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Van Nistelrooy: Symbol für Einfluss und Reputation

Frank Baade | Samstag, 23. Januar 2010 3 Kommentare

Falko Götz verliert Prozess und Gesicht, van Nistelrooy wäre ein Gewinn für die ganze Liga, Schweinsteiger gereift, Hecking und Funkel im Interview

Nicht frei von Größenwahn

Falko Götz verlässt das Gericht als Verlierer eines Prozesses, in dem es darum ging, ob er einen seiner ehemaligen Spieler tatsächlich geschlagen habe. Das Gericht entschied nach übereinstimmenden Aussagen von fünf der Spieler von Holstein Kiel, dass Götz‘ Verhalten den Bestand der Körperverletzung erfüllte. Doch es gab auch andere Interessen als die Vorgänge zu klären. Frank Heike war für die FAZ dabei: „Holstein Kiel spart durch dieses Urteil eine Abfindung, die bei einer Million Euro gelegen hätte. Götz verlässt den Saal wortlos – als Trainer, der entlassen wurde, weil er einen Spieler schlug.“ Komischerweise hatten die Spieler erst Wochen nach Götz‘ Aktion über diese geklagt. Das störte die Richterin nicht. „Die Spieler hätten ein Abhängigkeitsverhältnis zu Götz gehabt und versucht, die Sache zu deckeln, sagt sie. Falko Götz verlässt die Fußball-Provinz als Verlierer. Schweigend.“

In der Berliner Zeitung nennt Rainer Schäfer andere Aspekte dieser Auseinandersetzung: „Götz ist aber nicht nur an 120 Sekunden Unbeherrschtheit gescheitert, sondern auch am ganz speziellen Kieler Milieu. Hier werden in Kaminzimmern gigantische Pläne geschmiedet, zu groß für Kiel. Hier sind Sponsoren, Sonnenkönige, Sportklubs, Politik und Medien enger verflochten als anderswo. Götz sollte das Hoffenheim des Nordens schaffen. Ein Entwurf, nicht frei von Größenwahn. Dabei musste er fest verwachsene Strukturen aufbrechen. Gerade den älteren Spielern um Kapitän Sven Boy, Peter Schyrba und Alexander Nouri hatte er sportliche Schwächen nachgewiesen und die Perspektive abgesprochen. Denen ging es gut, bevor Götz kam. Jetzt geht es ihnen wieder besser.“

Im Strafraum ein Killer

Der Hamburger SV steht mit der Verpflichtung von Ruud van Nistelrooy möglicherweise vor einem für die Bundesliga bemerkenswerten Coup. So bezeichnet Felix Helbig (FR) das Vorhaben auch als „große Lösung“ Hamburger Personalprobleme. Van Nistelrooy sei zwar verletzungsanfällig, „seine Trefferquote aber ist immer noch beeindruckend: In 68 Spielen für Real Madrid hat van Nistelrooy 46 Tore geschossen. Dass er bei seinem einzigen Einsatz in dieser Saison sofort wieder traf, zeigt seinen ungebrochenen Instinkt. Beim HSV würde er den am Kreuzband verletzten Paolo Guerrero wohl mehr als ersetzen.“

Nicht nur für Patrick Krull (Welt) ist auch die Außenwirkung dieses Transfers entscheidend: „Van Nistelrooy ist wie eine Symbolfigur. Durch seine Verpflichtung darf sich der HSV bestätigt fühlen, zusehends an Einfluss und Reputation in Europa zu gewinnen. Die Sturmlegende ging nicht nach England, sondern in den Norden Deutschlands.“ Und natürlich sei dieser Transfer auch ein Signal an die Konkurrenz. Trotz fortgeschrittenen Alters van Nistelrooys glaubt Krull immer noch: „Er ist im Strafraum ein Killer.“ Zudem sei es ein Zeichen, dass die Bundesliga auch international wieder interessanter geworden sei und es sei nicht unwahrscheinlich, dass Spieler ähnlichen Kalibers bald van Nistelrooys Weg in die Bundesliga folgen könnten.

