indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2020

Euro 2020 – Alles oder nichts

Kai Butterweck | Montag, 28. Juni 2021 ohne Kommentar

Himmel, Hölle, Freud oder Leid? Die Presse beschäftigt sich intensiv mit dem Start der K.o.-Runde

Mit Beginn der Achtelfinalspiele gibt es keine Ausreden mehr. Wer nicht liefert, der fährt nach Hause. Im K.o.-Duell zwischen Tschechien und den Niederlanden setzen sich die Kicker von der Moldau durch. Cedric Voigt (spiegel.de) gratuliert: „Die Tschechen durften sich auf die Schultern klopfen: Ihr Plan war aufgegangen. Am Boden, wenn die Niederlande das Spiel schnell machen konnte, wäre man heillos unterlegen gewesen. Also wurde das Spiel in die Luft verlagert: Indem man selbst viel mit langen Bällen aufbaute, indem man die niederländischen Aufbauspieler früh presste und so unkontrollierte Bälle provozierte. 30 Kopfballduelle allein in Halbzeit eins zerstörten den Rhythmus der Elftal.“

Portugal liefert Belgien einen großen Kampf. Peter Dausend (Zeit Online) ist schon nach wenigen Minuten im Ronaldo-Fieber: „Erster Höhepunkt im Spiel: In Minute sechs verballert Diego Jota kläglich aus neun, zehn Metern. Tja, einem Ronaldo wäre das natürlich nicht passiert. Denn Ronaldo hat bis zum Achtelfinale dieser EM bereits fünf Tore geschossen und zwei Cola-Flaschen rechtzeitig verschoben – also alles richtig gemacht. 20 Minuten nach dem Jota-Schüsschen schreibt Ronaldo beinahe Geschichte: Einen Freistoß, der ideal für ein Linksfuß liegt, ballert er mit rechts so knallhart um die Mauer, dass Courtois im belgischen Tor die Handschuhe brennen.“

Stefan Zieglmayer (spox.com) sägt am Stuhl von Portugals Coach Fernando Santos: „Der Trainer hat die EM und die Nations League gewonnen. Diese großen Erfolge waren auch dank ihm möglich und dürfen nicht vernachlässigt werden. Nach dieser EM wird es jedoch Zeit für einen Trainer, der noch mehr aus dem riesigen Potenzial dieser Mannschaft schöpft.“

Energien eines ganz besonderen Sommers

Dänemark lässt sich auch von Wales nicht aufhalten. Daniel Theweleit (taz) registriert ganz besondere Emotionen: „Christian Eriksen fehlt der Mannschaft nicht nur als Freund und Mensch. Zwischenzeitlich mussten sie sich mit langen Schlägen aus der eigenen Hälfte befreien. Entschieden war das Spiel erst, als Maehle in der 88. Minute das dritte Tor schoss, dem in der Nachspielzeit ein weiteres Tor durch Braithwaite folgte. Wales war zwar ein eher schwacher Gegner in dieser Partie, aber Dänemark ist im Augenblick erfüllt von den Energien eines ganz besonderen Sommers.“

Italien schaltet Österreich aus. David Bedürftig (n-tv.de) versendet warnende News: „Die Squadra Azzurra machte in diesem Turnier bislang toller Offensivfußball und eine starke Defensive aus. Zu dieser neuen, zielgerichteten Spielweise gesellt sich jetzt die alte und von Gegnern gefürchtete Siegermentalität. Die Fähigkeit, auch angezählt jederzeit – und vor allem – zum richtigen Zeitpunkt zuzuschlagen. Schlechte Nachrichten also für die anderen Turnierfavoriten.“

