Donnerstag, 30. Juni 2005
Allgemein
Denker und Planer mit Kommunikationsschwächen
Roland Zorn (FAZ 30.6.) verabschiedet den „exzellenten Analytiker“ Wilfried Straub: „Es war dieser manchmal penible, aber immer gründliche Vordenker und Vorausplaner, der dazu beitrug, daß die Liga über die Jahre wirtschaftlich stark wurde, der im wesentlichen die bis zum Crash des Vertragspartners Kirch-Media stetig steigenden, danach empfindlich reduzierten Fernsehkontrakte aushandelte, der das Prinzip der Zentralvermarktung der Liga hochhielt und der als Krisenmanager immer wieder gebraucht wurde: sei es nach der Kirch-Insolvenz, sei es nach dem Bosman-Urteil, sei es schon nach dem Bundesliga-Bestechungsskandal 1971. Der Marktwirtschaftler Straub dachte und handelte immer präventiv und war deshalb nie so konservativ, wie er sich gern gab. (…) Die Schwäche des Wilfried Straub war allerdings dessen nur sparsam ausgeprägter Hang zur Kommunikation. Sich neben dem Profiübervater der Liga und vor allem mit dessen tatkräftiger Unterstützung zu profilieren fiel den ursprünglichen Mitgeschäftsführern Michael Pfad und Heribert Bruchhagen derart schwer, daß sie nach wenigen Jahren aufgaben. Straub war im Laufe seiner erfolgreichen Jahre als Ligasekretär und Ligadirektor des DFB wie danach als Chef der DFL-Geschäftsführer immer ein unbequemer Mann, der auch sich selbst das Leben nie leichtmachte. Auf der anderen Seite konnten sich die Ergebnisse seines Wirkens in aller Regel sehen lassen, auch weil er in einer Zeit der medialen Dauerdurchleuchtung so etwas wie Vertraulichkeit wahren konnte.“
Interview
Das ist mein Stil
Sebastian Deisler mit Philipp Selldorf (SZ 30.6.)
SD: Training ist wichtig. Gerade für mich. Durch die lange Zeit, die ich weg war, muss ich mich wieder rankämpfen. Aber nur im Training geht das nicht, Spielpraxis lässt sich nicht simulieren. Obwohl es die Trainingsspiele bei Bayern in sich haben. Die sind manchmal härter als die Bundesligaspiele, man muss sich durchboxen. Aber hier beim Confed-Cup ist das noch mal was ganz anderes. Wenn dann plötzlich so ein Riquelme vor dir steht…
SZ: Sie haben Juan Riquelme beobachtet während des Spiels?
SD: Klar. Und da staunt man auch gerne. Was für Bewegungen er drauf hat, seinen 360-Grad-Blick. Irgendwie spürt er, wo sich seine Gegenspieler befinden. Wenn drei oder vier Mann um ihn herum sind, weiß er ganz genau, in welche Richtung er gehen muss, wo er antäuscht und dann vorbeigeht. Im Spiel gegen uns hat er keinen einzigen 100-Prozent-Sprint gemacht. Aber er war ständig präsent. (…)
SZ: Spielt die aktuelle Nationalelf einen Stil, der Ihnen mehr liegt als der Stil, der früher dort galt?
SD: Auf jeden Fall. Ich bin ja nun schon länger dabei, ich kann das – mit Abstrichen – vergleichen. Bei der EM 2000, da hatten wir noch einen ganz anderen, trägen Stil gehabt. Unter Rudi Völler haben wir anschließend zwar nicht schlecht gespielt, aber heute agieren wir klarer, aggressiver, mit deutlichen Vorgaben und mit Risikobereitschaft nach vorne. Das ist auch mein Stil.
SZ: Wie werden diese Vorgaben vermittelt?
SD: Mit ganz klaren Ansagen. Wie Jürgen Klinsmann und Joachim Löw die Spiele bis ins Detail analysieren, bis der Kern herauskommt, ist phantastisch.
SZ: Löw redet manchmal über das Spiel wie ein Dozent von der Fußballakademie. Wie kommt das bei Ihnen an?
SD: Sehr gut. Die Sitzungen sind nicht so lang, aber treffend. Wirklich: Sie machen da einen Super-Job. Auch Urs Siegenthaler, der die Gegner beobachtet und auswertet. Da wird so lange analysiert, bis wirklich etwas Konkretes vermittelt und gesagt werden kann: Ja, so ist es! Er hat ja auch unser Spiel gesehen (gegen Tunesien) und uns seine Beobachtungen mitgeteilt. Das hat der Mannschaft sehr viel gebracht. Gegen Argentinien konnte jeder sehen, dass sich etwas verändert hat.
FR-Interview mit Joachim Löw
Welt-Interview mit Jürgen Klinsmann
FAZ-Interview mit Zé Roberto über Gastgeber Deutschland
Die Großen müssen den Kleinen abgeben
Wilfried Straub mit Thorsten Jungholt (Welt 29.6.) über seinen Abschied als DFL-Geschäftsführer
Welt: Sie haben ab 1969 die Liga professionalisiert, Kritiker sagen: kommerzialisiert. Wo sind die Grenzen?