Auf allesaussersport befasst sich dogfood ebenfalls mit der – zu diesem Zeitpunkt noch nur wahrscheinlichen – Verpflichtung van Nistelrooys. Wie immer eine hochwertige Diskussion schließt sich an, in der auch darauf verwiesen wird, dass van Nistelrooy mithelfen könne, die jüngeren Spieler weiterzubilden und vor allem auch Druck von ihnen zu nehmen. Dogfood selbst schreibt: „Trotzdem stellt sich die Frage, wie schnell der HSV seine Offensive auf van Nistelrooy umstellen kann oder wie schnell ‚Van the man‘ sich umstellt. Stellt der HSV seine Spielweise um, dürfte das Berg entgegenkommen und gegen eine Vertragsverlängerung von Guerrero sprechen, sofern der nach seinem Kreuzbandschaden sich nicht mit stark reduzierten Ansprüchen begnügt. Vorausgesetzt van Nistelrooy schlägt ein.“ Auch dogfood erinnert an die große Verletzungsanfälligkeit und stellt weitere Fragen: „Wie hoch ist sein Gehalt, wie fügt er sich in der Mannschaft ein, kann er Dienste als Stürmer-Pate für Berg leisten? Nicht zu vergessen: der PR-Effekt mit dem sich der HSV durch so einen Namen auch auf der internationalen Landkarte präsentieren kann – ein Punkt, den ja auch Bayern München bei Ribéry gerne herausstreicht.“

Nach Jahren der Zweitklassigkeit fehlen Voraussetzungen

Frank Hellmann interviewt in der FR Nürnbergs neuen Trainer Dieter Hecking und fragt nach dem Selbstbild und der Mentalität der Clubberer, hier jenes der Spieler: „Durch die vielen Abstiege ist eine gewisse Leidensfähigkeit entstanden. Und unterschwellig findet man sich vielleicht zu früh mit dem sportlichen Schicksal ab. Dagegen will ich vorgehen; wenn wir das als Mannschaft drin haben, werden wir den Klassenerhalt nicht schaffen.“ Auf die Frage, ob er den Vergleich mit Köln, Frankfurt und Hannover zulässig fände, was Potenzial und Größenordnung seines, des Clubs angingen, antwortet Hecking: „Nürnberg gehört in diese Kategorie noch nicht rein. Durch die Jahre in der Zweitklassigkeit fehlen einige Voraussetzungen, die Frankfurt oder Hannover durch ihre konstante Erstligazugehörigkeit errungen haben.“ Diesen Schritt müsse man als nächstes gehen. Und Hecking ergänzt: „Aber richtig ist, dass in all diesen Städten die Erwartungshaltung im Grunde zu groß ist.“

Seine Ecken, seine Freistöße – herrje!

Moritz Kielbassa beschäftigt sich in der SZ mit dem „neuen“ Schweinsteiger, der einerseits mehr Konstanz in seine Leistungen zu bringen beabsichtigt und andererseits bei Bayern von der Außenbahn in die Mitte gewechselt ist: „Es deutet sich ein Imagewandel an, überspitzt formuliert: vom Luftikus zum Leitwolf. Zeit wird’s – sagen die einen. Andere sagen: Wer beim FC Bayern Stammkraft ist und mit 25 schon 72 Länderspiele hinter sich hat, der ist mehr als ein Mitläufer. Mehr Spaß und Verantwortung in der Mitte – unter dieses Motto stellt Schweinsteiger auch seine Zukunft in der Nationalelf.“ Bereits in Südafrika wäre Schweinsteiger gerne Michael Ballacks Partner im Regiezentrum. Löw fehle jedoch die Alternative für Schweinsteiger auf rechts, Löw selbst bringt Thomas Müller als Kandidaten ins Gespräch, der einen Wechsel Schweinsteigers in die Mitte möglich machen könnte. „In München kritisierte man sein Spiel oft als zu ineffizient, seine Schnörkel mit dem Ball verlangsamten so manchen Angriff, während die Trainer über ‚One-touch‘-Fußball referierten – und seine Ecken und Freistöße, herrje!“ Nun sei er aber dabei, seine fußballerischen Stärken zu schärfen und, etwas erstaunlich, was sein Verhalten neben dem Platz angeht: „ein Partylöwe und Lautsprecher war er ohnehin nie.“

