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Bundesliga

Haaland, Upamecano und ein liebenswerter Sonderling

Kai Butterweck | Dienstag, 17. August 2021 ohne Kommentar

Bayern, Dortmund, Baumgart: Die Presse beschäftigt sich intensiv mit den wichtigsten Themen rund um den Saisonauftakt

Das Unentschieden des Rekordmeisters im Auftaktspiel gegen Borussia Mönchengladbach lässt viele gelangweilte Bundesliga-Fans hoffen. Sollte es in dieser Spielzeit tatsächlich spannender zugehen? Nino Duit (spox.com) spuckt allen Hoffenden in die Suppe: „Mit Blick auf die Entwicklungen beim FC Bayern seit Vorbereitungsbeginn, auf die erste Viertelstunde des Auftaktspiels sowie die darauffolgende Reaktion der Mannschaft lässt sich festhalten: Dieser Auftritt dürfte die auf ein Ende der Münchner Dauerdominanz lauernde Konkurrenz frustriert haben. Dieser Auftritt war nicht minder beeindruckend als Borussia Dortmunds 5:2-Gala gegen Eintracht Frankfurt am Samstagabend. Beeindruckend war der Auftritt des FC Bayern natürlich nicht wegen der Leistung an sich und schon gar nicht wegen des Punktgewinns, sondern wegen des Umgangs mit Unwägbarkeiten.“

Peter Hess (FAZ) hingegen sieht schwere Zeiten auf den neuen Bayern-Coach zukommen: “ Julian Nagelsmann ist zuzutrauen, die Unordnung in der Bayern-Abwehr mit seinem bekannten taktischen Geschick zu minimieren. Aber mit dem Blick auf den Kader drängt sich der Verdacht auf, dass damit das Problem mangelnder individueller Klasse nicht gelöst würde. Dem Münchner Aufgebot fehlt es an Tiefe, es sei denn, die bisher eher unauffälligen Ergänzungsspieler entwickeln sich unter Nagelsmann noch zu tatkräftigen Helfern. Im Moment müsste der Bayern-Fan der Gedanke an eine Verletzungsserie unter Stammspielern jedenfalls erschauern lassen. Der Faktor Trainer wird nicht alles kaschieren können.“

Upamecano wird Zeit brauchen

Benjamin Zurmühl (t-online.de) beschäftigt sich mit Bayerns neuem Verteidiger-Juwel Dayot Upamecano, der im Spiel gegen Gladbach nicht immer alles unter Kontrolle hatte: “ Zugutehalten muss man Upamecano, dass er mit seinen 22 Jahren noch ein junger Verteidiger ist. Die Souveränität eines Jérôme Boateng kann er da noch nicht haben. Er wird etwas Zeit brauchen, um ruhiger und fokussierter zu spielen. In Leipzig verteidigte er viel im Kollektiv, bekam Unterstützung von seinen Nebenmännern in der Dreierkette oder aus dem defensiven Mittelfeld. Beim FC Bayern, wo ein noch dominanterer Fußball gespielt wird, ist er individuell mehr gefordert. An diesen Zustand muss er sich noch gewöhnen, ehe er den Erwartungen, die an seinen Preis gekoppelt sind, gerecht werden kann.“

Zum Saisonauftakt überrollt Borussia Dortmund eine völlig überforderte Eintracht aus Frankfurt. Cedric Voigt (spiegel.de) ist beeindruckt: „Tatsächlich erinnerte besonders das Dortmunder Umschaltspiel an die besten Momente des aus Gladbach bekannten Rose-Fußballs: Das Ausschwärmen der Offensive, das schnelle Direktspiel, die mutigen Bälle in die Tiefe. Besonders ein Duo brillierte: Haaland trug den Ball vor Marco Reus‘ Führungstor, dem 100. des Kapitäns für den BVB, mit großen Schritten durchs Mittelfeld. Beim zweiten Haaland-Assist für Thorgan Hazard war es ein Reus’scher Hackenpass, der die Gefahr heraufbeschwor.“

