Donnerstag, 3. Februar 2005
WM 2006
Helfen kann nur noch einer – der deutsche Fan
Bruno Kammertöns (Zeit 3.2.) kommentiert die Folgen des Wettskandals für die WM: „Liegt bereits jetzt ein Schatten auf dem Freudenfest? Die Fußballgötter, der Bundeskanzler und alle anderen, die etwas zu sagen haben in diesem Land, werden dies zu verhindern wissen. Es darf ja nichts dazwischen kommen. Denn auch dies ist Fußballfakt: Gut ein Prozent Wirtschaftswachstum bescherte die Weltmeisterschaft den französischen Gastgebern im Jahr 1998, das sozialistische Wirtschaftswunder von Premier Jospin nahm seinen Lauf. Für Deutschland soll das Ereignis ähnlich labend sein. Dafür hat man sich eine Kampagne ausgedacht, die unterschwellig immer eines sagen möchte: Wir Deutschen sind die Harmlosesten von allen. Ausgerechnet dieses liebe Image verstört der Skandal mit seinem Geruch von Schiebung und Mafia. Helfen kann hier nur noch einer – der deutsche Fan. Tiefer denn je ist die vorbehaltlose Liebe zum Fußball in den großen Herzen deutscher Fans. Sie sind die wahren Helden in diesen dunklen Tagen. (…) Seit Dienstag können sich Fußballfreunde im Internet um Eintrittskarten bewerben. Ein echtes Glücksspiel, das sich nicht beeinflussen lässt. Nur ein Drittel aller Karten, das steht jetzt schon fest, landen am Ende beim Fußvolk. Ebenso viele sind für die Sponsoren reserviert, die in den Logen sitzen, auf den besten Plätzen. Ob dazu auch die Herren aus dem Café King gehören?“
Ascheplatz
Traditionsnamen verkauft
Mal was anderes als Schiedsrichter – Freddie Röckenhaus (SZ 3.2.) entdeckt einen neuen alten Dortmunder Vertrag: „Der Finanzskandal um Borussia Dortmund nimmt eine neue Dimension an. Offenbar hat der hochverschuldete Bundesligist im September 2000 seinen Vereinsnamen, das Vereinsemblem, das Kürzel BVB 09 und weitere beim Patentamt geschützte „Marken“ rund um den Markennamen Borussia Dortmund an den Gerling-Versicherungskonzern verpfändet. Es ist das erste Mal, dass bekannt wird, dass ein Bundesligist nicht mehr uneingeschränkt über seinen Traditionsnamen verfügen kann. Der Vertrag trägt die Unterschrift des BVB-Managers Michael Meier. (…) Zwei Punkte machen den Deal für den BVB noch brisanter: Nach Einschätzung der britischen Presse wurde die letztjährige Pleite des Traditionsklubs Leeds United maßgeblich durch die Finanzfirma Benfield Grieg herbeigeführt, eine britische Gerling-Tochter. Pikant auch ein weiterer Punkt: Der Goool-Deal wurde im September 2000, kurz vor dem Börsengang des BVB abgewickelt. Den Börsengang leitete als so genannte Konsortialbank die Deutsche Bank. Unternehmerisch das Sagen hatte beim Gerling-Konzern zu dem Zeitpunkt des BVB-Vertrags ebenfalls die Deutsche Bank. Die Anleger, die zum Startkurs von 11 Euro BVB-Aktien zeichneten, werden sich nun fragen, ob sie seinerzeit tatsächlich alle wichtigen Informationen über die wirtschaftliche Situation des BVB erhalten haben.“
Mittwoch, 2. Februar 2005
Ball und Buchstabe
Die richtige Reaktion auf einen GAU sieht anders aus
Christoph Albrecht Heider (FR 2.2.) rügt das Krisenmanagement des DFB: „Kann man das Fax des staatlichen Wettanbieters Oddset, in dem er über die ungewöhnlich hohen Wetteinsätze für das Paderborn-Spiel berichtet, missverstehen? Lässt sich das Schreiben so lesen, als würden darin nur vage Vermutungen ausgesprochen? Die Verteidigungsreden des DFB überzeugen nicht, der Hinweis, man habe doch die Ermittlungen bei der Kriminalpolizei in den besten Händen geglaubt, ist hilflos. (…) Schon hört man im Hintergrund die Erwiderung: Hinterher ist man immer schlauer. Aber noch mal: Bekommt der DFB etwa ständig Faxe von honorigen Absendern, in denen Bestechung angedeutet wird? Die Manipulation von Ergebnissen ist für eine Sportart der GAU. Die richtige Reaktion auf einen GAU sieht anders aus, als das, was (mindestens) drei hochrangige DFB-Vertreter im August angestellt, um nicht zu sagen, angerichtet haben.“
Ein DFB-Präsident ist genug
Michael Horeni (FAZ 2.2.) erkennt in der Wettkrise ein Argument gegen die DFB-Doppelspitze: “Die Affäre Hoyzer ist ein Skandal in zwei Teilen. Der erste beginnt am 23. August 2004 mit dem eindeutigen Hinweis von Oddset und fällt in die alleinige politische Verantwortung Mayer-Vorfelders; der zweite am 19. Januar mit den Hinweisen von Hoyzers Schiedsrichterkollegen, und er fällt in die Zuständigkeit Zwanzigers. Nach Informationen dieser Zeitung ist im ersten Teil des Skandals vom DFB nicht einmal ein informelles Gespräch mit Hoyzer über die von Oddset erhobenen Vorwürfe geführt worden, von einer offiziellen Befragung ganz zu schweigen. Auch wenn die staatliche Ermittlungsbehörde damals in dem Manipulationsfall nicht weitergekommen war, enthob dies den Verband nach seriösen Hinweisen über unseriöse Wetten nicht seiner eigenen Verantwortung. Die Konsequenz aus dem Krisenmanagement eines Verbandes mit zwei Gesichtern: Ein DFB-Präsident ist genug.“
Dynamo Dresdens dubiose Siegprämie, SZ
Die Eidesstattliche Erklärung, ein Gutachten der BLZ
Öffentliches Schauspiel
Matthias Gebauer (SpOn 1.2.) beklagt die Transparenz der Ermittlung: „Von Beginn an herrschten im Fall Hoyzer Regeln, die selbst für so manch erfahrenen Staatsanwalt neu sind. Begonnen hatte das kuriose öffentliche Schauspiel schon bei Hoyzers erstem Geständnis. Dies wurde nicht intern bei den Behörden, sondern unter den Augen von ausgewählten Reportern abgelegt. Statt sich in Ruhe mit seinem Mandanten und seinen heiklen Aussagen zu beschäftigen, ließ Hoyzer-Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner sowohl ein TV-Team als auch einen Fotografen live mit am Beichtstuhl in seiner Anwaltspraxis Platz nehmen und das „Geständnis unter Tränen“ ablichten. Die inszenierte Beichte zeigte ihre Wirkung. Fast drohend sagt Hoyzer, dass er beileibe nicht der einzige Betrüger im millionenschweren Fußballgeschäft ist. Hoyzer wurde wirksam als möglicher Kronzeuge aufgebaut, ohne den der Skandal nicht aufgeklärt werden kann. Dementsprechend groß fuhren die Zeitungen, allen voran die Bild, am kommenden Tag die Geschichte. (…) Wer die brisanten Informationen an die Zeitungen spielt, ist bisher reine Spekulation.“
Wettbetrug – das ist Neuland
Paul-Werner Beckmann, Experte für Sportrecht, im Interview mit Michael Kölmel (BLZ 2.2.)
BLZ: Klaus Toppmöller erwägt, gegen die Wertung eines Meisterschaftsspiels von 2002 vorzugehen, weil Jürgen Jansen einen Elfmeter gegen seinen Klub ausgesprochen hat. Mit welchen Erfolgsaussichten?
PWB: Wenn die Fristen nicht eingehalten werden, gibt es da null Chancen. Selbst wenn es sich um eine Fehlentscheidung handelt. Sonst könnte auch Schalke 04 die Meisterschaft 2001 anfechten, weil am letzten Spieltag eine Nachspielzeit von zwei Minuten angezeigt wurde, der FC Bayern aber erst in der dritten Nachspielminute das Tor erzielte. Das sind Tatsachenentscheidungen.
BLZ: Heißt das, auch die unter Manipulationsverdacht stehenden Spiele müssen nicht wiederholt werden?