Kreativität im Kerngeschäft

Michael Rosentritt (Tagesspiegel) erkennt keinen potenziellen neuen Überraschungsgast wie einst David Odonkor in der aktuellen Kaderplanung Jogi Löws und hält das für ein gutes Zeichen: „Genau darin liegt die eigentliche Entwicklung des deutschen Fußballs. Längst kann der Bundestrainer aus einem reichhaltigen Angebot junger Talente schöpfen. Talente, die nicht nur leichtathletische Qualitäten besitzen, sondern vor allem wieder im Kerngeschäft begabt sind. Das Gerüst der Mannschaft um Ballack steht ohnehin. Und schon die letzten Länderspiele haben bewiesen, dass frische Kräfte wie Mesut Özil das Spiel bereichern. Nicht zufällig durch Sprints entlang der Seitenlinie, sondern durch fußballerische Kreativität.“

Werders Horror-Szenario

Bremen sollte heute möglichst gewinnen, berichtet Kai Niels Bogena (Welt Online), um nicht in Komplikationen zu geraten: „Die finanzielle Lage ist nach Informationen von WELT ONLINE bei weitem nicht so rosig, wie es gemeinhin angenommen wird. Kommen die Bremer in der nächsten Spielzeit nicht in die Champions League oder erreichen in dieser Saison weder die Finals der Europa League noch des DFB-Pokals, steuern die sparsamen Hanseaten im nächsten Geschäftsjahr offenbar auf ein Minus von geschätzten 25 bis 30 Millionen Euro zu – ein Horror-Szenario für den stets wirtschaftlich solide geführten Verein.“ Verantwortlich für diese Summe seien vor allem die hohen Personalkosten, bei Nichterreichen der Ziele müssten bis zu vier Spitzenspieler abgegeben werden. Per Mertesacker oder Mesut Özil wären wohl nicht mehr zu halten. Schulden zu machen für sportlichen Erfolg käme für Werder jedoch nicht in Frage.

Funkel: Vom Supermann zum Wundermann

Sven Goldmann und Michael Rosentritt (Tagesspiegel) im ausführlichen Interview mit Friedhelm Funkel, der schon mehr (Fußball-)Wunder als nur das 7:3 Bayer Uerdingens gegen Dynamo Dresden erlebt hat. Neben diversen Pokalwundern (6:3 gegen Eintracht Frankfurt und 5:0 mit dem 1. FCK gegen Real Madrid) habe Bayer Uerdingen einst nach schlechter Hinrunde in der Rückrunde 13 von 17 Spielen gewonnen, weshalb Funkel eine ähnliche Leistung mit Hertha auch nicht für so unmöglich hält, wie sie von vielen gemacht wird. Dass er vor dem dann verlorenen Spiel der Hinrunde gegen Eintracht Frankfurt schon den Druck eines Endspiels für seine Berliner Mannschaft aufgebaut habe, kreidet er sich als Fehler an. Doch da man in der Hinrunde auch viel Pech gehabt habe, erwartet Funkel, dass sich dies in der Rückrunde nun ausgleiche.