WS: Der Fan, der ins Stadion kommt, ist unser wichtigstes Pfund. Ich predige den Klubs immer: Ohne den Fan im Stadion, der dem Verein kostenlos die Choreographie schreibt, fehlt dem Erlebnis Fußball ein ganz wesentlicher Teil. Das ist die Grenze. Aber durch die Kommerzialisierung hat der Fußball als Massenbewegung auch ein neues Gesicht bekommen. Er ist Event geworden, hat sich neue Schichten erschlossen, ist in der Breite gesellschaftsfähig geworden. Heute gehen Menschen zum Fußball, die früher die Nase gerümpft haben. Auch das sind Folgen der Vermarktung.
Welt: Was war die größte Enttäuschung in Ihrer langen Karriere? Und worauf sind Sie besonders stolz?
WS: Das hängt zusammen. Die größte Enttäuschung war der Bundesligaskandal. Aber auch der Gang einiger Vereine unter Führung des FC Bayern nach Brüssel im Zusammenhang mit der zentralen Vermarktung hat mich betroffen gemacht. Ich schätze das Management der Bayern sehr, gerade deshalb war ich so enttäuscht. Stolz bin ich im Umkehrschluß, weil ich mich nie von jemandem abhängig gemacht habe. (…)
Welt: Die großen Klubs möchten den Verteilerschlüssel der Fernsehgelder zu ihren Gunsten ändern. Droht die Solidarität in der Liga verloren zu gehen?
WS: Beim Geld hört die Freundschaft auf. Aber auch wenn Solidarität von Herrn Rummenigge mittlerweile als Schimpfwort bezeichnet wird, ich bleibe dabei: Die Liga ist geschaffen für „Sozialismus“, die Großen müssen den Kleinen abgeben, damit der Wettbewerb auf Dauer funktioniert. Ich habe Verständnis, daß jeder zunächst seine Position bezieht. Das Ergebnis aber muß nicht einem, sondern allen gerecht werden.
Confed-Cup
Raffinement
Felix Reidhaar (NZZ 30.6.) singt über den 4:1-Sieg Brasiliens gegen Argentinien: „Die offenkundige individuelle Überlegenheit gab den Ausschlag in einem munteren, technisch formidablen und farbigen Vergleich, den Gelb-blau gegen Bianco-Celeste für sich entschied. Erst als den Argentinier Mitte der zweiten Halbzeit die Deklassierung drohte, besannen sie sich eines besseren und gingen entschlossener und häufiger in die Offensive. Aber der spielerische Zauber stammte von brasilianischen Füssen. Mit direkten Ballstafetten, technischem Raffinement und überraschenden Einfällen brachten sie das typisch tänzerische Element ins Spiel. Die Gauchos gingen rustikaler, oft unhöflicher vor und traten präziser in die Beine als auf den Ball. Ihnen drückten gegnerische Suprematie und fehlende eigene Einzelkönner aufs Gemüt.“
Absolut tauglich
Gregor Derichs (FTD 30.6.) bejubelt die deutsche Elf: „Mit teilweise fantastischem Offensivfußball und der in vielen anderen Ländern gefürchteten Kampfkraft hat die deutsche Nationalmannschaft einen 4:3-Sieg gegen Mexiko errungen. Die Mannschaft von Jürgen Klinsmann erwies sich als absolut tauglich für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr.“
Spielbericht Deutschland-Mexiko (4:3 n.V.), zeit.de
morgen im freistoss: mehr über das große und das kleine Finale
Lust auf mehr
Roland Zorn (FAZ/Seite 1 29.6.) würdigt den Gastgeber und mahnt zugleich mit Blick auf die WM: „Deutschland, Land des Lächelns. Was heute noch nach Operette klingt, kann morgen schon zarte Wirklichkeit sein. Die Vorboten der Fußball-Weltmeisterschaft haben die Spur zu guter Laune und einem Wohlfühlsommer 2006 gelegt. Unverkennbar hat der Konföderationen-Pokal allen, die an ihm teilhatten, Lust auf mehr gemacht. Die überschaubare Generalprobe vor dem globalen Fest zeigte zudem, daß die Deutschen dem Motto gewachsen scheinen, mit dem sie 31 Mannschaften und Millionen Besuchern die Tore öffnen wollen: Die leitmotivische Behauptung, daß „die Welt zu Gast bei Freunden“ sei, bestand in diesem Juni ihre erste Probe aufs Exempel mit Auszeichnung. In den fünf Städten, in denen diese Erdteilmeisterschaft ausgetragen wurde, widerlegten die Deutschen zum wiederholten Male so manches Vorurteil, das ihnen aus vergangenen Zeiten anhängt. (…) Ob Deutschland auch bei der Weltmeisterschaft von größeren Turbulenzen verschont bleibt und somit Hooligans und andere Unruhestifter keine Chance zu Radau und Randale haben, bleibt eine der spannenden Fragen. Nur wenn es gelingt, das gerade bei Weltmeisterschaften im Grunde überaus friedliche, feierfreudige Publikum in seiner Lust an Schminke, Verkleidung und Selbstdarstellung vor Störenfrieden nachhaltig zu schützen, kann die WM 2006 ein großer Erfolg für Deutschland und die Welt des Sports werden.“
Neuer Wind
