indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Fan zu sein ist wie eine bipolare Störung

Frank Baade | Dienstag, 19. Januar 2010 5 Kommentare

Schalke dank Manuel Neuer 1:0 gegen Nürnberg, nach Dortmunds Sieg verliert Klopp erneut die Contenance, Andreas Bergmanns kurze Amtszeit ist beendet, Hertha ohne Fans, Frankfurter ungestillte Schmerzen

Neigung, überaus optimistisch zu kalkulieren

Schalke siegt mühevoll und knapp mit altbekanntem Rumpelfußball 1:0 gegen den Vorletzten Nürnberg. Aber Magath wird so etwas eben verziehen. In der Berliner Zeitung berichtet Daniel Theweleit von der Partie: „Zu Beginn funktionierte nicht einmal die Defensive, Prunkstück der Vorrunde, doch Nürnberg versäumte es, Kapital aus den 35 Minuten der Schalker Konfusion zu schlagen.“ Und Magath, anders als Viele, reagierte rapid: „Es gehört zu Felix Magaths Erfolgsgeheimnissen, eigene Fehlversuche schneller zu korrigieren als jeder seiner Kollegen in der Bundesliga.“ Magaths Umstellungen halfen schließlich: „Nach erschreckend schwachem Beginn gewann Schalke am Ende mühevoll gegen den Abstiegskandidaten aus Süddeutschland. Zufrieden war der Trainer allerdings nicht. Denn anders als geplant, konnte er den 60.000 Zuschauern keine fußballerisch verbesserte Mannschaft präsentieren. (…) Obwohl Schalke von allen Spitzenteams den bescheidensten Fußball bietet, könnte der Tabellenzweite in einer Woche die Spitze erobern.“ Leverkusen müsse schließlich in Hoffenheim antreten, während Schalke nur zu den heimschwachen Bochumern reisen müsse.

In der taz fährt Daniel Theweleit zum Thema Schalker Einkäufe und deren Finanzierung fort: „Seit Jahren werde in diesem obersten Kontrollgremium des Revierklubs emotional entschieden, sagen Insider, die Räte neigten dazu, überaus optimistisch zu kalkulieren. Diesmal reichte offenbar ein Anruf (von Magath bei Tönnies). Angeblich handelt es sich um private Mittel, die Tönnies dem Klub borgt. Die Bundesliga schüttelt erstaunt den Kopf über diese Schalker, denen das Geld immer so locker in der Tasche sitzt. (…) Die Verlockungen der Tabellenspitze haben den Mut zum neuen Risiko geschürt. Schalke ist Zweiter, es gibt Ambitionen, die Champions League zu erreichen, vielleicht sogar Meister zu werden, und diese Chance wollen sie nicht durch übertriebene Vernunft schmälern. Wenn Magath Erfolg hat, geht die Rechnung auf. Nur, was passiert, wenn der Plan schiefgeht, vermag auf Schalke derzeit niemand zu beantworten.“

In der FAZ erfahren wir durch ein Interview von Kevin Kuranyi mit Richard Leipold, wie authentisch solche Gespräche wohl in aller Regel ablaufen, denn Leipold berichtet von den Umständen: „Nur selten öffnet Kuranyi das Fenster zu seinem Inneren so weit wie in diesem Augenblick. Die Presseabteilung des Klubs überwacht das Gespräch, diskret, aber doch aufmerksam, wie es inzwischen üblich ist bei solchen Gelegenheiten, bei denen nicht ganz klar ist, wem der Verein mehr misstraut: dem Spieler oder dem Reporter. Und auch ein Medienberater Kuranyis sitzt, noch diskreter, mit am Tisch. Inzwischen ist Kevin Kuranyi ein kleines Fußball-Unternehmen mit mehreren Mitarbeitern.“

Trotz des Veröffentlichungstermins noch nicht veraltet, lesen Sie eine umfassende Einschätzung des neuen Nürnberger Trainers Dieter Hecking in einem Interview mit Alexander Endl, dem Betreiber von Clubfans-United auf dem Königsblog.