PWB: Da liegt der Fall anders. Normalerweise muss ein Klub innerhalb von zwei Tagen nach einem Spiel Protest einlegen. In den Regeln des DFB gibt es jedoch eine Ausnahme – für Dopingfälle. Ob man diese Regel auf einen Fall des Wettbetrugs anwenden kann, muss man nun aus juristischen Grundsätzen ableiten. Das Leben bringt immer wieder neue Sachverhalte. Wettbetrug – das ist absolutes Neuland.
BLZ: Direkt nach den Spielen konnte ja kein Klub etwas von Wettmanipulationen ahnen. Wie hätte jemand rechtzeitig Protest einlegen können?
PWB: Richtig. Es konnte kein Klub protestieren, weil niemand diesen Anfechtungsgrund kennen konnte. Die Frage ist: Ist Manipulation ein so gravierendes Vergehen, dass man sagen muss: Auch nach Ablauf aller Fristen lasse ich Rechtsmittel zu. (…)
BLZ: Wie bewerten Sie die Aussagen, dass sowohl der Chefjustiziar Goetz Eilers als auch der Chefankläger Horst Hilpert den DFB-Präsidenten fünf Monate nicht informiert haben sollen?
PWB: Das ist unverständlich. Es ist auch nicht nachvollziehbar, dass Herr Hilpert damals nichts weiter unternommen hat. Erstens muss der DFB nach so einem Oddset-Hinweis ermitteln wie ein Weltmeister und zweitens muss selbstverständlich in einer so brisanten Frage – Wettbetrug! – der Chef unterrichtet werden. So einen ungeheuerlichen Vorwurf kann man nicht aussitzen.
Versteht das Toppmöller? Versteht das der DFB?
Hans Leyendecker (SZ 2.2.) empfiehlt allen, die sich äußern und äußern wollen, Rechtsberatung: „Das alles ist juristisch sehr kompliziert und überfordert möglicherweise sogar den juristischen Sachverstand des DFB. Auffällig ist, dass sich Klaus Toppmöller in der Affäre als Opferlamm zelebriert. Seine Konstruktion geht etwa so: Als Trainer des Hamburger Sportvereins sei er durch das manipulierte Pokalspiel beim Paderborner SC in Schieflage geraten. Also stehe ihm möglicherweise Schadenersatz zu. Juristisch ist das nicht nachvollziehbar. Das Recht auf einen Arbeitsplatz ist rechtlich nicht gegen Eingriffe Dritter geschützt. Versteht das Toppmöller? Versteht das der DFB?“
Die kulturschaffende Kraft der Korruption
Harry Nutt (FR/Feuilleton 2.2.) befasst sich mit den Konsequenzen: “Die Sportwette ist als Wirtschaftszweig bereits zu wichtig geworden, als dass Verbote und Enthaltsamskeitsgelübde aus dem Kreis der Sportler den Weg zur alten Unschuld noch einmal ebnen könnten. Wahrscheinlicher ist, dass der gegenwärtige Fußballskandal in Bezug auf den Sportwettenmarkt eine kathartische Wirkung haben wird, um diesen in einem zweiten Schritt als legitimen Wirtschaftszweig zu etablieren. In der Wirtschaftstheorie gibt es veritable Stimmen, die längst die kulturschaffende Kraft der Korruption zu würdigen wissen. Eine solche Funktion könnte auch dem aktuellen Fußballskandal einmal zugeschrieben werden.“
Opfer, nie Täter
Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 2.2.) erinnert an den Skandal 1971 und an Horst-Gregorio Canellas: „1971 war alles noch viel, viel schlimmer. Jedenfalls nach dem heutigen Erkenntnisstand über den Bundesligaskandal II. Beim Bundesligaskandal I sind auch eidesstattliche Erklärungen von Spielern abgegeben worden, die ihre Unschuld bezeugen sollten. Später entpuppten sich einige als Meineide. In der Endphase der Saison 71 war dermaßen flächendeckend gelogen und betrogen worden, daß sich die Frage aufdrängte, ob man denn nun Fußball oder Monopoly spiele? (…) Der Mann mit der schnarrenden Stimme geriet nochmals in die Schlagzeilen, als er in Mogadischu an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut” in die Hände von Terroristen geriet. Jahre später hat Canellas voller Verbitterung über Kindermann und den Bundesligaskandal gesprochen. Kindermann habe versucht, den Gang des Kronzeugen an die Öffentlichkeit zu stoppen. Ein einzelner hat damals die Skandal-Lawine ins Rollen gebracht. Canellas hat sich als Opfer, nie als Täter gesehen.“
Geben Sie wenigstens 40 000 Mark! Die Jungs wollen doch alle in den Urlaub
Klaus Hoeltzenbein (SZ 2.2.) ist Skandal-Nostalgiker: „Nur damit niemand auf die Idee kommt, der neue Skandal sei bereits besser als der alte, hier die beste Anekdote von damals, damit jeder, der vorhat sich zu offenbaren, weiß, wie hoch die Messlatte liegt: Am 5. Juni 1971 gastierte RW Oberhausen in Braunschweig, erwartet worden war ein Heimsieg, das Spiel aber endete 1:1. Bei dieser Partie gab’s keine Vorkasse, der Geldbote, der auf der Tribüne gesessen hatte, entschwand kurz vor Abpfiff in Richtung Flughafen Waggum. Lorenz hatte sich mittels einer simulierten Verletzung nach 66 Minuten auswechseln lassen und nahm die Verfolgung auf. Im Fußballtrikot. Und in einem Fahrzeug der Polizei. Tatütata, der Lorenz, der ist da – der Flüchtige wurde an der Einstiegsluke der Privatmaschine gestellt und vor den Augen der als Chauffeur dienenden Ordnungskraft zur Herausgabe eines Anteils gedrängt: „Geben Sie wenigstens 40 000 Mark! Die Jungs wollen doch alle in den Urlaub.“ Gegen Quittung wurde die Summe überreicht. Im Mittelpunkt standen damals Torhüter, die ins Leere griffen, Verteidiger, die absichtlich neben den Ball traten, und Stürmer, die nebens anstatt ins Tor zielten. All das lag außerhalb der Vorstellungswelt des Publikums. Der Schock war groß, weil die Spieler nichts weniger interessierte als ihre Existenzgrundlage, der sportliche Wettbewerb.“
WM 2006
96 Prozent der Karten übers Internet verkauft
Aus der BLZ (2.2.) erfahren wir: „Bis Dienstag zwölf Uhr sind bereits 300 000 Bestellungen eingegangen, allein aus Deutschland mehr als 250 000. Selbst aus entlegenen Ecken der Welt wie dem afrikanischen Staat Burkina Faso meldeten sich Interessierte. Das OK geht davon aus, dass mehr als 96 Prozent der Karten übers Internet verkauft werden. Das Internet ist also der Königsweg zum WM-Live-Genuss, neben der Lostrommel natürlich.“
Dienstag, 1. Februar 2005
Internationaler Fußball
Er arbeitet mit dem Flugsand des Marktes
Sehr lesenswert! Peter Hartmann (NZZ 1.2.) macht uns mit Carletto Mazzone vertraut, dem Trainer des FC Bologna, 1:0-Sieger beim AC Mailand: „Mazzone, ein Fels von einem Manne, ist mit 68 Jahren der Altmeister unter den italienischen Trainern, der „Trapattoni der Armen“. Den Beweis für seine immerwährende Beweglichkeit und Vitalität hat er gerade wieder in der Scala des Fussballs erbracht, in San Siro: Seine mit Ersatzspielern durchsetzte Squadra von Bologna hebelte überraschend das Star-Ensemble von Milan aus. (…) Der Torschütze Locatelli ist, wie sein Trainer, ein Verkannter des Calcio: Er durfte Mitte der neunziger Jahre zehn Spiele für Milan machen und ist dann abgeschoben worden. Mit 28 Jahren gelang ihm die Retourkutsche. Mazzone, ein Ur-Römer, hat zeit seines Lebens mit solchen Spielern gearbeitet, mit Vergessenen, Ausgemusterten, mit dem Flugsand des Marktes, aber als verständnisvoller Patriarch coachte er auch Roberto Baggio in Brescia zu einem wunderbaren Herbst seiner Karriere. Er ist der einzige Trainer, der gegen entfesselte Krawallanten in der Kurve Widerstand leistete, mit hochgereckter Faust, deswegen gesperrt wurde. Und, als ihn die Ultras plötzlich liebten, hart blieb und nach Bologna ging, obwohl ihn auch Baggio auf den Knien bat zu bleiben. Dieser Aufrechte hat einen langen Schatten geworfen auf dem Stiefel.“
