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Bundesliga

Teil 1 des 10. Bundesliga-Spieltags

Oliver Fritsch | Donnerstag, 28. Oktober 2004 Kommentare deaktiviert für Teil 1 des 10. Bundesliga-Spieltags

Teil 1 des 10. Bundesliga-Spieltags: Borussia Mönchengladbach entlässt Holger Fach nach Niederlage in Bochum, „das Wir ist wichtig bei Borussia“ (SZ) – „Bayern spielt Wolfsburg an die Wand“ (FAZ) – wer stärkt Kurt Jara den Rücken? – Borussia Dortmund kann noch lachen / „im glücklichsten Fall droht Hertha BSC Berlin das permanente Mittelmaß“ (FTD)

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VfL Bochum-Borussia Mönchengladbach 3:0

Richard Leipold (FAZ 28.10.) befasst sich mit der Entlassung Holger Fachs: “Ohne ein Wort schritt Holger Fach an den Kameras und Reportern vorbei – als ob er geahnt hätte, daß er bei Borussia Mönchengladbach nicht mehr viel zu sagen habe. Der 43 Jahre alte Fußball-Lehrer wirkte so unprofessionell wie seine Abwehrspieler zuvor bei den Gegentoren. Am Abend im Ruhrstadion hatte er wenig zu sagen, einen halben Tag später gar nichts mehr. Borussia hat seinen Cheftrainer beurlaubt – und mit ihm Co-Trainer Stefan Mücke. „Unsere Bilanz mit neun Punkten aus den ersten zehn Saisonspielen ist nicht gut, hinzu kommt das Aus im DFB-Pokal. Wir mußten uns fragen, ob wir mit Holger Fach unser Saisonziel erreichen“, sagte Vereinspräsident Rolf Königs. Die Verantwortlichen hatten Mannschaft und Trainer vorgegeben, den Klub „ohne Abstiegssorgen in der Bundesliga zu etablieren“ und mittelfristig die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb zu erreichen. Der Vorstand hat diese Entscheidung offenbar über Sportdirektor Christian Hochstätter hinweg getroffen, der in Personalfragen als starker Mann gilt und Fach vor gut einem Jahr als Nachfolger Ewald Lienens durchgesetzt hatte. Hochstätter hatte am Abend noch angekündigt, er lasse sich „jetzt keine Trainerdiskussion aufdrängen“. Nun könnte er bald selbst in die Kritik geraten.“

Das Wir ist wichtig bei Borussia

Klaus Hoeltzenbein (SZ 28.10.) ergänzt: „Fach ist nicht an den Verhältnissen gescheitert, auch nicht an seinem Freund Hochstätter, der ihm jüngst den schönen Rat gab: „Wenn er sich als Trainer weiterentwickeln will, soll er das ,Ich“ streichen und das ,Wir“ einfügen.“ Das Wir ist wichtig bei Borussia, wo sie sich weiter aus ihrer Traditionself bedienen: Horst Köppel fängt an. Jupp Heynckes wird bestimmt gefragt, und dann ist wohl bald auch Berti Vogts wieder frei.“

Bayern München-VfL Wolfsburg 2:0

„Die Bayern spielen Wolfsburg an die Wand“, staunt Gerd Schneider (FAZ 28.10.), Felix Magaths Lob für Claudio Pizarro zitierend: „Ein paar Auszüge aus der Magathschen Würdigung: „laufstark und beweglich“; „hervorragender Blick für den Mitspieler“; „technisch sehr beschlagen“; „internationale Klasse“; „ein Straßenfußballer durch und durch“. Nun muß man nicht gleich glauben, daß sich Magath tatsächlich hat mitreißen lassen vom exzellenten Auftritt seiner Mannschaft und Pizarros, ihrer auffälligsten Figur. Dafür ist der Münchner Fußballehrer viel zu kontrolliert. Vielmehr wählte er seine Worte mit Bedacht. Die Zeit war einfach reif für ein paar öffentliche Streicheleinheiten an die Adresse eines Mannes, den man zu den typischen Problemfällen der Bayern rechnen muß. Schließlich sind Pizarros Qualitäten hinreichend bekannt. Doch der Peruaner, der im Sommer 2001 von Werder Bremen zu den Bayern kam, hat sich nie von dem Ruf befreien können, ein Gelegenheitskünstler zu sein: mit großen Gaben ausgestattet, aber einen Hauch zu weich für den Verdrängungswettbewerb Münchner Prägung und womöglich eine Spur zu bequem. Gerade in der vergangenen Saison gehörte Pizarro zu den Bayern-Stars, denen man nachsagte, ihnen sei die aktuelle Frisur mindestens ebenso wichtig wie das Fortkommen ihres Klubs. Außerdem ist der Südamerikaner anfällig für Verletzungen. (…) „Wenn wir vorne nur Makaay haben, dann haben es die Gegner zu einfach mit uns“, sagte Magath. Man sah ihm an, wie gut ihm Pizarros Entfesselungsakt tat. Magath gab offen zu, daß ihn die Durchschnittsware, die die Bayern bislang unter seiner Regie abgeliefert hatten, belastet habe.“

