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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Champions League

Champions League – der Ball ist rund und ein Spiel dauert 94 Minuten

Kai Butterweck | Freitag, 12. April 2013 6 Kommentare

Erstmals in der Geschichte stehen mit Borussia Dortmund und Bayern München zwei deutsche Mannschaften im Halbfinale der Champions League

Christian Kamp (FAZ) warnt die möglichen BVB-Gegner im Halbfinale: „Wer angesichts des fehlerhaften und bisweilen naiven Dortmunder Spiels zu dem Schluss kommt, diese Mannschaft sei an ihre Grenzen gestoßen, könnte sich am Ende täuschen. Die Dortmunder haben nicht nur den irrationalen Faktor des Fußballs in Erinnerung gerufen. Sie sind in diesem Wettbewerb der irrationale Faktor. Den nun jeder kennt. Und gewiss auch ein wenig fürchtet.“

Auch Klaus Hoeltzenbein (SZ) hebt erinnernd den Zeigefinger: „Hoeneß‘ Wunschlos brächte zwar die Garantie, dass es am 25. Mai in London einen deutschen Finalisten geben würde, dass aber Sahins Dortmund das Leichtgewicht in diesem spanisch-deutschen Länderduell sein soll, bedarf noch einer Bestätigung. Zwar ist das Dortmunder Defizit im Halbfinale leicht zu erkennen, die Personaldecke der Borussen ist aufgrund der Finanzkraft dünner als die in Madrid, München oder Barcelona. Doch hat die erste Elf, dies als Warnung, schon die Todeshammermördergruppe der Vorrunde mit Real, Manchester City und Ajax Amsterdam locker bewältigt.“

Die richtige Mischung aus Taktik und Motivation

Christian Hönicke (Tagesspiegel) sendet Jürgen Klopps Bewerbungsunterlagen an den DFB: „Er trieb an, wechselte ein, brüllte, und am Ende rollte der Ball irgendwie über die Linie. Noch vor einiger Zeit musste man sich fragen, ob Klopps aufbrausendes Temperament sich nicht ähnlich schnell abnutzen würden wie einst Jürgen Klinsmanns buddhistische Weisheiten. Doch inzwischen hat er den Beweis erbracht, dass er die richtige Mischung aus Taktik und Motivation, aus schönem Spiel und schnödem Sieg findet. Vielleicht ist es genau dieser zusätzliche Anschub von der Seitenlinie, der auch der wankelmütigen deutschen Nationalmannschaft in den entscheidenden Momenten noch fehlt.“

Daniel Theweleit (FR) reibt sich immer noch die Augen: „Für einige Momente glich die Szenerie einer wilden Ekstase, wie sie in dieser Arena zuletzt 2006 zu erleben war, als Oliver Neuville kurz vor Schluss seinen WM-Treffer für Deutschland gegen Polen erzielte und die ganze Nation in ihren Sommermärchenrausch versetzte. Die Bilder vom Dienstag und die Szenen der WM ähnelten sich frappierend − und die Gefühle auch. Wobei dieser Sieg Borussia Dortmunds noch ein Stück wundersamer war.“

Die westfälische Brechstange als neues Stilmittel

Felix Meininghaus (Tagesspiegel) weiß, wie es zum Wunder kam: „Doch dann entdeckte Klopp die westfälische Brechstange als neues Stilmittel und half seiner Mannschaft, das Schicksal zu wenden. Dortmunds Trainer wechselte Hummels und Nuri Sahin ein, die den Auftrag erhielten, sich vor der aufgelösten Abwehr zu positionieren und die langen Manndecker Neven Subotic und Felipe Santana in der Spitze mit langen Bällen zu versorgen. Das brachiale Mittel funktionierte, weil sich die Männer in Schwarz-Gelb mit jeder Faser ihres Körpers gegen das Ausscheiden wehrten.“