88 Millionen Pfund Schulden, kein Problem für den FC Chelsea – Clemens Martin (NZZ 1.2.): „Jeder andere Klub würde bei solchen Verlusten vor dem Ruin stehen. Die „Blues“ sehen sich in der beneidenswerten Position, Abramowitsch an der Seite zu haben. Von ihrem Eigentümer erhielten sie ein Darlehen von 115 Mio. £. Nun wollen sie sparen. Gleichzeitig wurde das Kader auf 24 Spieler reduziert. Wenn Manager Mourinho nun einen neuen Spieler will, muss er zur Finanzierung des Transfers einen Mann abstossen. Gleichzeitig investiert der Verein in ein neues Trainingsgelände in Cobham südlich von London. Dort sollen gleichzeitig Talente gefördert werden, damit Chelsea langfristig Spieler aus den eigenen Reihen hervorbringen kann. Am Wochenende schloss Chelsea auch einen Vertrag über acht Jahre mit Adidas als neuem Trikotausrüster ab, der dem Klub pro Saison Einnahmen von 12 Mio. £ bringt.“
Ball und Buchstabe
Wagenburg-Strategie
Wie im wilden Westen – Klaus Hoeltzenbein (SZ 1.2.) beschreibt die Verteidigungstaktik des DFB: „Alle Pferde stopp! Wagen zusammenfahren! Frauen und Kinder in die schützende Mitte! Dieser Wagenburg-Strategie scheint auch der DFB mit seinen angeschlossenen Profis und Vereinen zu folgen. Alle reagieren mit eidesstattlichen Erklärungen, mit dem allerorten wiederholten Bekenntnis, niemand sei schuldig, bevor etwas bewiesen sei, und drohen jedem Vorverurteiler mit der Kraft ihrer Anwälte. Das ist eine juristisch korrekte Strategie, befremdlich ist nur eines: die Zusammenrottung in der Hoffnung, dass der Sturm bald vorüber ist. (…) Die Staatsanwaltschaft Berlin wird ihre Gründe haben, warum sie dem DFB die Akteneinsicht zunächst verwehrt. Womöglich fürchtet sie, die Kameraderie in der Wagenburg sei stärker als der Wille, möglichst schnell, möglichst viel, möglichst alles zu erfahren.“
Datenbereinigung
Sind Sie sicher, dass Sie diesen Datensatz in den Papierkorb verschieben wollen? Ja – Nein – Abbrechen. Thomas Kistner & Klaus Ott (SZ 1.2.) stören sich am Online-Publikationsverhalten: „Immer neue Ungereimtheiten. So stellte der DFB unter die Nachrichten seiner Homepage im Internet bereits am 29. August 2004 eine Meldung („Volker Roth weist Kritik an Hoyzer zurück“), in welcher der Chef des Schiedsrichter-Ausschusses einige Zeitungsberichte geißelte. In denen war behauptet worden, Hoyzer sei in der Halbzeit in der Paderborner Kabine gewesen. Dabei soll er gesagt haben: „Spielt ihr mal so weiter, den Rest erledige ich.“ Roth erklärte damals auf den DFB-Seiten im Internet, Hoyzer sei weder in der Paderborner Kabine gewesen, noch habe er besagte Äußerung gemacht. Pikant aus heutiger Sicht, dass Roth mitteilte, eine Befragung vorgenommen zu haben: „Diese Tatsache wird von den beiden Schiedsrichter-Assistenten Ralf Brombacher und Stephan Kammerer und dem Paderborner Schiedsrichter-Betreuer Günter Hoppe bestätigt.“ Diese Mitteilung, die eine frühe, intensive Beschäftigung des DFB mit dem Fall Hoyzer belegt, ist mittlerweile von der DFB-Website getilgt worden. Die rückwärtsgewandte Datenbereinigung ergibt für einen Verband, der angeblich umfassend aufklären will, keinen Sinn. (…) Offenbar wurden im Online-Angebot des DFB noch weitere Schiedsrichter-Meldungen aus der damaligen Zeit gelöscht.“
Zwei weitere Hintergrundberichte aus der SZ ( Seite 1 und Sport)
In der Rolle des Getriebenen
Michael Horeni (FAZ 1.2.) vermisst eine Strategie beim DFB: “Von koordinierten Bemühungen im deutschen Fußball, den Schaden zu begrenzen, konnte auch nicht die Rede sein, als der nationale WM-Sponsor Oddset am Montag zur eigenen Verteidigung anhob – und damit gleichzeitig den DFB angriff. Nach einer Reihe von Mißverständnissen und Pannen unter Partnern fühlte sich der Wettanbieter genötigt, den Schriftverkehr mit dem DFB aus dem vergangenen August offenzulegen, worin ausdrücklich von „großen Einsätzen“ und möglichen „Unregelmäßigkeiten“ bei zwei Partien unter Hoyzers Leitung die Rede ist. Theo Zwanziger war schnell bemüht, von einem „Konflikt“ mit dem WM-Partner zu sprechen, der für den Verband keiner sei. (…) Das Dilemma des DFB dieser Tage ist offensichtlich. Nachdem das Verfahren vorrangig in staatlichen Händen liegt, sich aber vor den Augen einer hochgespannten Öffentlichkeit abspielt, gerät der Verband allzu leicht in die Rolle des Getriebenen.“
In der Szene als Heimschiedsrichter bekannt
Martin Hägele (NZZ 1.2.) befasst sich mit dem Gerücht um Jürgen Jansens Verwicklung: „Noch ist dieser Fall nur theoretisch in der Bundesliga angekommen. Verhindern lässt sich freilich nicht, dass nun viele Journalisten in Film- und sonstigen Archiven nach Auffälligkeiten fahnden. Dass sie dabei früh auf die Partie 1. FC Kaiserslautern gegen den SC Freiburg vom 27. November 2004 stiessen, war zwangsläufig. Damals hat der in der Bundesliga-Szene als Heimschiedsrichter bekannte Jansen Kaiserslautern einen Penalty geschenkt, und dem spielentscheidenden Treffer zugunsten der Pfälzer war ein „Rambo“-Foul von Jancker vorausgegangen. Doch solche Indizien können freilich genauso gut ungerecht sein.“
Funktionäre sollten in einer Krise wissen, was Sachstand ist
Christopher Keil (SZ/Medien 1.2.) hat Christiansen geschaut und sich über Gerhard Mayer-Vorfelder gewundert: „Funktionäre müssen keine Heiligen sein. Aber sie sollten in einer Krise erstens wissen, was Sachstand ist und zweitens nicht das Gefühl fördern, als habe die Krise auch mit ihnen zu tun. Dieses Gefühl hatte man bei Mayer-Vorfelder. Beinahe wie zum Beweis verschickte die Staatliche Lotterieverwaltung in Bezug auf Mayer-Vorfelders Lamento bei Christiansen, der DFB sei vom staatlichen Wettbetrieb Oddset nicht hinreichend über einen Betrugsverdacht informiert worden, eine öffentliche Entgegnung in vier Punkten. Man hat oft viele Zweifel, aber kaum einen, dass Mayer-Vorfelder nichts mehr im Fernsehen und beim DFB zu erledigen hat. Dass Sabine Christiansen die Sendung störte, statt sie zu ordnen, sei erwähnt.“
Neigung zur Skandalisierung
Wolfgang Hettfleisch (FR/Medien 1.2.) kritisiert die Berichterstattung über den Wettskandal: „Erstaunt konzedierte der halbierte DFB-Präsident Mayer-Vorfelder in der ARD-Quasselrunde Christiansen, sein Gegenüber Alfred Draxler, Stellvertretender Chefredakteur und Ex-Sportchef der Bild, sei ja besser informiert als er. Was „MV“ nicht sagte: Auch Bild ist bislang allenfalls halb so gut informiert wie das Flaggschiff der so genannten Qualitätszeitungen, die SZ. Die Münchner haben Thomas Kistner, Klaus Ott und Hans Leyendecker an die Wettfront beordert. Die zählen allesamt zur ersten Garde des Blatts, was belegt, welcher publizistische Stellenwert den mutmaßlichen Schiebereien im deutschen Berufsfußball beigemessen wird. Aus der Perspektive der Medienkritik wirft die Berichterstattung über den Wett-Skandal unterdessen die Frage auf, ob solche Unterscheidungen in den Redaktionen im täglichen Ringen um Aufmerksamkeit und angesichts einer wachsenden Neigung zur Skandalisierung noch gemacht werden. Viele Medien, auch solche von ausgesucht seriösem Ruf, hantieren in der Affäre um gekaufte Pfiffe und Tore mit zumindest bedenklichen Begriffen.“
Jeder versucht in diesem Skandal seine eigene Wahrheit zu ermitteln
Wer schmeißt denn da mit Lehm? Ralf Wiegand (SZ 1.2.) zweifelt an der Paderborner Anschuldigung, der Hamburger SV sei in den Betrug verwickelt: „Wilfried Finke scheint den Auftritt zu genießen. Es ist zehn vor zehn, der Präsident des SC Paderborn 07 e.V. sitzt in der Mitte eines langen Tisches im Vereinsheim und beobachtet entspannt, wie um ihn herum Mikrofone aufgebaut und Kameras verkabelt werden. Fotografen knien vor ihm nieder und schießen Bilder, was eines der Blitzlichtgewitter verursacht, die in bedeutungsschweren Momenten immer aufziehen. (…) Finkes Pressekonferenz ähnelt der eines Staatsanwaltes, der gleichzeitig Verteidiger und Richter ist. Jeder versucht in diesem Skandal seine eigene Wahrheit zu ermitteln. Der Verband, das Schiedsrichterwesen, die Vereine, die Staatsanwaltschaft – im Wettlauf um die Wahrheit muss man offenbar eigene Fakten schaffen, bevor es ein anderer tut.“
