indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2012

Gebühren für gutes Programm?

Matthias Nedoklan | Mittwoch, 13. Juni 2012 1 Kommentar

Jede Menge Medienkritik, Platini widerspricht sich selbst, in Warschau rennen Menschen um ihr Leben und heute: Niederlande gegen Deutschland.

Christopher Keil (SZ) kritisiert das ZDF für seine Entscheidung, nicht aus Polen zu senden: „Die Uefa wollte mit dem Zwei-Länder-Turnier osteuropäische Gebiete erschließen, die Landkarte des Fußballs neu drucken. Die Menschen in Polen und der Ukraine möchten sich öffnen. Es liegt eine politische Spannung über der Veranstaltung, eine gesellschaftliche sowieso, und es gibt die klassischen Konflikte einer Fußball-Meisterschaft, den Hooliganismus beispielsweise, der ebenfalls beobachtet werden muss. Und das ZDF legt sich an einen deutschen Ostseestrand.“

Welt Online kommentiert die Qualität der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung: „Da lässt beispielsweise das ZDF auf der stimmungsarmen, weil in der ferienfreien Zeit eher urlauberarmen Insel Usedom ziemlich sinnfrei einen Hubschrauber über Katrin Müller-Hohenstein kreisen. Warum eine Luftaufnahme benötigt wird, wenn die Quotenfrau Oliver Kahn zum Twitteraccount überredet, erschließt sich jedenfalls nicht.“

Kleinliche deutsche Fußballwelt

Ralf Mielke (FR) übt in der „Causa Scholl/Gomez“ eine kleine Medienkritik: „Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell eine mikroskopisch kleine Kleinigkeit tagelang die Medien in Atem hält, wenn sie sich mit der schönsten Hauptsache der Welt befasst – und die Bild-Zeitung einen Aufmacher draus macht. Ganz schön kompliziert, die kleine deutsche Fußballwelt, und noch dazu ganz schön kleinlich – jedenfalls dann, wenn man sie durch die Augen von Boulevardsportjournalisten betrachtet. Denn passiert ist ja eigentlich nichts, zumindest dann nicht, wenn man unter ‚es ist etwas passiert‘ ein für die Beteiligten relevantes Ereignis versteht mit unmittelbaren Auswirkungen und Folgen.“

Andreas Rüttenauer (taz) wundert sich über die Haltung der Uefa: „Einerseits fordert sie die Bürgermeister der 16 Orte, in denen EM-Teams wohnen, trainieren oder spielen, dazu auf, mit polizeilicher Gewalt gegen alle rassistischen Einlassungen vorzugehen. Andererseits hat Uefa-Präsident Michel Platini kein Verständnis für Spieler, die nach rassistischen Beleidigungen das Spielfeld verlassen wollen.“

Die Ukraine braucht Aufmerksamkeit

Steffen Dobbert führt auf Zeit Online ein Gespräch mit der ukrainischen Feminismus-Aktivistin Alexandra Schewtschenko, die gegen die immer noch stark patriarchalisch geprägte Gesellschaft in ihrem Land kämpft. Die EM sei „eine Chance, um auf die Probleme in der Ukraine hinzuweisen.“ Das Land brauche Aufmerksamkeit von Europa, betont Schewtschenko. Das Ziel sei die Revolution, dafür mache man „PR für die Probleme der Gesellschaft. Wir sorgen dafür. Mit unseren Aktionen setzen wir die Themen. Die Ukraine ist nicht das Bordell der westeuropäischen Länder!“

Italiens Stürmer Antonio Cassano hat auf einer Pressekonferenz klargemacht, was er von Homosexualität hält. Auf Nachfrage sagte Cassano, dass er hofft, dass keine Schwulen in seiner Mannschaft seien. Bernhard Krieger (Financial Times Deutschland) kennt die Vorgeschichte des 29-Jährigen: „Seine unbedachte Art hat ihm schon oft Skandale eingebrockt. Vor eineinhalb Jahren stand seine Karriere vor dem Aus, weil er den Vereinspräsidenten des CFC Genua, Riccardo Garrone, auf das Übelste beschimpft hatte. Genua warf ihn daraufhin raus.“ Ex-Nationaltrainer Lippi hat sich „stets geweigert, Cassano in die Nationalelf zu berufen, weil er seine Ausraster und damit um den Teamgeist in der Squadra Azzurra fürchtete“, schreibt Krieger.