Uwe Marx (FAZ 30.6.): „Im Fußball-Land der Nörgler und Neider wehte ein neuer Wind durch die Stadien. Schöne Aussichten für die WM also. Der Confederations Cup wurde durch die Fans tatsächlich zur kleinen WM, auch wenn nur acht Mannschaften dabei waren. Ob Zehntausende Griechen oder kleine, stimmungsvolle Gruppen aus Japan und Australien, ob südamerikanischer Schwung oder Fankultur made in Germany – an der Gute-Laune-Offensive beteiligten sich fast alle. Multikulti war mehrheitsfähig, und wieder einmal bestätigte sich, daß Länderspiele meist ein anderes Publikum anziehen als nationale Ligen mit ihrem chronischen Aggressionspotential.“
Die goldene Ananas des Weltfussballs
Stefan Osterhaus (NZZ 30.6.) drückt auf die Schweizer Bremse: „Glaubt man den zeitgenössischen Chronisten aus Deutschland, dann ist soeben ein unglaubliches Fest zu Ende gegangen, das da über ihr Land gekommen war, ein Spektakel, wie es die Welt nur selten erlebt. (…) Der Rausch ist zu Ende. Der Kater schleicht durchs Land. Bang drücken die Fragen: Kann eine ganz profane Weltmeisterschaft im nächsten Jahr so einen Vergleich aushalten? Liegt die Messlatte nicht doch viel zu hoch, so dass die Organisatoren am Ende nur drunter her kriechen können, um sie nicht zu reissen? Vermaledeit, alle Last den Deutschen – allein gelassen mit dem Druck der Erwartung. Und über allem thront die Fifa mit ihrem Konföderationen-Cup, erhaben wie die goldene Ananas des Weltfussballs.“
Ehre
Steffen Hudemann (Tsp 30.6.) traut seinen Augen kaum: „Für die Fifa ist eine Meldung von besonderer Bedeutung, die aus Australien eintraf. Trainer Frank Farina hat seinen Rücktritt erklärt – als Grund wird das unbefriedigende Abschneiden seiner Elf beim Confed-Cup angeführt. Eine größere Ehre kann man dem Turnier nicht erweisen. Es wird nicht nur in Deutschland ernst genommen.“
Bedeutsames Turnier
Wiebke Hollersen (BLZ 30.6.) ergänzt: „Eine schlechte Nachricht für Farina; eine beruhigende für den Confederations Cup: Kein bedeutsames Turnier endet ohne Trainerentlassung, oder? Dieses Turnier war – was zu beweisen war – ein sehr bedeutsames. Zumindest in Australien.“
Ball und Buchstabe
Coup
Fazit Confederations Cup – Helmut Monkenbusch & Axel Kintzinger (FTD 30.6.) listen Gut und Schlecht: „Jürgen Klopp kommt das große Verdienst zu, das ZDF-Gesicht Johannes B. Kerner richtig alt aussehen zu lassen. Als Experte des Senders bringt er sein großes Fachwissen gekonnt an den Zuschauer – und er ist dabei unterhaltsamer als der TV-Profi Kerner an seiner Seite, dessen ärgerlich serviles Geschwafel dank Klopps Natürlichkeit noch deutlicher wird. Klopps Fußballbegeisterung ist ansteckend, allein die Allzweckwaffe des Zweiten erweist sich als immun. Dem ZDF ist ein Coup gelungen. (…) Dass die Fifa in ihrem Regelungswahn den DDR-Sozialismus als neoliberale Veranstaltung erscheinen lässt, ist so bekannt wie lästig – aber der Fußball-Weltverband erfindet immer wieder neue Schikanen. Jetzt darf der Schiedsrichter-Assi erst dann mit der Fahne wedeln und das Spiel unterbrechen, wenn ein im Abseits stehender Spieler den Ball berührt. Also für jeden, der den schnellen Fußball liebt, viel zu spät. Aus gutem Grund sind alle gegen diese neue Abseitsregel: Spieler, Trainer, Zuschauer und die Schiris selber. Aber so etwas bestätigt Joseph Blatter ja erst in seinem Handeln. (…) Polizisten, wohin das Auge blickt. Fans sind für Otto Schily nur potenzielle Kriminelle. Selbst die nach scharfen Sicherheitsüberprüfungen akkreditierten Reporter sind suspekt: Einer FTD-Mitarbeiterin wurde bei 35 Grad der Deostift konfisziert, welche Gefahr auch immer von dem Ding ausgeht. Gut, dass Schily der WM nicht mehr seinen Stempel aufdrücken dürfte. Schlecht, dass sein Nachfolger es nicht anders halten wird.“
Strafstoss
Wasserprosa oder der Konversationswert eines Dachschadens
Gesammelt vom freistoss-Team
Der Wettergott hat so lange auf die Dachkonstruktion des Waldstadions gehämmert, bis diese nachgegeben und sich ein Schwall aufs Spielfeld ergossen hat.
Die Akklamation von oben fiel heftig aus. Mit dumpfen, tiefen Schlägen beklatschte der Himmel dieses Spiel und überzog das Stadion zusätzlich mit einem bizarr zuckenden Feuerwerk. Es war schnell vergessen, dass der Einbruch des Wassers in die abgedeckte Arena ein Feuchtbiotop an der Eckfahne entstehen ließ, dass er ein Dutzend Fotografen in die Flucht schlug und die Fifa zu einer eilig anberaumten Pressekonferenz zwang.