Provinzfürst
Waren das wirklich schon 15 Minuten? Richard Leipold (FAZ 1.2.) widmet sich dem Ruhm Wilfried Finkes: „Ein Möbelhändler aus Ostwestfalen überbringt schlechte Nachrichten (…) Fast schien es, als würde Finke die Aufmerksamkeit der Medien ein wenig genießen. Wie gelöst behauptete er, der Verein habe keinen Schaden genommen. Mehr noch: Der Provinzfürst legte sich mit dem angesehenen Bundesligaklub Hamburger SV an.“
Ein umstrittener Pfiff muss durch das Spiel getragen und immer wieder neu verteidigt werden
Christoph Schröder (FR/Feuilleton 1.2.) macht uns mit der Soziologie des Schiedsrichter-So-Seins (oder so) bekannt: „Fußball und Schiedsrichterwesen sind zwei in sich geschlossene Systeme mit vollkommen unterschiedlich angeordneten Strukturen und Interessenlagen, innerhalb derer es nur dann zu strukturellen Kopplungen kommt, wenn in einem der beiden Systeme interne Regeln verletzt werden. Oder, ohne Luhmann: Der Schiedsrichter greift in das Fußballspiel ein, wenn die Fußballregeln missachtet werden; das Fußballspielen wird für das Schiedsrichterwesen von Relevanz, wenn von Seiten der Fußballspielenden dem Schiedsrichter Verletzungen interner Vorgaben (Unbestechlichkeit, Neutralität) vorgeworfen wird. Dass das System Schiedsrichter Regelverletzungen in das System Fußballspielen hineinträgt, ist ein immer wieder geäußerter Vorwurf („Schiebung!“), der sich nun plötzlich als Tatsache erweist – die beidseitig größtmögliche Ungeheuerlichkeit. Denn der prinzipielle Unterschied zwischen dem Fußball- und dem Schiedsrichterwesen besteht darin, dass hier die clevere Schummelei wenn nicht gefördert, so doch geduldet wird, dort hingegen Tabu ist. Auch darin bestehen Spannung und Reiz des Spiels. Der Schiedsrichter ist einsam. Sicher, man läuft zu dritt auf den Platz, man demonstriert Teamgefühl, und ist doch im Zweifelsfall auf sich allein gestellt, auf innere Vorgänge zurückgeworfen, die von äußeren Vorgängen ausgelöst werden. Einen Fehlpass bügelt ein Mitspieler aus, ein umstrittener Pfiff muss durch das Spiel getragen und immer wieder neu verteidigt werden.“
WM 2006
Gebt ihm zwei Karten, am besten fürs Endspiel in der Hauptstadt!
Edo Reents (FAZ/Feuilleton 1.2.) kämpft mit Nebensätzen gegen die Statistik der Ticketvergabe: „Zur Eröffnung in München werden nach ersten Hochrechnungen etwa 5300 deutsche Zuschauer zugelassen – das ist bei dreißig Millionen deutschen Karteninteressenten (oder waren es Milliarden?) äußerst wenig. Doch es kommt noch besser: nicht nur, daß von den rund sechzig Karten für die drei Millionen Spiele – nein, es muß umgekehrt heißen: daß also von den drei Millionen Karten für die sechzig Spiele (kommt das hin?) bloß ein Drittel frei verkäuflich ist und der Rest, wie einige Fans ganz richtig erkannt haben, an irgendwelche „Bonzen“ geht; sondern daß die Karten auch gar nicht übertragbar sind und ein Wechsel der Begleitung fast unmöglich, so daß man, angenommen, man läßt sich noch vor dem Endspiel scheiden, das man eigentlich mit seiner Frau besuchen wollte, ganz schnell die Scheidungsurkunde einreichen muß und dann jemand anderen mitnehmen kann. (…) Trotz des auch insgesamt astreinen Verfahrens hat sich vergangene Woche der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung mit der Bemerkung vernehmen lassen, daß er die Angabe der Personalausweisnummer beim Kartenkauf, ohne die definitiv gar nichts läuft, für „problematisch“ hält. Wie könnte man so einen Spielverderber mundtot machen? Gebt ihm zwei Karten, am besten fürs Endspiel in der Hauptstadt! Aus dem Berliner Kontingent wird ja sicherlich noch die eine oder andere Karte frei werden.“
Ascheplatz
Pandämonium
Dämonen in Dortmund – Freddie Röckenhaus (SZ 31.1.) rauft sich die Haare: „Im BVB-Hintergrund wurde eine weitere Aktien-Transaktion abgewickelt. Unter anderem wird der Beate-Uhse-Großaktionär Richard Orthmann, gegen den die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen Betrugs und Untreue ermitteln soll, als Neuaktionär gehandelt. Mit dem umstrittenen Finanzjongleur Florian Homm und dem türkischen Waffenhändler Saran sammelt sich im Aktionärskreis der börsennotierten Borussia allmählich ein Pandämonium.“
Montag, 31. Januar 2005
Ball und Buchstabe
Der Mensch ist geldgierig und rachsüchtig
Auf Seite 1 meldet Hans Leyendecker (SZ 31.1.) das Neueste: „Drei verhaftete Zocker, drei Schiedsrichter und acht Fußballspieler aus drei Vereinen der Zweiten Bundesliga und der Regionalliga sind möglicherweise in den Wettskandal verwickelt. Es soll sich unter anderem um Spieler der Vereine SC Chemnitz und Dynamo Dresden handeln. Über den Namen des dritten Vereins, der involviert sein soll, gibt es unterschiedliche Angaben. Nach den Ermittlungen der Berliner Staatsanwaltschaft existiert bislang kein Hinweis, dass Spieler eines Erstligaclubs in den Fall verstrickt sind. Gerüchte, dass angeblich drei Spieler von Hertha BSC in die Affäre verwickelt sein sollen, haben sich nach Informationen der SZ nicht bestätigt. Die Ermittlungen in dem Fall sind noch in einem frühen Stadium – das Ergebnis ist offen.“
Das Beziehungsgeflecht der Hauptpersonen des Fußballs dürfte mit anderen Augen gesehen werden
Michael Horeni (FAZ/Leitartikel 31.1.) fordert Konsequenzen im Handeln und Denken: “Vor allem benötigt der deutsche Fußball nach diesem mafiösen Skandal einen Verhaltenskodex. Das muß nicht auf Druck des Gesetzgebers geschehen wie in der Wirtschaft, wo unter dem Stichwort „Corporate Governance“ schon seit Jahren nach verbindlichen Leitlinien für Unternehmensführung und Transparenz gesucht wird. Schon eine freiwillige Vereinbarung über seine Grundsätze würde dem Profifußball guttun, der sich noch immer irgendwie als große Familie versteht, in der Beziehungen miteinander verwoben sind. Nach dem Fall Hoyzer dürfte das Beziehungsgeflecht auch der Hauptpersonen des Fußballs mit anderen Augen gesehen werden. So ist Franz Beckenbauer, die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, zugleich Chef des Organisationskomitees, Werbefigur von offiziellen WM-Sponsoren und Präsident des FC Bayern München. Zudem tritt er als Kommentator bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sowie bei der größten Boulevardzeitung Deutschlands auf. Mögliche Interessenkonflikte sind da gar nicht zu übersehen.“
Nur bedingt geeignet als Lokomotive für die Selbstdarstellung eines ganzen, großen Landes
„Manchem Politiker mag jetzt dämmern, daß es gar nicht so einfach ist, mit Hilfe des Fußballs die nächste Bundestagswahl zu gewinnen“, schreibt Roland Zorn (FAS/Politik 30.1.): „Den Fußball in den Dienst der Werbung zu stellen ist wegen der vielen unangenehmen Trittbrettfahrer und üblen Abzocker jedoch immer riskant. So ist der Versuch wenig hilfreich, ein prall-optimistisches Deutschland-Bild zu malen, das sich mit der Metaphorik des Fußballs schmückt. Das Land braucht für den ersehnten Aufschwung nicht noch mehr Fußball mit noch mehr Werbebotschaften – für die dann vielleicht auch noch die Kicker-Ikone Franz Beckenbauer die Parolen lieferte. Ein Stück mehr beiläufige Selbstgewißheit und eine Spur mehr kampagnenfreie Souveränität täten dem Standort der WM 2006 nur gut. Zum „FC Deutschland 06”, diesem eingetragenen Verein der Berliner Aufschwungartisten und Fußballgläubigen, paßt ein Bundestrainer wie Jürgen Klinsmann, dessen erklärter Vorsatz es ist, Deutschland im kommenden Jahr zum Weltmeistertitel zu führen. Ein frommer Wunsch ist das, ein famoses Projekt, dabei ist die Wirklichkeit des heimischen Fußballs doch so grau und schmuddlig wie das Januarwetter. Der Fußball, das hat sich jetzt abermals gezeigt, ist ein Tagesgeschäft – und deshalb nur bedingt geeignet als Lokomotive für die Selbstdarstellung eines ganzen, großen Landes.“