Manche Teams knien vor ihren Spielen, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Zeit Online-Kolumnist Philipp Lahm zeigt mit beiden Daumen nach oben: „Die Geste wurde mancherorts kritisiert und diffamiert. Konservative englische Politiker lehnten sie ab, in den Stadien von Budapest und Sankt Petersburg wurden die knienden Belgier ausgebuht, Fußballfunktionäre bezeichneten sie als „Populismus“. Doch das Symbol ist etabliert im Mannschaftssport. Es ist ein starkes Signal im Umgang mit anderen Identitäten, das jeder und jede verstehen. Ein wichtiges gemeinsames Bekenntnis, dass Hautfarbe keine Rolle spielt.“

Nicht lernbar

Welcher deutsche Spieler könnte gegen England den Unterschied machen? Stefan Hermanns (Tagesspiegel) out sich als Fan von Newcomer Jamal Musiala: „Den Jung-Nationalspieler mit legalen Mitteln auf dem Fußballplatz zu stoppen, ist ungefähr so leicht, wie ein Rehkitz mit bloßen Händen zu fangen. Selbst wenn man sich Musialas Dribbling vor Goretzkas Tor wieder und wieder anschaut, fällt es schwer, seine Bewegungen wirklich zu greifen. Was Musiala macht, kann man nicht lernen. Seine Klasse erschließt sich hingegen auf den ersten Blick.“

Kit Holden (11Freunde) wundert sich: „Die Techniker wie Sterling sahen mit ihren humorlos effizienten Leistungen eher wie das Italien oder Deutschland von gestern aus statt wie nervöse, neurotische Engländer. Inzwischen wirken die Deutschen vogelwild. Ihnen wurde früher stets nachgesagt, eine Turniermannschaft zu sein und die Topform dann abzurufen, wenn es zählt. Dass das oft glanzlos passierte, gehörte praktisch zur DNA des deutschen Fußballs. Davon ist bei dieser EM bislang wenig zu sehen, dafür könnte nun England – ausgerechnet England! – plötzlich eine Turniermannschaft sein.“

Sommer1996, Wembley, Andy Möller: Thomas Kilchenstein (FR Online) blickt noch einmal zurück: „Vielleicht ist ihm die Szene inzwischen ein bisschen peinlich, ein historisches Dokument ist sie allemal, auch jetzt wird das Bild wieder aus den Archiven herausgezerrt: Wie Andreas Möller nach dem sechsten und entscheidenden Elfmeterschuss völlig entrückt in Richtung englischer Fankurve rennt, stehen bleibt, die Arme in die Hüfte stemmt, Brust und Kopf hochreckt, wie ein kleiner Feldherr.“

„Fußball-Depp“ Kester Schlenz (stern.de) dreht am Rad: „Ein Fußballabend mit Freunden. Ich bin auch dabei, habe keine Ahnung vom Spiel, aber ich rede gern. Und treibe damit alle in den Wahnsinn. Ein Heidenspaß. Kann aber bei Überdosierung gefährlich werden. Beim letzten Deutschlandspiel wurde ich in den letzten fünf Minuten geknebelt und mit Salzstangen beworfen.“

Bis zu 45.000 Zuschauer werden für das Achtelfinalspiel zwischen England und Deutschland im Wembley-Stadion erwartet. Christian Kamp (FAZ) schlägt die Hände vors Gesicht: „Die UEFA hat mit ihrem Beharren auf (möglichst viele) Zuschauer einen zynischen Wettbewerb in Gang gesetzt, eine Europameisterschaft der Ignoranz, bei der auch Deutschland gerne mitspielt. Es war mit Blick auf andere Lebensbereiche ein großzügiges Entgegenkommen, 14.000 Fans in München zuzulassen, mit klaren Regeln als Bedingung – für deren Einhaltung sich der zuständige Deutsche Fußball-Bund dann aber nicht wirklich interessierte. Von all dem war am Mittwochabend nichts zu spüren, als die deutschen Nationalspieler nach dem 2:2 gegen Ungarn mit fast kindlicher Vorfreude vom Sehnsuchtsort Wembley schwärmten.“

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