Gegen Ende der ersten Hälfte plätscherte die Partie im wahrsten Sinne des Wortes daher.
Einige Spieler fühlten den Regen indirekt: Sie rutschten. Das erwies sich glücklicherweise nicht weiter als Problem, die Spieler gewannen ihre Standfestigkeit zurück, was jedoch nicht zu mehr Spielfluss führte.
Sie werden zwar nass, sind aber sehr, sehr sicher. (Stadionsprecher)
Der kleine Wasserfall, der an der Eckfahne vor der Einfahrt Ost auf das Spielfeld prasselte, ergoss sich via Fernsehen in Millionen Wohnzimmer in aller Welt, und die für den Bau des Stadions Verantwortlichen hatten Mühe, glaubhaft zu versichern, dass sie sich trotz des Wassereinbruchs nicht wie begossene Pudel fühlten.
Schon in der Halbzeitpause musste die Feuerwehr prüfen, ob das Spiel weitergehen darf.
Wasserspielen von solch ursprünglicher Pracht, wie sie an den berühmten Fällen von Iguaçu zu bewundern sind, jener Grenzregion dieser beiden Länder Südamerikas. Wilde Strudel wechselten mit ruhigen Fließstrecken, auf schäumende Kaskaden folgten nie gesehene Turbulenzen. Das vom Dachschaden beförderte Naturschauspiel muss derart inspirierend gewirkt haben, dass meist die Brasilianer, seltener die Argentinier, wie entfesselt auf der wilden Welle ritten.
Nachdem sich eine gefährlich anmutende Wasserbeule gebildet hatte, versuchten Helfer verzweifelt mit Mistgabeln und Besen dem Sturzbach vom Dach einen Abfluss auf dem Rasen zu ermöglichen.
Insgesamt hat das Dach seine Bewährungsprobe bestanden. (Horst R. Schmidt)
Ohne Dach hätts keine zweite Hälfte gegeben, ganz klar. Wer hier gegen ein Dach argumentiert, das für eine solche Sintflut nicht gebaut ist, dem kann wohl kaum noch geholfen werden.
Nach einem heftigen Gewitter in der ersten Hälfte bildet sich eine dicke Wasserbeule auf dem Falt-Dach, durch einen Riss rauscht ein Wasserfall auf Platz und Tribüne. Peinlich…
Während in Frankfurt also vor allem das Wasser floss – vom Dach des Waldstadions ergoss sich ein Sturzbach just an einer Eckfahne – gab es im Leipziger Zentralstadion wieder einmal eine Torflut.
… und damit an den seltsamen Filmeffekt der „Truman-Show“ erinnerte, in der es auf Regieanweisung nur an einer Stelle regnet…
In der Halbzeit wurde passenderweise der Song „Raindrops are falling on my head“ gespielt.
Und dieses grandiose Gewitter – wie hat der Franz das wieder hingekriegt? –, das mit dem Anpfiff begann und mit dem Schlusspfiff endete.
31 Jahre nach der Wasserschlacht zwischen Deutschland und Polen nun also die Wasserbeule von Frankfurt. Mag sein, dass auch diesmal mit den Jahren aus einer Panne ein Imagegewinn wird. Bei der WM 1974 versagte die Drainage des Waldstadions, und der Rasen ähnelte einer Seenplatte. Peinlich, peinlich – und doch hatte Frankfurt ob dieses denkwürdigen Versagens drei Jahrzehnte lang eine hervorragende PR.
Wasserbeule an der Einfahrt Ost (Stadionsprecher)
Habe den Regen nur 20 km weiter südlich in Darmstadt erlebt, und kann sagen, dass so ein Gewitter nicht als Bemessungsgrundlage herangezogen werden kann. Das Dach hätte nicht geschlossen werden dürfen, was allerdings bei dem Gewitter einen Spielabbruch hätte provozieren können.
Die gestern noch zurückhaltenden Offiziellen werden einigen für dieses Desaster Verantwortlichen noch den Kopf waschen. Am schlimmsten aber ist der Imageschaden für Deutschland. Was Jahrzehnte an Produktqualität aufgebaut wurde, ging gestern binnen Minuten im wahrsten Sinn des Wortes den Bach runter.
Lieber ein Loch als gar kein Dach. (Carlos Alberto Parreira)
Es hat sich eine Wasserblase gebildet, die zu einer Sollbruchstelle geführt hat. (Horst R. Schmidt)
Im Vergleich zu ‚74 kann man den Frankfurtern doch zu ihren Fortschritten gratulieren.
Das Dach ist dicht, aber die Abflüsse können die Wassermassen nicht mehr fassen und somit läuft das halt „über“….. Da hat sich wohl jemand verrechnet.
Ein Riss in der Überdachung – genau über der Eckfahne – machte das Ausführen der Standardsituation zur Lotterie. Und auch die Zuschauer waren nicht mehr sicher. Der Stadionsprecher teilte mit, dass man leicht auf den Treppen ausrutschen könne und deshalb am Platz bleiben solle. Für die Argentinier wurde der tosende Wolkenbruch zum Symbol des Spiels.