Hoyzer durfte unter den Augen des Verbandes sein Werk fortsetzen
Thomas Kistner (SZ 31.1.) erneuert seine Kritik am DFB: „Dass der DFB damals den Kripo-Ermittlungen nicht vorgreifen wollte, versteht sich ja von selbst, enthebt den Verband aber nicht der Verpflichtung, seiner Fürsorgepflicht nachzukommen und im Fall Hoyzer selbst zu recherchieren. Die Arbeit aber hat offenbar nur in den Akten stattgefunden, Hoyzer wurde nie ordentlich verhört. (…) Warum wurde Chefermittler Hilpert nicht angesichts der neuerlichen Manipulationsverdächtigung im Fall Aue/Oberhausen im Dezember dauerhaft tätig, warum wurde die Öffentlichkeit nicht über offenkundige Wettmafia-Zusammenhänge informiert? Dass DFB-Chefjustitiar Eilers die hier bis gestern nicht erkennen mochte, wirkt abstrus. Der HSV könnte im DFB-Pokal sein, das von Hoyzer zugegebenermaßen verpfiffene Spiel Ahlen/Burghausen im Oktober hätte verhindert werden können, wenn der DFB eingegriffen hätte. Stattdessen durfte Hoyzer unter den Augen des Verbandes sein Werk fortsetzen – das alles sollte eigentlich nicht ohne Konsequenz bleiben.“
Hintergrund – SZ: „Der Verdacht verdichtet sich, dass der DFB in der Affäre selbst seinen heiligsten Vorsatz, Manipulationsverdächtigungen im Spielbetrieb beim „kleinsten Anschein“ (Schiedsrichter-Obmann Volker Roth) nachzugehen, nicht allzu Ernst genommen hat. Häppchenweise kommt ans Licht, dass der DFB strikt defensiv zu Werke gegangen war.“
Pfiff Hoyzer, sanken die Quoten
Recherche – im Spiegel (31.1.) lesen wir vom „größten Skandal, der den deutschen Fußball jemals erschüttert hat – ein Skandal, der eine noch dramatischere Dimension angenommen hat als die legendäre Affäre um die verschobenen Bundesligaspiele am Ende der Saison 1971. (…) seit dem Geständnis des gelernten Zimmermanns Robert Hoyzer weiß die Nation, dass sie auch auf dem Felde des Schiedsrichterwesens, wie es HSV-Boss Bernd Hoffmann formuliert hat, zur „Bananenrepublik“ verkommen ist. Das Urvertrauen in die Referees ist zerstört. Ein größeres Imagedesaster für die Fußballbranche hierzulande, die sich gerade anschickte, in kollektiver Glückseligkeit der WM 2006 entgegenzuschunkeln, ist nicht vorstellbar. Selbst hart gesottene Krisenmanager wie Gerhard Mayer-Vorfelder waren „sehr erschüttert“. (…) St. Paulis Kicker erinnern sich noch gut an den 5. Juni. Das Spiel hat gerade begonnen, da herrscht Hoyzer nach einem harmlosen Foul den Mittelfeldspieler Robert Palikuca an: „Wenn ich ein Wort in meine Richtung höre, kriegen Sie die rote Karte.“ Der Hamburger entgegnet: „Das Spiel hat kaum angefangen. Und Sie drohen mir schon?“ Darauf Hoyzer: „Das waren schon zwei Sätze zu viel.“ Bis zur Schlussminute, berichtet Palikuca, „versuchte Hoyzer, unsere Angriffe im Keim zu ersticken“. In der Kabine wütet der Kollege Rico Hanke, „das war doch gekauft, das Spiel!“ Er meint es natürlich nicht wörtlich, keiner kann sich vorstellen, dass dies die Wahrheit ist. Der Gewinn für Ante S. war gigantisch: Er multiplizierte sich auf weit über 200 000 Euro. „Wir mussten richtig bluten“, sagt ein Quotenmacher des Wettanbieters, „von diesem Spiel an haben wir die Karriere des Herrn Hoyzer ganz genau verfolgt.“ So gehörte es für die Buchmacher fortan zum Pflichtprogramm, vor Festlegung der Quoten die DFB-Homepage anzuklicken und die Schiedsrichteransetzungen in ihre Berechnungen mit einfließen zu lassen. Pfiff Hoyzer, sanken die Quoten.“
Sieg und Niederlage machen nur einen Teil des Reizes aus
Wird der Schaden so groß wie 1971? Jan Christian Müller (FR 31.1.) beschwichtigt: “Es ist vermutlich nicht besonders verwegen, ähnlich dramatische Auswirkungen des – noch längst nicht aufgeklärten – Manipulationsfalles Hoyzer als wenig wahrscheinlich einzuschätzen. Ab morgen werden im Internet Tickets für die WM 2006 verkauft, die Server sind aus gutem Grund auf millionenfachen, gleichzeitigen Zugriff auf die Bestellseiten eingestellt, auch nach Bekanntwerden der Korruption im deutschen Fußball. Die Schiedsrichter erhielten am Samstag in den Stadien hunderttausendfache Unterstützung. So weltfremd ihr nun hart erschütterter Glaube in das Gute unter Ihresgleichen gewesen sein mag – momentan überwiegt der Eindruck, ihr Image in der Öffentlichkeit habe nicht ernstlich Schaden genommen. Die persönliche Betroffenheit über mindestens ein Schwarzes Schaf in der Kollegenschaft ist ungleich größer als jene der Fans. Für die ist Fußball mehr denn je ein Event, das ohne die Verbissenheit früherer Jahre verfolgt wird, bei dem Sieg und Niederlage nur einen Teil des Reizes ausmachen. Zur gern und gierig konsumierten Unterhaltung gehört auch eine von den Medien dankbar mit Fakten, Gerüchten und Halbwahrheiten garnierte, in Millionenauflage verbreitete Kriminaldoku wie die des Robert Hoyzer, möglicher weiterer Kollegen und der obskuren Hintermänner aus der Wettmafia.“
Ab Mitternacht können sich Fans um WM-Karten bewerben – der Tagesspiegel beantwortet alle wichtigen Fragen
Wer so geschützt wird, dürfte gute Argumente brauchen
Michael Reinsch (FAZ 31.1.) befasst sich mit den Reaktionen der Fans in den Stadien: „Aufgeräumt blieb es in den Stadien. Emotionale Eruptionen oder gar massive Mißtrauensbekundungen von Zuschauern und Spielern unterblieben in den Spielen der Bundesliga. Freche Spruchbänder wie die Anspielung auf das Monopoly-Spiel – „Gehe ins Gefängnis, gehe nicht über Los, ziehe kein Geld ein!“ – lassen sich als einfallsreicher Beitrag zum Wettbewerb der Fans untereinander verstehen. Besser als die Rufe „Schwarze Sau!“ oder „Schieber“ sind sie allemal. Doch die Liga und ihre Schiedsrichter können noch nicht endgültig aufatmen. Am Sonntag wechselte der DFB vor der Partie Bremen – Rostock Schiedsrichter Jürgen Jansen aus, angeblich zu seinem eigenen Schutz. Wer so geschützt wird, dürfte gute Argumente brauchen, um wieder zurück ins Spiel zu kommen. Vorerst ist Jansen in aller Öffentlichkeit in Zusammenhang mit dem Skandal gebracht worden.“
Ohne die Schiedsrichter herrscht Chaos, die ganze Welt des Fußballs würde sich auflösen
Philipp Selldorf (SZ/Meinungsseite 31.1.) erklärt das Ausmaß der Aufregung: „Die derzeit grassierende Aufregung erklärt sich nicht nur dadurch, dass stets eine gewisse Hysterie herrscht, wenn der Fußball außerhalb des Spielfeldes Schlagzeilen macht. Logik und Realismus machen dann partiell Pause. Doch der Fall Hoyzer hat eine andere Qualität, denn er rüttelt an der wichtigsten Instanz des Betriebs, ja er stellt den Glauben in die Unbestechlichkeit der Rechtssprechung in Frage. Wenn das Vertrauen in die Schiedsrichter verloren geht, dann stehen alle zentralen Werte des Spiels zur Disposition: die Fairness, die Würde, das Ritual an sich. Ohne die Schiedsrichter herrschte Chaos, die ganze Welt des Fußballs würde sich auflösen. Mit dieser Gefahr ist Deutschlands liebster Volkssport noch nie konfrontiert worden.“
Der Mensch ist geldgierig und rachsüchtig
Wolfgang Schaupensteiner, Leiter der Anti-Korruptions-Abteilung der Frankfurter Staatsanwaltschaft, im Interview mit Michael Ashelm (FAS 30.1.)