Ein-Mann-Büffelherde

Jonas Wengert (Zeit Online) steht für ein Haaland-Autogramm an: “ Der Stürmer erzielte zwei Treffer selbst und bereitete die drei weiteren aufseiten des BVB vor. Haaland fegte im Alleingang über Frankfurts Defensive hinweg, dribbelte in Höchstgeschwindigkeit mit dem Ball am Fuß Richtung Strafraum und ließ herangrätschende Verteidigerbeine an sich abprallen: Wer das sah, dachte vielleicht an die Metapher der „Ein-Mann-Büffelherde“. Die Eintracht konnte einem fast leidtun.“

Wohin geht die Reise der Eintracht? Daniel Schmitt (FR) stapelt Fragezeichen: „Zu der schon aus der Vorsaison gekannte Anfälligkeit in der Abwehr gesellt sich aktuell noch eine nicht abgestimmte Offensive. Zwei große Baustellen also, das wiegt derzeit (zu) schwer. Glasner muss dringend Antworten darauf liefern, wo er mit seiner Mannschaft hinmöchte. Will er sie vorne attackieren lassen? Will er lieber aus einer sicheren Defensive heraus mit den schnellen Angreifern auf Konter setzen? Will er den Ball überwiegend in den eigenen Reihen wissen oder auf Fehler der Gegner lauern? Bisher war das von allem etwas, ein Mischmasch, der keinen Erfolg bringen wird.“

Bei Hertha BSC herrscht nach der Niederlage in Köln schlechte Stimmung. Stefan Hermanns (Tagesspiegel) fordert mehr Willen und mehr Leidenschaft: „In schwierigen Phasen mangelt es dem Team immer noch an Widerstandsfähigkeit. Es neigt schnell zu Nachlässigkeiten und lässt dann die Gier vermissen, das eigene Tor mit aller Macht und vor allem im Verbund zu verteidigen. Bei den drei Treffern der Kölner war das auf erschreckende Weise zu erkennen – weil sie alle dem gleichen Muster folgten. Alle drei wurden von außen eingeleitet, weil der Vorlagengeber so gut wie keinen Gegnerdruck zu spüren bekam.“

Liebenswerter Sonderling

Daniel Theweleit (FAZ) befasst sich mit dem neuen Lieblingsprotagonisten der FC-Fans: „Baumgarts Körper stand unter Hochspannung, er verharrte in seltsamen Posen, begleitete das Geschehen auf dem Platz wie ein pantomimischer Kommentar. Geschmückt mit einer Schiebermütze, immer wieder auf zwei Fingern pfeifend, Hinweise brüllend, gab Baumgart das Bild eines ausgesprochen liebenswerten Sonderlings ab. Die Menschen in Köln feierten ihren Chefcoach mit Sprechchören, sie haben diesen Mann, dem es egal ist, ob er mitunter seltsam wirkt, bereits am ersten Spieltag in ihr Herz geschlossen.“

Gleich zu Beginn der neuen Saison gibt es Ärger rund um das Thema VAR. Christof Kneer (SZ) regt an: „Der Videobeweis wurde erfunden, um in einer hochanfälligen Millionenbranche die Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs zu erhöhen, aber jegliche Transparenz verschwindet, wenn niemand mehr die Befehlsketten nachvollziehen kann. Niemand weiß, wer wem wann was aufs Headset sagt oder nicht sagt, und so muss dies die längst überfällige Lehre aus dem Auftaktspiel sein: Die Schiedsrichter sollten schon im eigenen Interesse auf das Alibi des Kölner Kellers verzichten und sich Duelle wie die von Upamecano und Thuram lieber selbst am Spielfeldrand anschauen. Und die Videowarte sollten die Schiedsrichter ermuntern, die paar Extrameter zu gehen. Sonst wendet sich der Videobeweis allmählich gegen sich selbst.“

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