Nach dem umstrittenen Siegtor der Dortmunder werden wieder Rufe nach dem Videobeweis laut. Andreas Ernst (derwesten.de) spricht sich für technische Hilfsmittel aus: „Dass die Torlinientechnik kommen muss, ist inzwischen unstrittig. Dass auch weitere Szenen per Videobeweis überprüft werden können, ist bei klar festgelegten Regeln sinnvoll. Im Profifußball geht es um Millionen. Jeder Verein hat Dutzende, teilweise Hunderte Angestellte. An Schiedsrichter-Entscheidungen hängen Arbeitsplätze. In den Regeln muss klar festgelegt werden, was die Trainer anfechten können. Natürlich wäre es schwierig, in ein laufendes Spiel einzugreifen. Möglich ist aber zum Beispiel, dass die Trainer alle Aktionen anzweifeln können, die ein Schiedsrichter abgepfiffen hat. Dann ist das Spiel ohnehin unterbrochen. So könnte ein Schiedsrichter falsche Einwurf-, Freistoß- und Elfmeter-Entscheidungen ebenso zurücknehmen wie unberechtigte Gelbe und Rote Karten oder irreguläre Tore.“

Der Fußball würde nicht fairer

Sein Kollege Niklas König (derwesten.de) ist dagegen: „Mit Videobeweis würde sich nichts Grundliegendes ändern. Der Fußball würde nicht fairer. Schon gar nicht perfekt. Strittige Schiedsrichterentscheidungen würden wir weiterhin diskutieren. Lediglich das Niveau wäre ein anderes. Kleinkarierter denn je. Nicht ohne Grund sind Tatsachenentscheidungen im Fußball bislang gang und gäbe. Und das ist auch gut so. Im Zweifel, so heißt es bekanntlich bei hauchdünnen Abseitsentscheidungen, für den Angreifer. Die Einführung des Videobeweises allerdings würde diese seit Jahrzehnten standhafte Regel außer Kraft setzen. Der Fußball, den wir kennen und lieben, wäre Vergangenheit. Zugunsten einer Technik, die niemals das liefern wird, was ihre Verfechter erwarten.“

Auch dem FC Bayern gelingt der Sprung ins Halbfinale. Oliver Fritsch (Zeit Online) weiß, warum: „Das Hoch von München und Dortmund wirkt stabil, beide könnten die Champions League künftig mitbestimmen. Die neue deutsche Stärke hat aber auch mit der Schwäche der Konkurrenz zu tun. In einigen Vereinen Englands sind die finanziellen Ressourcen größer als die taktischen. Der italienische Stil, Defensive und Abwarten, liegt nicht im Trend; zudem haben viele Klubs weniger Geld als früher. Bloß die beiden spanischen Topteams, Barcelona und Madrid, könnten einen Vorsprung bewahrt haben, auch weil sie sich wirtschaftlich mehr erlauben dürfen.“

Selten gab es ein Halbfinale mit mehr Potential und Qualität

Christian Eichler (FAZ) packt die Vorfreude: „Was nun bessere Aussichten für den weiteren Wettbewerb bietet – Fußball als Dortmunder Droge oder als bayrisches Business –, ist nicht seriös vorherzusagen. Beeindruckend war beides: die Wende der Borussia ebenso wie die Fähigkeit der Bayern, dem Gegner nicht mal den Ansatz einer Wende in Aussicht zu stellen. Selten gab es ein Halbfinale mit mehr Potential und Qualität. Nie gab es aus deutscher Sicht eins mit mehr Vorfreude und Spannung. Jetzt muss es nur noch so verlaufen, dass danach über Spieler, nicht über Schiedsrichter geredet wird.“

Lars Wallrodt (Welt Online) reist mit deutschem Jersey und spanischen Shorts durch Europa: „Heynckes und Klopp sind die wichtigsten Protagonisten eines historischen Ereignisses. Erstmals sind zwei deutsche Mannschaften unter den besten vier der Champions League. Dass auch Spanien mit zwei Teams, dem FC Barcelona und Real Madrid, in der Vorschlussrunde vertreten ist, lässt die Halbfinalrunde zur Quintessenz dessen werden, was sich im Fußball in den vergangenen Jahren bereits angedeutet hat: Deutschland und Spanien haben den Rest der Welt vorerst abgehängt.“