Unsere Seele ist wieder reingewaschen. (O Globo)
Die „Mini-WM“ war eine hervorragende Werbung, sowohl für den Fußball als auch für die Mainmetropole. Daran kann auch das Wasser, das am in den Wein der Freude geströmt ist, grundsätzlich nichts ändern.
Das Publikum verließ die zwischendurch von Wassermassen attackierte, von Blitzstrahlen zusätzlich illuminierte und von Donnergroll umzürnte Arena wie benebelt vor Glück.
Adriano, der mit seinen Treffern Inter Mailand in der Serie A über Wasser hielt…
Den Sprühregen, der während des gesamten Spiels im Stadion hing, kam meiner Einschätzung nach dadurch zustande, dass soweit ich weiß zwischen Faltdach und Glasrinne ein schmaler Spalt offen bleibt. Ich komme zu dieser Annahme, weil die Seile, an denen das Faltdach aufgehängt ist, deutlich über dem Glasdach liegen müssen (da ja ansonsten das Faltdach gar nicht von alleine über das Glasdach geschoben werden könnte – es würde ja ständig hängen bleiben). Durch genau diesen Spalt konnte nun – so habe zumindest ich mir den feinen Wasserstaub erklärt – der Wind einen (geringen) Teil des Wassers, das sich in der Rinne angesammelt hatte, in das Stadion hineinpusten. Der Wassersack erweckte bei mir eher den Eindruck, als habe in dieser Ecke irgend etwas mit dem Zelt-Material nicht gepasst. Läge nämlich das Problem beim Ablauf (z.B. Fallrohre unterdimensioniert), dann hätte das Wasser nicht wieder zurück auf das Zeltdach fließen können (wo es den Wassersack bilden konnte), sondern wäre direkt durch den Spalt zwischen Glasrinne und Zeltdach in den Innenraum gestürzt. Dass sich der Wassersack auf dem Zeltdach bilden konnte, kann daher nur bedeuten, dass das Wasser die Glasrinne nie erreicht hat. Woran das liegt, ob das Material schlecht zusammengeschnitten wurde, beim hektischen Zuziehen des Daches irgendetwas gehakt hat, ein Spannseil zu sehr durchgehangen hat, oder ob das Gewicht des über die Plane abfließenden Wassers irgendwann zu groß wurde und die Plane daher nachgegeben hat, weiß ich nicht. Aber ich vermute sehr stark: Das Problem lag an der Plane in dieser Ecke und nicht am Wasserablauf.
Als Dragoslav Stepanovic aus dem Stadion in die Nacht trat, wies sein rosafarbenes Hemd Wasserflecken auf. „War das Dach überhaupt zu?“, spottete er.
Jetzt aber Schluss mit den Wasserstandsmeldungen.
Quellen, sofern nicht anders angegeben: SZ, taz, Berliner Zeitung Yahoo, Bild, FAZ, Financial Times, Tagesspiegel, Spiegel Online, fifaworldcup.com und das Board von stadionwelt.de
Bildstrecke aus Frankfurt, faz.net
WM 2006
Macht und Symbole
Jörg Marwedel (SZ 30.6.) erschrickt vor dem starken Arm der Fifa: „Aus Deutschland wird Fifa-Land und aus dem DFB eine Art Handlanger der Fußball-Weltregierung, der sich Widerspruch nicht leisten mag – zu eindeutig ist die Hierarchie festgelegt. Wie weit das Diktat der Fifa geht, lässt sich im „Pflichtenheft für den ausrichtenden Verband“ ablesen. Der stehe „unter Kontrolle der Fifa“, heißt es dort so unmissverständlich wie in einer NATO-Doktrin. Und: „Die Fifa trifft in allen Punkten letztinstanzlich die Entscheide.“ Weit greift die Blatter-Organisation in die politische Praxis des Landes ein. Sie hat bei der Bundesregierung nicht nur die Befreiung von Abgaben, Gebühren und Steuern jeder Art durchgedrückt. In Fifa-Land gibt es quasi uneingeschränkte Visa-Freiheit für sämtliche Fifa-Mitglieder und -Partner; das deutsche Arbeitsrecht wird für ausländische Arbeitnehmer außer Kraft gesetzt, sofern diese mit der WM zu tun haben; für sie herrschen auch Zoll- und Devisenfreiheit; andererseits müssen die Hotelpreise für die etwa 300 Köpfe zählende Fifa-Delegation am 1. Januar 2006 eingefroren und anschließend um 20 Prozent gesenkt werden. Überdies sind den Mitgliedern des Weltverbandes laut Pflichtenheft zwei Privatjets, zwei Limousinen, 250 PKWs und fünf bis sechs Busse zur Verfügung zu stellen – auch sie Symbole der Macht und selbstverständlich auf Kosten der Gastgeber. (…) „Die Zusammenarbeit mit der Fifa ist gut, aber nicht ohne Probleme“, sagte ein hoher DFB-Funktionär. Der Diplomat wird noch oft gefordert sein. Bis an die Grenzen und darüber hinaus.“
Ascheplatz
Stimmung besser als die Lage
Die FAZ (28.6.) warnt die Bundesliga-Manager vor Hochstimmung: „Ein Jahr vor der WM im eigenen Land sind auch die Manager der Bundesligavereine optimistischer als zuvor. Sie machen sich laut einer Umfrage Hoffnungen auf positive Komplementär- und Synergieeffekte. So berechtigt diese Hoffnungen auch sein mögen, so gewiß ist zugleich, daß gerade im Fußball die schönsten Erwartungen in wenigen Minuten zerstieben können. Ein nicht berechtigter Elfmeter oder ein Abseitstor, und dahin sind die Millioneneinnahmen. Die Stimmung in den beiden Bundesligen scheint ohnedies stets besser zu sein als die Lage. Seit Jahren sind die Vereine bilanziell überschuldet. Fast 670 Millionen Euro Verbindlichkeiten lasten auf den 36 Klubs. Weil viele Manager damit kalkulieren, daß der sportliche Erfolg schneller kommt als am Ende der Insolvenzverwalter, droht so manchem Klub der finanzielle Kollaps, wenn sich bestimmte Erwartungen nicht erfüllen.“
FAZ: Vor dem letzten Arbeitstag bittet Michael Meier um Absolution
Mittwoch, 29. Juni 2005
Interview
Der Trainer läßt sich von außen nichts diktieren
Jürgen Klinsmann mit Michael Horeni (FAZ 29.6.)
