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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

In Dortmund stapelt man Fragezeichen

Kai Butterweck | Donnerstag, 23. Dezember 2021 ohne Kommentar

Die Hinrunde ist Geschichte. Während man in Dortmund grummelt, lässt man in München, Berlin und Frankfurt die Korken knallen

Mit der Niederlage gegen Hertha BSC endet für den BVB ein Fußballjahr mit Höhen und Tiefen. Ein immer wiederkehrendes Riesenthema: die Zukunft von Tormaschine Erling Haaland. Sebastian Harfst (sportbuzzer.de) stellt den blonden Riesen ins Verkaufsregal: “ Um die größten Titel, nach denen Haaland giert, spielt die Borussia wieder nicht mit. Die Perspektive, noch mal den Bayern auf Augenhöhe zu begegnen, wird noch kleiner, die Rolle des Herausforderers Haaland auf Dauer jedoch nicht reichen. Und mehr Geld wird er woanders auch verdienen. Die Argumente für ein Bleiben beim BVB werden also weniger. Entsprechend sollten die Dortmunder Bosse dem Werben der europäischen Elite schon in der Winterpause stattgeben. Mit dem eingenommenen Geld können sie dann den nächsten Angriff auf die Bayern angehen.“

Ist Haalands Zukunft längst entschieden?

Kolumnist Stefan Effenberg bietet jetzt schon seine Hilfe beim Kofferpacken an: „Grundsätzlich ist in der Rückrunde nach wie vor viel drin für den BVB. Die Meisterschaft sicher nicht mehr, aber zumindest die Titel in der Europa League und im DFB-Pokal. Wenn sie einen oder sogar beide Titel holen, spricht niemand mehr über Platz zwei, drei oder vier in der Liga. Dafür brauchen sie allerdings Ruhe im Verein und dementsprechend zeitnah eine Entscheidung von Haaland. Ich denke, dass in Wahrheit jeder weiß, dass er sich längst entschieden hat und im Sommer weg ist.

Fehlt es den Dortmundern an Tempo? Stefan Rommel (web.de) ist im Thema drin: „Auch gegen den Ball beschneidet die fehlende Geschwindigkeit den BVB einiger möglicher Variationen. Während etwa der FC Bayern dank seiner sehr schnellen Innenverteidiger und dem ultra-schnellen Alphonso Davies im Pressing und Gegenpressing mit der letzten Linie sehr hoch ins Feld und bisweilen sogar in die gegnerische Hälfte schieben kann, benötigt die Borussia eine andere Kontersicherung in der Abwehr. Das erfordert sehr aufmerksame Innenverteidiger, die auf einen angedeuteten Tiefenball sofort fallen, um so ihre möglichen Nachteile im Sprintduell zu kaschieren.“

Lockt das ferne Land?

Wie sieht die Zukunft von Robert Lewandowski aus? Stephan Uersfeld (n-tv.de) Ist gespannt: „Wollen die Bayern den Topverdiener weiter halten, viel Geld in die Hand zu nehmen und ihn in dann mit dem ganz großen Besteck ins Karriereende verabschieden oder aber vielleicht doch einen Blick auf Thronfolger Erling Haaland werfen? Wie verlockend das doch ist. Über Lewandowski sind hunderte Artikel verfasst worden. Es geht eben auch darum: Will Lewandowski seine Karriere als bester Bundesliga-Torschütze veredeln oder in einem fernen Land noch einmal den Ballon d‘Or gewinnen und endlich auch international geliebt werden?“

Der Klassenprimus aus München geht immer mal wieder gerne in Konkurrenzgefilden auf Shopping-Tour. Florian Wichert (t-online.de) ist genervt: „Der deutsche Fußball wird zum Frustball. Die Langeweile im Meisterkampf nervt die Fans im zehnten Jahr in Folge. Schuld ist der FC Bayern. Weil er so gut ist. Und weil er immer wieder die Konkurrenz kaputtkauft: Bremen von 2004 bis 2008 (Ismael, Klose, Borowski), den BVB von 2013 bis 2016 (Götze, Lewandowski, Hummels) und Leipzig im vergangenen Sommer (Upamecano, Sabitzer). Das ist legitim. Aber nicht clever. Weil es der Liga Spannung und Attraktivität nimmt.“

Der Kollege Robert Hiersemann (t-online.de) sieht das ein bisschen anders: „Die Bayern sind gefangen in ihrem eigenen Erfolg. Und trotzdem sind die Inlandskäufe des Vereins auch ein Vorteil für den deutschen Fußball insgesamt: Die Eingespieltheit des „Bayern-Blocks“ kommt Jahr für Jahr der deutschen Nationalelf zugute. Das würde wegfallen, wenn der Klub nur noch Topspieler aus anderen Ligen verpflichten würde.“

Wer glaubt an den Nikolaus?