FAS: Sie kennen die dunkle Seite der menschlichen Natur. Den deutschen Fußball belastet gerade ein Skandal. Überraschen Sie die immer neuen Vermutungen in diesem Milliardenspiel?
WS: Nein. Ich sage immer leicht überspitzt: Der Mensch ist geldgierig und rachsüchtig. Wo investiert wird, wird geschmiert. Wo viel investiert wird, wird viel geschmiert.
FAS: Also ist das Fußballgeschäft prädestiniert für den großen Schwindel?
WS: Es handelt sich um einen ganz banalen Grundsatz, dennoch ist er noch nicht bei allen angekommen. Wo es um viel Geld geht, ist Korruption nicht fern. (…)
FAS: Ist es nicht naiv, daß die deutschen Fußballfunktionäre völlig überrascht auf den Fall reagieren, obwohl ringsherum in der Welt des Fußballs immer wieder ähnliche Manipulationen auftauchen?
WS: Das erinnert mich an 1987, als in Frankfurt die erste Korruptionsaffäre in der Stadtverwaltung losgetreten wurde. Jeder hat gesagt, das kann nicht wahr sein, deutsche Beamte sind nicht korrupt. Vielleicht in Sizilien, aber doch nicht bei uns. Wenn man weiß, daß ein Fußballfeld in Rumänien oder Tschechien so aussieht wie bei uns, dann ist es völlig daneben, chauvinistisch zu behaupten, wir sind die besseren Menschen. Man muß die Sensibilität und die Selbstkritik aufbringen, zu sagen, wir sind auch nur Menschen, unsere Schiedsrichter, Spieler und Vereine. Warum soll nicht auch in Deutschland manipuliert werden?
FAS: Wie könnten Korruption und Manipulation im Fußball bekämpft werden, wenn Sie das vergleichen mit der Wirtschaft oder Politik?
WS: Bloße Appelle, gerade wenn sie sich nur an die Moral richten, helfen nicht.
Warum sollten Schiedsrichter nicht so bezahlt werden wie Spieler?
Die Sportökonomen Helmut Dietl & Egon Frank im Gespräch mit Armin Lehmann (Tsp 31.1.) über die jetzige Aufgabe des DFB
Tsp: Die Bundesliga wird von einem Manipulationsskandal erschüttert. Kann der Verband den entstandenen Imageschaden begrenzen?
HD: Das gelingt nur, wenn der Verband seine Integrität nicht verliert. Wenn doch, verliert er auch seine Wirtschaftskraft. Das Produkt Meisterschaft zerfällt vollständig ohne die Integritätsbedingung. Der Sport muss dieses Problem als Teil seines Geschäfts selbst lösen und dafür die entsprechenden Strukturen und Regeln schaffen. Agieren heißt jetzt auch sanktionieren.
Tsp: Das heißt, die strafrechtlich relevanten Dinge können außerhalb des Sports geklärt werden, aber das reicht nicht aus, um dem Sport Integrität zurückzugeben.
EF: So ist es. Und deshalb ist der Versuch des DFB nicht verkehrt, selbst Aufklärung zu betreiben. Bleibt nur die Frage, ob das glaubhaft geschieht.
Tsp: Was wäre denn eine Lösung?
HD: Ich finde Profi-Schiedsrichter wären durchaus ein Ansatz.
EF: Das finde ich auch. Aus meiner Sicht gilt das Argument nicht, dass ein Schiedsrichter nur bis zu einem bestimmten Alter Geld verdienen kann und keinen anderen Beruf mehr hätte, der ihn bis zur Rente ernährt. Warum sollten Schiedsrichter nicht so bezahlt werden wie Spieler? Sie garantieren ja schließlich auch, dass das Spiel in der Regel sauber funktioniert.
HD: Schiedsrichter als prominente Stars, das ist doch eine nette Vorstellung.
Tsp: Es gibt ja schon Schiedsrichter-Stars, wie den Italiener Collina.
EF: Als Kultfigur gibt es einige, die verdienen auch gutes Geld, aber es ist nicht die Regel. Warum sollten Schiedsrichter nicht auch in finanzieller Hinsicht Stars werden?
Tsp: Weil der Anreiz zu manipulieren nicht geringer wäre.
HD: Das sehe ich anders. Auch hier steht die Integrität im Vordergrund. Ein Halbprofi kann sich schneller zurückziehen in seinen eigentlichen Job, der Anreiz zu manipulieren ist womöglich höher. Ein Profi muss garantieren, dass er in seinem Beruf nicht angezweifelt wird, ohne Ansehen kein Verdienst.