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Kommentare

3 Kommentare zu “Van Nistelrooy: Symbol für Einfluss und Reputation”

  1. erz
    Samstag, 23. Januar 2010 um 17:24

    Ich habe mich unheimlich über Rosentritts Bewertung der Nationalelf geärgert, weil hier jemand, der mir in der Vergangenheit positiv aufgefallen ist (nicht zuletzt weil er über den Tellerrand blicken kann), in einem Artikel jene Defizite offenbart, die mich am Sportjournalismus ärgern.

    Sein Odonkorbashing ist nicht nur wohlfeil, sondern Unfug:

    1. War es zumindest in meinem Freundeskreis keine Überraschung, dass Odonkor mit zur WM durfte. Der wurde unter Dortmundfans in der vorausgehenden Bundesligasaison hoch geschätzt und die Konkurrenz auf seiner Position war wahrlich nicht zwingend.

    2. Es gab ja einen guten Grund, warum Odonkor mit durfte. Dass Klinsmann dann auch noch in seiner Entscheidung bestätigt wurde, ist natürlich Glück, aber die Anlagen, wegen derer er mitgenommen wurde, sind nicht von der Hand zu weisen.

    Von wegen Kerngeschäft – es gibt einige wenige Spezialisten im Fußball, die als Einwechselspieler genau dazu da sind, Schwächen beim Gegner mit ihrem besonderen Talent auszunutzen. Das kann ein Sprinter an der Außenlinie sein, aber genau so gut ein Stehgeiger mit unglaublicher Schußtechnik oder ein Brecher am gegnerischen Fünfmeterraum. Solche Spezialisten werden heute nur noch selten Stammspieler auf hohem Niveau, aber sie haben durchaus ihren Wert – und der ist alles andere als zufällig.

    Die Kernaussage, dass Jogi Löw aus einem reichen Talentpool schöpfen kann, ist ja völlig richtig. Um so ärgerlicher, dass ein populistisches (Schein)Argument, das der Verdummung des Lesers, statt seiner Aufklärung dient, als Aufhänger des Artikels dienen muss.

  2. Oliver Fritsch
    Sonntag, 24. Januar 2010 um 16:59

    Ich verstehe es noch immer nicht, erz: Was ist denn an Rosentritts Artikel Odonkor-Bashing?

  3. erz
    Sonntag, 24. Januar 2010 um 22:31

    @Oliver Fritsch:
    Ich war mies gelaunt als ich die Sportpresse durchforstete und der Artikel ja nur ein kurzer Einwurf, den explizit auseinanderzunehmen weder dem Artikel noch Michael Rosentritt vermutlich gerecht wird.

    Um die Neugier des Meisters trotzdem zu befriedigen: Die Formulierung „ein David Odonkor“ ist wohl eindeutig eine metonymische Uminterpretation der Person Odonkors zu einer Chiffre, mit der auf Fußballspieler referiert wird, die eine Eigenschaft Odonkors teilen – unbegabt im „Kerngeschäft“ zu sein. Diesen spricht er eindeutig jegliche Daseinsberechtigung als Fußballer ab, wenn er ihnen „nur leichtathletische Qualitäten“ attestiert. Obendrein negiert er auch noch diese Qualitäten, wenn er einen Sprint an der Seitenlinie entlang als ein zufälliges Ereignis entwertet.

    Das ist launig und liest sich gut, aber genau solche Formulierungen verschleiern eine treffendere Betrachtung von Fußball: Wie ich schon schrub, ist es eben kein Zufall, dass Odonkor sich als wichtiger Bestandteil eines halbwegs erfolgreichen WM-Teams präsentierte.

    Um versöhnlich zu enden: An meinen (spärlichen) besseren Tagen bin ich der Pointe gegenüber aufgeschlossener. Ich werde mich bemühen, weniger grantlerisch und rechthaberisch daherzukommen. Es sei denn, Sie, Herr Fritsch, versäumen es weiterhin, die fußballerischen Qualitäten des größten deutschen Talents ALLER ZEITEN angemessen zu würdigen!

    Ich bin sicher, wir verstehen uns 😉

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