Podolski tumb und deppert

Wie Schalke spielt auch Dortmund nicht überzeugend und hat dennoch Erfolg. Christian Löer (Berliner Zeitung) war in Köln dabei: „Dortmund gelang wenig – dafür demonstrierte der BVB seine Stärke bei Standards. Als Podolski zu spät merkte, dass sich Owomoyela in einen Angriff eingeschaltet hatte, rannte er vierzig Meter zurück und riss den Dortmunder Rechtsverteidiger tumb um. Dafür sah er Gelb, deppert genug, doch außerdem schenkte Podolski den Dortmundern mit seiner Tat einen Freistoß. Wieder flog der Ball in den Kölner Strafraum, und wieder traf Hummels per Kopf: 2:0 für Dortmund.“

Auch Köln spielte allerdings nicht besser, nach Einschätzung von Felix Meininghaus (taz): „Nichts lief bei den Gastgebern, bei denen Trainer Soldo nach einer Stunde den völlig indisponierten Podolski vom Platz holte. Der Nationalspieler schäumte vor Wut, schleuderte Handschuhe und Trainingsjacke von sich, um wort- und grußlos in den Katakomben zu verschwinden.“ Ohne Podolski gelang dann doch noch der Ausgleich: „Zwei Tore aus dem Nichts, das Spiel war gedreht, das Stadion bebte, Karneval wurde kurzerhand vorgezogen.“ Doch mit dem Siegtreffer für Dortmund endete der Kölner Karneval jäh, bewirkte stattdessen einen (Ex-)Mainzer Karneval. Für dessen überbordende Jubelszenen nennt Felix Meininghaus Jürgen Klopp ein „schlechtes Vorbild“ (FR): „Es ist ein schmaler Grat, auf dem der Mann wandelt, der sich als Trainer und TV-Experte so viele Sympathien erworben hat. Klopp ist ein Überzeugungstäter, der seine Passion mit jeder Faser seines Körpers lebt. Doch wenn er weiterhin überzieht, läuft er Gefahr, seine Souveränität zu verlieren.“

Und in der Financial Times Deutschland ergänzt Felix Meininghaus, dass Podolski sich „bis zur Unkenntlichkeit“ auf dem Spielfeld versteckt habe, während ein Gegenüber tolle Leistungen zeigte: „Mats Hummels lieferte einmal mehr in dieser Saison eine tolle Vorstellung und legte den Schluss nahe, das derzeit wohl kein Verteidiger in Deutschland solch glänzende Perspektiven hat wie er. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Hummels eines Tages A-Nationalspieler. Fraglich ist nur der Zeitpunkt.“

Der eine kommt, der andere geht. Ob Podolski mit solchen Leistungen dauerhaft in der Nationalmannschaft bleibt?

Außergewöhnlich authentisch

Aus der Zeit noch vor Bergmanns Demission als Trainer bei Hannover 96 stammt diese Einschätzung von Jörg Marwedel (SZ): „Womöglich ist der Knoten in dieser Saison selbst von einem anderen Mann als Bergmann kaum zu zerschlagen. So richtig es theoretisch ist, dass sich das Team nicht mehr hinter dem Verlust seines besten Spielers verstecken darf, wenn es den Kampf um den Bundesliga-Verbleib aufnehmen will: Eine Mannschaft ist ein sensibles Gebilde, und wenn nur einige der Profis die von Experten bescheinigte Traumatisierung wegen des Enke-Todes erlitten haben, dann reicht das, um das Niveau ein paar Prozentpunkte zu senken.“ Man könne die Auseinandersetzung mit dem Verlust nicht künstlich beschleunigen: „Die längere Verarbeitungsreaktion eines Suizids, die sogar Persönlichkeitsveränderungen auslösen kann, mag schon reichen, um aus einem Mittelklasseteam einen Absteiger zu machen. „

Christoph Zimmer (taz) hat Arnold Bruggink nach dem Spiel beobachtet: „Es sah so aus, als wollte er fliehen, ohne wirklich fliehen zu können. Der schmerzliche Verlust von Enke beschäftigt die seit dem auch sportlich orientierungslos wirkende Mannschaft offenbar noch immer. Die anhaltende Trauer und die vielen Niederlagen scheinen sich zu verselbständigen. Alles hängt mit allem zusammen. Die Spieler wirken gefangen in einer Situation, aus der sie nur dann ausbrechen können, wenn sie wieder erfolgreiche Ergebnisse erzielt. Die erzielen sie aber nicht.“ Und ebenfalls noch vor dessen Entlassung schreibt Zimmer über den Trainer: „Andreas Bergmann ist ein außergewöhnlich authentischer Trainer, der diese unglaublich schwierige Situation im Kreis der Mannschaft erlebt, selbst Gefühle gezeigt hat, die Empfindungen der Spieler wie vielleicht kein anderer im Verein kennt, auf sie einwirken kann – und nun nach den Regeln des Geschäfts heftig in der Kritik steht.“

Christian Otto im Tagesspiegel über den Umgang im Hannoveraner Stadion mit einem Plakat, das Eintracht Braunschweig „Tod und Hass“ wünschte.