Politiker in seltener Eintracht

Heute spielt die deutsche Nationalmannschaft in Charkow gegen die Niederlande. Ehrengäste gibt es laut Frank Hellmann und Nina Jeglinski (Berliner Zeitung) nur wenige: „Nun ist der Fall der in Charkow in einem Krankenhaus untergebrachten Oppositionsführerin dafür verantwortlich, dass sich Jaroslawski heute auf der Ehrentribüne beim Spiel Niederlande gegen Deutschland einsam vorkommen muss. Genau wie die niederländische Königin Beatrix nicht anreist, machen deutsche Politiker in seltener Eintracht um den ostukrainischen Spielort einen Bogen.“

Claudio Catuogno (SZ) deutet ein Gerücht an: Die ukrainische Nationalmannschaft habe vor ihrem letzten Freundschaftsspiel über kollektive Übelkeit geklagt. Ein ukrainischer Trainer erinnert sich an einen Vorfall aus seiner Zeit bei Arsenal Kiew – kurz nach der damaligen kollektiven Übelkeit habe es eine positive Dopingprobe gegeben. Der damals verantwortliche Arzt wirkt jetzt bei der ukrainischen Nationalelf: „Dort also, wo sich am Montag ein 35-jähriger vermeintlicher Fußballrentner nahtlos eingefügt hat in eine beachtliche Lauf- und Kraftanstrengung.“

Shameful and shocking

James Riach (Guardian) blickt auf die Gastgeber: „This competition needs one of its co-hosts to qualify. The last two major international tournaments, the 2010 World Cup in South Africa and the 2008 European Championship in Austria-Switzerland, did not see any advance past the group stage. One could argue that both tournaments lost that extra pizzazz in the process.“

Neil Ashton (Daily Mail) sieht in den Ausschreitungen vor der Begegnung der Polen gegen Russland „something that drove people off the streets when they should have been celebrating this enormous fan gathering. Instead, they were running for their lives and cowering in shop doorways as police armed with batons and riot shields attempted to restore order. It was shameful and shocking, wiping the smile off the face of European football.”

Duell mit Geschichte

Heute spielt die deutsche Nationalmannschaft in Charkow gegen die Niederlande. Vor diesem Hintergrund blickt Christian Eichler (FAZ) unter dem Titel “Hassliebe” auf die Historie der vermeintlich brisanten Begegnung gegen Deutschland und sieht eine Annäherung: ”Marco van Basten trieb den Holländern den Dogmatismus aus, Fußball stets nur als ästhetische Darbietung zu begreifen, als ewigen Aufguss des ‘totalen Fußballs’ von Übervater Cruyff. Zugleich verschrieb Jürgen Klinsmann, fortgeführt von Joachim Löw, den Deutschen eine Schnellkur in modernem Angriffsfußball, eine Nachhilfe in der holländischen Denkart, dass vor dem richtigen Ergebnis eine richtige Idee vom Spiel stehen muss. Und siehe da, so nahe wie heute waren die beiden Fußballnationen einander vielleicht noch nie.”

Diese Entwicklung sieht auch Amy Lawrence (Guardian): ”In jüngerer Zeit gab es weniger Bissigkeit, einen weniger deutlichen Antagonismus. Die deutsche Mannschaft hat sich selbst neu erfunden: Weg von den alten teutonischen Stereotypen sowohl in Bezug auf die Spieler (die Integration von Persönlichkeiten wie Jérôme Boateng, Sami Khedira und Mesut Özil, mit ghanaischen, tunesischen und türkischen Wurzeln zeigt ein ganz anderes Bild, als Spieler wie Lothar Matthäus, Andreas Möller oder Harald Schumacher), als auch im Hinblick auf die Art des Spiels (eher temperamentvoll als das alte ‘solide’ Modell).”

freistoss des tages

Mitarbeit: Christoph Asche

Kommentare

1 Kommentar zu “Gebühren für gutes Programm?”

  1. Tobias (Meine Saison)
    Mittwoch, 13. Juni 2012 um 13:07

    Eine Anmerkung zum FTD-Artikel (wenn man dort schon nicht kommentieren kann): Cassano hat bei Sampdoria gespielt, nicht bei CFC Genua. Das ist ungefähr so, als würde man Bayern und 1860 München verwechseln.

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