FAZ: Sie lesen gerade die Gazetta dello Sport. Sind denn auch die italienischen Taktik-Experten mit der Entwicklung der deutschen Mannschaft einverstanden?
JK: Die Italiener analysieren ein Spiel immer sehr gut, besonders das taktische Verhalten, und da bescheinigen sie uns einen großen Entwicklungsprozeß. Sie analysieren aber auch die einzelnen Spieler sehr genau, schreiben Seiten über Seiten über das Spiel, aber sie bleiben immer nur beim Fußball.
FAZ: In Deutschland ist das etwas anders, oder hatten Sie das etwa vergessen?
JK: So ein Turnier bringt ja viele Erkenntnisse mit sich. Zu sehen, wie die Mannschaft mit den extremen Einflüssen von außen zurechtkommt, ist sicher sehr wichtig. Teile der Medien haben wirklich versucht, starke Unruhe in die Mannschaft hineinzutragen. Das ging schon bei unserer Partie in München los, bei dem die Nationalmannschaft gegen den FC Bayern ausgespielt werden sollte. Das Team hat in diesen Wochen ein Wechselbad der Gefühle miterlebt. Trotzdem hat bei uns aber niemand den Koller bekommen, die Atmosphäre war von Anfang an harmonisch, locker und leistungsorientiert. Wir hatten alle das Ziel, perfekt zu arbeiten. Aber dann wird man mit dem extremen Pessimismus aus bestimmten Medien konfrontiert, die darauf lauern, ob nicht doch etwas passiert und einem die Galle überläuft. Die Mannschaft ist ruhig und sachlich geblieben und hat sich immer an den sportlichen Fragen orientiert. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis aus diesem Turnier mit Blick auf die WM. In Deutschland wird immer versucht, Konfrontationen zu schaffen. Das ist schade, aber wir können es nicht ändern.
FAZ: Manche in Ihrem Umfeld meinen beobachtet zu haben, daß Sie die Boulevard-Kritik irritiert und auch sehr geärgert hat. Waren Sie von den Angriffen ein bißchen entwöhnt in Amerika?
JK: Meine gute Laune habe ich deswegen nie verloren. Aber es ist wichtig, daß die Leute, die in der Verantwortung stehen, sich nicht alles gefallen lassen. Es geht hier um eine Frage des Respekts.
FAZ: Sie meinen die Boulevard-Kritik gegen Australien an Huth oder an Lehmann in München?
JK: Das ist ein gutes Beispiel. Aber auch die Kritik an Hitzlsperger. Oder wie die Nationalmannschaft als Gegner des FC Bayern beurteilt wurde, das alles war respektlos. In diesen Momenten ist es wichtig, daß sich die Mannschaftsleitung hinstellt und sagt: „Jetzt reicht’s.“ Wir können die Arbeit mit den Medien auch ändern und zurückschrauben. Das hat nichts damit zu tun, daß wir eingeschnappt wären. Das hat etwas mit Konsequenz zu tun. Wie überall im Leben ist es ein Geben und Nehmen. Unsere Mannschaft gibt enorm viel. Wir versuchen alle, aus uns das Beste herauszuholen. Aber wenn man immer nur gibt und gibt – und es kommt nichts außer Respektlosigkeiten zurück, dann ist es auch für die Spieler wichtig, daß sie sehen: Die Mannschaftsführung läßt sich nicht alles gefallen. Vielleicht werden meine Möglichkeiten von den Boulevard-Medien in dieser Richtung noch unterschätzt. Schon früher konnte ich, wenn es zuviel wurde, für mich sagen: Basta, es reicht. Jetzt kann ich es für alle sagen. Das wollen wir nicht, wir wollen eine respektvolle Partnerschaft mit allen. Aber an der Nase lassen wir uns nicht herumführen. (…) Die Spieler sollen wissen: Der Trainer läßt sich von außen nichts diktieren. Wenn ein Tim Borowski oder ein Patrick Owomoyela nicht zum Zug kommen, dann wissen sie, daß ihnen ein Quentchen Leistung fehlt, um einen anderen Spieler zu verdrängen. Und sie wissen auch, daß bei uns niemand in die Mannschaft hinein- oder herausgeschrieben werden kann.