Heynckes‘ größte aller Provokationen

Jupp Heynckes mutiert vom ausrangierten Osram zum geschätzten Alt- und vielleicht kommenden Meister der Bundesliga, und Daniel Theweleit (taz) ist ein bisschen verliebt in Heynckes‘ Stil der Konfrontation: „Der Anti-Bayern-Krawall von Extrainer Christoph Daum war immer geprägt von Neid und Missgunst, die Sticheleien von Exmanager Reiner Calmund litten unter dem Ruch der Pöbelei, Heynckes, der Grandseigneur, fährt stilvollere Angriffe aufs wachsende Selbstvertrauen der Bayern. Heynckes weiß ganz genau, wie er Uli Hoeneß ärgern kann. (…) Und der glanzvollste Akteur des Tages war wieder einmal Toni Kroos, der unter Heynckes zum derzeit vielleicht besten Bundesligaspieler überhaupt reifte, was vielleicht die größte aller Provokationen ist: Nun droht ernsthaft Gefahr, dass Kroos und Heynckes, zwei Männer, die Uli Hoeneß nicht mehr wollte, den Münchnern den Titel klauen.“

Hertha-Fans kommen vom Land oder sind Prekariat

Lesenswert und sehr ausführlich legen Michael Horeni und Michael Reinsch in der FAZ die Lage der Hertha in Berlin dar, mit dem Fokus auf die Einbettung und Akzeptanz des Klubs in die Stadt, weniger auf die aktuelle sportliche Lage. Diese ist zwar Anlass, weil man in Berlin nun eigentlich um seinen Erstligaklub fürchten müsste, aber nicht Thema, denn die Konkurrenz ist groß: „Was dem Winter spielend und der S-Bahn nervend gelingt, daran scheitert die Hertha selbst in ihrer größten Not: die Stadt zu bewegen. Nicht einmal nach über hundert Jahren und einem Sommer, der das Olympiastadion füllte und Berlin für ein paar Wochen von der deutschen Meisterschaft träumen ließ.“ Während man anderswo im sportlichen Notfall auf Idole wie Uwe Seeler, Wolfgang Overath oder Bernd Hölzenbein zurückgreife, verfüge die Hertha schlicht über keinen früheren Stars. Außerdem leide Hertha weiterhin an der früheren Teilung Berlins: „Die anderen Großstädte Deutschlands gibt es nur einmal. Berlin aber gibt es doppelt. In der fragmentierten Stadt, die wie den Zoo, die Oper, die Verwaltung und sogar den einstigen Fußballmeister alles zweimal hat, einmal in Ost und in West, hat es Hertha nie geschafft, für ganz Berlin relevant zu werden. Nur 25 Prozent der Zuschauer kommen aus dem Osten, bei den Mitgliedern sind es noch weniger, fünfzehn oder sechzehn Prozent.“ Dafür gibt es aber Gründe, die nicht allein in der Teilung zu suchen sein, denn: „Hertha-Fan zu sein bedeutet, entweder vom Land zu kommen oder zum Prekariat zu gehören, zumindest zum gefühlten. Hertha-Fan zu sein ist so ziemlich das Uncoolste, was man in Berlin, der Hauptstadt der Coolen, sein kann.“ Lange Zeit sei Hertha nur Hoeneß gewesen, und der habe es auf vielen Wegen versucht, mal brasilianisch, mal türkisch, doch: „In all den Jahren hat die Hertha keinen eigenen Stil entwickelt.“ Immer wieder habe es Brüche gegeben, es fehle die Identität. Dass der Realist Funkel nun die vom feingeistigen Favre zusammengestellte Mannschaft trainiere, sei „so, als wollte man eine Chanel-Boutique vom Kudamm nach Neukölln verpflanzen.“ Zudem sitze sicher oft das Geld nicht so locker, und: die Zahl der Alternativen ist groß: „Berlin ist auch die Hauptstadt von Hartz IV. Ein Drittel der Leute lebt von staatlicher Fürsorge. Aber Berlin ist gleichzeitig auch die Sporthauptstadt Europas. Egal in welcher Sportart, Berlin hat in allem erste Liga. Es gibt 83 Erstligavereine.“ Zudem konkurriere man mit einem attraktiven Nachtleben.

Und das, nehmen wir an, ist in Hoffenheim nicht ganz so ausgeprägt.

