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EM 2016

EM 2016 – Zwei Gockel auf dem Abstellgleis

Kai Butterweck | Montag, 20. Juni 2016 Kommentare deaktiviert für EM 2016 – Zwei Gockel auf dem Abstellgleis

Tore am Fließband? Pustekuchen! Die beiden EM-Superstars Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic hinterlassen noch keine sonderlich großen Spuren. Einer der beiden Ikonen wird dennoch auf Händen getragen

Cristiano Ronaldo polarisiert die Massen wie kein zweiter Spieler dieser EM. Auch im Spiel gegen Österreich sorgt der Superstar wieder für jede Menge Schlagzeilen. Nach dem Schlusspfiff setzt er dem Ganzen noch die Krone auf. Noch auf dem Platz macht er einen Flitzer mit einem Selfie zum glücklichsten Menschen der Welt. Simon Pausch (Welt) zieht den Hut: „Es sind bemerkenswerte Gesten eines Mannes, der sich aus kargen Verhältnissen ganz nach oben gespielt hat. Auch wenn sie selten sind: Es gibt immer wieder Momente wie jenen in Mailand oder den am Samstagabend in Paris, die beweisen, dass der eitelste Kicker des Planeten nicht komplett vergessen hat, wo er herkommt.“

Für Ronaldo zählen nur Siege

Philip Saglioglou (ksta.de) outet sich als Fan des Portugiesen: „Viele finden ihn bescheuert, so sehr, dass es eine Form des Hasses erreicht. Wegen seiner Egozentrik, seiner Selbstdarstellung als der besondere Fußballspieler, der er ist. Arrogant und pomadig nennen das viele. Oft fehlen die Argumente, zu widersprechen. Ronaldo selbst nennt diese Eigenschaften anders, es klingt einfach nur nach einem überirdischen Selbstbewusstsein, wenn er über sich spricht. Und das braucht er, um so zu spielen, wie er spielt. Für ihn zählen nur Siege.“

Auch Hannes Schrader (Zeit Online) ist entzückt: „Seine größte Szene hat Ronaldo nach dem Spiel. Ein Flitzer hatte es aufs Feld geschafft und sich zu ihm durchgemogelt. Weil Flitzer offenbar heute Facebook mehr lieben als den Fernseher, ist er nicht nackt, sondern zückt das Smartphone. Doch er schafft es nicht, in der Aufregung die Kamera-App am Smartphone zu öffnen, die Tastensperre streikt. Ein Ordner macht eine Geste zu Ronaldo, doch der schüttelt den Kopf: Lass ihn. Der Flitzer kriegt sein Foto, Ronaldo strubbelt ihm durchs Haar und küsst ihn auf den Kopf. Doch, Ronaldo ist an diesem Abend ein Stück größer geworden.“

Es sind immer die kleinen Gesten, die berühren

Axel Eger (thüringer-allgemeine.de) nimmt allen Ronaldo-Kritikern den Wind aus den Segeln: „Es sind immer die kleinen Gesten, die berühren. Die so spontan sind, dass man ihnen jede Berechnung absprechen muss. Die das Herz treffen und nicht unbedingt den Kopf. Wer fortan von Ronaldo, dem größten Egomanen des Fußballs erzählt, wird sich an die Szene mit dem Fan erinnern müssen. Jenen Moment nach einem Spiel, in dem Ronaldos Fußballkunst keine Triumphe feierte. Und in dem er trotzdem Sympathien gewann.“

Sven Goldmann (Tagesspiegel) bringt es auf den Punkt: „Größe zeigt sich nicht im Sieg, sondern in der Niederlage, und dieses 0:0 im Prinzenpark war schon eine kleine Niederlage für Ronaldo. Er ist in dieser Nacht ausgelacht und ausgepfiffen worden, die österreichischen Fans haben ihn mit „Messi!“-Rufen verhöhnt, kleine und nicht mehr ganz so originelle Anspielung auf sein Duell mit dem Argentinier um den Rang als bester Fußballspieler der Welt. Ronaldo hätte allen Grund, wütend und kommentarlos den Platz zu verlassen. Dass er in diesem bitteren Moment so ganz anders reagiert, nötigt auch seinen Kritikern Respekt ab, und davon gibt es bekanntlich eine ganze Menge.“

Dem Rest fehlt erkennbar die Klasse

Als Alleinunterhalter verliert Zlatan Ibrahimovic in der schwedischen Mannschaft schnell die Lust. Frank Hellmann (FR) gähnt: „Ibrahimovic schien beleidigt ob der mangelnden Unterstützung seitens der Mitspieler. Ihnen fehlt erkennbar die Klasse, um ihren Ausnahmekönner in Szene zu setzen – und alleine verliert der Exzentriker schnell die Lust. Zwar wirkte „König Zlatan“ im Beisein seiner Untertanen anfangs etwas engagierter und schleppte die Bälle aus dem Mittelfeld heran, dann stellte er auch diese Tätigkeit ein. Dem abgebrühten Abwehrblock der Squadra Azzurra war es ein Vergnügen, den Großmeister mit Schuhgröße 47 abzukochen. Schon zur Halbzeit war nur Torwart Andreas Isaksson weniger gelaufen als der Torjäger.“

Die ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann wird vor, während und nach ihren Live-Reportagen auf Facebook und Twitter übel sexistisch beschimpft und angegriffen. Monika Pilath (Zeit Online) zeigt den Stinkefinger: „Dass eine Kommentatorin von EM-Spielen für manche einen krassen Angriff auf ihre Männlichkeit darstellt, ist tragisch, vor allem für die kleinen Würstchen selbst, die öffentlich im sexistischen Senf baden. Bedauernswert, wer mit so wenig Selbstbewusstsein durchs Leben gehen muss. Es ist nicht das erste Mal, dass ein enthemmter Frauenhass in sozialen Netzwerken geäußert wird. Ist das ein Grund, sich darüber nicht mehr aufzuregen? Gegenfrage: Sollte der Shitstorm gegen Claudia Neumann nicht Anlass sein, bei dieser EM Frauen noch öfter ans Mikro zu lassen – bei einem Deutschlandspiel vielleicht, liebe ARD? Oder in einem Halbfinale, liebes ZDF?“

Der Feigling versteckt sich in der Gruppe

Bilder von prügelnden Hooligans und zündelnden Tribünenchaoten lassen viele Experten den mahnenden Zeigefinger heben. Klaus Hoeltzenbein (SZ) hingegen hält den Ball flach: „Wer jetzt Schreckensbild an Schreckensbild, Bengalo an Bengalo, Böller an Böller reiht, ist viel zu schnell bei einer neuen Chaostheorie. In der bereits Abschied genommen wird von jener Familien-Oase Fußball, in der man es sich hierzulande nach dem „Sommermärchen 2006″ bequem eingerichtet hatte. Dabei ist es wahrlich keine Heldentat, als Partysprenger anzutreten. Der Feigling versteckt sich in der Gruppe, wer es drauf anlegt, Feuerwerk eng an den Körper geklebt auf die Tribüne zu bringen, um die Leute zu erschrecken, ist nur schwer herauszufiltern. Die EM, dieses Treffen von Millionen souveräner Europäer, muss das aushalten. Sie läuft nicht Gefahr, zu scheitern, weil da und dort ein schlechter Gast die Tür zuknallt.“

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