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Bundesliga

Hertha BSC – Wo ist der Reset-Schalter?

Kai Butterweck | Mittwoch, 13. April 2022 ohne Kommentar

In Berlin geht es weiter drunter und drüber. Während man in Köpenick den dritten Derby-Sieg in Serie feiert, steht man in Charlottenburg vor einem großen Scherbenhaufen

Nach der Derby-Schlappe zuckt man bei der Hertha nur noch ratlos mit den Schultern. Stephan-Andreas Casdorff (Tagesspiegel) tadelt das große Ganze: „Stuttgart und Bielefeld kämpfen, limitiert zwar, aber leidenschaftlich. Augsburg und Wolfsburg haben die Kurve gekriegt und sind schon fast gerettet, selbst die Fürther, die vor der Saison ihre besten Spieler verloren haben und quasi von Beginn an hoffnungslos abgeschlagen waren, holen in der Rückrunde doppelt so viele Punkte wie die Berliner. Bei allen Spielern dieser Mannschaften ist sichtbar, dass sie sich nie aufgeben, alles geben und auch um ihre eigene sportliche (und berufliche) Zukunft spielen. Bei Hertha dagegen: überall Unruhe, nirgendwo Harmonie. Kein Bereich sichtbar, der positive Energie ausstrahlt, kein Hoffnungsträger. Nichts stimmt im Verein, egal auf welche Ebene man schaut.“

Cedric Voigt (spiegel.de) blickt in die Glaskugel: „Alle drei Berliner Derbys gingen an Union. Wann das nächste stattfindet, ist völlig offen. Denn während die Köpenicker im Kampf um die Europapokal-Plätze weiter den Anschluss halten, verweilt Hertha BSC auf Platz 17. Ein Dreikampf mit dem VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld wird darüber entscheiden, ob der einst zum »Big City Club« ausgerufene Verein kommende Saison den Neuaufbau in Liga eins versuchen darf – doch Leistungen wie an diesem Abend führen für gewöhnlich in die zweite Liga.“

Ein viel zu schwerer Rucksack

Nach dem Spiel fordern die Hertha-Ultras die Spieler auf, ihre Trikots auszuziehen und vor der Kurve niederzulegen. Steffen Rohr (kicker.de) schüttelt den Kopf: „Die Ultras haben ihrer Mannschaft, die erkennbar nach Halt ringt, damit keinen Gefallen getan. Und sie haben vor allem den jungen Spielern, von denen einige in diesem bemerkenswert schief zusammengestellten Kader mehr Verantwortung tragen müssen, als sie in ihrem Alter sollten, einen zusätzlichen Rucksack für die anstehenden Schlüsselspiele aufgebürdet.“

Béla Csányi (express.de) schüttelt mit: „Wenn aus kernigen Ansagen die Demütigung der eigenen Mannschaft wird, aus Appellen an die Ehre plötzlich Drohungen, die Spieler unterwürfig ihre Trikots ausziehen und vor dem Anhang ausbreiten müssen, dann ist ohne jeden Zweifel eine Grenze überschritten.“

Auch Oliver Fritsch (Zeit Online) zeigt kein Verständnis: „Während der Corona-Zeit versprachen Vertreter des Profifußballs Demut, etwa mehr Nähe zum einfachen Fan. Die Fans von Hertha nehmen es sehr genau, zu genau. Schon im Januar waren Fans nach irgendeinem der vielen schrecklichen Auftritte der Hertha auf dem Trainingsgelände erschienen und drohten, „bald die nächste Stufe zu zünden“. Was kommt als Nächstes: der Fußfall, die Züchtigung? Ein wenig mehr Demut würde manchen Fans nicht schaden.“

Kopf- und führungslose Mannschaft

Wo sind die Hertha-Führungsspieler? Till Oppermann (rbb24.de) nimmt das Fernglas zur Hand: „Als Schiedsrichter Sven Jablonski Hertha BSC nach 90 verheerenden Minuten im Hauptstadtderby gegen den 1. FC Union mit dem Abpfiff erlöste, nahm Dedryck Boyata die Beine in die Hand. Der Kapitän lief schnurstracks über die blaue Tartanbahn des Berliner Olympiastadions in die Katakomben. Während Spieler wie das 17-jährige Eigengewächs Linus Gechter und der 20-jährige Torhüter Marcel Lotka in einer Dominanzgeste der aufgebrachten Ultras dazu aufgefordert wurden, ihre Trikots auszuziehen, ersparte sich der Kapitän den Gang in die Kurve. Ein passenderes Bild könnte es für die kopf- und führungslose Hertha-Mannschaft im April 2022 nicht geben.“

Philipp Selldorf (SZ) beschäftigt sich mit der Karriere-Achterbahnfahrt von Suat Serdar: „Mit dem Wechsel zu Hertha BSC sollte die stagnierende Laufbahn des anerkannt vielseitig talentierten Mittelfeldspielers wieder in Gang kommen. In Berlin erwartete er stabilere Verhältnisse. Zuerst habe er sich „überzeugt, dass ich in ein gutes Umfeld komme“, hatte Serdar im Sommer erzählt. Er brauche „eine richtig gute und eine ruhige Umgebung, um meine fußballerischen Fähigkeiten abzurufen“. Man merkte: Ein extrovertierter Mensch ist er nicht unbedingt. Anfangs sah es gar nicht schlecht aus am Fluchtpunkt Berlin, doch inzwischen steckt die sportliche Entwicklung erneut fest. Zur Erklärung auf die chaotischen Verhältnisse im Klub hinzuweisen, dürfte kein falsches Alibi ausstellen.“

David Joram (sportbuzzer.de) feiert mit Genki Haraguchi und Co.: „So schön wie Haraguchis Bälle über den Platz segelten, ist derzeit die Lage beim 1. FC Union: frei von jeglichen Turbulenzen. Der 4:1-Derbysieg über Hertha BSC diente den Köpenickern als letztes Zeichen, dass sich die Mannschaft von Trainer Urs Fischer nun endgültig auf ihr neues Ziel konzentrieren kann: den erneuten Einzug in den Europapokal. Vieles spricht dafür, dass dieses Ziel auch ein realistisches ist.“

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