Genialischer Gestalter und der Goalgetter aus Ghana

Sogar in der Schweiz wird man mittlerweile auf die Frankfurter Eintracht aufmerksam. In der NZZ schreibt Stefan Osterhaus: „Mit Skibbe hat die Mannschaft eine hervorragende Hinrunde gespielt. Es war die beste seit etlichen Jahren. Auch im Heimspiel gegen Bremen wusste das Team am Samstag zu überzeugen. Der Aussenseiter gewann gegen den Favoriten.“ Skibbes jüngste Kritik zitiert Osterhaus ebenfalls, dass die Eintracht Stillstand erleide und nicht vorwärts komme. Nach der Frage danach, ob sich Skibbe bewusst war, bei wem er unterschrieb, beim sparsamen Bruchhagen nämlich, folgt der Rückblick auf die Frankfurter Vergangenheit, die miterkläre, warum man in Frankfurt so schnell vom Größenwahn gepackt werde. „Vielleicht musste sich der eine oder andere in Erinnerung rufen, was diese Eintracht einmal war. Sie wurde Diva genannt, was auf der einen Seite despektierlich klang, doch auch respektvoll. Denn in ihren guten Momenten hatte diese Mannschaft eine spielerische Klasse, die einzigartig in Deutschland war. Gelenkt wurde sie von einem genialischen Gestalter (Uwe Bein), angetrieben von einem der grössten Fussballer, der je im deutschen Klubfussball reüssierte: Andreas Möller. Anthony Yeboah, der Goalgetter aus Ghana, war der Vollstrecker der Ideen dieses kreativen Ausnahme-Duos. Doch einen Titel gewannen sie nie, sie verspielten ihn im Finish, auch weil ein berechtigter Penalty verweigert wurde. Noch immer wirkt der Verlust nach. Das Gefühl, um einen Triumph geprellt worden zu sein, blieb zurück. Es wurde nie gestillt. Ein paar hoffnungsvolle Spiele genügen, und die Ambitionen wachsen ins Unermessliche.“ Auch Osterhaus definiert, was es heißt, Fan zu sein. Es „bedeutet Aufregung und Enttäuschung gleichermassen; wie eine bipolare Störung.“ Zur Lage in Frankfurt schließt Osterhaus unter diesen Vorzeichen: „Ein Wunder, dass Bruchhagen noch nicht gescheitert ist.“

Kommentare

5 Kommentare zu “Fan zu sein ist wie eine bipolare Störung”

  1. Tobi
    Dienstag, 19. Januar 2010 um 14:05

    Im Abschnitt FTD über den BVB soll es wohl Hummels sein und nicht Großkreutz, oder?

  2. Frank Baade
    Dienstag, 19. Januar 2010 um 14:43

    Jepp, Danke. Der Beitrag über Großkreutz hat es dann nicht über den Cut geschafft, war aber noch im Arbeitsspeicher (meines Kopfes).

  3. Duisburger
    Dienstag, 19. Januar 2010 um 17:03

    Schönes Vorbild Klopp! Aber ein Medienliebling wie Klopp kann sich bekanntlich alles leisten!

  4. Mattes
    Dienstag, 19. Januar 2010 um 17:21

    Ich verstehe gar nicht, warum die Medien über Podolskis Reaktion herziehen. Er ist doch nach seiner Auswechslung erst zum Trainer und anschließend zur Bank gegangen, hat seine Sachen geschnappt und ist erst danach angefressen in die Kabine. Und ich unterstelle ihm, dass er sich auschließlich über sich selbst geärgert hat.

    Schon bei sportal.de ist mir das unangenehm aufgefallen, jetzt hier in der Zusammenfassung bei der taz. Petit und Poldi werden hier in einen Topf geschmissen. Aber momentan heißt es wohl nur „Hau den Lukas“.

  5. Meyer
    Donnerstag, 20. Januar 2011 um 07:25

    Mein Kommentar hat nichts mit Fussball zu tun, sondern mit der Äusserung „Auch Osterhaus definiert, was es heißt, Fan zu sein. Es „bedeutet Aufregung und Enttäuschung gleichermassen; wie eine bipolare Störung.“ – eine schwere Erkrankung mit dem Fansein zu vergleichen, lässt den Schluss zu, dass Osterhaus keine Ahnung hat, was es heisst, von dieser Erkrankung betroffen zu sein. Solche Äusserungen führen dazu, dass die Bevölkerung das Gefühl hat, solche Erkrankungen sind nicht ernst zu nehmen und können getrost als „kleine Befindlichkeitsstörung“ abgetan werden. Jeder, der von dieser Erkrankung betroffen ist, weiss, dass sie sowohl die Hölle auf Erden wie auch der Himmel im Paradies ist. Leider dauert der Aufenthalt in der Hölle länger.

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