Wut, Gier und der unbedingte Wille

Maximilian Koch (stern.de) erklärt den FC Bayern zum Titelfavoriten: „Wie Getriebene jagen sie ihren Gegenspielern hinterher, die Finalniederlage gegen Chelsea im vergangenen Jahr hat neben all dem Schmerz auch unglaublich viel Energie freigesetzt. Und Wut. Und Gier. Der neue deutsche Meister ist nicht zufällig das zweikampfstärkste Team dieser Spielzeit. Die Bayern sind auf einer Mission, die erst dann abgeschlossen ist, wenn Philipp Lahm am 25. Mai im Londoner Wembley-Stadion den Pokal in die Höhe streckt. Es ist dieser Wille, diese innere Sehnsucht nach dem Titel, die den FCB – neben dem herausragenden Offensivpotenzial und der seriösen Defensivarbeit – zum aussichtsreichsten Siegkandidaten macht.“

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Kommentare

6 Kommentare zu “Champions League – der Ball ist rund und ein Spiel dauert 94 Minuten”

  1. Jörn
    Freitag, 12. April 2013 um 10:20
  2. Kloppo (nicht der aus Dortmund)
    Freitag, 12. April 2013 um 13:38

    Bei der Durchsicht Ihrer Artikelauswahl frage ich mich zum wiederholten Mal, ob Fußballberichterstattung wirklich immer so unreflektiert schwarz-weiß sein muss. Zwei Beispiele:
    a) „In einigen Vereinen Englands sind die finanziellen Ressourcen größer als die taktischen.“
    b) „lässt die Halbfinalrunde zur Quintessenz dessen werden, was sich im Fußball in den vergangenen Jahren bereits angedeutet hat: Deutschland und Spanien haben den Rest der Welt vorerst abgehängt.“
    Zu a) Chelsea wird von Rafa Benítez trainiert, der – auch von deutschen Medien und Fußballern – immer als taktisches Superhirn, sogar als Über-Taktiker dargestellt wird. Arsenal wird von Arsène Wenger trainert, dessen Spielphilosophie den Trend zum dominanten Passspiel mitbegründete. Liverpool wird von Brad Rogers trainiert, der taktisch und technisch den Barca-Stil auf wundervolle Art bei einem kleinen Klub erfolgreich installierte (Swindon). Manchester United wird von Alex Ferguson trainiert, der sich ähnlich wie Heynckes seit 20 Jahren taktisch immer wieder neu erfindet.
    zu b) die Bundesliga, die in Dortmund und Bayern zwei tolle Teams hat, hat in der Europa League eklatant enttäuscht und sah gewiss nicht wie eine Liga aus, die englische, italienische oder alle Schweizer Teams abhängt.
    Warum also kann man nicht mal ein bisschen differenzierter und dann sicherlich interessanter kommentieren?

