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Deutsche Elf

Der Fußball wird vor Gericht zum Verlierer

Oliver Fritsch | Donnerstag, 19. Juni 2008 Kommentare deaktiviert für Der Fußball wird vor Gericht zum Verlierer

Fast einhellige scharfe Kritik an der Sperre für Joachim Löw / Erinnerung an die Frings-Sperre vor zwei Jahren / Cristiano Ronaldo, eine Gesamterscheinung – aber Portugal hat auch Schwächen

Michael Horeni (FAZ) kritisiert die Uefa: „Sein Auftreten an der Seitenlinie ist seit Jahren vorbildlich. Schon die Entscheidung des spanischen Schiedsrichters Gonzales, Löw und Josef Hickersberger im prestigeträchtigen deutsch-österreichischen Duell ohne Warnung ihres Arbeitsplatzes zu verweisen, war unverhältnismäßig. Der Unwillen der Kontroll- und Disziplinarkommission der Uefa in der Verhandlung von der Möglichkeit einer Begnadigung Gebrauch zu machen, die das Reglement ausdrücklich vorsieht, ist genau das, als was es Oliver Bierhoff bezeichnet: eine Entscheidung gegen den Fußball. Die Nachreichungen des Urteils lesen sich mehr wie der Versuch, eine zweifelhafte Schiedsrichterentscheidung im sportjuristischen Nachgang zu legitimieren, um die Autorität der Unparteiischen zu schützen.“

Thomas Kilchenstein (FR) kann es nicht fassen: „Will die alles reglementierende Uefa, die die Akteure immer mehr an die Kandare nimmt, den stummen Fisch auf der Trainerbank, der scheu und schüchtern hinter der Werbebande zurücktritt und sich gefälligst aus dem Spiel herauszuhalten hat? (…) Das Urteil der Uefa ist überzogen und steht in keinem Verhältnis zur Tat.“

Ohne jegliches Fingerspitzengefühl

Philipp Selldorf (SZ) stampft mit dem Fuß auf: „Von Verhältnismäßigkeit kann keine Rede sein, sonst hätten die Richter berücksichtigt, dass nervöse, schreiende und in der Coaching-Zone herumtigernde Trainer nichts Ungewöhnliches sind bei einem EM-Turnier, siehe die bisher nicht belangten Bilic, Scolari oder Terim. Löw und Hickersberger hatten das Pech, dass bei ihnen daraus ein Fall entstand. Für die Uefa zählt aber nicht der Einzelfall, sondern allein die Bestätigung ihrer Obrigkeit und der Autorität der Schiedsrichter. So wird der Fußball vor Gericht zum Verlierer.“

Ralf Köttker (Welt) ergänzt: „Es ist die Entscheidung einiger Funktionäre, denen jegliches Fingerspitzengefühl fehlt. Ein Fußballplatz ist kein Konzertsaal, wo nur geflüstert werden darf. Ein Fußballspiel ist Emotion, Energie, laute Leidenschaft. Es ist dringend Zeit, dass sich die Verbandsverantwortlichen daran erinnern, wo der Sport herkommt und was ihn ausmacht. Funktionäre, die sich mit spektakulären Entscheidungen wie im Fall Löw in den Vordergrund spielen wollen sind ebenso fehl am Platz wie Regeln, die all das verbieten, was den Fußball so faszinierend macht.“

Selbst zu verantworten

Andreas Lesch (Financial Times Deutschland) hingegen sieht den Fehler bei Löw: „Die Aussagen erinnern verdächtig an die WM 2006. Damals zeigten sich die DFB-Verantwortlichen schwer beleidigt, nachdem Torsten Frings wegen einer Tätlichkeit nach dem Viertelfinale gegen Argentinien gesperrt worden war. Die Deutschen fühlten sich von der Fifa zu Unrecht verfolgt. Nun stellen sie die Uefa als alleinigen Bösewicht dar – und machen es sich damit recht einfach. Die Sperre als Strafe für Löws vergleichsweise harmloses Vergehen mag streng sein. Den entscheidenden Fehler aber hat der Bundestrainer selbst zu verantworten. Er hatte seine Nerven nicht im Griff. Er hätte die Anweisungen des vierten Offiziellen, auch wenn sie kleinkariert waren, befolgen können, getreu der Weisheit, die jede Oma kennt: Der Klügere gibt nach.“

