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Bundesliga

Marcus Thuram – Aussetzer für die Ewigkeit

Kai Butterweck | Dienstag, 22. Dezember 2020 Kommentare deaktiviert für Marcus Thuram – Aussetzer für die Ewigkeit

Mit seiner Spuck-Attacke verewigt sich Gladbachs Marcus Thuram in den Geschichtsbüchern der Fußball-Widerlichkeiten. Außerdem: Der Rekordmeister im „Normal“-Modus und dunkle Wolken über den Dächern von Gelsenkirchen und Berlin

Mönchengladbachs Franzose Marcus Thuram spuckt seinem Hoffenheimer Gegenspieler Stefan Posch mitten ins Gesicht. Ulrich Hartmann (SZ) reibt sich die Augen: „Thuram war bei der Borussia bis dahin das unschuldige Gesicht der Freude gewesen. Man kannte ihn vor allem auf positive Weise spitzbübisch. Nach Siegen hatte er in Vor-Corona-Zeiten das Trikot des siegbringenden Spielers auf die Eckfahne gespannt und damit vor der Fantribüne gewedelt. Er hat gerne Späße gemacht. So einer, dachte man, ist gut fürs Klima. Dieses Image aber hat Thuram am Samstag verloren, so eine Aktion bleibt haften.“

Fabian Scheler (Zeit Online) schüttelt den Kopf: „Es ist äußerst beschämend, jemanden anzuspucken. Noch mehr in Zeiten einer sich viral verbreitenden Pandemie. Insofern ist Thurams Rotzen aus wenigen Zentimetern ins Gesicht von Hoffenheims Stefan Posch in etwa so passend wie „Ein bisschen Sars muss sein“-Rufe in Berliner Supermärkten.“

Eine der abstoßendsten Szenen der letzten Jahre

Michael Horeni (FAZ) ist entsetzt: „In der Realität des 13. Spieltags dürften sich zahlreiche Fans ziemlich angewidert abgewendet haben, als ein Gladbacher Profi seinem Gegner, dem er direkt gegenüberstand, mitten ins Gesicht spuckte. Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass die Liga eine ihrer abstoßendsten Szenen der vergangenen Jahre erlebt hat.“

Daniel Schmitt (FR) schließt sich an: „Am Samstag vergaß der 23-jährige Angreifer von Borussia Mönchengladbach seine gute Kinderstube. Kopf an Kopf stand er nach 78 Minuten mit dem Hoffenheimer Stefan Posch – und spuckte ihm ins Gesicht. Ekelhaft. An Dummheit war die Aktion nicht nur, aber natürlich vor allem in Corona-Zeiten freilich kaum zu überbieten.“

Immer weniger Spektakel

Anderes Thema: Der FC Bayern ohne Uli Hoeneß. Ben Redelings (n-tv.de) zieht ein erstes Fazit: „Seit etwas über zwölf Monaten ist Uli Hoeneß nun nur noch als einfaches Mitglied des Aufsichtsrats aktiv. Jetzt war dieses Jahr ohne ihn als Führungskraft des FC Bayern ohnehin ein besonderes. Und deshalb fällt es auf den ersten Blick auch gar nicht so leicht, die Frage zu beantworten, ob sich bei den Münchenern ohne den gebürtigen Ulmer als Aktivposten so viel verändert habe. Man ist geneigt zu sagen, dass sich nichts Wesentliches getan habe. Doch schaut man einmal etwas genauer hin, dann fällt auf: Der FC Bayern ist in diesem Jahr tatsächlich ein Stück weit mehr ein „normaler“ Klub geworden. Das Spektakel drum herum findet immer weniger statt.“

Bei der Hertha in Berlin herrscht nach einem holprigen Jahr große Ernüchterung. Stefan Hermanns (Tagesspiegel) nimmt Manager Michael Preetz in die Verantwortung: „Noch viel mehr als auf Labbadia fällt der Gesamtzustand von Mannschaft und Verein auf Michael Preetz zurück. Herthas Geschäftsführer Sport wandelt auf einem schmalen Grat zwischen wirtschaftlicher Vernunft und verzagter Genügsamkeit. Mit Windhorsts Millionen ist eine neue Situation entstanden. Es hilft Preetz nur bedingt, dass er unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen durchaus erfolgreiche Transfers getätigt hat. Die Bedingungen sind jetzt andere. Durchwursteln reicht nicht mehr.“

Sorgen ohne Ende

In Gelsenkirchen sieht es noch düsterer aus. Peter Müller (waz.de) schwant Böses: Viele Fans fürchten den Total­absturz, sie sahen schon andere Traditionsvereine mit großen Namen über die Zweite Liga hinweg nach unten fallen – der 1. FC Kaiserslautern beispielsweise war noch in den Neunzigern zweimal Meister. Die wichtigste Frage: Würde man den mit rund 240 Millionen Euro Verbindlichkeiten belasteten Schalkern überhaupt die Gegenheit geben, in der Zweiten Liga spielen zu dürfen? Um bei deutlich weniger Einnahmen die Lizenz zu bekommen, müssten viele Spieler verkauft und der Etat weit heruntergeschraubt werden. All diese Sorgen plagen die leidgeprüften Anhänger. Sie sehnen sich nach Erklärungen, die über Durchhalteparolen hinausgehen.“

Probleme mit dem Einmaleins

Milan Pavlovic (SZ) schiebt eine riesengroße Couch auf den Rasen der Veltins-Arena: „Ausgerechnet Stevens hatte angekündigt, den Spaßfaktor zu erhöhen, weil man „nur dann gut spielen kann, wenn man Spaß hat“. Aber der Spaß ist Mannschaft und Klub in all den Monaten des Geisterfußballs und der gespenstischen Leistungen verloren gegangen, die Spieler wirken bleibeschwert und in Zeiten zurückgeworfen, als sie Probleme mit dem Einmaleins hatten. Was diese Elf als Erstes braucht, ist kein Trainer, der die verschütteten fußballerischen Fähigkeiten der heillos verunsicherten Spieler ausgräbt, sondern ein Psychiater, der ihnen die Ängste nimmt.“

Ein Jahr der Einschnitte liegt hinter der Bundesliga. Reporter-Legende Béla Réthy (zdf.de) resümiert: „Die Bundesliga hat nicht nur aufgeholt; sie ist mindestens auf Augenhöhe mit den Besten. Diese Qualität strahlt auch auf den Liga-Alltag aus. An der Tabellenspitze kämpfen mindestens drei Mannschaften um den Titel. Es wird keinen Alleingang von Bayern München geben. Überraschungsteams wie Union Berlin oder der VfB Stuttgart heben noch zusätzlich das Niveau. Hinzu kommt das Tabellenende. Mit großem Staunen wird der unaufhaltsam erscheinende Untergang von Schalke 04 beobachtet. Kurzum: Die Bundesliga ist in diesen Covid-Zeiten so spannend, so interessant wie schon seit Jahren nicht.“

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