indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Vielschichtige Überforderung

Frank Baade | Montag, 24. August 2009 4 Kommentare

Planlosigkeit und fehlende Klasse werden den Bayern vorgeworfen, Lehmann ist alles andere als altersweise, in Freiburg gewinnt die Mannschaft, die weiß, wo das Tor steht

Jan Christian Müller (FR) blickt auf das bayrische Personal: „Dem Kader fehlt die Balance. Mit einem Torwart, der allenfalls bescheidenen Bundesligaansprüchen genügt und einer überforderten Innenverteidigung, der ohne Not der Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft genommen wurde, einem defensiven Mittelfeld, dem die Spielkultur von Zé Roberto ebenso widerstandslos abhanden gekommen ist und einer linken Seite, die ohne Lahm und Ribéry einem Torso gleicht, sind die Bayern nur ein Mitbewerber um den Titel, mehr nicht. Dass sich in Mainz zudem Miro Klose als verkappter Spielmacher versuchen durfte, ist ein weiterer verzweifelter Ausdruck dafür, wie groß die Probleme in der Zentrale nach wie vor sind. Noch bleibt den Bayern eine Woche Zeit, am Markt aktiv zu werden. Es gibt gute Gründe für hektische Betriebsamkeit.“

Veritables Torwartproblem

Jürgen Heide (Financial Times Deutschland) fasst seine Kritik so zusammen: „Falsch eingestellt und völlig von der Rolle.“ Zuvor liest man von einem „Veritablen Torwartproblem“, von mangelnder Bundesligatauglichkeit Braafheids und Pranjics, vom „völlig überforderten“ Klose und dem Fehler, nicht auf zwei zentrale Spitzen zu setzen. „Gefährlich scheint auch die Sache mit Bayern-Star Franck Ribéry. Den hatte van Gaal – wegen einer Verletzung – in München gelassen. Doch von dort ließ der Franzose verlauten: ‚Ich bin fit.‘ Die Bayern in der Saison 2009/10: Sie haben ein Taktikproblem, ein Ribéry-Problem und ein Kommunikationsproblem. Noch ein paar solcher Spiele wie in Mainz, und sie haben auch eine Trainerproblem.“

Am Nasenring durchs Mainzer Tollhaus gezogen

„Münchner Malaise“ titelt die taz und Frank Hellmann fällt ein vernichtendes Urteil: „Unter dem neuen Trainer Luis van Gaal spielte der FC Bayern eine Halbzeit lang noch schlechter als in schlechten Klinsmann-Zeiten; ließ sich in einer dreiviertelstündigen Lehrzeit am Nasenring durchs Mainzer Tollhaus führen. Es stellte sich die unweigerlich Frage, warum ein unbekannter Trainer-Novize wie Thomas Tuchel es schafft, eine Mainzer Mannschaft mit limitierten Möglichkeiten taktisch exzellent zu schulen, während das Münchner Starensemble des dekorierten Fußball-Lehrers van Gaal über den Rasen irrlichterte wie Kids am ersten Tag einer Fußballferienschule. Facetten und Ursachen der Münchner Malaise sind vielschichtig: Sie reichen von der Personalpolitik bis zum Trainer; vom Torwart bis zum Angriff. Die Nationalstürmer Mario Gomez und Miroslav Klose hatten ihren stärksten Auftritt, als sie im Dickicht der Mikrofone verbale Volltreffer anbrachten. Und wer sah, wie vergeblich die Doppel-Sechs mit dem noch nicht integrierten Anatolij Timoschtschuk und dem überforderten Bastian Schweinsteiger um Ordnung bemüht war oder wie unsicher der Novize Holger Badstuber in der Innenverteidigung wirkte, dem erschließen sich die Abgänge der Brasilianer Zé Roberto und Lucio bis heute nicht. Ohne Not ist der bayrische Kader eine Baustelle geworden.“

Pass-Pass-Fehlpass

Marco Plein (Spiegel Online) sah einen „peinlichen“ Auftritt der Bayern: „Ohne Tempo und ohne Weitsicht, waren sie bei den kämpferisch vorbildlichen Mainzern aufgetreten. Zwar setzte der Champions-League-Teilnehmer das von van Gaal verordnete Kurzpassspiel lange Zeit konsequent um, doch meist lief das nach dem Motto Pass-Pass-Fehlpass ab. Fragen, wann es für van Gaal an der Säbener Straße kritisch werden könnte, mussten sich die Bosse des Vereins schon in Mainz gefallen lassen. Nach nur drei Spieltagen, damit hätte vor Saisonbeginn sicherlich niemand gerechnet. Bleibt die Frage, ob diese nicht mal in Mainz dominant auftretende Münchner Mannschaft überhaupt so einfach in eine erfolgreiche Richtung zu lenken ist. Dass der flinke Ribéry die ganze Mannschaft auf seinen Schultern zu einer besseren Leistung tragen kann, ist kaum vorstellbar.“

