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Deutsche Elf

Das offizielle Bild vom Zusammenhalt war Propaganda

Oliver Fritsch | Dienstag, 1. Juli 2008 Kommentare deaktiviert für Das offizielle Bild vom Zusammenhalt war Propaganda

Thema heute in den zwei großen Zeitungen: eine wohl fast handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Michael Ballack und Oliver Bierhoff nach dem Finale. Offenbar hat sich der, verständlicherweise, enttäuschte Ballack geweigert, sich mit einem Transparent bei den Fans zu bedanken, wie vom Manager geheißen. Außerdem: über den Irrtum Joachim Löws zu glauben, aus seit langem formschwachen Spielern starke Turnierspieler machen zu können, gebannte und gespannte Blicke in die Zukunft der DFB-Elf und die Marketingveranstaltung gestern am Brandenburger Tor

Michael Horeni (FAZ) mutmaßt über größere Differenzen zwischen Kapitän und Teamleitung: „Selten gab es in einem Finale einen deutlicheren 1:0-Sieg. Spielerische Klasse, technische Brillanz und körperliche Präsenz der Spanier waren viel zu viel für ein deutsches Team, um über den Ausgang eines einseitigen Endspiels klagen zu können. Aber trotz der eigenen Harmlosigkeit kochte nach der Partie plötzlich auf einmal etwas hoch im deutschen Spielführer. Während die Spanier mit dem Pokal vom Stadion Besitz nahmen, geriet Ballack plötzlich mit Oliver Bierhoff im Strafraum aneinander. Der Kapitän gestikulierte, brüllte und reckte den Arm zornig in Richtung des Managers. Er war so aufgebracht, dass Kevin Kuranyi und Hansi Flick dazwischen gehen mussten. Was war da nur passiert beim Kapitän einer Mannschaft, deren Teamgeist wie ein Mantra beschworen, deren Zusammenhalt bei jeder Gelegenheit betont und ihre besondere Einstellung stets gelobt wurde? Ein solch offensichtlicher Streit nur wegen der Bitte, sich von den Fans zu verabschieden, was für die Spieler gerade nach einem verlorenen Finale eine Selbstverständlichkeit ist? Bekam da der Kapitän vielleicht nur seine Enttäuschung über eine weitere Endspiel-Niederlage nicht mehr unter Kontrolle oder kam da etwas zum Vorschein, was sich angestaut hatte zwischen dem aktuellen und ehemaligen Kapitän der Nationalmannschaft, die eine so unterschiedliche Sprache sprechen?“

Philipp Selldorf (SZ) enthüllt die leeren, schönen Worte: „So leichtgewichtig war der Vorfall nicht. Er stand stellvertretend für grundsätzliche Misshelligkeiten im DFB-Lager und für die Debatten, die während des Unternehmens EM hinter den verschlossenen Türen geführt wurden. Nach außen suggerierten Bierhoff und der Trainerstab perfekte Harmonie im deutschen Quartier, aber das sorgte nicht nur bei den Reportern hinter den blickdichten Zäunen und bewachten Toren für Zweifel. Auch im Inneren stieß die Wohlfühlpolitik mit inszenierter Klassenfahrtatmosphäre auf Befremden, und tatsächlich war das offizielle Bild vom wunderbaren Mannschaftszusammenhalt zu guten Teilen Propaganda. Ballack bekam bei der Aussprache nach dem Kroatien-Spiel Widerspruch zu hören, und darauf reagierte er heftig und unfreundlich. Nach seinem Verständnis sind solche Reibereien produktiv für ein Fußballteam, Bierhoff und Löw haben eine andere Auffassung. Ballack mag manchmal während dieses Turniers wie ein Tyrann gewirkt haben, doch das Problem bestand eher darin, dass er in dieser braven Mannschaft zu groß war. Was man ihm früher immer vorgeworfen hatte – dass er nicht zum Anführen der Mannschaft fähig sei –, das kehrte sich nun ins Gegenteil.“

Da kuckt man Stunden Nachberichte. Warum eigentlich, wenn man so etwas offenkundig Wesentliches aus der Zeitung erfahren muss? Fußball in ARD und ZDF – geglättete Ware.