Eine Branche mit Figuren, die genauso verkommen sind wie jene in der Politik
Holger Gertz (SZ/Seite 3, 31.1.) war auf der Pressekonferenz von Dieter Hoeneß: „So eine Pressekonferenz mit einem Fußballmanager hat längst den Charakter eines großen Staatsereignisses. Die Blitzlichter, die surrenden Kameras, die wichtigen Gesichter. Wenn Christoph Daum sich zu seiner Kokservergangenheit äußert, hat das etwas vom Schuldeingeständnis eines gescheiterten Ministers. Wenn Rudi Völler seinen Rücktritt erklärt, ist er dem Bundeskanzler sehr nah. Die Bedeutung, die eine Fußballpressekonferenz hat, speist sich nicht allein aus dem Ego der Fußballer – sondern vor allem aus der Wichtigkeit, die dem Fußball draußen in der Gesellschaft zugewachsen ist. Die WM 2006 soll weniger ein Sportereignis sein, sondern in erster Linie ein Schwungrad für die Wirtschaft, ein Beleg deutscher Leistungsfähigkeit. Wenn es dem Fußball schlecht geht, geht es dem Land schlecht – solche Parallelen werden gern beschrieben und sind sogar ernst gemeint. Und wenn es eine Erkenntnis aus all den Ereignissen um den bestochenen Schiedsrichter gibt, dann wohl die, dass der Fußball eine Branche ist mit Figuren, die genauso verkommen sind wie jene in der Politik und im ganzen Leben.“
Ascheplatz
Borussia Dortmund
Borussia Dortmund – der Spiegel (31.1.) meldet: „Auf der Aktionärsebene brodelt es munter weiter. Zuerst schnappte sich der türkische Industrielle und Rüstungslobbyist Sadettin Saran fünf Prozent an den Gelb-Schwarzen und stockte seinen Anteil kurz darauf auf zehn Prozent auf. Dann rührte Homm vergangene Woche selbst die Spekulationstrommel, indem er den Einstieg eines neuen Großinvestors ankündigte, der mindestens weitere fünf Prozent der BVB-Aktien übernehmen wolle. Namen wollte er freilich nicht nennen.Offenbar handelt es sich dabei um Richard Orthmann, Großaktionär der Beate Uhse AG.“
Pandämonium
Dämonen in Dortmund – Freddie Röckenhaus (SZ 31.1.) rauft sich die Haare: „Im BVB-Hintergrund wurde eine weitere Aktien-Transaktion abgewickelt. Unter anderem wird der Beate-Uhse-Großaktionär Richard Orthmann, gegen den die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen Betrugs und Untreue ermitteln soll, als Neuaktionär gehandelt. Mit dem umstrittenen Finanzjongleur Florian Homm und dem türkischen Waffenhändler Saran sammelt sich im Aktionärskreis der börsennotierten Borussia allmählich ein Pandämonium.“
Samstag, 29. Januar 2005
Ball und Buchstabe
Der Fall Hoyzer ist der eine Skandal, der andere, wie er in Frankfurt ignoriert wurde
Klaus Hoeltznebein (SZ 29.1.) kritisiert den DFB, insbesondere Kontrollausschuss-Chef Horst Hilpert: „Der Vorsitzende des Kontrollausschusses, also der DFB-Sittenpolizei war ein Vertuscher, Verdränger, oder bestenfalls heillos überfordert. Hilpert, dessen Rücktritt wohl erfolgen muss, war jener Mann, auf den es angekommen wäre, als die Affäre zwar nicht mehr zu verhindern, aber noch einzudämmen war. Die Hinweise der staatlichen Sportwette Oddset auf den Manipulationsverdacht gegen Robert Hoyzer hätten schon im Sommer ein DFB-Ermittlungsverfahren – wohl mit der Folge einer Anzeige – gegen den Schiedsrichter zwingend notwendig gemacht. Es ist nicht bekannt, dass Hoyzer damals von einer DFB-Instanz vernommen wurde, dabei waren mindestens zwei manipulierte Resultate schon aktenkundig. Allerspätestens aber, als im Dezember öffentlich diskutiert wurde, dass das Zweitligaspiel Aue-Oberhausen über den Wettmarkt verschoben worden sein könnte, hätte der Kontrollausschuss seine Zuständigkeit, wenigstens ein Interesse signalisieren müssen. Da war nichts, da ist nichts, entschied Hilpert – im Handstreich lag der Vorgang unterm Tisch. Dort liegt er noch – und damit mitten im Herzen des DFB. Wen hatte Hilpert eingeweiht, wem hat er die Oddset-Papiere vorgelegt? Und: Was wusste das Präsidium? Der Fall Hoyzer ist der eine Skandal, der andere, wie er in Frankfurt ignoriert wurde.“
Hilpert dürfte kaum noch zu halten sein
Klaus Ott (SZ 29.1.) schreibt dazu: „Vor einer Woche noch tat der DFB so, als sei er am 19. Januar von den Manipulations-Vorwürfen gegen Hoyzer regelrecht überrumpelt worden. Man habe sofort reagiert, verkündeten die Verbands-Oberen. Nun stellt sich heraus, dass der DFB viel früher und konkreter vor dem Berliner Schiedsrichter namentlich gewarnt worden war als bislang bekannt. Bereits im August 2004 lagen ernsthafte Hinweise vor. Doch der DFB und sein Kontrollausschuss, der Verstöße aufklären soll, entschieden sich fürs Nichtstun. Verband und Ausschuss-Chef Hilpert geraten in Erklärungsnot. Hilpert dürfte kaum noch zu halten sein.“
Roland Zorn (FAZ 29.1.) hingegen vertraut Hilpert: „Der Jurist aus Bexbach wird sich auch bei seiner bisher schwersten Aufgabe nicht dazu hinreißen lassen, laut und ungeduldig zu werden. Niemand jedoch, der demnächst mit ihm zu tun bekommen wird, möge sich in dem gemütlich wirkenden älteren Herrn täuschen: Hilpert tritt zwar nicht abschreckend auf, argumentiert aber messerscharf und folgt bei der Suche nach dem von ihm für richtig gehaltenen Strafmaß meistens einer bezwingenden Logik. Wo Hilpert spricht, manchmal auch saarländisch nuschelt, ist Kompetenz, verpackt in eine liebenswerte Form.“
Günstlingssystem
Sehr lesenswert! Manfred Haupt, Ex-Schiedsrichter und Aussteiger, im Interview mit Thomas Kistner (SZ 29.1.) über das deutsche Schiedsrichtersystem
SZ: Sie haben im März 2001 von heute auf morgen als Zweitliga-Schiedsrichter und Bundesliga-Assistent aufgehört. Aus Frustration?
MH: Ja, das kann man so sagen.
SZ: Lässt sich der Frust beschreiben?
MH: Ich habe erkannt, dass ich in dem System, das es dort gab, nicht vorankommen konnte allein mit Ehrgeiz. Ich hatte immer den Eindruck, letztlich ist nicht die Leistung entscheidend, sondern wo du geboren worden bist.
SZ: Was bedeutet: Wo du geboren bist?
MH: Die Schiedsrichterzusammensetzung bis in die neunziger Jahre hinein war in der Republik ausgewogener, sogar in der Zeit, als die neuen Bundesländer dazukamen. Dann haben sich zwei Pole entwickelt, der Norden und der Süden. Manchmal arbeiten die auch zusammen, und die anderen sind benachteiligt.
SZ: Nach der Vereinigung haben die sich gebildet?
MH: Ja, das kristallisierte sich Anfang der 90er Jahre heraus. Als ich das begriffen hatte, habe ich entschieden: Feierabend. Konkreter Anlass war dann, als ich das Spiel Greuther Fürth gegen St. Pauli pfiff. Schiedsrichter werden ja beurteilt – und da kam ein Beobachter in die Kabine und gab so viel Mist von sich, dass ich den Eindruck hatte, der durfte oder wollte gar nicht mehr an Bewertungspunkten geben, als er mir gab.
SZ: Was heißt denn das, er durfte nicht? Das wäre Manipulation.
MH: Auf jeden Fall wäre dies ein Riesenproblem. In meiner Laufbahn hatte ich zuvor nie den Eindruck, dass bewusst manipuliert werden soll. Für die Zeit nach 2001 kann ich keine Angaben machen. Je mehr Distanz man gewinnt, umso klarer wird, dass das Auf- und Abstiegssystem nicht durchlässig, nicht transparent und meiner Meinung nach willkürlich gemacht wird. Wahre Leistung oder wahre Schwäche kommen nicht richtig in die Bewertung. Ich kann das jetzt aus der Distanz einordnen.
SZ: Es herrscht Willkür?
MH: Genau. Durch die ständigen Bewertungen baut man ein Ranking auf. Diese Schiedsrichterlisten zieht man zu Rate, wenn sie gegen einen verwendet werden sollen – oder für einen. Auch da ist nichts transparent. Sehen Sie, dieser ganze Beobachterkram, ich frage mich im Zusammenhang mit dem Hoyzer-Skandal, warum man das macht. Und die Spielleitungen von Herrn Hoyzer nicht viel strenger hinterfragt hat.
SZ: Sie würden also sagen, dass es ein Günstlingssystem ist?
MH: Auf jeden Fall! Definitiv! Das wäre auch ein guter Begriff. (…)
SZ: Wie ist denn dann das Anforderungsprofil an den Schiedsrichter?
MH: Er muss eine gewisse Intelligenz haben, eine hohe sportliche Ausstrahlung und telegen sein. Korpsgeist muss er auch haben. Ich schildere mal, wie ich das als Außenstehender vom Regionalverband Süd kenne, der von Manfred Amerell geführt wird. Amerell hält gern „Hof“, bei Lehrgängen und Zusammenkünften muss sich alles um ihn scharen. Da gibt es keine Transparenz, auch wird mit Außenstehenden keine größere Kommunikation gepflegt. Ein für mich in einer modernen Gesellschaft gefährlicher Ansatz. Die sind verschwiegen. Wenn man mit denen ins Gespräch kommen will geht das bis zu einer bestimmten Wetterlage, aber dann ist auch Schluss. Alles was man gemeinhin Insiderwissen nennt – wie jetzt beispielsweise das Schiedsrichterwesen im Süden organisiert ist – will man da Informationen haben, kriegt man keine.
SZ: Konkurrieren die Verbände regelrecht untereinander?
MH: Ja.
SZ: Mit welchem Ziel?
MH: Andere auszubremsen und die eigenen Leute voranzutreiben.
