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Deutsche Elf

Kein Abtasten, kein Taktieren

Christoph Asche | Sonntag, 11. Juli 2010 Kommentare deaktiviert für Kein Abtasten, kein Taktieren

Deutschland besiegt Uruguay im „kleinen Finale“. Die Presse ist angetan von einem offen geführten Spiel, das keinerlei taktischen Zwänge kannte und trotzdem hart umkämpft war

„Das Spiel um den dritten Platz ist oftmals eine Partie, die kein Team gerne spielt – Deutschland und Uruguay widerlegten diese Theorie gestern Abend“, schreibt David Ornstein für die BBC. Von Beginn an sei klar gewesen, dass dies kein Freundschaftsspiel werden sollte. Nachdem Calvani die deutsche Führung durch Thomas Müller egalisiert hatte, hatte das Team um Diego Forlan das Spiel in der Hand: „Uruguays Fußball war schön anzusehen und sie hätten vor der Pause schon durch Suarez in Führung gehen können.“ Dies geschah dann kurz nach dem Seitenwechsel: „Forlan, Suarez und Cavani bereiteten ihren Gegenspielern so manche Probleme. Nachdem Butt noch gegen Cavani und Suarez klären konnte, verwandelte Forlan anschließend eine Flanke von Egidio Arevalo per Volleyschuss zu seinem fünften Turniertreffer.“ Nachdem Marcell Jansen eine Boateng-Hereingabe per Kopf zum Ausgleich verwandelte, begann Uruguay, „das seit 1970 kein europäisches Team bei einer Weltmeisterschaft schlagen konnte“, zu schwächeln. Khediras Kopfballtreffer zum 3:2-Endstand veranlasste die deutschen Spieler nach Abpfiff zu einem Freudenfest, „das exakt widerspiegelte, was ihnen dieses Ergebnis bedeutet.“

Kein Abtasten, kein Taktieren

Auch Birger Hamann (Spiegel Online) hat zwei Teams gesehen, die sich nicht mit dem vierten Platz zufrieden geben wollten: „Von enttäuschten Halbfinalverlierern war von Anfang an nichts zu sehen. Stattdessen standen sich zwei Mannschaften gegenüber, die unbedingt das ‚kleine Endspiel’ gewinnen und sich mit einem Sieg aus Südafrika verabschieden wollten. Entsprechend begannen sie auch. Kein Abtasten, kein Taktieren, Deutschland und Uruguay setzten voll auf Offensive.“ Am Ende wäre der knappe Vorsprung fast noch einmal ins Wanken geraten: „Anschließend versuchten die Deutschen ihre Führung über die Zeit zu retten – und hätten fast noch den Ausgleich kassiert. In der zweiten Minute der Nachspielzeit foulte Friedrich Suarez, ein Freistoß aus rund 18 Metern und zentraler Position war die Folge. Den knallte Forlán an die Latte. Glück für Deutschland, Pech für Uruguay, Abpfiff in Südafrika.“

Steffen Dobbert (Zeit Online) hat bei der gestrigen Partie kein Kriterium für ein aufregendes Fußballspiel vermisst: „Lattenschüsse, Ballkombinationen, Freistoßzauberer, Grätschen durch den Regen, ein Abseits- und fünf gezählte Tore. Der 3:2-Erfolg der Deutschen war ein Fußballfest ohne taktische Zwänge. Auch wenn es nur um den dritten Platz ging, die Nationalspieler kämpften, als ginge es um nichts Geringeres als das Erbe Franz Beckenbauers.“ Bei der anschließenden Siegerehrung erlebte der Autor eine bedeutungsschwangere Geste des DFB-Präsidenten: „Zum Willen der Fifa gehört es, dass selbst alle Drittplatzierten in einer kurzen Zeremonie eine Bronzemedaille überreicht bekommen. Diese Mini-Siegerehrung nach dem Spiel führte zu dem Moment, als Theo Zwanziger, Verhandlungspartner, wenn es um die Verlängerung des Arbeitsvertrages Löws geht, dem Bundestrainer die Medaille umhängte. Joachim Löw wollte sich danach mit einem Händedruck bedanken, doch nach einem Augenblick des Zögerns schnappte sich Zwanziger den Trainer, umarmte ihn und drückte ihn fest an sich. Es sah so aus, als sei Zwanziger viel daran gelegen, dass beide zusammenkommen.“