Große Spieler zeigen sich in großen Spielen

Klaus Bellstedt (stern.de) hätte den angeschlagenen Ballack im Finale ausgewechselt: „Das Scheitern Ballacks (verständlichem) Starrsinn, trotz seiner Verletzung unbedingt auflaufen zu wollen, festzumachen, wäre sicher nicht ganz gerecht. Aber als sich der Kapitän in der 36. Minute mit schmerzverzerrtem Gesicht an seiner Wade behandeln ließ, kamen doch leise Zweifel an Ballacks eigenem Verantwortungsbewusstsein gegenüber dieser, gegenüber seiner Mannschaft hoch. Vielleicht hätte auch der Bundestrainer sein bestes Pferd im Stall in dessen Eifer bremsen müssen. Wer weiß, was ein völlig gesunder und frischer Mann wie Tim Borowski auf seiner Position auszurichten im Stande gewesen wäre. Im Zweifel stach aber in diesem Fall Ballacks Wort das seines Trainers. (…) Große Spieler zeigen sich in großen Spielen. Xavi und Torres waren da, Ballack und Klose nicht.“

Deutschland war ein würdiger Finalist, aber mehr noch nicht

Christian Gödecke (Spiegel Online) schreibt: „Selten war ein 1:0 deutlicher als dieses. Es war ein 1:0-Schützenfest für die spanische Mannschaft. Und ein 0:1-Debakel für die deutsche. Die ersten 15 Minuten bestimmte sie dieses Finale. 15 Minuten, in denen die Spanier nur daneben zu stehen schienen und staunten. Es blieb bei diesen 15 Minuten Ruhm. Deutschland war ein würdiger Finalist. Aber mehr noch nicht.“

Noch glänzt nicht viel

Christian Eichler (FAZ) blickt halb skeptisch, halb hoffnungsvoll voraus: „Wohin entwickelt sich das deutsche Team? Es hat ein Rückgrat von Spielern, die erst 23 oder 24 sind und schon die Erfahrung von rund fünfzig Länderspielen und zwei großen Turnieren haben. Und doch haben sich Podolski, Schweinsteiger, Mertesacker, Lahm seit der WM 2006 nicht deutlich weiterentwickelt. Ihr Können blitzte bei der EM auf, dann wieder tauchte es unter. Ihnen fehlt die regelmäßige Übung des Tempos und der Intensität der Champions League. Erst wenn die deutschen Vereine Europas Top-Level wieder dauerhaft erreichen, kann sich auch die Nationalelf dem Niveau der Spanier annähern. Gebraucht wird auch neue personelle Dynamik. Der einzige Aufsteiger, der in die Stammelf zu drängen schien, Mario Gomez, spielte eine enttäuschende EM. Dazu deutete Ballack mit seiner Schwäche in Halbfinale und Finale und mit reizbarem Auftreten gegenüber Gegen- und Mitspielern an, dass sein persönlicher Karrierefrust als ‚ewiger Zweiter’ eine Belastung für den Teamgeist werden könnte. Störungen im Binnenklima aber kann sich Löws Team nicht leisten.“

Horeni (FAZ) nimmt Löw in die Pflicht: „Der Aufwärtstrend, der unter Klinsmann im Herbst 2004 begann, erreichte im Frühjahr 2007 unter seinem Nachfolger Löw den Höhepunkt mit dem hochklassigen Sieg in Tschechien. Danach konnte das Team immer seltener seinen Anspruch auf Dominanz durchsetzen. Bei der EM mussten der Bundestrainer und seine Spieler erkennen, dass es ein Irrglaube war, zu erwarten, Spiele schon allein aufgrund spielerischer und taktischer Klasse gewinnen zu können. Der Bundestrainer hat nach dem Finale Defizite eingeräumt. Er wisse, woran zu arbeiten sei. Nun bleiben ihm zwei Jahre, um die Mannschaft bis zur WM 2010 weiterzuentwickeln. Es ist einiges zu tun. Denn nicht nur für den Bundestrainer war nach der WM 2006 sicher, dass er es als Bundestrainer mit einer ‚goldenen Generation’ zu tun hat. Dass er sie wirklich zum Glänzen bringt, muss er trotz des zweiten Platzes bei der EM 2008 erst noch zeigen.“

