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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2020

Euro 2020 – Zittern im Regen

Kai Butterweck | Donnerstag, 24. Juni 2021 ohne Kommentar

Aufopferungsvoll kämpfende Ungarn verlangen der deutschen Nationalmannschaft alles ab. Am Ende reicht ein erzittertes Unentschieden für den Einzug ins EM-Achtelfinale

Nach einer wahren Nervenschlacht duselt sich die Mannschaft von Jogi Löw ins Achtelfinale. Bei Oliver Fritsch (Zeit Online) hält sich der Jubel in Grenzen: „Das 2:2-Unentschieden hatte alle Zutaten für ein Spiel, von dem man sich noch lange erzählt. Zweimal holte die deutsche Elf einen Rückstand auf, das rettende Tor schoss sie erst kurz vor dem Ende. Die Niederlage, die Blamage wurde gerade noch abgewendet. Die Mannschaft steht nun im Achtelfinale. Aber die reine Freude löste dieses dramatische Spiel nicht aus, es ließ vielmehr überwunden geglaubte Zweifel wachsen. Ein Happy End mit peinlichem Einschlag.“

Wenn’s nicht reicht

Florian Harms (t-online.de) reibt sich die Augen: „also ehrlich: Puh. Das war nix. Oder glauben Jogis Jungs wirklich, mit dieser Leistung Chancen auf den EM-Titel zu haben, geschweige denn eine Nation von Millionen Fußballfans begeistern zu können? Ein herbeigezittertes 2:2 gegen… hallo: Ungarn? Nee, Leute, das reicht nicht.

Pit Gottschalk (sport1.de) fordert mehr Variabilität: „Nun hat der Bundestrainer fast eine Woche Zeit, die Mannschaft beim Training zu beobachten, Korrekturen vorzunehmen und vor allem eine zweite und dritte Variante des eigenen Spiels einzuüben. Denn auch das zeigt das Ungarn-Spiel: Deutschland ist mit einfachsten Mitteln einzuschränken und auszuhebeln. Das abzustellen, ist die dringendste Aufgabe.“

Herz gegen Hass

Mit seinem Herzform-Torjubel setzt Leon Goretzka ein wichtiges Zeichen. Luca Füllgraf (Tagesspiegel) applaudiert: „Noch größer als Goretzkas Tor ist sein Jubel. Erst dreht er sich Richtung Eckfahne, wo Vorlagengeber Musiala steht. Dann entscheidet er sich anders. Der Treffer fiel direkt von dem ungarischen Block, der während des Spiels homophobe Transparente zeigte und schon vor Anpfiff „Deutschland, Deutschland, homosexuell“ skandierte. Goretzka läuft direkt auf diesen Fanblock zu und formt mit beiden Händen ein Herz.“

Andreas Rüttenauer (taz) atmet durch: „mit dem Tor kam die Liebe. “Spread love!“, lautet die Botschaft, die Leon Goretzka nach dem Spiel via Instagram verbreitet hat, natürlich mit den Regenbogenfarben. Da hatte sich München lange schon wieder beruhigt. Die ungarischen Fans waren relativ geräuschlos abgezogen. 1.500 Polizeibeamte hatten dafür gesorgt, dass nichts passiert. Liebe unter Polizeischutz.“

Gegen alle Widerstände

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) ist guter Dinge: „Eins immerhin hat die Mannschaft bei der EM bereits nachgewiesen: dass sie nicht nur damit rechnen muss, immer wieder auf Widerstände zu stoßen; sondern dass sie auch in der Lage ist, gegen diese Widerstände anzukämpfen. Vor drei Jahren, bei der WM in Russland, hat sie das nicht geschafft.“

Philipp Köster (11Freunde) blickt entspannt voraus: „Um nicht nur zu mosern: Der zweite Platz, auf dem die deutsche Elf mit vier Punkten eingelaufen ist, sorgt dafür, dass es erst im etwaigen Halbfinale gegen die starken Holländer gehen würde. Zuvor wartet England, eine Mannschaft, die der Löw-Elf deutlich mehr liegen dürfte als defensive Truppen wie die Ungarn. Und ganz generell ist Deutschland nun im nominell etwas leichteren Turnierzweig gelandet. Belgien, Spanien, Italien oder Frankreich sind erst im Finale mögliche Gegner. Bis dahin allerdings ist es noch ein weiter Weg.“

Julien Wolff (welt.de) macht sich Sorgen: “ Das Team lässt weiterhin die defensive Stabilität vermissen, wie bereits in den Monaten vor der EM. Erneut fiel ein Gegentor nach einem Konter, das zweite direkt nach dem Ausgleich. Das darf auf diesem Niveau nicht passieren. Es bedarf einer klaren Analyse. Deutschland hat noch nicht richtig in das Turnier gefunden. Das Achtelfinale im Wembley-Stadion ist ein echter Härtetest für diese Mannschaft. Oder ihr Ende.“

Was ist bloß mit Leroy Sané los? Till Erdenberger (n-tv.de) schüttelt den Kopf: „90 Minuten durfte er jetzt gegen Ungarn ran, in einem großen, entscheidenden Spiel. Seine Rolle darin hat er nie gefunden. Ja, Leroy Sané ist immer in der Lage, den Unterschied zu machen. Nur machen muss er ihn dann halt auch endlich mal.“

Marcus Krämer (spiegel.de) schließt sich an: „Es ist eine undankbare Aufgabe, als Vertreter für Frohnatur und Raumdeuter Thomas Müller in ein Spiel zu kommen. Der Bundestrainer entschied sich für Sané, in vielen Bereichen der Gegenentwurf zu Müller. Löw erhoffte sich von Sané Schnelligkeit, tiefe Läufe, Dribbling. Er bekam: wenig.“

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