Deutschland und das Spiel um Platz drei – eine Liebesgeschichte

Gregor Derichs (Tagesspiegel) hat eine innige Verbindung zwischen der DFB-Elf und dem „kleinen Finale“ ausgemacht: „Das Spiel um den dritten Platz bei Fußball-Weltmeisterschaften besitzt im Allgemeinen ähnliche Sympathiewerte wie Fidel Castro bei den Exilkubanern in Florida, gar keine nämlich. Aber in der Welt des Fußballs bahnt sich gerade eine zweifelhafte Liebesgeschichte an. Die deutsche Nationalmannschaft und das kleine Finale – da läuft doch was.“ Ganz im Gegensatz zum gestrigen Gegner, der mit seiner Bilanz nicht gerade protzen kann: „Zum dritten Mal standen sie im kleinen Finale, zum dritten Mal verließen sie als Verlierer den Platz.“ Die Kurzweiligkeit des Spiels lag nach Ansicht von Derichs vor allem daran, dass „beide Seiten der Defensive nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig widmeten.“ Besonders nach Jansens Tor zum 2:2-Ausgleich seien die taktischen Fesseln vollends abgestreift worden: „Räume boten sich reichlich, und auch die Chancen für die Deutschen mehrten sich, weil die Südamerikaner merklich müder wurden.“

Dieselbe Platzierung, andere Perspektive

Zwar hat Joachim Löw mit seinem Team dieselbe Platzierung wie vor vier Jahren erreicht, doch Lars Wallrodt (Welt Online) sieht die Konstellation nach diesem Turnier völlig anders als nach der WM im eigenen Land, denn: „2006 wurde eine mittelmäßige Mannschaft von der Euphorie im Land getragen. Diesmal war sie die zweitbeste Mannschaft des Turniers, scheiterte aber an der besten, Spanien, deren Weg sie leider schon im Halbfinale kreuzte. Vor vier Jahren war die Perspektive der DFB-Auswahl mau, weil nur wenig junge Spieler nachrückten. Nun stehen plötzlich 21-Jährige auf dem Rasen, die die Fußballwelt verzaubert haben. Natürlich gab es Schwankungen, doch das ist normal bei diesem Altersdurchschnitt. Es muss schon ein rechter Miesepeter sein, wer dies moniert.“ Zu Recht werde die spanische Mannschaft als Vorbild herangezogen, die mit konsequenter Jugendarbeit und klarer Blockbildung (FC Barcelona, Real Madrid) zu einer Weltklassemannschaft gereift sei. „In Deutschland kann ähnliches entstehen, weil auch hierzulande vermehrt auf den eigenen Nachwuchs gesetzt wird. (…) Der DFB und die Vereine sind nun angehalten, die Nachwuchsförderung weiter voranzutreiben. Denn nur, wenn die ‚WM-Helden’ Druck von unten bekommen, werden sie sich weiterentwickeln. Denn eins ist auch klar: Die Nationalmannschaft ist auf einem guten Weg. Doch das Ziel ist noch weit entfernt.“

Auch der Daily Telegraph freute sich über ein ansehnliches Spiel: „Beide Mannschaften ehrt es, dass sie solch ein schönes Spektakel gezeigt haben, und das, obwohl es eine unbedeutende Partie war.“ Dass Dennis Aogo nach zwei Minuten schon die Sense auspackte, passte daher auch so gar nicht ins Bild, zumal „dem jungen deutschen Team solche grobschlächtigen Aktionen mittlerweile ein Dorn im Auge sind.“ Dennoch habe das Team schnell wieder in die Spur zurückgefunden: „Trotz der schlechten Bedingungen waren die Deutschen danach schnell wieder in ihrem Rhythmus. Schweinsteiger, Müller und Özil zogen wieder ihr gewohntes Kurzpassspiel auf, für das Spanien heute Abend dankbar wäre.“ Der Autor sieht daher positiv in die Zukunft: „Der dritte Platz war das Mindeste, was die deutsche Elf verdient hat. In vier Jahren könnte in Brasilien der Titel auf sie warten.“

Michael Ashelm stellt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fest, dass den Teams zeitweise anzumerken war, „wie hart das zurückliegende Turnier gewesen sein muss. Auf beiden Seiten kam es immer wieder zu unpräzisen Zuspielen oder Missverständnissen. Dennoch bemühten sie sich und holten die letzten Reserven aus sich heraus.“ Was am Ende der deutschen Mannschaft besser gelang, auch wenn in der Nachspielzeit noch der Ausgleich hätte fallen können: „Forlan war dann die letzte spektakuläre Aktion des unterhaltsamen Abends vorbehalten – doch sein Freistoß in der Nachspielzeit knallte an die Latte. Die deutschen Spieler können das Flugzeug, das sie heute Abend in die Heimat bringt, also als kleine Sieger besteigen.“

Lesen Sie außerdem, wie Oliver Fritsch die Leistung der einzelnen Spieler auf Zeit Online bewertet.

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