Peter Heß findet ebenfalls drastische Worte in der FAZ: „Wahlweise Offenbarungseid oder Arbeitsverweigerung“ kann Heß sich nicht entscheiden und fügt an: „Es hatte etwas von einem Urlaubskick in Badeschlappen.“ Plan- und kopflos sei der Auftritt gewesen. Dass Ribéry zu Hause bleiben musste, obwohl er sich selbst als fit ansieht, könnte bereits Teil eines Machtkampfs zwischen van Gaal und Ribéry sein. Neben einer schwachen Offensive habe sich eine noch schwächere Defensive gezeigt, das Format dieser Spieler sei kein internationales, Holger Badstuber gar „völlig überfordert“ gewesen. Während die Bayern ratlos nach Hause fuhren, wurde in Mainz ein „Meilenstein“ gefeiert und Bundesliga-Novize Thomas Tuchel gehuldigt.

Allen Beiträgen gemein ist der Hinweis auf den schlechtesten Saisonstart der Bayern seit 43 Jahren und somit der Saison 1966/67.

Lehmanns Parallelwelt

Heiko Hinrichsen findet in der Stuttgarter Zeitung Jens Lehmanns Vorgehensweisen befremdlich: „Wenn der VfB-Torwart behauptet, ein Unschuldslamm zu sein, obwohl die Fernsehbilder seinen Ellenbogenstoß eindeutig belegen, ist das ein absurdes Verhalten, neu ist die mangelnde Kritikfähigkeit aber nicht. Denn längst sieht sich der Torhüter als eine Art letzte Instanz in Fußballfragen. Also fällt Jens Lehmann aus der Torwartrolle, indem er nimmermüde den Schiedsrichtern die Regeln erklärt, indem er Gegenspieler nach Körperkontakten mit erhobenem Zeigefinger nachstellt und sie zurechtweist, indem er Fußballschuhe durch seinen Strafraum wirft und indem er sich neulich auf der Mitgliederversammlung gar in Personalfragen produzierte und das Management zu mehr Aktionismus auf dem Transfermarkt aufforderte. Nun aber sollten ihn seine Chefs zur Räson rufen. Denn der Exzentriker Lehmann beginnt mit seinen Aktionen dem Kollektiv zu schaden.“

Die FAZ sieht Lehmann „im Stile einer Diva“ handeln und argumentieren. Und findet daran wegen Kahns Abgang und der Lücke, die er hinterließ, sogar ein wenig Gefallen. „Während Kahn oftmals nur die Wucht seines Körpers für sich sprechen ließ, ist Lehmann differenzierter; er wehrt sich wuchtig und wortgewandt.“ Diese Fähigkeit bewahrt ihn allerdings nicht davor, dass dieser Fall nun vor dem Sportgericht verhandelt werden wird. Und als „einschlägig Vorbestrafter“ wird Lehmann wissen, was dort auf ihn zukommt.

Kein bisschen weise

Felix Meininghaus (FR) wirft Lehmann vor: „Auch auf der Zielgeraden seiner schillernden Laufbahn polarisiert Jens Lehmann munter vor sich hin. Fast 40 Jahre und kein bisschen leise – geschweige denn weise. Gestern verkündete der DFB, dass der Kontrollausschuss in der Angelegenheit ermittle. Der Aufreger des Spiels überdeckte, dass auch ansehnlich gekickt wurde. Wobei die Stuttgarter versuchten, die Gastgeber mit spielerischen Mitteln zu bezwingen, während sich die Dortmunder nach den zwei derben Niederlagen in Hamburg (1:4) und gegen Real Madrid (0:5) darauf besannen, ihre Linie durch harte Arbeit zurückzugewinnen.“

Tobias Schächter vermisst eine wichtige Komponente im Hoffenheimer Spiel (Berliner Zeitung): „Die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick zeigte wieder nicht jenes Selbstvertrauen, das sie in der Hinrunde der vorigen Saison ausgezeichnet hatte. Besonders dem letztjährigen Torjäger Vedad Ibisevic fehlt nach halbjähriger Verletzungspause die Treffsicherheit. Schlecht aber haben sie nicht gespielt. Sie waren klar überlegen. Rangnick wechselte nach Wiederbeginn Angreifer Demba Ba für den defensiven Mittelfeldspieler Isaac Vorsah ein. Das brachte zwar Belebung, aber letztlich keine Tore – obwohl sie zahlreiche Chancen hatten. Schalker Angriffe hingegen: null.“