Die falschen Fälle ausgesucht

Auch Horeni erinnert den Fall Frings, kommt aber zu einem anderen Schluss: „Damit haben die Deutschen nun schon zum zweiten Mal in zwei Jahren bei einem großen Turnier unter verbandsrechtlichen Entscheidungen zu leiden, denen es an innerer Logik und Konsequenz mangelt. Auch die nachträgliche Sperre von Frings hinterließ einen bitteren Beigeschmack angesichts der vielen anderen ungesühnten Handgreiflichkeiten nach dem Viertelfinalsieg gegen Argentinien. Auch wenn beide Fälle nicht direkt miteinander zu vergleichen sind, eine Parallele weisen sie auf: Die beiden großen Verbände haben sich bei ihren Kampf nach einem sauberen Fußball die falschen Fälle ausgesucht.“

Die Frings-Sperre im Rückblick (I), (II)

FAZ: Hans-Dieter Flick im Portrait

Prototyp für den neuen Typ Angriffsfußball

Christian Eichler (FAZ) beleuchtet beeindruckt alle Facetten Cristiano Ronaldos: „Nach vielen Jahren, in denen man entweder zu introvertierte Ballgenies hatte, wie Zidane, oder Stars, bei denen irgendwann die Bildverwertung besser war als die Ballverwertung, wie Beckham, hat der Fußball endlich einen, der beides bietet: sportliches Spektakel und die Lust, im Rampenlicht zu sein. Er lächelt, er strahlt, er lässt sich bewundern, er wird gern fotografiert. Manche werfen ihm das als Eitelkeit, als Selbstverliebtheit vor. In Wirklichkeit ist es aber ein Glück für eine bildersüchtige Welt. Ronaldo hat noch nicht den hasserfüllten Papparazzi-Blick, die abwehrende Körpersprache, die verächtliche Haltung des gejagten Stars gegenüber denen, die ein Stück von seinem Leben wollen. Ronaldo ist ein Lieferant großartiger Bilder. Sein Spiel ist es. Sein Körper ist es. Hier ist er, der große Kicker aus der Körperkult-Generation, der erste Fußball-Weltstar, für den die tägliche Arbeit am eigenen Körper, am Oberkörper, an der Gesamterscheinung, an der Balance der Muskelpakete schon von früher Jugend an selbstverständlich war. Gern entblößt er seinen famosen Oberkörper nach dem Spiel. Aber er gibt auch jenen eine Vorlage, die Quote und Auflage mit anderen prallen Formen machen, mit Bildern von den schnittigen Sportwagen seines Fuhrparks oder den Rundungen seiner Freundinnen. Ronaldo liefert allen guten Stoff. Aber vor allem ist er Fußballer, mehr noch: eine Fortentwicklung dessen, was man bisher unter einem Fußballer verstand. Er ist der Prototyp für den neuen Typ Angriffsfußball, wie ihn Manchester United vorführt – in dem sich die Grenzen zwischen Mittelfeldspieler, Flügelmann, Mittelstürmer auflösen. Ronaldo ist alles zusammen.“

Fußball der achtziger Jahre auf dem höchsten Tempo

Ronald Reng (SZ) macht uns allen Mut, indem er auf die Schwächen Portugals pocht: „Portugal spielt mit Pausen und einer für die heutige Zeit ungewöhnlich lockeren defensiven Ordnung. Zwar scheint das erste Problem der deutschen Elf momentan sie selbst zu sein, doch falls sie halbwegs wieder zu ihrem Spiel findet, ist Portugal keineswegs so favorisiert, wie es Decos Pässe oder Ronaldos Dribblings vorgaukeln. Portugal lässt seine Defensivleute oft alleine. Petit etwa, ein ordentlicher, aber auf EM-Niveau gewöhnlicher Mittelfeldspieler, steht oft verlassen im Grenzland zwischen Abwehr und Mittelfeld, hier fänden deutsche Weitschützen wie Michael Ballack und Thomas Hitzlsperger Platz zum Austoben. Im Grunde ist es der beste Fußball der achtziger Jahre auf dem höchsten Tempo, mit der exquisiten technischen Klasse der Gegenwart. Während andere großartige Mannschaften wie Italien oder Spanien heute quasi durchgehend von Automatismen gesteuert agieren, vertraut Portugal wie die großen Teams vor zwanzig Jahren auf spontane, unwiderstehliche Eingebungen in einem einigermaßen geordneten Spielsystem.“

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