Eine grausame Maschine, die allen anderen Angst macht

Oliver Kahn hat einen Traum – Philipp Selldorf (SZ 28.10.): „Um Wolfsburgs Spielmacher kümmerte sich Münchens Spielverderber Owen Hargreaves, und er erledigte seinen Job mit erbarmungsloser Genauigkeit. Wolfsburgs Herz stand still, im Angriff herrschte Siechtum. Für die Bayern dagegen gab es ein fachliches Lob, das zunächst schmucklos wirken mag, in Wahrheit aber den höchsten Ansprüchen des Hauses genügt. „Ich habe eine sehr disziplinierte, sehr kompakte, sehr stabile Mannschaftsleistung gesehen, zu der jeder seinen Beitrag geleistet hat“, stellte Oliver Kahn fest. Als Letzter hatte er die Kabine verlassen, die Hauptdarsteller des Abends – der doppelte Torschütze Claudio Pizarro und der agile Bastian Schweinsteiger – waren längst auf dem Heimweg, und nun sprach der Kapitän sein Schlusswort vor der Presse, als wolle er ein Kommuniqué verlesen. Diszipliniert, kompakt, stabil – das hört sich an wie eine langweilige Mittelklasse-Limousine, doch Kahn sieht mit eben diesen Attributen Rolls-Royce-Qualitäten erfüllt. Sein Ideal einer großen Mannschaft ist nicht der heitere, sorglose Zauber, sondern eine grausame Maschine, die allen anderen Angst macht. Sein Traum besteht offenkundig darin, dass seine Mannschaft 34 Mal 1:0 gewinnt. „Juventus macht das im Moment vor“, schwärmte Kahn. Von Juves calcio cinico und eiserner Konstanz ist die Münchner Elf aber weit entfernt.“

Hannover 96-1. FC Kaiserslautern 3:1

Lienen und Hannover sind eine Ausnahme

Was ist die Rückendeckung für Kurt Jara wert, Sascha Zettler (FAZ 28.10.)? „Alle standen Jara demonstrativ zur Seite – ist er am Sonntag dennoch allein und ohne Job? „Ich bin ein Kämpfer“, hob der Österreicher hervor, „und ich werde dafür kämpfen, daß ich am Sonntag nicht zum letzten Mal auf der Bank sitze.“ So ähnlich war die Lage um den gebürtigen Innsbrucker schon vor rund einem Jahr in Hamburg, ehe ihn Klaus Toppmöller ablöste. Und an Toppmöller und dessen Abschied vom HSV erinnert im akuten Fall Jara vieles: Die Klubführung spricht sich von Spiel zu Spiel für den Coach aus, die Bekenntnisse jedoch werden mit jeder neuen Niederlage dünner, und die Position des Trainers wird wackliger. Toppmöller mußte am Ende gehen, weil die Spieler nicht mehr umsetzen konnten, was sie versprochen hatten. Auch die Pfälzer Profis wiederholen beinahe gebetsmühlenartig ihre Treueschwüre (…) Lienen und Hannover sind nach vier Siegen in Serie tatsächlich ein Beispiel dafür, daß der Turnaround auch dann noch gelingen kann, wenn eigentlich nur noch der Zeitpunkt des Trainerwechsels ein Diskussionsthema ist. Aber Lienen und Hannover sind eine Ausnahme.“