Psychologisches Untertanentum
Birgit Schönau (SZ 29.1.) vergleicht die deutsche Haltung zum Schiedsrichter mit der italienischen: „Einer der fundamentalen Unterschiede zwischen Deutschen und Italienern ist ihr Verhältnis zum Schiedsrichter. Der Schiedsrichter war, von harmlosen Frotzeleien der Fankurven mal abgesehen, vor dem Fall Hoyzer in Deutschland eine Art höhere Instanz wie der Bischof oder die Tagesschau. Man weiß zwar prinzipiell, dass er zu menschlichem Versagen fähig ist, aber er ist doch in erster Linie Amtsperson. Das empfinden die Italiener haargenauso – und deshalb misstrauen sie ihren Schiedsrichtern auch so sehr. Der „arbitro“ ist nichts anderes als der verlängerte Arm von Staat und Gesetz auf dem Fußballplatz, und als Italiener weiß man, dass man den Autoritäten besonders auf die Finger zu schauen hat. Nach jedem Spieltag werden Gelbe Karten, Rote Karten, Eckbälle und Abseitstore akribisch vom Volk unter die Lupe genommen, über Stunden im Fernsehen in Zeitlupe gezeigt und vor laufender Kamera diskutiert. Die Debatte geht dann am Montag in der Kaffeebar weiter, und manchmal landet sie auch im Parlament, wo einmal ein nicht gegebener Foulelfmeter im Spiel Juventus-Inter Mailand zentrales Thema einer Fragestunde war und zu tumultartigen Szenen führte. In der Toskana hat sich bereits ein Amtsrichter mit der Frage beschäftigt, ob Italiens Schiedsrichter an psychologischem Untertanentum gegenüber dem Rekordmeister Juventus leiden und getrieben von ihrem Unbewussten dauernd in dubbio pro Juve pfeifen. Das Urteil lautete : ja.“
Feuchtfröhlich geht es nur noch bei den Schiedsrichter-Senioren über 50 zu
„Welche Eigenschaften sind noch typisch für Referees?“, fragt Peter Heß (FAZ 29.1.): „wird von den Auserwählten Teamfähigkeit, Ernsthaftigkeit und ein auch ansonsten integrer Charakter erwartet. Diven oder Frohnaturen würden irgendwann aus dem Fahrstuhl nach oben geschubst. So ist es kein Wunder, daß die Schiedsrichter in Deutschland ein recht einheitliches Bild abgeben. Unauffällig, konservativ, angepaßt, mit hohem Gerechtigkeitsempfinden und ein wenig eitel. Fast alle mögen rein-schwarze Fußballschuhe, selbst rote Fersenlaschen sind bei den meisten verpönt, fast alle tragen spezielle Schiedsrichterunterwäsche in schwarz, damit nichts Buntes hervorlugen kann. Aus dem selben Grund sind Stutzen out und Strümpfe in, damit kein Stücken weiß der Socke das Gesamtbild stört. Die Zeiten bunter Vögel, mit dem Drang zum Feiern und zur Selbstdarstellung wie Walter Eschweiler und Wolf-Dieter Ahlenfelder gehören der Vergangenheit an: Obmann Müller bestätigt: „Feuchtfröhlich geht es nur noch bei den Schiedsrichter-Senioren über 50 zu.““
Zurück zu den dicken Schnapstrinkern!
Das Streiflicht (SZ 29.1.) fordert: „Es gibt keinen Grund, die Pfeife ins Korn zu werfen. Deutschland hat Schiedsrichter hervorgebracht, die ihresgleichen suchen. Walter Eschweiler zum Beispiel, die „schwarze Diva“: Bei der WM 1982 hat er auf dem Spielfeld eine Rolle rückwärts geschlagen und damit die elende Partie Italien gegen Peru unvergesslich gemacht. Oder der rundliche Wolf-Dieter Ahlenfelder, der herumfuchtelte, als würde er ein Kurorchester dirigieren. Einmal hat er ein Spiel nach 29 Minuten abgepfiffen und hinterher geltend gemacht, er habe zu Mittag ein Bier und einen Schnaps getrunken. Zum „Frauenschwarm“, so wie der schmucke Herr Hoyzer, hätte er kaum getaugt. Offenbar sind gelfrisierte Popstar-Darsteller nicht die Richtigen für den Job. Zurück zu den dicken Schnapstrinkern!“
SZ: „Ein Netzwerk des Betruges – Mit Durchsuchungen von vier Objekten in Berlin und der vorläufigen Festnahme zweier Männer hat der Skandal um den Fußball-Schiedsrichter Robert Hoyzer einen neuen Höhepunkt erreicht. Zuvor hatte Hoyzer vor der Staatsanwaltschaft angegeben, dass weitere Schiedsrichter und auch Spieler in den Betrug verwickelt seien.“
Tsp: „Wie Robert Hoyzer in den kriminellen Sumpf geraten sein könnte – der Versuch einer Rekonstruktion“
Gefälschte Ereignisse kontaminieren die gesamte Ereigniskette
Lothar Müller (SZ/Feuilleton 29.1.) befasst sich mit Entschädigung: „Nicht nur bei den Vereinen, die sich von Hoyzer „verpfiffen“ glauben, kommt die Sehnsucht nach Wiederholungsspielen auf, die das verschaukelte durch ein reguläres Spiel ersetzen sollen. Aber der Begriff „Wiederholungsspiel“ ist ein Euphemismus, ein Wundpflaster, das über die Unheilbarkeit des von Hoyzer angerichteten Übels hinwegtrösten soll. Er hat Lücken in der Kette regulärer Spiele erzeugt, die sich nicht rückwirkend schließen lassen. Man kann ein Fußballspiel nicht wiederholen, man kann es nur neu ansetzen. Jedes neu angesetzte Spiel aber verbreitert, während es die Regelkonformität wiederherstellt, zugleich den Riss, der im Ereignissystem Fußball entstanden ist. Denn auch Fußballmannschaften können nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Und jeder Leistungsträger, der sich im Wiederholungsspiel verletzt und dauerhaft ausfällt, verlängert die Effekte des Betrugs in die Zukunft. Gefälschte Ereignisse kontaminieren die gesamte Ereigniskette.“
Freitag, 28. Januar 2005
Interview
Wir versuchen, unsere Probleme selbst zu lösen, wir erleben die schwierigste Zeit unserer Vereinsgeschichte
Reinhard Rauball mit Felix Meininghaus (Tsp 28.1.)
Tsp: Bayern München und Schalke 04 haben Ihrem angeschlagenen Verein Hilfe angeboten. Wieso haben Sie abgelehnt?
RR: Die Hilfsangebote sind uns nicht persönlich, sondern über die Medien gemacht worden. Wir haben uns mit den Bayern ausgetauscht und dabei erfahren, dass dieses Angebot absolut unkonkret war. Warum von Bettelei die Rede war, erschließt sich mir nicht. Mittlerweile hat sich das Thema erledigt. Wir versuchen, unsere Probleme selbst zu lösen.
Tsp: Die Dortmunder Fans empfanden solche Hilfsangebote als Demütigung.
RR: Zu Recht. Das verletzt den Stolz. Deshalb habe ich auch klargestellt, dass es kein Betteln um Hilfe gegeben hat und auch in Zukunft nicht geben wird. Wir dürfen den Stolz unserer Fans nicht verletzen.
Tsp: Können Sie sich Stolz bei 98 Millionen Euro Schulden noch leisten? Für Borussia Dortmund geht es nicht nur darum, den Abstieg zu vermeiden, sondern auch darum, überhaupt die Lizenz für die Bundesliga zu erhalten.
RR: Die Lizenzerteilung muss die Geschäftsführung der KGaA bis zum 15. März vorbereiten. Unser Restrukturierungsprogramm ist vorgestellt worden, und wenn diese Punkte alle abgearbeitet werden, bekommen wir auch die Lizenz.
Tsp: Vor Wochen haben Sie noch gesagt, die Lage sei ernster als vermutet.
RR: Ich stehe zu meiner Einschätzung. Wir erleben die schwierigste Zeit unserer Vereinsgeschichte, stehen vor der wichtigsten Rückrunde überhaupt und müssen froh sein über jedes Erfolgserlebnis, das wir uns Schritt für Schritt erarbeiten können. Auch wenn das nach Rückschritt ausschauen mag, bleibt es der einzig gangbare Weg.
Tsp: Hatte Ihr Vorgänger Gerd Niebaum das Maß für das Machbare verloren?
RR: Nach meiner Überzeugung sind die dritte Stufe des Ausbaus des Westfalenstadions und der Transfer von Marcio Amoroso Knackpunkte, die wesentlich zur momentanen Situation beigetragen haben. Ein Rückkauf des Stadions oder ein ähnliches Modell wäre ein wesentlicher Schritt, das Thema Amoroso ist nicht mehr zu ändern.