Ansteckende Instabilität

Messerscharf erläutert Christof Kneer (SZ) am Detail (das Gegentor durch Torres) das ganze Problem der Deutschen: „Wer wissen will, warum die DFB-Elf so seltsam launenhaft auftrat bei diesem Turnier, der könnte bei Ansicht dieses Tores ein bisschen schlauer werden. Dieses Tor zeigt in konzentrierter Form die Grundproblematik: Es steckte von Anfang an ein Wackelkontakt im Spiel. Die Elf war auf ein, zwei, drei Schlüsselpositionen mit Wackelkandidaten besetzt, und es war eben nicht so, dass die Elf die Wackelkandidaten stabilisiert hätte. Es war eher umgekehrt. Die Wackelkandidaten haben die Kollegen ein, zwei entscheidende Male zum Wackeln gebracht. Beim Siegtor sieht man ja nicht nur, wie Lehmanns Herauseilen Lahm irritiert; man sieht auch, dass Lehmann sich zu früh kleinmacht und Lahm/Torres zu Füßen wirft; und vor allem sieht man in der Wiederholung, wie Metzelder nicht zum ersten Mal eine kleine, große Fehlentscheidung trifft. Er hat vor dem Pass eine halbe Drehung in die falsche Richtung gemacht und damit Torres die Flucht ermöglicht, und dann ist er hinterher getrabt, als wäre er gerade beim Auslaufen. Lehmann hat ein ordentliches Turnier und ein gutes Endspiel gespielt, aber beim entscheidenden Tor war er ebenso haftbar zu machen wie Metzelder, der zweite Kandidat, den Löw ohne Spielpraxis auf diese EM losließ. Tief verankert war ja im DFB-Stab der Glaube, sie könnten binnen drei Wochen Patienten in kraftstrotzende Stützen der Gesellschaft verwandeln, aber wer sich das Turnier in der Rückschau besieht, muss feststellen, dass dies ein Irrglaube war. Die Elf war auch deshalb so unberechenbar, weil das Gefüge von Anfang an instabil war – Lehmann strahlte zu wenig Lehmann aus, Metzelder war und blieb ein Sicherheitsrisiko, Frings konnte die Elf nach unrunder Saison weniger beschützen als sonst, Klose steckte der Rückrunden-Virus noch im Körper, und irgendwann war dann Mertesacker angesteckt oder auch Lahm, der es in Halbfinale und Finale mit einer ungewohnten Licht-und-Schatten-Mischung zum stellvertretenden Akteur dieser Elf brachte.“

SZ: Für Lehmann war es ein doppeltes Finale, denn sein 61. Länderspiel dürfte wohl auch sein letztes gewesen sein und damit steht Deutschland wieder eine Torwartdebatte ins Haus

Von wegen Volksnähe

Die Nationalmannschaft wird in Berlin von Zigtausenden in einer „Ceremony“ empfangen, und Daniel Meuren (faz.net) dreht der Veranstaltung seinen Hintern zu: „Der Hype ist kaum noch durch sportliche Leistungen begründet, sondern nur noch die Folge eines reflexhaften, von einer geschickten Marketing-Strategie gelenkten Verhaltens der schwarz-rot-geilen Partygesellschaft, die kaum mehr als fünf Nationalspieler beim Namen nennen kann. Es geht nur noch um das Event statt um Würdigung wirklicher sportlicher Ereignisse oder etwa das Anhimmeln von Vorbildern. Das ist alles schön und gut, untergräbt aber die seriöse Seite des Sports, der nicht nur den ewigen Jubel, sondern eben auch das Gefühl des Scheiterns vermitteln soll. Im Vordergrund, anbiedernd dargeboten von den eigentlich zur Distanz verdonnerten ‚Journalisten’ Johannes B. Kerner und Monica Lierhaus moderiert, nimmt derweil die Vereinnahmung der Fan-Kultur ihren Lauf. Der DFB-Ausrüster klaut den beliebten Fan-Slogan ‚So gehen die Deutschen’, mit denen die Fans seit geraumer Zeit ihre Spieler nach Siegen im Stadion zu feiern pflegen, aus den Boxen dröhnt der White-Stripes-Hit ‚Seven Nation Army’, die ehemalige Erkennungsmelodie der Ultrabewegung, die schon bei den Spielen als Einlaufmelodie missbraucht wurde. Natürlich darf der Wirtschaftszweig Fußball sich marktgerecht verkaufen, da es um sehr viel Geld geht, dass der DFB und seine Eliteauswahl Jahr für Jahr einspielen. Auch die Party vom Montag stellte die DFB-Sponsoren sicher wieder zufrieden, weil Bälle mit Unternehmens-Logos ins Publikum flogen und Autofirmen und Sportartikler im Fernsehen Präsenz zeigen konnten. Der Verband sollte unter diesen Umständen wenigstens darauf verzichten, penetrant auf seine Volksnähe zu verweisen.“

Tsp: Geklonte Träume – Kerner moderiert, Pocher singt, Podolski schüttet ihm Bier über den Kopf. Hunderttausende sehen auf der Berliner Fanmeile und an den Bildschirmen zu. Es soll so sein wie vor zwei Jahren. Aber etwas fehlt. Die Stimmung ist alles, nur eines nicht: ausgelassen

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