Hertha BSC Berlin-Borussia Dortmund 0:1

Vor dem Spiel hatte ich das Gefühl, dass wir nicht mehr viele Freunde haben

Javier Cáceres (SZ 28.10.) beobachtet die Sieger: „Aus jeder einzelnen Furche im schmalen Gesicht des Bert van Marwijk schien Melancholie zu strömen; und hätte er nicht auf dem Podium des Presseraums gesessen, sondern an einer Theke, so hätte man ihn für einen Verlassenen gehalten, ihn eingeladen, auf was auch immer – so traurig war der Ton, der aus ihm sprach, dem Sieg zum Trotz. „Wir haben sehr schwierige Zeiten“, sagte van Marwijk, „vor dem Spiel hatte ich das Gefühl, dass wir nicht mehr allzu viele Freunde haben in Deutschland.“ Dann aber schlug sein Diskurs jäh um und wurde zu einem Gesang des Stolzes. Auch Marwijk hatte ja dies frappierende Bild der einstweiligen Versöhnung gesehen: die Fans und seine Mannschaft, sich gegenüber stehend, wie zwei nicht verschwisterte Lager an einer Demarkationslinie – und sich doch gegenseitig bejubelnd, sich gegenseitig dankend. Und wenn der Stolz über van Marwijk herfiel wie ein bis an die Zähne bewaffneter Eindringling, dann deshalb, weil es ja nicht das Werk des Zufalls gewesen war, dass weit nach Spielschluss noch ein erklecklicher Haufen gelbschwarz gekleideter Fans im Gästeblock des Olympiastadions „O wie ist das schön“ sang, als ob gerade ein Pokal erobert worden wäre. Die Rückkehr der Illusion ins brüchige Konstrukt Borussia roch vielmehr nach Schweiß, sah nach aneinandergereihten Schultern aus.“

Wir sind einfach zu doof

Matthias Wolf (FAZ 28.10.) widmet sich den Verlierern: “In der zweiten Hälfte hatten die Gastgeber nicht eine einzige Torgelegenheit. So wirkte am Ende peinlich, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit in der Hauptstadt auseinanderklaffen. Mit einer gigantischen Lichtshow trumpfte Hertha auf. Zu Kunstnebel und Feuerfontänen waren die Kicker einmarschiert, jeder erhielt sein ganz persönliches Feuerwerk. Doch dann ärgerten sich Manager und Trainer nur über Rohrkrepierer, also vor allem über die Begriffsstutzigkeit der Spieler. Hoeneß regte an, sie wieder „mit der Taktiktafel“ zu konfrontieren, weil sie entgegen allen Ansagen „nur umständlich durch die Mitte“ gespielt hätten. Derart stur und stupide, daß Kapitän Arne Friedrich eingestand: „Wir sind einfach zu doof.““

Im glücklichsten Fall droht das permanente Mittelmaß

Michael Kölmel (FTD 28.10.) fügt hinzu: „Hertha scheitert in schöner Regelmäßigkeit nicht am Gegner, sondern an sich selbst. Zumindest nach eigener Einschätzung: „Es wird eine klare Analyse geben“, rief Falko Götz gestern früh zum x-ten Mal aus. Wie diese aussieht, konnte er aber nicht erklären. Es sei zu wenig über die Außen agiert worden, so seine einzige Deutung. Es sind immer neue Erklärungsansätze, die dem Scheitern folgen. Gegen Bochum war es mangelnde Kraft, gegen Mainz mangelnder Mut, gegen Braunschweig im Pokal mangelnde Einstellung, gegen den HSV mangelndes Glück, gegen Bielefeld mangelnde Chancenverwertung und nun gegen Dortmund eben mangelndes Flügelspiel. So richtig das alles ist, diese Summe an Mängeln ist alarmierend. „Es gibt eine positive Entwicklung und keine Parallelen zum Vorjahr“, sagte Fredi Bobic gestern trotzig. Doch diese Trendwende zum Guten war nur beim 3:1 über Leverkusen sichtbar. In Berlin Grund genug, eine Woche an den Uefa-Cup zu denken und aufs Ende der Leidenszeit zu setzen. Zur Wende hat es unter Trainer Götz bislang nicht gereicht. Wie im Vorjahr hat die Mannschaft kein Taktgefühl, sie ist selten in der Lage, sich auf neue Situationen einzustellen. Und einiges spricht dafür, dass dies künftig so bleibt. Im glücklichsten Fall droht das permanente Mittelmaß.“

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