FAZ: Das war schon mal anders.
JK: Allerdings. Da wurde erfolgreich Stimmung gemacht, bei uns funktioniert das nicht.
Confed-Cup
Das wichtigste Spiel des Planeten
Das Finale zwischen Argentinien und Brasilien, mehr als ein Endspiel – Ronny Blaschke (BLZ 28.6.): „Die inoffizielle Südamerika-Meisterschaft wertet das Tunierchen auf. Brasilien gegen Argentinien ist Brasilien gegen Argentinien – das wichtigste Spiel des Planeten, wie die Beteiligten finden. Ob diese Partie in Buenos Aires stattfindet, in Frankfurt oder auf Ronaldinhos Dachterrasse, interessiert die Akteure so sehr wie ein Friseurbesuch von Günter Netzer. So muss der Rest der Welt sich damit abfinden, dass sich die Bedeutung einer Sportart auf dieses Duell reduzieren lässt.“
Krieg
Christoph Biermann (SZ 29.6.) ergänzt: „Das Finale des Konföderationen-Pokals ist nur ein Teil des argentinisch-brasilianischen Kräftemessens, das dieser Tage auf dem Fußballprogramm steht. Bei der U20-WM in Holland treffen die Junioren beider Länder aufeinander, während im Halbfinale der Copa Libertadores die Vereinsteams des FC Sao Paulo und von River Plate Buenos Aires um den Einzug ins Finale der südamerikanischen Champions League spielen. Unter dem Slogan „Woche der Rivalität“ vermarktet des Sender Sport TV die Übertragung dieser Partien, und ehemalige Profis gießen eifrig Öl ins Feuer. „Jedes Spiel gegen Argentinien ist Krieg“, sagte etwa der ehemalige Nationalspieler Batista.“
Lebensmittellieferungen
Sven Goldmann (Tsp 29.6.) vertieft: „Als Europa nach dem Zweiten Weltkrieg hungerte, zählte das mit Rindern und Weiden gesegnete Argentinien zu den wohlhabendsten Ländern der Welt, bis die verschwenderische Haushaltspolitik des Generals Juan-Domingo Perón den natürlichen Reichtum aufzehrte. Der Zusammenbruch der Wirtschaft vor zwei Jahren hat die Argentinier den Brasilianern etwas näher gebracht. Mittlerweile bemüht sich Argentiniens Staatspräsident Nestor Kirchner gemeinsam mit seinem brasilianischen Kollegen Lula Silva um eine Währungsunion, an deren Ende der Latino stehen könnte, Südamerikas Gegenstück zum Euro. Was auf politischer Ebene möglich ist, ist im Fußball schwer vorstellbar. Zu viel steht zwischen beiden Ländern. Zum Beispiel die seltsame Art, wie die Argentinier 1978 bei der WM ins Finale kamen. Im letzen Spiel der Zwischenrunde musste ein 4:0-Sieg gegen Peru her, um die Brasilianer noch abzufangen. Es wurde sogar ein 6:0, und seit ein paar Jahren weiß man, dass argentinische Lebensmittellieferungen ins arme Peru den Fußballern die hohe Niederlage erträglicher machten.“
FR: Blick in die Historie des „Superclassicos“
Stil eines Architekten
Michael Eder (FAZ 29.6.) beschreibt den Gestus der Argentinier: „Wenn die Brasilianer trainieren, fühlt sich der Zuschauer wie bei einem Popkonzert. Die Fans feiern auf der Tribüne, und die Mädels kreischen, wenn Stars wie Ronaldinho über den Rasen stolzieren, der für diese Künstler kein Arbeitsplatz ist, sondern eine Bühne. Im Finale treffen sie auf den Nachbarn, schillernde brasilianische Ballartisten gegen eine unscheinbare argentinische Arbeitsgemeinschaft, der Starkult so fremd ist wie sonst kaum einer anderen Mannschaft im Turnier. Der einzige Weltstar, den sie haben, Hernan Crespo vom AC Mailand, ist nicht dabei, die Stützen der Mannschaft wirken gegen Ronaldinho und Kollegen fast bieder, alles ruhige Zeitgenossen, nichts zu sehen vom Machogehabe, das den argentinischen Fußball nicht nur in der Ära Maradona geprägt hatte. (…) Die taktische Ausrichtung der Argentinier basiert auf einem gleichberechtigten Zusammenspiel, auf einer Mannschaft ohne erkennbare Hierarchie. (…) Taktische Systeme hält Pekerman für zweitrangig, die letzte taktische Neuerung, pflegt er zu sagen, habe die holländische Schule vor dreißig Jahren kreiert. Nicht das System sei wichtig, so seine Überzeugung, sie ähnelten sich weitgehend, sondern die perfekte Vernetzung der Mannschaftsteile. Pekermans Stil ist der eines Architekten, am Reißbrett skizziert und auf dem Platz umgesetzt. Dem spektakulären, angriffslustigen Stil der Brasilianer setzt er einen nüchternen Plan entgegen.“
Pathos
Wiebke Hollersen (BLZ 29.6.) fügt hinzu: „Zum Image der argentinischen Mannschaft scheint zu passen, Stachel im Herzen zu tragen und unter öffentlicher Anteilnahme an ihnen zu operieren. Was den kanariengelben Kickern die große Lässigkeit ist, ist den himmelblauen das große Pathos. Sie trainieren am liebsten unter Ausschluss jeglicher Beobachter, sie langen im Spiel hart hin, wenn es nicht anders geht. Nach einem Sieg küssen sie sich auf die Wangen und reden in einem fort von Diego, dem schönsten Trikot der Welt, und ihrem Leben, das sie für alles geben würden.“
Herzstück und Faustpfand
Ralf Weitbrecht (FAZ 29.6.) befasst sich mit Brasilien: „Ronaldinho, Robinho, Kaka und Adriano: Das magische Viereck des Weltmeisters ist Herzstück und Faustpfand zugleich für die unvergleichlichen Momente brasilianischer Leichtigkeit.“
NZZ-Portrait Dida
BLZ-Portrait Adriano
FR: eine Taktik-Expertise des Turniers
Ball und Buchstabe
Wo sind die Per Mertesackers der Politik?