Schön, schnell und sieglos

Stephan Klemm (FR) wundert sich: „Freiburg macht das Spiel schön und schnell. Besetzt die Flügel klug. Baut Wucht auf, die nach innen drängt. Kombiniert auch dort sicher und zackig. Es sieht gut aus. Der Gegner kann da nur passiv sein, er schaut brav zu, macht Fehler, ist langsam. Bayer 04 Leverkusen wirkt wie umgeblasen vom Fahrtwind des Freiburger Spektakels. Doch es passiert nichts. Weil der SC am Samstag im eigenen Stadion zu viel zockt, zu schnörkelig ist, und deshalb zu ungefährlich. In 90 Minuten fliegt nur ein Ball aufs Leverkusener Tor, er wird gehalten. Alle Kombinationen, alle Wucht, alles Tempo verpuffen im Nichts, 35 Minuten geht das so. Dann wird der Gegner wach. Bayer schießt einfach mal zwischen die Pfosten, trifft, jagt den Ball dann noch fünf Mal auf den Kasten – und erzielt gleich noch vier weitere Treffer. Am Ende steht es also 0:5 im Stadion an der Dreisam. Der Aufsteiger ist vorgeführt worden. Was für ein Unfall. (…) Trainer Jupp Heynckes ist nach dem Spiel ganz schön aufgeregt, nicht, weil seine Mannschaft nun komfortabel dasteht mit sieben Punkten aus drei Spielen, sondern wegen der vielen Schusseligkeiten in der ersten halben Stunde. Heynckes hat in der schlimmsten Druckphase der Freiburger reagiert. Sein foulendes Sicherheitsrisiko Arturo Vidal musste nach einer halben Stunde und einem taktischen Foul vom Platz, wütend über die Anordnung, aber schon mit Gelb vorbelastet. Mit elf Mann durchgespielt zu haben, war wichtig für Leverkusen, weil das Team in Sollstärke sein überzeugendes Konterspiel aufziehen kann.“

Den Einfluss von Bayers neuem Trainer sieht Tobias Schächter in der taz: „Jupp Heynckes‘ harsche Kritik wollte ja vor allem den Anfängen wehren. Denn trotz aller Rückfalltendenzen in Halbzeit eins, zeigte das erst acht Wochen kurze Wirken des Trainers auch schon Früchte. Er habe Spieler wie Kießling (1 Tor) und Barnetta (2 Tore) aufgefordert, vor dem Torschuss das Tempo aus ihren Aktionen zu nehmen, um mehr Ruhe beim Abschluss zu haben, erzählte der einst in 369 Bundesligaspielen 195 Mal erfolgreiche Stürmer Heynckes. Diese reine Lehre der Fußball-Ökonomie zu verinnerlichen, wird die große Aufgabe der Bayer-Profis sein. In Freiburg sitzen sie im selben Fach auf der Schulbank, und es wird Zeit, dass sie ihre Lektionen schnell lernen.“

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Kommentare

4 Kommentare zu “Vielschichtige Überforderung”

  1. Frankfurt die Macht!
    Montag, 24. August 2009 um 20:26

    Hat eigentlich schon einmal jemand überlegt, wer überhaupt van Gaals Nachfolger werden soll, wenn er nun denn im November entlassen wird?
    Vielleicht Mehmet-null-Punkte-Scholl von Bayern II? Dieser Verein plant einfach wunderbar gar nicht!

  2. ehec
    Dienstag, 25. August 2009 um 08:57

    Dazu darf ich auf einen weiteren Artikel aus dem Spiegel-Ressort verweisen, demzufolge Herr van Gaal die geringste Schuld an der derzeitigen Bayern-Malaise trägt:

    http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,644672,00.html

  3. Scottwald
    Dienstag, 25. August 2009 um 09:18

    Die Herren in grau, besonders einer, der ehemalige Weltklassestürmer Rummenigge, sollten in den Focus der Kritik rücken. Seit Jahren wird dort vieles falsch gemacht, und vor allem recht phantasielos. Man lässt sich von Herrn Klinsmanns Powerpoint-Zaubereien beeindrucken, verspricht einem zweitklassigen Torwart über Jahre, tatsächlich Kahn-Nachfolger werden zu können und verpflichtet einen neuen Trainer aus Holland, der wahrlich bayern-untypischen Stil lehrt. Klar werden die Bayern noch kommen und bleiben Meisterschaftsmitanwärter, aber auf die Championsleague dürfen wir gespannt sein…

  4. Nisang Van Kuchen
    Mittwoch, 26. August 2009 um 22:06

    Finde ich ganz gut, wenn Bayern mal zurückfällt und auch mal andere Meister werden können!

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