indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Bundesliga

Zeitschinder, Bewegungsweltmeister und Derbysieger

Kai Butterweck | Mittwoch, 9. Dezember 2020 ohne Kommentar

Darf man auf dem Weg zum Torerfolg Zeit schinden? Kann ein Außenstürmer auch ohne Dribblings und Tempo beeindrucken? Und wie geht’s Manuel Baum?

Bei der Partie zwischen Bremen und Stuttgart lässt sich der Stuttgarter Stürmer Silas Wamangituka zu einer Arroganz-Einlage hinreißen. Ben Redelings (n-tv.de) buddelt im Das-gehört-sich-nicht-Archiv und stolpert dabei über den Namen Karl-Heinz Rummenigge: „Der gebürtige Lippstädter machte, nachdem er den Keeper des FC Brügge fein hatte aussteigen lassen, in dieser Szene, die mit dem „Tor des Monats“ im Juli 1981 ausgezeichnet wurde, nicht nur kurz vor der Linie noch ausgiebig Rast, nein, er schaufelte den Ball sogar noch in die Höhe und köpfte lässig ein. Von einer groben Unsportlichkeit war damals nicht die Rede.“

In der mannheim24.de-Redaktion stellt man sich vor den Stuttgarter Stürmer. Ein Bremer Kicker hingegen bekommt sein Fett weg: „Ich frage Sie: Wer von Ihnen ist immer noch bei Bremens Davie Selke, der unmittelbar danach Wamangituka anging (der mit erhobenen Händen wegging, was in meinen Augen sogar ziemlich schlau und deeskalierend war) und nach dem Spiel in die Sky-Mikrofone jammerte? Bei dem Davie Selke, der noch Anfang des Jahres seine fünfte Gelbe Karte und damit ein Spiel Sperre wegen einer Schwalbe kassierte?“

Kluge Bewegungen

Im Topspiel gegen RB Leipzig glänzt der Münchner Offensiv-Zauberer Kingsley Coman mit klugen Laufwegen. Danial Montazeri (spiegel.de) ist begeistert: „Coman ist für den FC Bayern ein echter Trumpf geworden – aber nicht wegen seiner Dribblings oder seines Tempos, sondern wegen seiner klugen Bewegungen. Im Topspiel gegen Leipzig gab er zu allen Bayern-Toren die Vorlage. Ohne, dass er davor einen Gegenspieler ausgetanzt oder überlaufen hätte.“

Oliver Fritsch (Zeit Online) hievt die „Nagelsmänner“ auf den Verfolger-Thron: „Das Spiel zeigte auf, in welche Richtung diese Saison gehen könnte. Leipzig, bislang in vier Versuchen noch ohne Tor in München, war dem Spitzenspiel gewachsen, sogar zwischen zwei schweren Champions-League-Matches. Julian Nagelsmanns Elf hat etwas vor. Zum Vergleich: Dortmund hätte vor vier Wochen mit ein bisschen Glück gegen Bayern ein Unentschieden erreichen können. Leipzig hätte in München gewinnen können. Es sieht manches danach aus, als könnte Leipzig Dortmund ablösen und der erste Herausforderer der Bayern werden.“

Ein Sieg fürs Gemüt

In Berlin-Westend freut man sich über den Derbysieg. Michael Rosentritt (Tagesspiegel) applaudiert: „Dieses mühevolle 3:1 wird Hertha Auftrieb geben. Und Selbstvertrauen verleihen für die kommenden Spiele. Die Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel hat Hertha nun bereits bespielt. Mit Ausnahme von Mönchengladbach, Gastgeber am kommenden Samstag, warten von nun an Mannschaften mit überschaubarem Drohpotenzial. Labbadias Mannschaft könnte Plätze gutmachen und weiter wachsen. Eine Garantie gibt es dafür nicht, erst recht nicht für Hertha. Aber ein Sieg fürs Gemüt war es allemal.“

Am kommenden Freitag treffen die beiden Remiskönige Eintracht Frankfurt und VfL Wolfsburg aufeinander. Ingo Durstewitz (FR) macht den Hessen Druck: „Klar ist auch, dass die Eintracht jetzt Farbe bekennen und die Trendwende schaffen muss, will sie sich im neuen Jahr in eine Position hieven, in der sich noch Perspektiven nach oben eröffnen. Die Spieler sind sich der Tragweite der restlichen drei Partien in Wolfsburg, in einer Woche gegen Gladbach und abschließend in Augsburg bewusst, deshalb fordert Aymen Barkok frank und frei: „Von neun Punkten wollen wir mindestens sieben mitnehmen.“ Was vermessen klingen mag, ist eine nachvollziehbare Einschätzung, wenn der europäischen Anspruch nicht konterkariert werden will.“

Die Fußball-Hölle auf Erden

In Gelsenkirchen wollen die düsteren Wolken einfach nicht verschwinden. Philipp Selldorf (SZ) beschäftigt sich mit S04-Coach Manuel Baum: „Bis er sich Ende September in Frankfurt verabschiedete, hatte Manuel Baum ein gutes Leben als Aufseher der U 18-Nationalelf und Mitarbeiter der DFB-Nachwuchsakademie. Der Ruf aus Gelsenkirchen habe ihn „elektrisiert“, so erklärte er seinen Wechsel. Er konnte nicht wissen, dass dieser ehedem wundervolle Ort im Jahr 2020 die Fußball-Hölle auf Erden ist. Inzwischen wird Baum regelmäßig gefragt, ob er überhaupt noch Hoffnung habe, bis Weihnachten mal ein Spiel zu gewinnen, und diese Fragen werden ihm nicht von lustigen Youtubern oder hämischen BVB-Agenten gestellt, sondern von erfahrenen Sportreportern, die es nicht böse, sondern völlig ernst meinen.“

Der neue Schlüssel zur Verteilung der TV-Gelder sorgt bei Freunden des revolutionären Umdenkens für lange Gesichter. Daniel Theweleit (FAZ) überbringt schlechte Nachrichten: „Dass gerade jetzt der Mut fehlt, diesen wettbewerbsfeindlichen Zustand aufzubrechen, mag noch nachvollziehbar sein, weil tatsächlich viele Klubs ums Überleben kämpfen. Doch das Präsidium hat nicht einmal den Vorsatz formuliert, nach dem Ende der Pandemie grundlegendere Veränderungen anzustreben, was eigentlich nur eine Folgerung zulässt: Innovative Kräfte, die das Fundament des bestehenden Systems verändern wollen, sind chancenlos gegen die Besitzstandswahrer, die möglichst weitermachen wollen wie bisher. Für alle Anhänger, die sich abwenden von einer Liga, weil die Gewinner viel zu oft schon vorher feststehen, ist das eine schlechte Nachricht.“

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