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Deutsche Elf

Mißtrauensvotum

Oliver Fritsch | Donnerstag, 2. Februar 2006 Kommentare deaktiviert für Mißtrauensvotum

Neues Thema, altes Spiel – Jürgen Klinsmann plant eine weitere ungewöhnliche Maßnahme: Er möchte Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als Sportdirektor verpflichten; die Reaktionen darauf hätte man sich ausrechnen können. Bild mäkelt: „Jetzt ist der Bundestrainer dabei, den Bogen zu überspannen. Dr. Theo Zwanziger sollte sich an seine eigenen Worte erinnern. Er hat betont, daß der neue Sport-Direktor im Notfall auch den Bundestrainer-Job übernehmen muß. Wenn der DFB das einem Hockey-Trainer zutraut – Gute Nacht, Fußball-Deutschland…“ Außerdem gibt sich Bild Mühe, die Stimme derer zu sammeln, die sich auf den schlecht gebundenen Schlips getreten fühlen. Peter Neururer (seiner ist übrigens nicht mehr aus Leder) spritzt uns seinen Senf auf den Ärmel: „Ich kenn‘ noch einen Volleyball-Trainer, der könnte das Lauftraining machen“ – das ist, nur zur Klarstellung, Ironie. Allerdings zitiert die Bild-Zeitung auch Befürworter: Dieter Hoeneß halte Klinsmanns Ideen für „hervorragend“, und sogar Karl-Heinz Rummenigge gibt grünes Licht. Ansonsten heute wieder viele nackte Weiber in der Bild. Das Risiko für Klinsmann liegt weniger in der jetzigen Diskussion, sondern eher in der langfristigen Wirkung; bei irgendeinem

Streit in der Zukunft wird ihm das Hockey-Thema vom Boulevard oder vom Popanz Assauerhoeneßlattek um die Ohren gehauen werden. In der argumentierenden Presse sieht es, auch hier können wir Ihnen nichts überraschendes mitteilen, anders aus. Sie ist für Klinsmanns Vorschlag wie immer aufgeschlossen. Die SZ hält ihn für nichts weniger als eine „Revolution“, auf stern.de lesen wir: „Klinsmann will die Modernisierung im DFB weiter vorantreiben.“ Die FAZ versteht Klinsmanns Werben auch als „Mißtrauensvotum“ gegenüber Deutschlands Fußball-Establishment, hält dies aber für angebracht.

Qualität von außen

Michael Rosentritt (Tsp) kann sich mit der Idee anfreunden: „Wenn es eines letzten Beweises bedurft hätte, was Klinsmann vom DFB hält, dann ist er gestern erbracht worden: nichts. Ein Mann aus dem Hockey soll den Fußball reformieren. Das ist auf den ersten Blick ungefähr so, als würde ein Friseur Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Auf den zweiten ist es ein ungewöhnliches, ja ein mutiges Vorhaben. (…) Klinsmann verpflichtet Qualität von außen, um die innere Qualität des Verbandes in allen Bereichen zu erhöhen. Vielleicht ist es ja die einzige Möglichkeit, im deutschen Fußball wirklich etwas voranzutreiben.“ Michael Horeni (FAZ) liest Peters‘ gutes Arbeitszeugnis: „Die Qualifikation von Peters würde man sich bei vielen deutschen Fußballtrainern wünschen. Dieser hat nicht nur diverse Nationalmannschaften zum WM-Titel geführt, er ist auch sehr erfolgreich für die Koordination aller Trainer von DHB-Auswahlmannschaften zuständig und neuen Methoden äußerst aufgeschlossen. Die Hockeyspieler sind für ihre ausgezeichnete Fitness bekannt und belächeln seit Jahren die Trainingsarbeit im Fußball. Der Nutzen von wissenschaftlich orientierter Trainingsarbeit setzt sich daher auch allmählich im Fußball durch – zumindest im Ausland. Denn so ungewöhnlich, wie es manchem auf den ersten Blick scheinen mag, ist es auch im Fußball nicht mehr, sich Rat und Tat aus fremder Branche zu holen. Bei den Niederländern etwa sitzt neben Bondscoach Marco van Basten als Teammanager Hans Jorritsma auf der Bank. Jorritsma war Weltmeister-Trainer der Hockey-Nationalmannschaft.“

Machtspielchen

Andreas Lesch (BLZ) stört sich an einer Diskrepanz in Klinsmanns Master-Plan: „Die Debatte ist eine typische Klinsmann-Debatte. Sie handelt von Machtspielchen und von der Frage, inwieweit der DFB die Bedingungen des Bundestrainers akzeptiert. Sie zeigt, dass sich ohne den Modernisierer aus den USA im Verband wenig bewegen würde; sämtliche Anstöße zu professionelleren Strukturen stammten von ihm. Die Debatte wird wieder die Gräben aufreißen zwischen den Traditionalisten und den Fortschrittsgläubigen. (…) Würde er, falls Klinsmann nach der WM zurücktritt, mit dessen Nachfolger harmonieren – wie immer der heißt? Würde das System Klinsmann auch ohne seinen Erfinder funktionieren? Diese Fragen dürften auch das DFB-Präsidium beschäftigen. Die Funktionäre lässt Klinsmanns Vorgehen zumindest zögern: Er baut sich seine Zukunft, aber er sagt nicht, ob er selbst Teil dieser Zukunft sein wird. Er fordert Versprechen ein, verspricht selbst jedoch nichts.“ Jan Christian Müller (FR) wertet Klinsmanns Wunsch als Wille, auch nach der WM Bundestrainer zu sein: „Es kann nicht überraschen, dass die beiden Vordenker des deutschen Fußballs, die schon als aktive Profis regelmäßig weit über den Tellerrand hinaus geschaut haben, nun einen amtierenden Hockey-Trainer in eine höchst verantwortliche Position des deutschen Fußballs befördern wollen und damit nicht nur ein weiteres Fenster öffnen, sondern gleich eine Doppeltür. Klinsmann hat damit auch ein deutliches Zeichen gesetzt: dass er tatsächlich gewillt ist, sein Projekt als Bundestrainer nicht auf zwei Jahre bis Juli 2006 zu begrenzen.“

FR-Portrait Bernhard Peters

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