  3. Hans Klemm
    Samstag, 13. April 2013 um 15:36

    Es ist schon sehr interessant, welche unterschiedliche Ansichten unsere Fußballexperten der bekannten Redaktionen von sich geben. So kann man immer mehr dazulernen bzw. schmunzeln. Beispiele gefällig?
    Ch.Kamp warnt Real Madrid, weil sich Dortmund nur „tot“ stellt, um dann zuzuschlagen, wenn der Gegner nicht mehr damit rechnet….K. Hoelzenbein geht überraschend sogar davon aus, dass lt. Hoeneß nur Dortmund als deutsche Mannschaft das Finale bestreiten könnte….Ch. Hönicke spricht gar von einer Bewerbung von Kloppi beim DFV, weil er an den Seitenlinien besser und öfters als der Nationaltrainer herumsprintet. In Wirklichkeit testet er aber lediglich die Belastungsfähigkeit seiner auf dem Kopf eingepflanzten „Kunstrasenstücke“ in der Garantiezeit, weiß aber, dass seine Jungs zum Schluss immer gewinnen……D. Teweleit betonte vielleicht nur rein zufällig, dass die trotz der frappierenden und sich ähnelnden Begleitumstände des gerade noch gewonnenen WM-Spieles 2006 gegen Polen im Vergleich des soeben erlebten Spieles Dortmund gegen Malaga doch noch einen Unterschied hatten, nämlich das wundersame Glück, gleich mehrmals innerhalb der fast letzten Sekunden unregelgerecht positiv behandelt worden zu sein. Das sollte noch fairerweise erwähnt werden……F. Meiningshaus erkannte im Gegensatz zu vielen anderen, dass sich die Dortmunder mit jeder ihrer vorhandenen Muskelfasern unkontrolliert und mit der Brechstange nach vorn stürmten. Wie wir aber wissen, passierte das lediglich nach dem (nicht mehr geglaubten) Ausgleichstor und endete im „Wunder von Dortmund“…….
    A. Ernst spricht die komplizierte Technik bei dem geplanten Videobeweis an, die nichts bringt, wenn unmittelbar vor dem Tor wichtige Entscheidungen keine Rolle spielen……..
    O. Fritsch weiß, dass sich die Stärke der Deutschen aus der Schwäche der anderen herauskristallisiert hat. Wenn das so bleiben würde, wäre das sehr schön! Ich habe aber das komische Gefühl, so wird es bestimmt nicht kommen! Das Beispiel Madrid belegt, dass in Wirklichkeit dieser Verein trotz ständigem Zukauf neuer und teurer Spieler schon seit Jahren nur auf hohem Pump lebt und derzeitig sogar von Beobachtern der EU-Kommission besucht wird…….L. Wallrodt muss sich langsam entscheiden, mit welchem deutschen Jersey er durch Europa zieht…..Hoffentlich liegt zum Schluss auch M. Koch richtig, wenn er meint, dass Kapitän Lahm nach dem Endspiel im Wembley den Pokal hochhält. Es ist aber auch vorstellbar, dass der gleiche Spieler bereits nach dem Spiel in Barcelona mit dem Kopf nach unten wegen nicht ausreichender Defensivarbeit seinem Gegenspieler nur noch alles Gute für das Endspiel wünschen kann…….

  4. OF
    Samstag, 13. April 2013 um 18:42

    @Kloppo

    1. Wo steht denn, dass ich mich nur auf die Trainer beziehe?
    2. Benitez hat in der Tat einen sehr guten Ruf. Ich hoffe, man sieht ihn mal in der Bundesliga. Allerdings ist er erst seit Ende November in Chelsea.

  5. Van Kuchen
    Samstag, 27. April 2013 um 18:04

    Im Profifußball geht es um Millionen.

    heißt es.

    Das ist richtig.
    Ich finde jedoch, daß wird immer mehr zum Problem.
    Das Fußball schauen, hören oder sich dafür interessieren wird immer weniger interessant, für mich.
    Werbung, Werbung, Werbung.
    dominante Bayern,
    dumme Sprüche, die immer mehr werden.
    z.B. Sie spielten unterirdisch ..
    ja was denn gut, oder schlecht ?
    schlecht ist wohl gemeint, jedoch ist unterirdisch kein passendes Attribut.
    Naja,
    und dann noch die Tatsache, das Männer, die hinter einen Ball treten und gut genug wurden, in der Bundesliga zu landen, Millionen und Milliarden verdienen,
    während in Deutschladn zunehmend mehr Berufsstände Ihre Stammkundschaft verlieren, Menschen vier Jobs habne und noch immer nicht genug verdienen und das weiter Waffen in Krisengebiete exportiert werden, ja überhaupt erst produziert werden, kann ich einfach nicht nachvollziene.
    Das bedeutet für die einen, das Leben am Existenzminimum, für die anderen den Tod
    Und da regen sich welche über Tatsachenentscheidungen im Fußball auf.
    Verkehrte Welt?

  6. Van Kuchen
    Samstag, 27. April 2013 um 18:08

    diese innere Sehnsucht nach dem Titel,

    Und, wenn Sie dort oben sind, äh Verzeihung, sein sollten, werden Sie sehen, das dort oben nichts ist!!

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