Wird Jürgen Klinsmanns Reform Land, Volk und Politik beflügeln? Sven Goldmann (Tsp 29.6.) zweifelt: „Es gibt keine Wechselwirkungen zwischen erfolgreichem Fußball und erfolgreicher Politik. Eine fröhliche Grundstimmung durch gewonnene Spiele gibt den Bürgern weder mehr Vertrauen in den Staat, noch nimmt es diesem die Verantwortung zur Gestaltung ab. Andernfalls wäre Brasilien längst Export- und Importweltmeister in einem. Und doch lohnt es sich zu vergleichen, was dieser Klinsmann besser macht als die Politik. Sein Erfolg basiert keineswegs auf der Kunst des Schönredens, wie seine Kritiker gerne suggerieren. Schlechte Fußballer spielen nicht dadurch besser, dass man ihnen eine nicht vorhandene Qualität vorgaukelt. Klinsmann hatte einfach den Mut, sich der Wirklichkeit zu stellen, Konsequenzen daraus zu ziehen und entsprechend zu handeln. Und das in der gebotenen Radikalität, ohne sich von den Kritikern beirren zu lassen. (…) Wo sind die Per Mertesackers der Politik, wo jagen sie den zweiten Bällen nach?“
Statist
Markus Völker (taz 29.6.) übernimmt die Perspektive des Stadionzuschauers: „Die Mini-WM ließ ahnen, welche Vereinnahmung, politisch, kommerziell, medial, dem gemeinen Bürger in einem Jahr ins Haus steht. Der Fan durfte sich in der heilen Welt der Fifa schon einmal als Statist einrichten, das labbrige Bier des Sponsors genießen. Er durfte die schöne Erfahrung der Normierung im großen Maßstab machen. Dafür gibt eine fußballbegeisterte Familie gern mal 400 Euro für ein rundum betreutes Match aus. Und natürlich verzichtet der Fan angesichts dieses Schnäppchens, einnehmend freundlicher Ordner und deutscher Lebensart gern auf ein öffentliches Training des DFB-Teams. Ersatzweise ist dafür per Fernglas Franz Beckenbauer, Otto Schily oder Angela Merkel auf der Haupttribüne zu besichtigen. Und natürlich vergisst er, dass seine Steuerzahlungen zum Bau der Arenen beigetragen haben. Das geht auch ganz leicht. Hat Schily nicht gesagt, die WM bringe 3 Milliarden Euro plus? Da wollen wir nicht jammern, sondern uns ganz doll freuen auf das große Glück, das uns bald heimsucht.“
WM 2006
Aufbau-Ost-Illusion
Grit Hartmann (FTD 29.6.) sorgt sich um das Leipziger Stadion: „Als Gastgeber der Klinsmann-Elf darf sich Leipzig sicher zu den Gewinnern des Confed-Cups zählen. Andererseits ist die Lage für die Zeit danach treffend beschrieben: Denn nach dem Turnier und dem DFB-Liga-Pokalfinale im August droht eine Leidenszeit. Das 116 Mio. Euro teure neue Zentralstadion könnte bis zur WM 2006 zur fußballfreien Investitionsruine verkommen. Das liegt am Zerwürfnis zwischen dem Stadionbesitzer Michael Kölmel und den Politikern im Leipziger Rathaus. Beide Seiten streiten zäh um die Baumehrkosten. (…) Nun will Kölmel die 45 000 Zuschauer fassende Fußballarena nur noch für Entertainment öffnen – für Konzerte etwa. Damit bekäme Leipzig so etwas wie die sportliche Version der Cargo-Lifter-Halle im märkischen Sand, wo eine gigantische Aufbau-Ost-Illusion zum weltgrößten Tropenpark mutierte: Eine Freilicht-Bühne, von Bund und Stadt mit 70 Mio. Euro subventioniert.“
Ascheplatz
Wildwuchs
Uwe Marx (FAZ 28.6.) befasst sich mit der Gefahr Ambush-Marketing: „Diese Spezialdisziplin unter Werbern ärgert Fifa und Sponsoren gleichermaßen. Wie schaffe ich es, so zu tun, als wäre ich eng mit der WM verbandelt, ohne auch nur einen Cent dafür auszugeben? (…) Es geht immer früher los mit dem Wildwuchs, und er breitet sich in immer mehr Ländern aus. Inzwischen sind es über neunzig.“
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