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EM 2016

EM 2016 – Gladiatoren, Schurken und Rüpel

Kai Butterweck | Donnerstag, 16. Juni 2016 Kommentare deaktiviert für EM 2016 – Gladiatoren, Schurken und Rüpel

Vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Polen beschäftigt sich die Presse mit Jogis Abwehr-Helden. Außerdem: Beifall für Ronaldo und Pepe, Jubel in der slowakischen Fankurve und Ohrfeigen für Putin und Co

Im Auftaktspiel gegen die Ukraine präsentierte sich Manuel Neuer als der große Rückhalt einer Mannschaft, die es durchaus hätte kalt erwischen können. Nun geht es im zweiten Gruppenspiel gegen die Polen. Peter Ahrens und Rafael Buschmann (Spiegel Online) sind bester Dinge: „Es ist die ganz große Qualität Neuers, dass er dann am besten ist, wenn es am meisten darauf ankommt. In Testspielen zeigt er schon mal eine Schwäche, und dann verdaddelt er sich auch mal, wenn er ein Dribbling versucht. Das sind die Momente, bei denen man denkt: Irgendwann, bei irgendeinem wichtigen Spiel, geht so etwas schief. Aber auf diesen Augenblick wartet man in der Nationalmannschaft seit sechs Jahren.“

Hummels ist wichtig in Situationen, in denen es eng wird

Ex-Bundestrainer Berti Vogts (Berliner Morgenpost) singt ein Loblied auf Vielleicht-Rückkehrer Mats Hummels: „Das Spiel gegen die Ukraine hat gezeigt, wie wichtig Mats Hummels für die deutsche Nationalelf ist. Sie braucht ihn, als Leader, als Organisator, Stabilisator. Hummels ist ein Topprofi, der sich sehr gewissenhaft vorbereitet. Er weiß genau, was er machen muss, um an dem und dem Tag Höchstniveau zu erreichen – und lebt entsprechend danach. Vermutlich wird er heute schon wieder auf dem Platz stehen. Ich mag so einen Spielertyp. Er ist wichtig in Situationen, in denen es eng wird.“

Boateng gegen Lewandowski: Tobias Nordmann (n-tv.de) freut sich auf das vielleicht spielentscheidende Duell: „Spannend ist die Frage, wie sich der Abwehr-Gladiator, der gegen die Osteuropäer nicht einen einzigen Zweikampf verlor, und der Bundesliga-Torschützenkönig, der gegen den EM-Debütanten nicht einen Torschuss abgab, bearbeiten werden. Denn in der Vergangenheit hat’s zwischen beiden, neben all dem Austausch von jubelnden Herzlichkeiten im Münchener Erfolgsrausch, wie Boateng so nett sagt, auch schon einige Male „gescheppert“. Ob als Gegenspieler bei den Bayern und Borussia Dortmund oder im Training des Rekordmeisters.“

Der magere Auftakt-Auftritt von EM-Superstar Cristiano Ronaldo ist bei vielen Fans und Experten immer noch Gesprächsthema. Auch Hendrik Buchheister (Spiegel Online) ist enttäuscht: „Es war nicht so, dass Ronaldo unsichtbar gewesen wäre. Doch was man von ihm sah, war nicht besonders glücklich. Er zeigte für seine Verhältnisse eine höchstens mittelmäßige Leistung. Bei Real Madrid sind solche Auftritte kein Drama, weil Profis wie Karim Benzema und Gareth Bale ein Spiel ebenso entscheiden können. In der Nationalmannschaft ist Ronaldo der Entscheider.“

In gewisser Hinsicht genial

Julien Wolff (Welt) hingegen rollt vor dem Hotelzimmer des Portugiesen einen roten Teppich aus: „Man kann das blöd finden, und manch einer meint, das habe mit Fußball nichts zu tun. Doch, hat es! Ronaldos Show ist einfach nur zeitgemäß in diesem Milliardengeschäft. Er ist Unterhaltung pur. Ronaldo ist Fußballprofi und Fußballdarsteller. Mit dem Anpfiff setzt er sich seine Maske auf, die Maske der Weltmarke Ronaldo. Jede seiner Gesten auf dem Rasen ist ein Markenzeichen mit enormem Wiedererkennungswert. Und mit jedem Spiel, in dem sich Menschen über ihn ärgern, wird sein Bekanntheitsgrad und sein Markenwert noch größer. In gewisser Hinsicht genial.“

Ronaldos Teamkollege Pepe hat auch nicht viele Freunde. David Joram (taz) wundert sich: „Einzig Maradona hat es geschafft, beides zu verkörpern, den wohlschaffenden Künstler und den hinterlistigen Mistkerl. Geschadet hat es ihm nicht, im Gegenteil. Sein freches Handtor im WM-Viertelfinale 1986 gegen die Engländer würde heute wohl ein Dutzend Ethikkommissare beschäftigen. So weit wird es Pepe nie bringen. Kann er nicht, muss er nicht, soll er aber auch nicht. Es reicht, wenn er grobschlächtig über den Platz trampelt, die Ellenbogen ausfährt und gleichzeitig die Heulsuse mimt. Also so bleibt, wie ihn alle lieben: als letzten Schurken, der es verdient, aus tiefster Fußballseele heraus gehasst zu werden. Danke, Pepe!“

Tobias Potratz (Zeit Online) hält es in der Schlussphase des Spiels Russland gegen die Slowakei kaum noch auf dem Sitz: „Noch eine Ecke für Russland. Erst ein Kopfball aus fünf Metern. Gehalten! Dann ein Schuss aus der Distanz. Beherzt abgeblockt! Das muss es sein, das ist es! Schluss. Nach dem Abpfiff überlege ich kurz, mit meinen Freudentränen in den Augen in die slowakische Botschaft zu rennen und die Staatsbürgerschaft zu beantragen. Einfach, um Danke zu sagen. Danke Slowakei. Ja, und natürlich auch Danke Russland. Das war ein schönes Fußballspiel und ihr habt für mich diese EM erst richtig eröffnet. Auch, wenn am Ende noch ein rotes Bengalo-Licht auf den Rängen auftaucht. Die Fußballromantik darf eben auch mal etwas leuchten.“

Russland sollte endlich aufhören, sich wie ein Rüpel zu benehmen

Die Bilder von gewalttätigen russischen Hooligans sind immer noch allgegenwärtig. Glücklicherweise kommt es rund um das zweite Spiel der Russen zu keinen weiteren Unruhen. In Russland stellen sich einige Kreml-Verantwortliche auf die Seite der EM-Schläger. Georg Anastasiadis (merkur.de) ist entsetzt: „Die Masche ist ja stets dieselbe: Immer präsentiert sich Moskau als die verfolgte Unschuld, die vom Westen „eingekreist“, von den „Faschisten in Kiew“ bedroht und deren Bürgern in Westeuropa nachgestellt wird. Bis Retter Putin herbeieilt, gern mit freiem Oberkörper. Wie dankbar das im Kreml vom Präsidenten gepflegte präpotente Machogehabe von Teilen seines Volkes übernommen wird, zeigen die Gewaltexzesse muskelbepackter russischer Hooligans bei der EM, denen ein Teil der Moskauer Nomenklatura sogar noch Beifall zollt. Putin beklagt sich, warum sein Land bei den Nachbarn in so schlechtem Ansehen steht? Dann sollte Russland endlich aufhören, sich wie ein Rüpel zu benehmen.“

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