Philipp Selldorf (SZ) macht den Meisterschafts-Deckel drauf: “ Neun Punkte Vorsprung auf den einzig denkbaren Widersacher Borussia Dortmund sind natürlich noch keine Garantie. Am 18. Spieltag kommt ja nicht nur die neue DFL-Chefin Donata Hopfen zur sportlichen Amtseinführung nach München, sondern auch der Angstgegner Borussia Mönchengladbach, und am 19. Spieltag empfängt der frühere Angstgegner 1. FC Köln den Tabellenführer, und danach könnten die neun Punkte Abstand schon zu drei Punkten geschmolzen sein. Ernsthaft darauf hoffen tun aber nicht mal diejenigen, die an Nikolaus und Osterhase glauben. Damit es noch mal spannend wird im Titelkampf, dazu müssten die Bayern absichtlich verlieren, und das ist vermutlich das einzige, das sie sportlich nicht draufhaben.“

Die Union-Erfolgsgeschichte geht weiter. Julian Graeber (Tagesspiegel) ist beeindruckt: “ Mit 27 Punkten beenden die Berliner die Hinrunde mit allen Chancen auf eine erneute Europapokalqualifikation. Selbst die Champions-League-Ränge sind nur einen Punkt entfernt und viel ambitioniertere Mannschaften wie Rasenballsport Leipzig, der VfL Wolfsburg oder Borussia Mönchengladbach liegen weit hinter dem immer noch kleinen Bundesligisten aus Köpenick. War die vergangene Saison mit Platz sieben und der Qualifikation für die neugeschaffene Conference League bereits eine Sensation, so kann man die nun abgelaufene Hinrunde durchaus als Meisterwerk von Manager Oliver Ruhnert, Trainer Urs Fischer und der gesamten Mannschaft bezeichnen.“

Berliner Wankelmut

Auch bei der Konkurrenz in Charlottenburg zeigt die Formkurve wieder nach oben. Stefan Hermanns (Tagesspiegel) macht große Augen: “ Wunder? Im direkten Vergleich mit dem Auftritt unter der Woche mag Hertha ein weiteres Kapitel in der unendlichen Geschichte vom Berliner Wankelmut geliefert haben: Auf und nieder immer wieder. Nimmt man jedoch die vier Spiele unter dem neuen Trainer Tayfun Korkut, lässt sich inzwischen vielleicht tatsächlich so etwas wie ein Muster erkennen.“

Jörg Daniels (FAZ) staunt über die Eintracht aus Frankfurt: „Die Hessen haben im Schnellverfahren spielerisch einen Wandlungsprozess vollzogen, der in dieser Form nicht zu erwarten war. Denn nach dem glücklichen 2:1-Erfolg in Fürth Anfang November hatte Glasner in Aussicht gestellt, dass sich seine Mannschaft fußballerisch wohl erst in den Anfangsmonaten des neues Jahres verbessern werde, weil dann mehr Zeit zum gemeinsamen und intensiven Trainieren bleibe. So gesehen, sind die Hessen ihrer Zeit voraus. Sie haben es bereits im alten Jahr geschafft, sich mit spielstarken Auftritten wie beim 5:2 gegen Leverkusen in neuem Glanz zu präsentieren.“

Verdammte Pandemie

Mit Beginn der Rückrunde wird es wieder Geisterspiele geben. Daniel Theweleit (FAZ) wütet: “ So vernünftig das Verbot von Publikum erscheint, für den Fußball ist es ein Schock. Die Freude, die hunderttausende Menschen im Spätsommer und Herbst nach eineinhalb Jahren Abstinenz am wieder möglichen Stadionerlebnis hatten, gehört schon jetzt einer vergangenen Phase dieser verdammten Pandemie an.“

Jan Christian Müller (FR) fordert mehr Einsicht und Unterstützung: „Die anfangs vorgegebene Demut des Unterhaltungsgeschäfts ist längst einer Hybris gewichen, wenn es denn diese Demut überhaupt je gab. Wenn die hiesige Politik die dramatischen Entwicklungen in Nachbarländern nicht zu einer vorausschauenden Anti-Omikron-Strategie nutzen würde, wäre das fahrlässig. Der deutsche Profifußball fühlt sich überdurchschnittlich hart angegriffen. Wahr ist aber auch, dass er weit überdurchschnittlich viel Gehör bekommt und weit überdurchschnittlich viele Menschen bewegt. Es wäre beispielhaft, würde er über Einschränkungen gerade nicht nur nörgeln, sondern sie ausdrücklich zum Schutz der Schwachen der Gesellschaft unterstützen.“

 

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