schamlosen Eigenwerbung

  3. augelibero
    Montag, 11. Juni 2012 um 13:12

    In Sachen Mehmet Scholl:

    Er ist nicht erwachsen oder gescheiter geworden, sondern immer noch herzerfrischend rotzlöffelig. So hat er uns als junger Kicker aufm Platz erfreut und sich jahrelang in Interviews haarsträubend blamiert („Hängt die Grünen solange es noch Bäume gibt…“).

    Nicht ohne Grund resultiert sein heutiges Ansehen aus dem mehrjährigen Schweigegelübte in den 90er Jahren. Das wissen viele heute nicht (mehr).

    Mehmet Scholl sagt oft interessante Sachen (exzellent Spielanalyse bei Russland-Tschechien) und manchmal einen großen Mist (jüngst über Gomez). Was nicht geht, ist dass er wie Effenberg, Kahn oder Sammer auftritt. Man muss daran erinnern, dass er als Spieler nie höchste Ansprüche erfüllt hat. Bei seinen wichtigsten internationalen Titel – EM ‚96 und CL ‚2001 – wurde er ausgewechselt. Man könnte auch sagen, dass er – genau wie Robben oder Klose – ein big-point-Versager war.

    In diesem Kontext wirkt die Kritik an Gomez vom Samstag befremdlich. Erstes musste sich Gomez alleine (Totalausfälle in der 1. Halbzeit: die Medien- und Mädchendarlings Özil & Podolski) gegen kantige Innenverteidiger behaupten, zweitens hat er das Siegtor geschossen.

    Man muss nicht zu Gerd Müller („Tore entscheiden“) zurück gehen. Man kann auch an Didier Drogba (nicht Barca oder Bayern hat die CL gewonnen!) denken. Denn: Auch in der Medienära der Fußballfeuilletonisten und Nutella-Fußballfans geht es aufm Platz um Sieg und Niederlage.

    Da ist es ein starkes Stück, dass sich Gomez so einen Mist ausgerechnet vom Vereinskollegen Scholl anhören muss. Der FC Bayern sollte sich überlegen, ob man Scholl nicht wieder einen Maulkorb anträgt. Denn Scholl ist kein Beckenbauer, der einfach alles gewinnt und deshalb zurecht Narrenfreiheit genießt.

    Scholl war ein unvollendeter Spieler und ist als Trainer (bisher) eine Wurst! Im Alter von 41 Jahren bleibt er ein pfiffig-liebenswertes Leichtgewicht. Er sollte sich aber zuweilen an seinen Lehrmeister erinnern…
    http://www.youtube.com/watch?v=AuY2pp4ZgkM

    Und dann erst einmal bei Gomez öffentlich und an gleicher Stelle um Entschuldigung bitten. Also: Format entwicklen.

  4. Daniel
    Montag, 11. Juni 2012 um 15:19

    @augelibero:

    Kann deine Kritik an Scholls Äußerungen in keiner Weise nachvollziehen. Er hat mit seinem treffenden Vergleich den Nagel auf den Kopf getroffen. Außerdem tut Scholls Vorleben nichts zur Sache, es ging nicht um sein Spiel. Seine schlechten Spiele sind ebenfalls oft genug (und auch oft zu Recht) kritisiert worden. Das nimmt ihm aber nicht das Recht, eine korrekte beobachtung deutlich (und in seiner typischen Art) zur Sprache zu bringen. Ein Spieler darf keinesfalls außerhalb jeglicher Kritik stehen, nur weil er ein wichtiges Tor geschossen hat. Gomez hat sich nur in dieser einen Situation (mit dem nötigen Glück) durchsetzen können, ansonsten hatten ihn die portugiesischen Verteidiger bestens im Griff. Er war mindestens so schwach wie Schweinsteiger, Özil oder auch Lahm (vor allem defensiv, seine Kernkompetenz), der sich von Nani auffallend oft düpieren ließ. Ich bin der Meinung, ein beweglicherer Angreifer hätte wesentlich mehr Alarm in der portugiesischen Hintermannschaft gemacht.

  5. Frosch
    Montag, 11. Juni 2012 um 22:43

    Wenn ein FernsehKRITIKER schon nicht mehr kritisieren darf, wer soll es dann noch tun?

  6. Augelibero
    Dienstag, 12. Juni 2012 um 09:57

    Scholls Kritik war nicht sachlich oder analytisch, sondern polemisch. Jeder, der etwas von Fußball versteht, kennt die Spielweise von Gomez: geradlinig, wuchtig und frontal. Er ist kein wendiger, ballsicherer und mitspielender Stürmer. Wer das möchte, muss einen anderen aufstellen. So einfach ist das. Aber bitte nicht jammern, wenn der keine Tore schießt!

    Wenn man mit Gomez spielt, muss man die Offensive auf ihn ausrichten. Es müssen Flanken her und Anspiele in seinen Lauf. Das haben aber weder die Ego-Flugezange der Bayern, noch Vollspann-Poldi mit auf den Weg bekommen.

    Noch etwas anderes: warum wird ausgerechnet Gomez – im Gegensatz zu den wie Lahm oder Klose – unterschwellig zum Vorwurf gemacht, dass er nicht so ein harter Hund ist wie einst Effe, Klinsi oder Sammer?

    Und das ausgerechnet von Scholl! Bei dem war es selbst der liebe Trapi irgendwann leid, immer den Papa spielen zu müssen. Heute ist Scholl älter, ob er erwachsen ist, kann er mit einer Entschuldigung ohne Wenn-und-Aber zeigen.

  7. Manfred
    Dienstag, 12. Juni 2012 um 16:11

    Für was sollte sich Scholl denn bitte entschuldigen? Für eine gerechtfertigte Kritik?

    Wer mit Gomez in der Spitze spielt, ist selber Schuld.

  8. Frosch
    Mittwoch, 13. Juni 2012 um 10:42

    Auge, nur weil Löw Gomez aufgestellt hat, darf ihn Scholl nicht mehr kritisieren? Weil wir doch wissen, wie Gomez spielt?
    Logik?

  9. Philskow
    Mittwoch, 13. Juni 2012 um 14:30

    Ich werde mich nicht dazu hinreißen lassen, hier eine der beiden Seiten einzunehmen.
    Natürlich darf der Kritiker Scholl den Stürmer Gomez kritisieren, unabhängig von den jeweiligen Erfolgen der beiden. Und dass Gomez ein „Typ“ ist, der eher nicht mitspielt, finde ich etwas zu billig. Obwohl ich ihn schätze, werfe ich ihm ebenfalls ein signifikantes Phlegma vor.
    Dass Scholl mit seinem Ausdruck allerdings doch daneben lag, lässt sich wohl kaum bestreiten. Dass Gomez sich „wund gelegen“ habe, ist noch unter Boulevard-Niveau und schon fast beleidigend. Von daher hielte ich eine Entschuldigung schon für angebracht. Hoffen wir halt, dass es hilft und Gomez in Zukunft noch etwas wuchtiger, zielstrebiger und (auch im Spiel nach hinten) engagierter auftreten wird…

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