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EM 2012

Deutschland schlägt Österreich – Glück, Gomez und ein zu braver Gegner

Kai Butterweck | Montag, 6. Juni 2011 Kommentare deaktiviert für Deutschland schlägt Österreich – Glück, Gomez und ein zu braver Gegner

Die Presse beschäftigt sich weiterhin mit dem glücklichen Auswärtssieg der deutschen Nationalelf und richtet den Blick nach vorne

Thomas Hummel (SZ) sorgt sich um die Fitness der deutschen Mannschaft: „Die deutsche Nationalmannschaft versucht, sich quietschend und ratternd ins Ziel zu retten. Wäre sie eine Orgel, man würde deutlich hören, dass nur noch ein paar Pfeifen rein klingen, viele sind verstimmt, bei den meisten muss der Orgelbauer das zu oft gebrauchte Gerät neu instandsetzen. In Wien jedenfalls war den Spielern stark anzumerken, dass sie sich weit von ihrem Topniveau entfernt über den Rasen quälten und von den jung-dynamischen Österreichern in viel zu viele Schnellkraft-Übungen gezwungen wurden. Schon am Abend nach dem glücklichen 2:1-Sieg kündigte Löw viel Erholung statt grimmig-konzentrierter Vorbereitung für seine Profis an.“

Ohne Leistungsträger wird es prikär

Matti Lieske (FR) kehrt lieber mit alten Besen: „Löws Ideal ist es, dass jede Position mit mindestens zwei gleichwertigen Spielern besetzt ist, so dass Ausfälle keine Auswirkungen haben. Vor allem die Fülle nachdrängender junger Spieler hatte großen Optimismus in dieser Hinsicht geweckt. Doch die Partie gegen Österreich zeigte, dass der Bundestrainer durchaus recht hatte mit seiner Mahnung, die Messlatte liege international sehr viel höher als in der Bundesliga. Marcel Schmelzer, Mats Hummels, Toni Kroos, später André Schürrle bekamen dies zu spüren, wenn dann noch Leistungsträger wie Arne Friedrich, Thomas Müller, Lukas Podolski, Philipp Lahm oder der Rekonvaleszent Sami Khedira nicht in Bestform spielen, wird es prekär.“

Thomas Melker (Berliner Zeitung) beschäftigt sich mit Joachim Löws Trainer-Kollegen in Aserbaidschan: „Das Stadion ist nach zwei Seiten durch zehn Meter hohe Sichtblenden abgeschirmt, darauf die Großen des internationalen Fußballs: Pele, Messi, Buffon, Drogba. Vogts steht gerade vor dem Bildnis eines feixenden Maradona und man fragt sich, warum sie damals, im April 2008, nicht ihn geholt haben. Er hätte gepasst in die Stadt der Fassaden, die tagsüber aussieht wie Abu Dhabi und abends wie Paris, die Straßen voller Hummer, Bentleys und Porsches, die Handgelenke voller Chronometer. Da wirkt der glanzlose Übungsleiter Vogts wie ein Irrtum. Oder wie die ermutigende Besinnung auf substanzielle Werte.“

Gomez kann die Mannschaft am ehesten weiterbringen

Daniel Theweleit (taz) lobt Mario Gomez: „Nachdem die EM-Teilnahme mit sechs Siegen aus sechs Qualifikationsspielen praktisch sicher ist, beginnt der Bundestrainer zu überlegen, wo das Team noch Entwicklungspotenziale hat. Und je nach Gegner oder Spielsituation, zwischen einem 4-2-3-1 und einem 4-4-2 wechseln zu können, wäre in der Tat eine neue Qualität. Das fabelhafte Offensivquartett der WM (Podolski, Özil, Müller, Klose) verliert seine Unantastbarkeit, neben Gomez drängen ja auch André Schürrle und vielleicht sogar Mario Götze in die Mannschaft. Es ist aber vor allem Gomez, der diese Mannschaft am ehesten weiterbringen kann, er ist in der Lage, dem Team einen alten, weltweit gefürchteten Wesenszug zurückgegeben: die Fähigkeit, Treffer ohne aufwändig herbeikombinierte Chance quasi aus dem Nichts zu erzielen.“

Für Oliver Fritsch (Zeit Online) hätte die Partie auch anders ausgehen können: „Angefeuert von einer lautstarken Kulisse schafften David Alaba, Martin Harnik und Erwin Hoffer der deutschen Abwehr um Arne Friedrich, Philipp Lahm und Marcel Schmelzer mit Kontern immer wieder Probleme. Das österreichische Mittelfeld war so laufstark, dass es die prachtvoll besetzte deutsche Offensivreihe, Thomas Müller, Lukas Podolski und Mesut Özil, kaum zur Entfaltung kommen ließ. Und die Verteidigung um den beinharten Hannoveraner Emanuel Pogatetz stand sicher. Dass Österreich eine konkurrenzfähige Mannschaft hat, ließen sich die Gastgeber von den Gewinnern nach Abpfiff gerne bestätigen. Letztlich gewann Deutschland, weil die Heimelf vor dem Tor zu brav und bieder vorging.“

Ein Unentschieden hätten die Gastgeber in jedem Fall verdient gehabt

Auch Peter Ahrens (Spiegel Online) klopft den Österreichern anerkennend auf die Schultern: „Es gab zahlreiche Torgelegenheiten, viel Tempo, wenig Härten – aber für all dies sorgten vorrangig die Österreicher, die sich artig die Kehle aus dem Hals rannten, aber auch beim Torabschluss offenbarten, um was für eine kreuzbrave Truppe es sich dabei im Grunde handelt. Es ist, nicht zu vergessen, der 74. der Weltrangliste, der dort gegen den aktuellen Vierten antrat. Ein Unentschieden hätten die Gastgeber in jedem Fall verdient gehabt.“

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